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Mittwoch, 27. März 2019

Nazi-Sprache: So gefährlich kann Eintopf sein


Man spürt sie kaum, doch sie sind überall: Überreste aus dem Vokabular der Nationalsozialisten, das sich auf eine besonders hinterlistige Weise in unseren allgemeinen Sprachgebrauch geschlichen hat. Eben erst beschwor der frühere AfD-Politiker Poggenburg die schon von Konrad Adenauer beschworene "Volksgemeinschaft", der ehemalige CDU-Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt faselte gar wie ein Hitler von einer von "Schicksalsgemeinschaft" und "Volk", ein Wort, das Hitler Propagandachef Joseph Goebbels immer wieder im Mund führte.

In seinem Buch "Verbrannte Wörter: Wo wir noch reden wie die Nazis – und wo nicht" hat der "Welt"-Journalist Matthias Heine jetzt den mutigen Versuch unternommen, die faschistischen Wurzel von Begriffen freizulegen, die ihre Bekanntheit den Nazis verdanken. "Volk" etwa,ursprünglich ein Begriff, mit dem Schweinehirten im Mittelalter die Herde ihrer Schutzbefohlenen bezeichneten, erhielt durch Hitler und Konsorten eine biologische und ethnische Definition, nach der das deutsche Volk aus Deutschen besteht.

Ein mittelalterliches, nationalsozialistisches Denkmuster, das, selbst wenn es unbewusst benutzt wird, dazu führt, dass die Idee eines ethnisch definierten Volkes im Bewusstsein der Gesellschaft verankert bleibt. Das Schwein ist plötzlich ausgeschlossen aus der Volksgemeinschaft, obwohl es doch das Schwein war, das das Volk begründete.

Zahlreichen Begriffen lässt sich eine solche faschistische Umdeutung nachweisen.
„Eintopf“, „Banditen“ und „asozial“ gehörten ebenso zum propagandistisch und ideologisch aufgeladenen Vokabular der Nationalsozialisten wie "Mädel", "Winterhilfe" und "Mutterschutz". Heute handelt es sich bei all diesen Begriffen um braune Flecke in unserer Alltagssprache, die eindeutig zeigen, dass die unselige deutsche Vergangenheit noch keineswegs vergangen ist. Gerade in politisch aufgeheizten Zeiten, in denen vorsätzlich sprachliche Tabus gebrochen werden, ist das Wissen um die Geschichte von Wörtern eine unbedingte Notwendigkeit.

Denn wer weiß, wird die Verwendung der Hitler-Vokabeln vermeiden. Wer sie aber dennoch nutzt, dem kann mit Fug und Recht nachgesagt werden, er stelle sich bewusst in eine Traditionslinie, die bereits einmal zu einem Krieg zwischen den europäischen Partnerländern geführt hat. 85 Begriffe werden von Matthias Heine in „Verbrannte Wörter" analysiert, 85 mal fällt der Autor ein klares Urteil darüber, ob diese Wörter heutzutage noch gebraucht werden dürfen.

Dank eines umfassenden Glossars, der Empfehlungen enthält, wie sich Begriffe wie "Anschluss", "Führer" oder das vom früheren SPD-Chef Franz Müntefering gern gebrauchte "Ausmerzen" durch sprachgeschichtlich saubere Alternativen ersetzen lassen. Damit wir, um den klugen Untertitel des hilfreichen Büchleins aufzugreifen, nicht mehr "reden wie die Nazis".

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

"Wir sind 'eine Herde Schweine'!"? Nein. Schlimmer. In zweifacher Hinsicht:

1. Bereits im Hochmittelalter meinte "Volk" nicht nur allgemein eine Schar, sondern insbesondere eine kriegerische Schar. Dies fanden alte weiße Männer (Slawen) so beeindruckend, dass sie das Wort so erfolgreich entlehnten, dass es als "Pulk" in das von den länger hier lebenden gesprochene zurückkehrte: Das Wort ist durch und durch militaristisch.

2. Herr Heine ist kein Heinrich. Denn der hätte es gewusst oder zumindest gewusst wo er etwas über die Etymologie des Wortes "Volk" nachlesen kann. Hier z.B.:
http://woerterbuchnetz.de/cgi-bin/WBNetz/wbgui_py?sigle=DWB&lemma=Volk
Obwohl.. Wo schon obendrüber "Grimm" steht, ist einem guten Menschen nicht zuzumuten, weiter zu lesen.