Google+ PPQ: Pandemieplan: Ein Lob der Lässigkeit

Freitag, 10. April 2020

Pandemieplan: Ein Lob der Lässigkeit

Gut vorbereitet schon seit Jahrzehnten: Auch Schutzmaskenbastelanleitungen aus DDR-Zeiten haben derzeit wieder Konjunktur.

Deutschland war "gut vorbereitet", damals, Ende Februar, als PPQ einen uralten Pandemieplan der Bundesregierung aus dem Bundestagsarchiv kramte und die Überlegungen des Robert-Koch-Institutes zum Vorbereitung auf einen Seuchenausbruch und dem Umgang mit dem "Schutzgut Mensch" öffentlich machte. Der Text schlug Wellen, die aber erreichten den Lagerort des Dokuments von 2012 ebenso wenig wie die Medienhauptstädte Hamburg, München und Frankfurt. Dröhnendes Schweigen aus den Leitmedienredaktionen analysierte das atemberaubend realistische Papier, das nach seiner Bekanntgabe im Bundestag am 3. Januar 2013 dem Vergessen anheim gefallen lassen worden war.



Gut vorbereitet ohne jede Vorbereitung


Deutschland war schließlich "gut vorbereitet" (CDU/CSU), auch ohne sich überhaupt auf irgendetwas vorbereitet zu haben. Es gab keine Masken, keine Ablaufpläne, keine Strategie zu Grenzschließungen, keine Rechtsgrundlagen für Eingriffe in Grundrechte, keine zuvor festgelegten Bußgeldkataloge, keine Begriffe wie "social distancing" oder Lockdown-Taktiken, gar nichts. Sieben Jahre lang hatte die Bundesregierung das Staatsschiff sehenden Auges in eine Situation gesteuert, in der eine Seuche das Kommando übernimmt, ohne dass irgendeine Rezeptur zur Heilung, Schutzmaßnahmen oder auch nur umfassende Regelungen zur Diagnose vorliegen.

Eine gute Tradition, denn ebenso waren Regierung und sie tragende Parteien bereits 2015 in den Sturm der Flüchtlingskrise geraten: Monatelang hatten Experten zuvor gewarnt, selbst Diplomaten schickten Alarmpost nach Berlin. Dort aber verweigerte ein ganzes Kabinett stur die Anerkenntnis der Realität, weil die Handlungsalternativen allesamt allzu unschön schienen.

Ein Muster, das sich beim Umgang mit Corona identisch wiederfindet. Nicht einmal, als China 60 Millionen Menschen in ihren Wohnungen einsperrte und das Politbüro der KP trotz der Wachstumssucht des kommunistischen Großreiches beschloss, die Wirtschaft in Teilen herunterzufahren, schrillten in Berlin Alarmglocken.

Thüringen schluckt China-Grippe 


Als leide das Reich der Mitte unter einer kleinen Allergie, die allenfalls verstockte Kommunisten befällt, spielte die Bundesregierung Normalfall. Eine aus Berliner Sicht schrecklich missratene Ministerpräsidentenwahl in Thüringen, die Rettung des Weltklimas in 30 Jahren und das Ende Großbritanniens durch den Brexit saugten alle Aufmerksamkeit weg, während in China zehntausende Menschen starben und der Weltmarkt für Schutzausrüstung heißlief. Der Pandemie-Ablaufplan von 2013 war vergessen, alles, was er an Vorsorge empfohlen hatte, war weder umgesetzt worden noch hatte jemand die Absicht, es irgendwann umzusetzen.

Ein unentschuldbares Versagen, das vor keinem Mediengericht der Welt einen Freispruch erwarten könnte. Außer natürlich, das Mediengericht tagt dort, wo die unbedingte Solidarisierung der vierten mit der ersten Gewalt die Feder führt. Weil "Spiegel" und "SZ", Taz, Faz, Welt und alle angeschlossenen Sendestationen der Gemeinsinnsender von Anfang auf Regierungslinie argumentiert und jede Gefahr durch Corona ins Reich rechter Propaganda-Märchen verwiesen hatten, ist es ihnen nun natürlich unmöglich,die Frage nach der Verantwortung für ein staatliches Versagen bei der Seuchenvorsorge zu stellen. Zu groß wäre die Gefahr, dass auch die keine jähe Wendung staatlicher Argumentation infragestellende Berichterstattung ihren Teil der Verantwortung zugewiesen bekommen könnte.


Alles gar nicht schlimm


Folglich versucht die Aufarbeitung von Versäumnissen sich in der Erklärung, weshalb ein Staatsversagen, das Tausende das Leben kosten wird, letztlich so schlimm auch wieder nicht ist. So stürben "in der aktuellen Coronakrise weit weniger als die (im Pandemie-Szenarion von 2012) angenommenen zehn Prozent", heißt es da. Zwar sei "die genaue Todesrate beim neuen Coronavirus noch unklar, Hochrechnungen gehen aber davon aus, dass weniger als ein Prozent der tatsächlich Infizierten im Zusammenhang mit dem Virus sterben". Das ist weit weg von dem, was Risikoanalyse zur Grundlage genommen hatte.

Nach Julia Meroit, die das Entschuldigungsschreiben für die Bundesregierung im "Spiegel" geschrieben hat, ist die in der Realität im Vergleich zur Simulation geringere Todesrate augenscheinlich ein bedeutendes Verdienst der wackeren Vorbereitung des Landes. Ein wesentlicher Unterschied zum fiktiven Szenario sei auch, dass Deutschland "Zeit hatte, sich auf das neue Coronavirus vorzubereiten". Dass Deutschland das nicht tat, spielt jetzt offenbar nicht die große Rolle, denn der Wille zählt, auch wo er fehlt.

Wer solche Medien hat, muss sich um seinen Ruf nicht sorgen. Milde nur fragt das frühere Nachrichtenmagazin nach ob wohl ein gewisser "Materialmangel" (Meroit) bei Schutzausrüstungen und Masken "mit besserer Planung hätte verhindert werden können". Mit "besserer Planung". Als hätte es überhaupt eine gegeben, sie sei eben noch nicht ganz perfekt gewesen. Da werde sich "die Regierung in den nächsten Wochen und Monaten wohl noch öfter kritische Frage gefallen lassen müssen", fürchtet der "Spiegel". Und der Leser weiß, mehr kommt da sicher nicht. Denn anderenfalls würde irgendwer irgendwann sicher fragen, woher es denn die Politik hätte besser wissen sollen, wo doch der "Spiegel" vor dem Beschwichtigungstext von Julia Meroit niemals über den mit Sicherheit nicht unbewusst langweilig betitelten "Bericht zur Risikoanalyse im Bevölkerungsschutz 2012" berichtet hatte.


PPQ, 27. Februar 2020: Corona-Virus: Vom "Schutzgut Mensch" in Seuchenzeiten - Zahlen, Prognosen und Hochrechnungen aus dem amtlichen "Bericht zur Risikoanalyse im Bevölkerungsschutz 2012"




1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Der Text von Julia Meroit (eigtl. Merlot) sagt das Gegenteil von dem aus, was Merlot mit dem Text sagen will. Sie will die Regierung (und die Presse) entlasten, indem sie die Unterschiede zwischen Plan und Wirklichkeit zu verdeutlichen versucht, verdeutlich aber nur, wie gering die Unterschiede sind. Der rhetorische und journalistische Fachbegriff für sowas lautet 'Verzweiflung'.