In einer Zeit, in der ein unsichtbarer Feind die Welt in Atem hielt, zeigte Deutschland, wie man eine Pandemie richtig meistert – mit klugen Maßnahmen, eisernem Zusammenhalt und unermüdlichem Einsatz. Von Händewaschen bis Lockdown, von Maskenpflicht bis Impfdebatten, prägte Corona eine Ära, kurz, aber für viele Menschen schrecklich und unvergesslich.
Und doch: Die Epoche, in der die Gesellschaft lernte, dass auch ein unveräußerliches Grundrecht vom Staat nur auf Widerruf verliehen wird, ist schon fünf Jahre danach im kulturellen Gedächtnis verblasst. Niemals zuvor verschwand eine ganze Epoche derart rückstandslos aus der Geschichte.
Vor einem Vierteljahrhundert stellte der deutsche Publizist, Germanist und Verleger Heribert Illig die Behauptung auf, dass nahezu 300 Jahre des Mittelalters frei erfunden worden seien. Nach Illig Überzeugung folgte damals auf das Jahr 614 direkt das Jahr 911. Bestätigt wurden seine V ermutungen später vom Technikhistoriker Hans-Ulrich Niemitz.
Auch der kam nach sorgfältiger Prüfung zum Schluss, dass Fränkische Reich der Jahrzehnte nach Chlothar II. eine von interessierten Kreisen initiierte Phantomzeit seien. Personen wie Karl der Große hätten nie existiert, andere Kaiser und Könige habe man einfach aus früheren oder späteren Zeiten in die fehlenden Jahrhunderte einsortiert, um diese zu füllen.
Eine krude These
Die krude These hält natürlich keiner Überprüfung stand. Allerdings spricht das komplette Verschwinden eines Zeitraums von mehr als drei Jahren aus der öffentlichen Wahrnehmung für die Möglichkeit, Geschichte gezielt zu korrigieren.
Eben noch war die Kanzlerin vor die Tür getreten, um ungeachtet der gesundheitlichen Gefahren selbst in einem Supermarkt einkaufen zu gehen - zufällig waren sogar Fotografen und Presseberichterstatter zugegen. Nicht einmal ein Jahrzehnt später ist das weder Lehrplanstoff noch erinnert sich noch jemand, wie die Kommissionspräsidenten selbst - gelernte Ärztin - Millionen Verzeifelten Fernunterricht im Händewaschen gab.
Die Appelle, die Drohungen, die Durchhalteparolen, die Arschzusammenkneiforden, der ganze Einsatz der Gemeinsinnmedien zur Abwehr von Hetze, Hass und Zweifel, alles war vergebens. Auch fünf Jahre nach der zweiten allgemeinen Verunsicherung in jenem Februar 2021 regiert der Alltag, wie er vorher war. In den Glaspalästen der nichtstaatlichen Sendezentralen halten die Treuesten der Treuen die Stellung. In den staatstragenden Parteien hat eine neue Generation die Helden der Pandemie beiseitegeschoben.
Gut vorbereitete Katastrophe
Die Zeit, als "Deutschland gut vorbereitet" (CDU) war und entsprechend "sehr gut durch die Krise" (Daniel Günther) kam, motiviert kaum mehr Dankbarkeit bei Bürgerinnen und Bürger. Viele verhalten sich vielmehr so, als hätten sie im Nachhinein noch ein Recht auf Kritik, als sei es nicht anmaßned, Schuldvorwürfe und hässliche Kommentaren über die Frauen und Männer zu verbreiten, die damals die Last der Bevormundung aller auf sich nahmen.
Sie alle hätten Besseres verdient als vergessen zu werden. Damals agierten sie Hand in Hand, um eine einheitliche Meinungslandschaft herzustellen: Die Institute lieferten, was als Fakten angefordert wurde. Die Krisenstäbe falsifizierten als wissenschaftliche Wahrheit, was im Moment nützlich erschien. Und Heerscharen von Faktenprüfern und Meinungskanonieren bekämpften jeden Zweifel mit einem Dauerfeuer aus Verurteilungen.
Alle müssen mitmarschieren
Wer nicht in der Kolonne mitmarschierte, wollte das Leben aller zerstören. Wer die irrationalen Zahlenspiele der staatlichen Seuchenpolitik hinterfragte, leugnete DeutschlandsRolleals Musterland des Durchimpfens. Und wer behauptete, dass die Pandemie es nicht wert sei, über unterschiedliche Sichtweisen auf Vakzine, Masken oder die von der EU-Kommission ohne Rechtsgrundlage verkündete europaweite Gesundeitsunion bis aufs Messer zu streiten, stellte das Überleben der Menschheit infrage.
Alle mussten mitmarschireen, um nicht unter die Räder zu kommen. Aber niemand will mehr etwas davon wissen. Man hat alles aufgearbeitet, allerdings unter behutsamer Vermeidung der sensibelsten Punkte. Bis heute ist ungeklärt, weshalb die gemeine Grippe in den Pandemiejahren verschwunden war. Und nirgendwo haben Wissenschaftler jemals zu ermitteln versucht, wie hoch die Influenza-Zahlen in der Grippesaison damals und heute wären, würde nicht nur bei Verdacht, sondern jeder Mensch dreimal die Woche pflichtgetestet.
Wer weniger testet, hat weniger Infektionen. Wer mehr Argumente braucht, testet mehr. Wer die Welle brechen will, der nimmt das Händewaschen ernst und tritt nicht ohne Maske vor die Tür. Im Februar vor sechs Jahren wurde der Mensch zum "Schutzgut" und die Grundrechte zu einer unverbindlichen Empfehlung. Die Politik lebte ihr Primat aus wie im Krieg. Die Demokratie wurde suspendiert. Eine "Ministerpräsidentenkonferenz", von der zuvor noch kein Verfassungsrechtler je gehört hatte, übernahm die Funktion des Bundestages.
Illegale Feiern ohne Mundschutz
Es war einer der bemerkenswertesten Momente der "größten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg", wie Angela Merkel sie nannte, dass die Zivilgesellschaft mit ihrem Anspruch, das Herz einer wehrhaften Demokratie zu sein, sich am tiefsten Bückte und am lautesten gegen alle schrie, die mit diesem schnellen Kotau vor der Exekutive nicht einverstanden waren.
Eilfertig und dienstbeflissen stellten sich die selbsternannten Verteidiger der freiheitlich-demokratischen Grundordnung den Kräften zur Verfügung, die der verfassunsgemäßen Regeln mit den Mitteln des Ordungsrechts aushebelten.
Reiseverbote in andere Bundesländer. Untersagten Bücherlesen auf Parkänken. Abstandsprüfungen mit Poolnudeln. Symbolmasken, handgestrickt. Politiker, die sich an Flughäfen drängelten, um eine lebensrettende erste Maskenlieferung aus China in Empfang zu nehmen. Es wäre schlechterdings unmöglich, die Höhepunkte dieser Ära glaubwürdig zu verfilmen. Niemand, der nicht dabeigewesen ist, würde eine dokumentarische Beschreibung der wahren Geschehnisse ernstnehmen.
Die Zeitzeugen sterben aus
Viele, die dabeigewesen sind, glauben es ja heute selbst nicht mehr. Was war doch gleich eine "Alltagsmaske"? Wazu diente der Versuch der Verfolgung von Ansteckungsketten? Warum musste 120 Menschen in Weimar in Quarantäne, nachdem bei einer Familie in der Satdt der soegnannte "erreger" entdeckt worden war? Und warum konnten später alle trotz Erreger wieder einfach arbeiten gehen? Ja, die Pandemie war ein Kollektiverlebnis, doch es wurde individuell sehr unterschiedlich wahrgenommen. Die wenigsten können heute noch sagen, ob sie "Team Drosten" oder "Team Streeck" waren. Und warum überhaupt. Oder hieß er Schweijk?
Hitler? Kennt noch Jahrzehnte später jeder. Aber wer war Heiner Lauterbach? Um welche Grundsatzfragen tobte der Streit zwischen dem Berliner Virologen Professor Christian Drosten und dem Hamburger Physiker und Nanowissenschaftler Professor Roland Wiesendanger? Welche Funktion hatte Janosch Dahmen? Was tat der Bonner Virologe Professor Hendrik Streeck? War Alexander Kekulé damals Leiter des Robert Koch-Instituts? Oder führte Lothar Wieler das Paul-Ehrlich-Institut? Die Initiative #allesdichtmachen - war die von Putin beauftragt und gesteuert? Oder von Trumps Schergen?
Spuren ohne Spur
Corona hat kaum feste Spuren hinterlassen in der kollektiven Erinnerung. Die Pandemie hat Freunde entzweit, sie hat Menschen das Vertrauen in Politiker geraubt und Politiker überzeugt, dass Wählerinnen und Wähler der eigentliche Feind sind, den es mit Maßnahmen, Regeln und Auflagen zu bekämpfen gilt. Stadt und Land sind in den ungezählten Wellen auseinandergedriftet. Ost und West, Links und Rechts, die gebildete Elite und die von ihr abschätzig betrachtete Masse, sie alle zerfielen in Parallelwelten, die einander beargwöhnten.
Der "Schwurbler" und der "Leugner" entstand und eine ganze Reihe von kurzentschlossenen, tatkräftigen und redegewandten Politikern und Wissenschaftlern begann einen rasanten Aufstieg in Sphären der Macht, die es noch ein halbes Jahr zuvor gar nicht gegeben hatte. Alle machten mit, später aber wollte niemand dabeigewesen sein. Ein deutsches Phänomen, wieder einmal.
Verblasste Seiten
Die Seiten im Geschichtsbuch, auf denen es um Corona geht, sind seltsam farblos und verblasst. Wäre da nicht Jens Spahn mit seinen Masken, die von interessierter Seite bis heute als Waffe im politischen Nahkampf verwendet werden, brächte sich das Drama nur gelegentlich mit Versuchen in Erinnerung, mit neuen Wellen und neuen Namen wie "Stratus" und "Nimbus" anzuknüpfen an die große Angst, die so gut regieren half.
Die hatte zwischen 2020 und 2023 die Tür geöffnet in eine Verordnungsdemokratie. Die, heute besteht daran nach etlichen Gerichtsurteilen gar kein Zweifel mehr, stand fast vollkommen im Einklang mit der Verfassung. Auch wenn sie seinerzeit auf viele nicht so wirkte und die damalige Kanzlerin das Glück ihrer späten Jahre darin fand, die Verfassung freihändig auszulegen.
Erinnerung mit Abstand
Deutschland hat sich, das wurde später immer wieder festgestellt, hervorragend geschlagen in der Pandemie. Abstand, Händewaschen und eine Maske tragen, wenn der Abstand nicht gehalten werden kann, das war erste Bürgerpflicht. Dazu dann und wann ein Lockdown und kurz vor dem Finale die große Impfpflichtdiskussion, hastig abgebrochen, weil es die Infektionszahlen beim besten Willen nicht mehr hergaben. Schade drum. Beim nächsten Mal.
Vertrauen wurde zerstört. Geschichte wurde geschrieben. Die EU war noch nicht einmal richtig kaputt, da hatte sie schon einen Plan für ihren eigenen Wiederaufbau. Probleme im Voranschreiten vertagen, niemand kann das besser als Brüssel.
Pandemie im Rückspiegel
Das eigentlich bemerkenswerte beim Blick in den Rückspiegel ist das Fehlen jedes kulturellen Abdrucks, den vergleichbare Großkrisen immer hinterlassen. Ob Ritterzeit oder die Jahre der Pest, ob Weltkriege, die Ära der Degenfechter mit ihren Strumpfhosen, Indianerfederschmücke oder Pionierhalstücher - alles, was sich als Hintergrund und Kulisse eignet, ist in Literatur, Kunst und Kino immer genutzt worden.
Manchmal war die Kulisse Thema, häufiger wurden in ihr einfach die Konflikte abgehandelt, die seit den alten griechischen Dramen und William Shakespeare immer nur das Kostüm gewechselt haben. Zeitgeist zeigte sich nach dem ersten Weltkrieg, nach dem Zweiten und nach dem Zusammenbruch des Ostblocks. Er hinterließ Spuren im Kino nach den Afghanistaneinsätzen und nach dem Eingreifen der Westmächte im Irak. Es war war immer so, dass große Krisen ihre Nachzeit prägten.
Kulturelles Ödland
Außer bei Corona. Die Zeit mit dem "Mund-Nase-Schutz" ist kulturell ein einziges Ödland. Filme, die während der Pandemie Filme gedreht wurden, handelten absichtlich nicht von Massensterben und Weltuntergang. Die meisten waren, was sie immer sind: Der nächste "Tatort", die nächste Literaturverfilmung, die nächste ZDF-Komödie oder noch ein Superstarspektakel aus Hollywood. Peinlichst vermieden es Regisseure zum ersten Mal in der Geschichte der Moderne, eine großer, große Krise als Kulisse für ihre großen Dramen zu nutzen.
Corona-Filme oder auch nur Filme, die in der Corona-Zeit spielen, gibt es von wenigen, sehr wenigen Ausnahmen abgesehen nicht. Wenn eine Maske auftaucht oder ein Beatmungsgerät, dann nie als kultureller Code. Auch in der Musik ist Pandemie eine Leerstelle. Keine Band hat sie besungen, kein Komponist ihr eine Maskenoper geschrieben. Es gibt kein Theaterstück über die Osterwelle und kein Triptychon eines Malers über die bis dahin für jedermann unvorstellbaren Reiseverbote im Sommer 2020.
Eine Leerstelle im Pandemieloch
Historiker, die in 100 oder 500 Jahren nach dem Zeitalter suchen, in dem aus Italien und Spanien, aber auch aus Großbritannien und den USA schreckliche Nachrichtenbilder kamen - verzweifelte Ärzte, Leichenwagenkolonnen, überfüllte Krankenhäuser, Schlangen vor Arbeitsämtern und Gräberfelder - werden in Kunst und Kultur nicht fündig werden. Keine Heldengeschichten aus Pflegeheimen.
Keine Liebesfilme mit Klatschen vom Balkon. Nicht einmal ein Thriller aus dem Inneren des Bundeskrisenstabes ist bis heute entstanden, geschweige denn eine packende Serie über die Konflikte im Robert-Koch-Institut oder die Ansteckungsangst in der Ministerpräsidentenkommission.
Genau die richtige Reaktion
Dabei waren die Vorlagen einladend. Von der Bundesregierung bis in die Supermärkte waren überall Menschen, die nicht aufgaben. Politiker hatten einen Plan. Firmen wurden gerettet und viele wussten noch nicht, dass das nur vorübergehend sein würde. Die Gesellschaft stand zusammen, die Hilfspakete wurden schnell geschnürt und immer größer. Dass es in dieser Hast Fehler geben würde, war einkalkuliert. So lange aber die sie machten, die bei aller Ungewissheit hervorragend regierten, brachte jede einzelne Sekunde genau die ideal auf die jeweilige Situation zugeschnittene Reaktion.
Eine Prüfung, die triumphal bestanden wurde, glaubt man späteren Untersuchungen, die nicht stattfanden, weil kaum Zweifel angebracht waren. Kluge Politik, ein exzellentes Gesundheitssystem und ein entschlossenes Zusammenwirken aller staatlichen Institutionen retten das Land, den Zusammenhalt, die Zukunft. Eine gute Regierung vermochte das Schlimmste zu verhindern - tragischerweise aber weigern sich Kunst und Kultur beharrlich, ihre Taten und die all der anderen Alltagshelden unsterblich zu machen.
Der Sommer, der nie war
Der erste Verordnungssommer vor fünf Jahren, zwei weitere folgten, ist aus heutiger Sicht nie gewesen. Es gab kein Virus, das treffe von Frauen regierte Länder weniger traf, von Rechtspopulisten regierte hingegen besonders stark. Es fehlte nicht an Beatmungsgeräten und nicht an Intensivbetten, nur Fernsehfilmen darüber. In keinem "Tatort" wurde je demonstrativ Maske getragen wie es Vorschrift war. In keinem "Kleinen Fernsehspiel" wirkte Corona "wie ein Verstärker für gute wie schlechte Eigenschaften von Regierungen" und Schwurbler störten die öffentliche Ordnung.
Corona ist gewesen, niemand streitet das ab. Die Pandemie hat stattgefunden, hin und wieder tauchen sogar immer noch zeitgenössische Berichte aus den geheimen Archiven auf. Doch ohne dass ein Grund ersichtlich wäre, hat die Seuche es nicht geschafft, sich ins kulturelle Gehirn zu graben. Regisseure, bildende Künstler und Drehbuchschreiber ließen sich von ihr nicht zu großen Werken inspirieren, nicht einmal als Tapete für die üblichen filmischen Versuchsanordnungen scheint sie zu taugen.
Es ist vielleicht das traurigste Ende eines vermuteten Weltuntergangs, das es jemals gab. Einfach so verschwinden, unbesungen.


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