Samstag, 2. Januar 2021

Europas Impfstoff-Versagen: Der Tod hat es eilig

Der ehemalige Effizienzweltmeister Deutschland versagt auch bei den Corona-Impfungen auf ganzer Front.

Russland begann sehr früh, China nur wenig später. Es folgten die USA und Großbritannien, Israel, Singapur und Katar. Danach erst stieg die EU ins Rennen um die Corona-Impfung ein, dass von EU-Politikern wie von Bundespolitikern vom Start weg zu "kein Wettrennen" erklärt wurde. was Leute so machen, die sehen, dass sie noch im Startblock hängen, während die Mitläufer schon in die erste Stadionkurve gehen.

Ein Fall von Vollversagen

Auch eine knappe Woche nach dem einheitlichen europäischen Impfstart, der dann in etwa so einheitlich ausfiel wie alles in dieser Notgemeinschaft, ist es dabei geblieben. Die Briten lassen den zweiten Impfstoff zu, die USA haben die ersten drei Millionen Menschen geimpft, die Briten die erste Million, die Israelis kommen auf 150.000 Impfungen am Tag. Deutschland dagegen arbeitet an einem neuen Kapitel seines in den Medien immer noch als Erfolg gefeierten Corona-Desasters: So wie Anfang des vergangenen Jahren gelogen und betrogen wurde, um die endemischen Versäumnisse von Bund und Ländern bei der Krisenvorsorge vor der Öffentlichkeit zu verbergen, wird jetzt abgelenkt, weggeschwiegen und bemäntelt, dass die EU-Strategie der gemeinsamen Pandemiebekämpfung unter Federführung der EU-Kommission jetzt schon krachend gescheitert ist.

Europa impft derzeit so langsam, dass es zwei bis drei Jahre brauchen wird, die als Voraussetzung zur Rückkehr in die alte Normalität betrachtete Herdenimmunität zu erreichen. Deutschland liegt sogar noch dahinter: Bei den bisher erreichten Impfraten wären sechs bis sieben Jahre nötig, eine ausreichend große Anzahl von Bürgerinnen und Bürgern zu impfen. 

Die üblichen Einzelfall-Erklärungen

Die Bundeskanzlerin äußert sich zum erneuten Versagen ihrer Administration gar nicht, wie immer. Der Gesundheitsminister greift zur üblichen Einzelfall-Erklärung. In Bonn hätten eben Heime Unterlagen zur Bestellung von Impfdosen erst am 23. Dezember um 17 Uhr erhalten. Bayern müsse länger warten, Berlin auch, Lieferprobleme allenthalben, so sehr, dass Bundesbehörden hochamtlich erklären, man habe jetzt durchgesetzt, dass die vertraglich vereinbarte nächste Lieferung nun doch stattfinde wie vertraglich vereinbart. In der nächsten Woche. Im Kleingedruckten: Am Freitag.

Für ein Land, das eben noch weltweit den Ruf genoss, beängstigend effektiv zu arbeiten und einfach alles perfekt organisieren zu könne, ein Offenbarungseid. In den USA sind vier Wochen nach Zulassung des ersten Impfstoffes 0,9 Prozent der Bevölkerung geimpft. In Deutschland, das geduldig auf die mit großem Gemeinschafstbrimborium angekündigte EU-Zulassung gewartet hatte, die als Signal für die überragende zwischenstaatliche Solidarität zu lesen sein sollte, sind es hier im Ergebnis einer "nationalen Kraftanstrengung" (Angela Merkel) zum selben Zeitpunkt 0,09 Prozent. 

40 Mal langsamer als Bahrain

Angesichts der aktuellen Sterbezahlen, die von Amts wegen mit Corona in Zusammenhang gebracht werden, bezahlen damit jeden Tag etwa 1.000 Menschen das Versagen von EU, Bundesregierung und Bundesgesundheitsminister mit ihrem Leben. 30 Tage länger sind nach aktuellem Kurs 30.000 Tote mehr allein in Deutschland,  dem inzwischen weltweit am heftigsten betroffenen hot spot. Zwei Monate entsprechen 60.000. Für ganz EUropa, dem Staatenbund, der sich selbst immer als Kontinent ausgibt und mittlerweile der am schlimmsten betroffene Kontinent der Welt ist, entsprechen diese Zahlen einer Viertelmillion Toter, die leben könnten, würde zumindest so schnell geimpft wie anderswo.

Doch es geht wieder schief.  Es reicht nicht, nicht in Berlin und nirgendwo. Derzeit impft Deutschland 40 mal langsamer als Bahrain und mehr als 100 mal langsamer als Israel. Und niemand ist empört, keiner aufgebracht, keiner versteht nicht, was da gespielt wird und warum. Geduldig lauscht die Nation den immergleichen Erklärungen zur Notwendigkeit und Unumgänglichkeit der nächsten Lockdown-Verlängerung, zur beschleunigten Zulassung nach dem weltweit allerbesten EU-Verfahren, die dann eben mal zehn-, zwanzig- oder auch 80.000 Menschen zusätzlich das Leben kosten. Aber das Signal! Das Fanal! Das Zeichen! 

Alles ist wichtiger als ein Ende des Ausnahmezustandes

Fast wirkt es, als sei alles wichtiger als ein Ende des Ausnahmezustandes, der Existenzen zerstört, die Verschuldung künftiger Generationen in absurde Höhen treibt und das gesellschaftliche Leben ins Koma versetzt hat. Lieber noch mal lockdown, als eine Fehlerdiskussion. Nie war die Kanzlerin unsichtbarer. Und nie war sie beliebter. Und neuerdings ist ihr Gesundheitsminisiter, immerhin Cheforganisator der Katastrophe, sogar noch angesehener als sie. Die Strategie stimmt also, aus dem richtigen Winkel betrachtet.

Niemand kann keinem etwas vorwerfen, schreiben die wohlwollenden Kommentatoren. Genug bestellt haben sie doch, so billig sogar wie niemand anders auf der Welt. Und auf den billigen Einkauf kommt es an in der größten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg. 

Dafür aber hat der britisch-schwedische Konzern Astrazeneca bei der europäischen Zulassungsbehörde EMA schon gar keinen Antrag mehr gestellt, das firmeneigene Vakzin zu genehmigen. Damit kann eine Zulassung des bisher preiswertesten Impfstoffes in Europa im Januar nicht mehr erfolgen, mögliche Impfungen mit dem Vakzin starten damit frühestens im März - bis dahin werde in Großbritannien, das am kommenden Montag mit der Verteilung des Astrazeneca-Stoffes beginnen wird, nahezu zehn Millionen Menschen immunisiert sein.

Schlüssel verloren

Den "Schlüssel zum Ende der Krise" hat Jens Spahn in den Corona-Impfstoffes ausgemacht, bisher rein theoretisch, denn durch die stillschweigende Abmachung der EU-Staaten, der Kommission in Brüssel das Schicksal von 440 Millionen EU-Bürgern bedingungslos in die Hand zu geben, verbietet sich jede Kritik an deren Versagen. Ähnlich schwierig ist die Lage der Medien in Deutschland, die im März begonnen hatten, alles grundgut und richtig zu finden, was an Verwirrung, widersprüchlichen Anweisungen und föderalem Chaos aus Berlin kam. 

Nun ist es ist zu spät, die Hand zu beißen, die einen doch füttern soll. Wenn Spahn also im Chor mit Braun und Söder und Laschet und all den anderen zum zigsten Mal das Lied anstimmt, die "Länder sollten sich bei ihrem nächsten Treffen auf ein einheitliches Vorgehen einigen", dann bricht kein Lachen aus. Dann herrscht die andächtige Stille verzauberter Begeisterung.


Kommentare:

Anonym hat gesagt…

"Ein Fall von Vollversagen"

Ein (voll)Versagen wäre es nur, wenn es ein (voll)Bestehen geben würde.

Es ist eine Grippe. Genau so, wie die letzten Jahrzehnte auch.

Die Anmerkung hat gesagt…

>> Nun ist es ist zu spät, die Hand zu beißen, die einen doch füttern soll.

Ich wette nicht darauf. Die Schmierfinken schreiben Merkel und Spahn schneller in Grund und Boden, sobald der Prikas kommt, als wir uns das vorstellen können. Man kann zwar keine 15 verpaßten Jahre nachschreiben, aber die Intensität der Haßschreibe macht das dann wett.

Anonym hat gesagt…

Israel könnte ja niemals so schnell impfen, wenn sie nicht EU-Mitglied wären.
#EuropaistdieAntwort

ppq hat gesagt…

@anmerkung: wir haben es ja nicht nur mit einem fall von staatsversagen zu tun, sondern - seit märz - auch mit einem von medienversagen. von kritischer begleitung ist da nichts zu sehen, mit kritische begleitung meine nicht z.b. die art, wie der kohl oder auch wie der schröder zu ihrer zeit angefasst wurden.

was stattdessen gedruckt wird sind unentwegte solidaritätsadressen, und dabei bleibt es auch. man ist nun eben eingeschworen. letztlich kommt dann aber die angst irgendwann, wie es nach IHR weitergehen wird. und mit wem man dann unter die decke schlüpft

Die Anmerkung hat gesagt…

Wie konnte der Henry Hübchen das schon 2013 wissen?

Wann hört der Hailarm auf?

Wieso, der hat doch gerade erst angefangen.

https://www.youtube.com/watch?v=N3i1YbBwDOg
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Ich kann das aus editorischen Gründen bei mir erst am Montag früh bringen, deswegen hier die Vorabrechte

Arminius hat gesagt…

Ich bin mal auf die Reaktion der Coronahysteriker gespannt, die von Merkel und ihrem Gefolge so erfolgreich in Panik versetzt worden sind, daß sie jede Grundrechtseinschränkung bedenkenlos akzeptieren.
Nun, da der angepriesene Superimpfstoff auf dem Markt ist, müssen sie feststellen, daß er ihnen aus ideologischen Gründen vorenthalten wird. Es darf schließlich keinen Impfnationalismus geben.
Ihre Reaktion könnte der eines Köters ähnlich sein, dem man eine Wurst hinhält und dann wieder einsteckt ...

Volker hat gesagt…

Arminius, Du glaubst, die Schmierfinken können sich an das erinnern, was die vor einer Woche geglaubt und geschrieben haben?
Das Wort Impfnationalismus finden die so geil, das überschreibt alles andere.