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Dienstag, 17. September 2019

Svenja Prantl: Harte Worte aus der Hängematte

Vier-Stunden-Tag vom Strand aus: So hat Svenja ihren Arbeitsalltag umgekrempelt.

Vor dreizehn Monaten verkaufte Svenja Prantl ihre Möbel, packte ihren Laptop und machte sich auf eine lange Reise raus aus Deutschland, weg von Europa, ins ferne Ausland, wo das Wetter besser und dde Straände leer sind. Hier, weitab von den deutschen Alltagssorgen, arbeitet die 29-Jährige, wann immer sie Lust hat – und zwar am liebsten am Strand. 

PPQ hat sie erzählt, wie das Leben als Digitale Nomadin funktioniert, wo es Probleme gibt, meist mit dem Wlan, und wie sich der eigene Blick auf das Land langsam wandelt, das die weder verwandte noch verschwägerte Publizistin hinter sich gelassen hat.

Wenn in Deutschland die Ersten zur Straßenbahn schlurfen, sich einen Stehplatz in der U-Bahn suchen und im Gehen einen Kaffee trinken, während es ringsum nach nassem Hund, altem Schweiß und kalten Zigaretten riecht, stretcht Svenja am Strand. Der Sand ist weich und warm, kein Mensch weit und breit, nur die Vögel singen und die Brandung rauscht.

Svenja Prantl ist 29, sie ist vor einem Jahr aus Deutschland weggezogen an diesen summenden Traumort, an dem sie in einer kleinen Hütte 200 Meter vom Strand entfernt lebt und den Tag morgens mit Nacktjoga beginnen kann, ohne Angst vor neugierigen Blicken haben zu müssen. Ein bescheidenes Leben mit wenig Ausgaben, auch wegen des Klimas, sagt sie selbst. Doch Prantl, brünett, Pfefferminzaugen und einen Körper, mit dem sie früher auch gemodelt hat, ist hier nicht im ewigen Urlaub. Die gebürtige Eisenhüttenstädterin ist Teil der deutschen Arbeitswoche geblieben, wenn auch nur noch locker mitschwingend im Maschinenrhythmus der kapitalistisch geprägen Renditejagd.

Die studierte Sozialanthropologin, die als feministische Moralphilosophin und Animalpoetin gearbeitet hat, will sich nichts mehr vorgeben lassen – nicht von einem Unternehmen und schon gar nicht von der Gesellschaft.

Seit einigen Monaten ist die ehemalige Ostdeutsche Digitale Nomadin. Sie arbeitet einfach immer dort, wo sie gerade ist, falls sie Zugang zum Internet hat, was, wie sie lacht, "häufiger als daheim" vorkomme. Ihre vielgelesenen PPQ-Kolummnen schiebt sie zum Beispiel zusammen, während ein kleiner Platzregen niedergeht. Die Terrasse liegt in einem feuchten Nebel, das tut der Internetverbindung gut. Entspannt klappert die Laptop-Tastatur - einen festen Arbeitsplatz und feste Arbeitszeiten braucht Svenja nicht mehr.

"Das gehört doch der Vergangenheit an", sagt sie selbst. Wenn sie heute zurückdenke an ihre Jahre als festangestellte Moralphilosophin in einer Stuttgarter Werbeagentur, dann grusele es sie. "Ich war dort nicht ich selbst", erinnert sie sich an Konferenzen, Kampagnen und Machtkämpfe, die sie in tiefe Depressionen zu stürzen drohten.


Prantl handelte. Sie schmiss ihren Job, verkaufte ihre Möbel bei Ebay und verschenke ihre Kleidung an beste Freundinnen. Dann kaufte sie sich ein One-Way-Ticket nach Thailand, wo sie in besseren Zeiten mal einen unvergesslichen Urlaub verbracht hatte. Genau das Strandhäuschen, das sie damals entdecke, mietete sie nun dauerhaft, für einen "im Grunde lächerlichen Preis", wie sie sagt. Seitdem ist Prantls Leben wie ein einziger Besuch im Paradies. "Nach der Arbeit hetzt du nicht mehr zum Einkaufen, dann zum Sport und am nächsten Tag geht trotzdem alles wieder von vorn los", beschreibt sie ihren Alltag zwischen Papaya, Papageien und WhatsApp-Telefonaten mit Familie und Kunden in Deutschland.


Wie sie zieht es ungezählte Digitale Nomaden vor allem weg von zu Hause, nicht an einen konkreten Zielort. Seit sich dort, wo sie aufwuchs, liebte, lebte und lachte, rechtspopulistische Haltungen verhärtet haben,  sehnte sie sich schon nach einem wahren Paradies für Freelancer, die im Staate Digital leben, einem Zukunftsort mit Rastas und Sandalen aus alten Autoreifen, Becks-Bier und veganem Kaffee.

Prantl beim morgendlichen Nacktyoga.
Hier hat sie ihn gefunden. Zwischen Reisfeldern, Schluchten und dichtem Dschungel lebt Prantl mit anderen in Coworking-Spaces, Cafés und Hostels, die die perfekte Infrastruktur für das nomadisch Leben und Arbeiten am Laptop bieten. Alles ist voller Gleichgesinnter, man spricht über Websites,  IT-Support an oder testet neue Smartphonemodelle für die Zurückgebliebenen in der kalten Heimat. Aufgaben, die man online und von überall erledigen kann. "Ich denke, dass meine Bindungslosigkeit mich an die gesamte Menschheit bindet, ganz ortsunabhängig", sagt Svenja. So sei es für sie möglich, zahllose Heimaten zu haben, ohne Büroräume zu mieten. Die Zukunft der Arbeit sieht die 29-Jährige in einer Übertragung ihres Modells auf alle. "So dass der Einzelne glücklich werden kann, weil alle glücklich sind." Die Tätigkeit am anderen Ende der Welt öffne der Blick, schärfe Sprachkenntnisse und das Vermögen, andere Kulturen zu akzeptieren."Ginge es nach mir, gäbe es ein Pflichtjahr für jeden, das im Ausland verbracht werden muss." Geld genug sei schließlich da. "Der Bund hat doch gut gewirtschaftet."


Heute arbeitet Svenja vielleicht vier Stunden am Tag, manchmal gar nicht, manchmal macht sie auch frei oder geht einfach bummeln. "Morgens gehe ich erst einmal an den Strand, schwimme, mache mein Nacktyoga. Wenn Deutschland dann am Nachmittag erwacht, erledige ich meine Aufgaben und kann dann wieder den Sonnenuntergang am Strand schauen." So einfach ist das, dass es aus ihrer Sicht jeder tun könne. Prantl hat für sich die 25-Stunden-Woche eingeführt, ist die rum,
packt sie ihren Laptop ein, egal, was noch anliegt. "Ich bin der Chef", erklärt sie lächelnd, "Feierabend ist, wenn mir so ist".


Svenja hat ihr Gewerbe in Deutschland angemeldet, um mit einer günstigen Auslandskrankenversicherung über die Runden zu kommen. Rentenpunkte sammelt sie, indem sie riestert. Zudem legt sie privat Geld zurück, wann immer es möglich ist, denn allein auf ihr Erbe - Prantls Vater ist relativ vermögend und besitzt mehrere Immobilien im hippen München - will sie sich nicht verlasen. "Netto verdiene ich nicht so viel wie in meinem alten Job", sagt die Digital-Nomadin. Aber das entspannte Umfeld, der frühe Feierabend und die Aussicht, jederzeit nach Hause zurückkehren zu können, wöge das auf, sagt sie heute.


Kommentare:

Die Anmerkung hat gesagt…

Wieso liest sich das wie ein Relotius?

Apropos Nacktyoga. Noch ein Aussteiger.

https://www.der-postillon.com/2019/09/aussteiger.html

33-jähriger Yogalehrer steigt aus und wird Investmentbanker in London

Er hatte alles, wovon die meisten Menschen träumen: Einen sicheren Job, Freunde, Familie, eine perfekte Work-Life-Balance, doch Nils Börnsen (33) wollte das alles nicht mehr. Nach über zehn Jahren kündigte er seinen Job als Yogalehrer und wanderte nach Großbritannien aus, um Investmentbanker zu werden.


Volker hat gesagt…

Manche gehen in die entgegengesetzte Richtung.

Uwe Dziuballa zum Beispiel.
Erst Investment-Banker in New York. Dann kehrt er zurück nach Chemnitz und macht einen auf Gastwirt.

http://arbeitskreis-n.su/blog/2018/11/29/uwe-dziuballa-ein-juedisches-heldenepos/

Anonym hat gesagt…

Dr.Sepp war früher Verhörspezialist in einer befreundeten Demokratie , arbeitet heute aber lieber mit Menschen und MenschInnen