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Sonntag, 31. Mai 2020

Traditionshandwerk: Beim letzten erzgebirgischen Maskenweber

Bunte Maskenvielfalt: Dank kreativer Maskennäher wie Harald Heidecke findet jeder seinen Mund-Nase-Schutz.


Früher war er ganz allein, ein Hüter eines alten Handwerkes, das fast vergessen schien. Auf historischem Gelände in der Hauptstrasse 77 in Sangesdorf, tief versteckt im Herzen des Erzgebirges, schnitt, falzte, kochte und nähte Harald Heideckes Familie seit dem Jahre 1917 Mund-Nase-Schutze - oder wie er, der letzte traditionelle Alltagsmaskennäher Deutschland, lieber sagt: Schutzmasken.

Vor über 100 Jahren, damals mitten in der Spanischen Grippe, gründete Heideckes Großvater Heinz die Sangesdorfer Maskenmanufaktur (SMM), um in traditionellen Verfahren Schutzmasken herzustellen. Dieser Tradition fühlt sich sein Enkel immer noch verpflichtet, auch des Vaters wegen, der das Familienunternehmen Anfang der 70er Jahre an den DDR-Staat verlor und es 1990 nach einigen bürokratischen Streitereien von der Treuhand zurück erhielt. Harald Heidecke selbst begann im Jahr 1994 nach beendeter Lehre und einem Aufbaustudium Maskendesign in China als Handnäher für Naturmasken. "Das war der Grundstein", sagt er heute und schmunzelt: "Damals ahnte doch niemand, dass es ein Vierteljahrhundert später wieder tausende Unternehmen in Deutschland geben wird, die Masken nähen!"

Für Heidecke junior ist das Maskennähen mehr als Coronaschutz. "Ich nenne es mein kreatives Hobby, das mich zu immer neuen Kompositionen anregt", sagt Heidecke, der in Maskennäherkreisen als der Karl Lagerfeld der Alltagsmaske gilt, obwohl er sich die ersten Handgriffe einstmals einfach bei seinem Vater und Großvater abschaute. Doch die SMM ist heute mehr als das, die Kleinbetrieb hat sich im Laufe der Jahre zu einem kleinen, aber professionell arbeitenden Unternehmen entwickelt. Doch früher allein auf weiter Flur, ist die Konkurrenz seit Corona härter geworden. Ein Ortstermin.

Hauptstadt der Maskenkunst


Sangesdorf ist bekannt für seine zuweilen recht frivolen Schwibbbögen, seinen alten Bahnhof, der nicht mehr angefahren wird, und den Fußballverein 07 Sangesdorf, der noch das Kürzel SG trägt. Kaum bekannt ist, dass hier seit mehr als 100 Jahren die traditionelle Alltagsmaske hergestellt wird, die Mund und Nase schützt, nicht aber die tieferen Lungenbereiche, weshalb sie zu DDR-Zeiten den TGL-Namen Mund-Nase-Schutz trug. Zu Zeiten der Spanischen Grippe gingen von hier aus täglich waggonweise Masken auf die Reise zu Schutzbedürftigen, später aber schlief das Geschäft ein. Gab es in der Maskenhauptstadt des Erzgebirges noch 1921 über 100 Maskennähereien, die aus simpler Baumwolle wunderbar passgenaue bunte Schutzartikel zauberten, sitzt mit der SMM heute nur noch ein einziger gelernten Maskennäher im Ort.

Harald Heidecke ist Innungsmeister, 53 Jahre alt, und seit einem Vierteljahrhundert mit dem, was wir heute Alltagsmaske nennen, verheiratet. "Maître masque", zu Deutsch Maskenmeister darf der Familienvater und dreifache Opa sich als einziger Deutscher nennen, den Ehrentitel hat ihm die königlich-französische Maskenmanufaktur in Brielleu verliehen, die als das Athen der Maskenmacherei gilt.

Ein Meister seines Fachs ist Heidecke in der Tat, vor allem aber ist er ein Idealist. Würde er sonst, mit acht Mitarbeitern, die Uralt-Manufaktur, die schon sein Vater und sein Großvater nahe des stillgelegten Bahnhofs weiterbetrieben haben, als Masken verächtlich gemacht, verlacht und in die Nähe homöopathischer Arzneimittel gerückt wurden? Würde er sonst mit zum Teil über 100 Jahre alten Maschinen tagein, tagaus Masken schneiden, falten, pressen, nähen, stempeln, verpacken, stapeln, verkaufen, alles in Handarbeit, 150 Tonnen jährlich, und das an sechs Tagen pro Woche?

Sicherlich. Denn Heidecke ist ein Maskenmann, er kann nicht anders. Interessierten, die sich in seine Werkstatt verirren, erzählt er leidenschaftlich vom fast ausgestorbenen Handwerk, das jetzt gerade eine neue Blüte erlebt.  Hunderte, ja Tausende nähen überall Masken, aber kaum einer, sagt der Meister, wisse eigentlich, was er tue. Denn das fast vergessene Handwerk des Maskenwebers ist viel komplizierter, als es Selbstbauanleitungen bei Youtube ahnen lassen.

Standardware hinter Glas


Harald Heidecke liebt, was er tut, und er liebt Masken aus jedwedem Stoff. Im Verkaufsraum liegen ein paar Blöcke Standardware hinter Glas, zum Teil über 100 Jahre alt, versehen mit den Stempeln verschiedener Abnehmer. Rotes Kreuz, Reichswehr, Ortspolizei Aue.  Sie sehen zum Teil schrumpelig aus, die Baumwolle ist fadenscheinig geworden, die Seide matt. Einige auch ein bisschen bräunlich, und doch sind sie nicht verdorben. "Die könnten Sie alle noch zum benutzen", sagt Heidecke stolz, "das ist beste Qualität, das wird nicht schlecht."

Natürlich verkauft der Meister diese fast schon antiken Preziosen nicht, schließlich sind es die letzten Überbleibsel einer Maskenkultur, die 1917 begann, als die ersten Nachrichten über die Spanische Grippe die Täöler des Erzgebirges erreichen und ein Mann namens Fritz Maske begann, gegen die drohende Infektionsgefahr anzunähen. "Daher kommt ja der Name, Maske war einfach der erste, der es versucht hat." Die Tragik des Vordenkers der deutschen Maskenindustrie habe aber darin gelegen, dass er nicht nähen konnte.  "Um 1918 produzierte dann mein Großvater die ersten funktionsfähigen Masken", sagt Heidecke.

Schon damals gab es Gerüchte und üble Vorwürfe, dass Masken keine Wirkung hätten. "Doch wer einmal eine aufprobiert hatte, der kam wieder und blieb uns meist treu." Masken hülfen nachweislich gegen Baustaub und Gräsersamen, leicht parfümiert auch gegen üble Gerüche und in jedem Fall ließe keine Maske mehr Bakterien oder Viren durch als keine Maske. Dennoch: nach dem Zweiten Weltkrieg begann der stete Niedergang des Gewerbes: Eine Maskenmanufaktur nach der anderen machte dicht, bis zuletzt auch die größte, damals schon als VEB Erzgebirgsmaske ein volkseigener Betrieb. Materialsorgen und ein Betriebsdirektor, der lieber ins Glas schaute als auf die Produktionszahlen, das sei das Problem gewesen.

Billige Massenmasken für die DDR


Die DDR ließ sich dann meistenteils mit billigen tschechischen Massenmasken versorgen, die SMM produzierte für den Export, aber auch für hohe Funktionäre, die es sich leisten konnten, auf Passform und individuelle Muster zu schauen. heute gibt es in Sangesdorf nur noch Heideckes SMM, eine kleine Manufaktur im Meer der Nachahmer überall in der Republik, die die große Tradition des Maskenbaus hochhält, auch wenn es schwerfällt.

Glamour und Glanz sind Harald Heideckes Sache immer noch nicht, Talkshoweinladungen lehnte er bisher ab, eine Fernsehproduktion verwies er an einen Kollegen in Lettland. Sein Geschäft sei schlicht und ehrlich, genauso wie es seine Produkte sind. "Wir nähen mit offenem Visier", sagt er gern. Und was sie alles nähen! Hier ein paar eckige Qualitätsmasken für Kindertagesstätten (Kita), dort die runden Sorten für Ernthelfer, daneben scharf geschnittene Designerstücke für einen Berliner Rapper. Für richtige Exzentriker hat Heidecke durchsichtige Seidenmodelle im Angebot, für Allergiker gibt es schneeweiße Stücke, die nach Krankenhaus riechen. Bei Touristen gefragt ist vor allem das günstige Zwölferset, das aus durchnummerierten Einzelmasken besteht, die nicht verwechselt werden können.

Allen Produkten hier ist gemein, dass sie zwar mit Maschinenhilfe entstehen, doch eine jede muss von Hand bedient werden, nichts ist vollautomatisch. Der Maschinenpark ist uralt, das älteste Gerät wurde 1898 gebaut und funktioniert bis heute. Wie die Maske entsteht, sieht man am besten bei einer Führung: Los geht es mit einem riesigen Stoffballen, der heute nicht mehr aus Schlesien, sondern überwiegend aus Bagladesh kommt. Die Bahn wird abgerollt, gewalkt, getdrückt, per Hand geschnitten und dann gefalzt. Dabei werden Feuchtigkeit und Wärme genutzt, wie beim Geigenbau, beschreibt Heidecke. Sobald die Rohlinge getrocknet sind, geschreddert und anschließend zwischen zwei Granitrollen zu dünnen Blättern glattgewalzt, geht es an die Näharbeit. Danach wird der fertige Maskenrohling auf rund 70 Grad erhitzt und über Nacht gepresst, um die Passform bestmöglich zu konservieren. Erst im letzten Arbeitsschritt fügt Harald Heidecke die Befestigungsbänder an. Fertig.

Zehn Minuten für ein Einzelstück


Um eine Maske zu schneidern, braucht Heidecke gut zehn Minuten. Dazu legt er zunächst eine Auswahl aller Zuschnitte bereit und bringt sie mit der Hand in Form. Mit einer speziellen Klammer, die an einem von Heideckes Großvater selbst geschmiedeten Dreibein befestigt ist, presst er die Stoffbahn per Hebel zusammen und bringt sie mit drei Schnüren und einem Stück Edelstahldraht in Form, die er fest um die dicken Nähte an der Seite knotet. „Früher benutzte man feines Weidenholz zum stabilisieren“, sagt er, "heute verwendet man Nirostastahl." Bewusst verzichtet er auf Kupferdraht oder Kunststoff. Diese Materialien drückten erfahrungsgemäß durch oder sie führten zu Verfärbungen im Stoff.

80 Prozent seiner Produktion gehen mittlerweile in den Export, sagt Heidecke. Sehr gefragt sei seine Manufakturmasken in den USA und in Japan. Nach China verkauft er dagegen so gut wie nichts, denn dort sei eine Maskenindustrie zugange, die alles niederzuwalzen versuche. "Sei's drumt", antwortet er und zuckt mit den Schultern. Zum Glück seien die Billigplagiate aus Fernost keine Gefahr für den letzten Maskenmacher von Sangesdorf, denn der kann sich über eine seit Wochen steigende Nachfrage freuen. "Über das Internet kommen jeden Tag hunderte Bestellungen herein". freut er sich über den Glücksfall Corona.

Wenn er in ein paar Jahren in den Ruhestand gehe, würde er sich wünschen, einen Nachfolger  bereits eingearbeitet zu haben. "Man braucht zirka zehn Jahre, um ein guter Maskennäher zu werden", sagt Harald Heidecke, "aber man sieht ja gerade, es lohnt sich." Der eigene Sohn habe kein Interesse, er sei als Consultant nach Dubai gezogen. Die Tochter habe es nicht so mit dem Handwerklichen. "Ich würde mich freuen, wenn jemand von außen einsteigt", sagt Heidecke, "einfach vorbeikommen und reinschnuppern."

Kommentare:

Florida Ralf hat gesagt…

ganz gross.

Die Anmerkung hat gesagt…

Ich war schon mal in Sangesdorf und frage ich, ob ich die Hütte nicht schon mal gesehen habe. Möglicherweise steht das Haus in der zweiten Reihe.

Ist das nicht dieses immer noch in schlicht gehaltene Umgebindehaus, wo der Großvater von dem Großvater seinen Webstuhl tagaus tagein knattern ließ, der überflüssig wurde, als industrielle Stoffe den privaten Stoffproduzenten aus dem Erwerbsleben stießen?

Wenn er da jetzt zwei robuste Industrienähmaschinen in dem Raum betreibt, dann wurde das Haus ja nicht umsonst so stabil gebaut.

Das Problem ist nur, da stehen wenigstens noch 47 solcher Hütten. Welche es nun genau ist, das weiß ich auch nicht.

ppq hat gesagt…

die linke, die neben der grünen steht, da, wo die laterne mit dem "hier errichtet die EU ein licht für die menschen"-schild steht!

Anonym hat gesagt…

Blogwart, du bist ein Schalk. Sangesdorf - Pueblo de Cantos - dat jift dat nich'. Det finns inte.

ppq hat gesagt…

von wegen! wir waren doch dort, gerade erst!