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Sonntag, 11. August 2019

Armut im Auslandseinsatz: Comeback des Mädchens in der roten Jacke

Sie ist wieder da: Von Beruf Armutsmodell? Nein, das Schicksal des Mädchens in der roten Jacke ist viel tragischer.

Sie war das Symbol des anderen Deutschland, ein kleines Mädchen, von allen guten Geistern verlassen, arm, hungrig, zu Füßen die heruntergefallene Puppe, hoffnungslos. Zugleich aber dienstbar und nützlich. Wer immer in deutschen Medien anprangern wollte, wie schrecklich alles geworden war, griff zum Foto der kleinen Hungerprinzessin, die traurig in eine Landschaft aus trostlosem Hartz-4-Beton im "sächsischen Halle" (Die Zeit) schaute, den abgemagerten Hintern auf einem verrosten Eisengeländer plaziert und den Blick gerichtet auf Bäume ohne Blätter, Wege ohne Menschen. Die rote Jacke schreit Alarm aus und verstärkt so den Eindruck der grässlichen Tristesse ringsum nur noch. Für das kleine Mädchen, das der Fotograf Patrick Plaul im Jahre 2012 für seine Inszenierung in eine ostdeutsche Neubauvorstand setzte, ist das Leben zu Ende. Es gibt keine Perspektive, keine Hilfe, keine Hoffnung.

Oft wurde das Motiv kopiert, doch in seiner ursprünglichen Wucht nie erreicht. Doch nachdem das bürgerschaftlich bewegte Dokumentationsboard PPQ 2016 die wahre Geschichte der kleinen Anna-Lara erzählt hatte, schreckten viele Redaktionen davor zurück, den Kindesmissbrauch der Jahre zuvor fortzusetzen. Ersatzkinder wurden bemüht,zum Teil mussten im Ausland gecastete Kinderkörperteile in die Bresche springen.

Die Karriere von Anna-Lara als personifizierte deutsche Kinderarmut schien jedenfalls beendet, eine Ikone war gestürzt. Bis jetzt der erste Auslandseinsatz der heute 19-Jährigen neue Hoffnung weckte: Im österreichischen "Standard" gelang dem Mädchen in der roten Jacke noch einmal ein nahezu klassischer Auftritt samt völliger Verlorenheit und Angst vor der Zukunft.

Wie zu besten Kinderarmutszeiten, als ganz Deutschland noch bangte, ob bei der nächsten Zählung noch jedes dritte oder schon jedes siebte oder achte Kind als arm abgerechnet werden müsste, könnte und dürfte, überzeugt das ikonische Foto auch als Teaser für die Nachricht, dass in Österreich "372.000 Kinder und Jugendliche als armutsgefährdet" gelten und sich das "besonders in ihrer Gesundheit und Lebenserwartung" niederschlägt. Schon bei Kindern, die nicht mal arm, sondern armutsgefährdet sind, knabbert der Sensenmann seitdem am Ablaufdatum.

Das ist auch eine Heimkehr, denn Österreich war es, dass einst aus "von Armut betroffen" das phonetisch beinahe gleich klingende "von Armut bedroht" machte, das nicht mehr die Armen zählt, sondern all jene, die eines Tages arm werden könnten, weil sie nicht reich sind. Der Begriff "Armutsgefährdung" enstand Mitte der 90er Jahre in der Österreichischen Wortschmiede Felix Austria Sermo (ÖWS Austria), dem Wiener Gegenstück zur Berliner Bundesworthülsenfabrik (BWHF), und hat seitdem den Begriff "Armut" als Waffe im Kampf um mehr Gerechtigkeit abgelöst.

Inbegriffen in die Alarmmeldungen vom sterbenden Sozialstaat ist seitdem nun nicht mehr nur, wer unter die Armutsschwelle von 50 Prozent des Durchschnittseinkommens gefallen ist. Sondern auch, wer darunterfallen könnte, weil er weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommen zur Verfügung hat. Das Mädchen in der roten Jacke symbolisiert diesen neuen Markt, der durch einen reinen Willensakt der Statistik erschlossen werden konnte. Armutsgefährung ist ein Eingreifbegriff, ein dynamisches Wort, das Kampf und Einsatz selbst mitbringt: Er signalisiert, hier geht noch was, hier kann man gegensteuern, berichten, warnen, aufrütteln, Geld verteilen, Maßnahmen ergreifen, Kommissionen gründen, aktiv werden, helfen.

Nur für Anna-Lara kommt jede Hilfe zu spät. Die heute die 17-Jährige muss sich damit trösten, dass sie nicht nur die gewöhnlichen 15 Minuten Ruhm genießen durfte, die heute schon wieder vergessene Menschen wie Martin Schulz, Luisa Neubauer, Thilo Sarrazin, Greta Thunberg, Carola Rackete oder Sebastian Edathy in ihren großen Tagen okkupierten. Sondern inzwischen sieben lange Jahre stabil in Medien präsent ist - mal als Straßenkind, mal als vernachlässigte Tochter einer alleinstehenden Mutter, mal als aufrüttelndes Beispiel für mangelnde Aufstiegschancen.

Kommentare:

Florida Ralf hat gesagt…

> "Armutsgefährdung" enstand Mitte der 90er Jahre in der Österreichischen Wortschmiede Felix Austria Sermo

wie laecherlich. der spar ("geschenkt ist noch zu teuer") im worthuelsen-weltmarkt. raini haette denen einen "armutsstrudel" gebacken, mindestens. das haette mit wahrscheinlichkeit selbst ein bild-voluntaer aufwerten koennen: "nachbarland: schon ein drittel oesterarm?"

pfff.

Anonym hat gesagt…

ist sie nun 17 oder 19

Anonym hat gesagt…

Das ist doch nur ein One-Hit-Wonder. Das Gör hier (s. Zerohedge) ist da breiter aufgestellt und weiter gut gebucht:

klick

klack

Anonym hat gesagt…

Was ich von Zeitungsschmieranten halte, habe ich gelegentlich angedeutet.

derherold hat gesagt…

Dazu fällt mir die afrikaische Schweißerin im Blaumann an, die online in einem Dutzend verschiedener Publikationen auftaucht.