Freitag, 17. Mai 2024

Joko, Klaas und der Untergang: Was wäre, wenn es die EU nicht mehr gäbe?

 

Die beiden sind das Duo Infernale des deutschen Fernsehens, eine klassenfahrtwilde Doppelausgabe des WDR-Agitatoren Georg Restle, die komplizierte Zusammenhänge auf Jux und Dollerei herunterbrechen. "Joko" und "Klaas" sind für Pro Sieben das, was Jan Böhmermann für den Gemeinsinnfunk sind: Mutige Opportunisten, die stets tapfer anerkannte Mehrheitspositionen verteidigen und dabei auf ein Publikum zielen, das im Grunde genommen nicht an unangenehmen Wahrheiten interessiert ist. Spontanität ist hier inszeniert, das ausgestellte TV-Rebellentum ein Masche, mit der Preise gewonnen und Kritiker der klimaschädlichen Sendungen zum Verstummen gebracht werden.

Fernsehspiele in engen Grenzen

Für junge Menschen, die nach Orientierung suchen, sind Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf ein ähnlich bedeutsamer Anlaufpunkt wie die ZDF-Populärwissenschaftlerin Mai Thi Nguyen-Kim oder der Naturphilosoph Harald Lesch, der im Kostüm des alten weisen Mannes erklären kann, "warum Aliens keinen Kontakt mit uns wollen", warum die Alpen bald verschwinden werden und was eigentlich los ist mit der Energiewende. Joko & Klaas spektakeln mehr, sie sind die moralisch porentief reinen Erben von Thomas Gottschalk und Günther Jauch in der tabulosen Zeit der Fernsehspiele ohne Grenzen, als Witze noch dreckig und Unterhaltung ohne Erziehungsabsichten erlaubt war.

In ihrer Rolle als Volkshochschullehrer müssen die beiden Grimme-Preisträger ihre Popularität allerdings immer mal für einen guten Zweck nutzen. Dann geht es gegen Sexismus und für Menschenrechte, gegen das iranische Regime und für gerechte Löhne in der Pflege, um die Notwendigkeit von Impfungen oder Waffen, was gerade anliegt und verkauft werden muss. Kurz vor der EU-Wahl ist das nun die prekäre Gemeinschaft der 27 Staaten, die in den Jahren der Herrschaft von Ursula von der Leyen zu einem Staatenbund geworden ist, dessen Unbeliebtheit bei den Insassen so ziemlich das einzige ist, was Griechenland mit Schweden, Portugal mit Dänemark und Deutschland mit Bulgarien verbindet. 

Rettungseinsatz für die EU

Höchste Zeit für einen Rettungseinsatz von Joko & Klaas: Im Video "Was wäre wenn es die EU nicht mehr gäbe" (ohne Komma) beschwören die beiden ernsten Komödianten einen Weltuntergang herauf, der wankende und ideologisch schwankende Jungwähler davon überzeugen soll, dass es für Europa keine Alternative zur einzigen globalen Staatengemeinschaft gibt. 

Genutzt werden für die Überzeugungsarbeit die Werkzeuge des sogenannten Negative Campaigning: Weil es offenbar an positiven Argumenten mangelt, mit denen sich die anvisierten jungen und jüngsten Wahlberechtigten von der Notwendigkeit eines Kreuzes bei den Verteidigern eines immer enger zusammenwachsenden Europa überzeugen lassen könnten, verlegen sich die beiden Influencer auf die Beschwörung eines Untergangsszenarios, wenn die Wahlbürger falsch abstimmen.

Angst um den Euro

Dann, so Joko & Klaas in einem "hypothetischen Szenario", das von einer vermutlich amerikanischen "KI bebildert" wurde, wird die Welt untergehen oder doch zumindest Europa. Der "Zerfall der EU" werden Chaos auf den Finanzmärkten auslösen, Spekulanten würden sofort ihr Geld aus instabilen Ländern abziehen und der Euro, jene Stabilwährung schlechthin, die seit ihrer Einführung vor 23 Jahren etwa 45 Prozent ihrer Kaufkraft eingebüßt hat, werde einen Kursverfall erleben. 

Aber das ist längst nicht alles. Auch die Grenzkontrollen, wie sie die EU schon seit Jahren wieder kennt,  würden zurückkehren, dazu auch Handelsbarrieren, die den freien Warenverkehr mehr noch als die neue EU-CO2-Grenzausgleichsabgabe eingeschränken würden, was zu Lieferengpässen, Preissteigerungen und einem Rückgang des Handels führe. 

EUnausweichlich stehe, das arbeiten Joko und Klaas, unterlegt mit apokalytischen Bildern einer europäischen Dystopie, liebevoll heraus, ein "Verlust von Wohlstand und Arbeitsplätzen" bevor, und das in Deutschland ganz besonders. Es käme diesmal nicht zu Bäckern, die nur eine Weile lang nicht backen, sondern "zu einem Anstieg der Arbeitslosigkeit und einem Rückgang des Lebensstandards", begleitet von "zunehmenden Spannungen und Konflikten", weil sich "nationalistische Tendenzen", wie sie derzeit schon zu spüren sind, "verstärken und es zu Konflikten zwischen den europäischen Staaten kommen" könne. 

Fürchterliche Schicksale vor Augen

Eine Parade der apokalyptischen Reiter, die das vorüberzieht. Europa, Joko und Klaas mahnen eingedenkt der fürchterlichen Schicksale der Schweiz, Islands, Norwegens und Liechtenstein, wären einzeln gegenüber Großmächten wie China und Russland deutlich schwächer. Niemand würde mehr auf Josep Borrell hören, den eingeschworenen Verteidiger Palästinas, der es trotz einer Verurteilung wegen Insiderhandels auf den Posten des "EU-Außenbeauftragten" geschafft hat und dort noch nachdrücklicher als Annalena Baerbock Mahnungen an Israel und tiefes Schweigen an den Iran schickt. Zudem: Jeder würde dann wohl venezolanische Präsidenten anerkennen, wie er gerade lustig ist, oder gar neue Staaten anerkennen, die benachbarte frühere Wertepartner für nicht anerkennungswürdig halten.

Die schrecklichen Folgen lägen auf der Hand. Die Abschaffung der gemeinsamen Umweltstandards der EU, die die EU-Kommission und das EU-Parlament eben erst beschlossen hatten, um die Bauern zu besänftigen, würde weitergehen, "was zu einer Verschlechterung der Umweltbedingungen führen könnte" (Joko & Klaas). Es gäbe Schwierigkeiten im Gesundheitswesen, weil ein "Mangel an Ärzten und Pflegepersonal" drohe. Und nicht zuletzt wäre ein Verlust der kulturellen Vielfalt absehbar: "Die EU hat zur Förderung der kulturellen Vielfalt in Europa beigetragen. Ihr Zerfall könnte zu einem Verlust dieser Vielfalt führen." Der Schuhplattler würde siegen, der Tango Deutschland verlassen. Afrikanisch inspirierte Trommelkurse würden verboten, der Jazz müsste zurück in den Untergrund.

Das Publikum ist den beiden Spaßvögeln auf ernster Mission dankbar für die Warnungen. "Viele verstehen wahrscheinlich gar nicht, wie wichtig die EU für jeden einzelnen von uns ist, auch weil man das im normalen Leben vielleicht gar nicht so spürt", schreibt einer, bei dem die Botschaft angekommen ist.  Er wird seine akute Angst vor der Apokalypse hoffentlich in ein Kreuz an der richtigen Stelle verwandeln.

5 Kommentare:

Spaziergänger hat gesagt…

Man nennt das eine Utopie.

Anonym hat gesagt…

Fürtrefflich, oh Blogwart, wie meistens - nur, was wird es nützen. Die von interessierter Seite
systematisch und in schlauer Weise geförderte natürliche, gegebene Blödheit der Masse dürfte nicht mehr zu korrigieren sein. (Will sagen, die zu leidlicher Vernunft zu NÖTIGEN - von eigentlichem Begreifen kann die Rede nicht sein.)
Was Ananas, auf PIPI schwärmen sie gerade von den Niederlanden - na endlich, der große Umschwung ist da! --- Auf den Rausch wird der Kater folgen ...

Anonym hat gesagt…

Unsereiner hat ja keine Vorurteile, absolut null, und hat 2013 zur ersten Folge von Zirkus Halligalli mit Joko & Klaas brav den Sender draufgemacht. Man hat ja früher Ferngesehen, wissen sie. Und der Opener, der erste Sketch, der den Tonfall setzen, das Publikum abholen und fesseln sollte, war witzlos und oberscheiße nachgespieltes Clockwork Orange, worauf ich von den zwei Vögeln nie wieder hören und sehen wollte.

Anonym hat gesagt…

Auf die Absonderungen des GröWatz Habeck zum Attentat kam seitens der "AfD" - gar nichts. Vielleicht ist das ja auch der Sinn der Übung: Aber jetzt können die Brüder mich endgültig.
Es heißt ja, noch die mieseste Opposition wäre besser als gar keine solche - aber das ist überhaupt keine Opposition, weder mies noch gut - es ist einfach Dreck.

ppq hat gesagt…

es ist alles nur zur unterhaltung gemacht. und wer will, kann sich davon erziehen lassen