Mittwoch, 21. Januar 2026

Europas Konfetti-Bazooka: Gigant mit eingekiffenem Schwanz

Martin Schulz Miosga, Trump Zölle EU, Grönland Trump, Friedrich Merz Trump, Ursula von der Leyen Grönland, EU Gegenmaßnahmen Trump,
Er als "wir Europäer": Weil sich kein aktueller Politiker den Mund verbrennen wollte, durfte der frühere SPD-Gottkanzler Martin Schulz mal wieder ins Fernsehen.

Die Aufregung ist mit Händen zugreifen. Was soll man nur tun? Was soll man nur lassen? Oder lieber nicht. Eine Angst geht um in Europa, die Angst vor Konsequenzen. Heute nun kommt Vati heim und keiner weiß, ob das Kinderzimmer aufgeräumt genug ist, was er zu dem Schaden in der Küche sagen wird und ob es wieder verbale Schläge gibt. Im vergangenen Jahr ging die große Schimpfe letztlich ja doch vorbei. Vati schien besänftigt, nachdem ihm alle Opfer gebracht und den rituellen Hofknicks entboten hatten.

Vom Hofknicks zum Erschrecken 

Es hätte gut so bleiben können. Für alle wäre es das Beste gewesen, für Europa sowieso, denn wie der deutsche Bundeskanzler auch jetzt wieder betont hat, zahlen höhere Zölle nie die Firmen der Länder, die damit belegt werden. Sondern immer die Bürgerinnen und Bürger des Landes, das sie erhebt. Jede Zollschranke ist eine Geldbuße für den Heimatmarkt. 

Jede "geschlossene und deutliche Antwort Europas", wie sie der sozialdemokratische Vizekanzler Lars Klingbeil ankündigt, droht als Wirkungstreffer im eigenen Solarplexus zu landen. Selbst Klingbeil weiß das. Man "bereite Gegenmaßnahmen vor", ließ er wissen, denn "die Grenze ist erreicht".

Erreicht, aber offenkundig aus Berliner Sicht nicht überschritten. Europas Gemeinsamkeit im Kampf gegen Trump ist von großer Vielfalt. Nach der Strafdrohung aus Washington wegen der hastigen Erkundungsmission von im Nordmeer, ob Grönland überhaupt noch da ist, haben die sechs unmittelbar betroffenen EU-Staaten eine gemeinsame Verteidigungsschrift in die USA geschickt, gemeinsam mit den von Donald Trump ebenfalls kritisierten Regierungen von Norwegen und Großbritannien. Die 21 nicht in die Arktis-Expedition involvierten EU-Partner hingegen schweigen fein still. Niemand hat die Absicht, selbst auch noch ins Visier des US-Präsidenten zu rücken.

Angst vor dem Mann im Weißen Haus 

Es war der vor dem Abschied stehende französische Präsident Emmanuel Macron, der sofort zu den Waffen rief, um Grönland als traditionell europäischen Besitz in Nordamerika zu verteidigen. Dänemark, die Kolonialmacht, die seit 300 Jahren über die größte Insel der Welt herrscht, schlug eine NATO-Mission vor, um Grönland den Händen der Amerikaner zu entwinden. Doch auch 48 Stunden später hatte sich noch kein Partnerstaat freiwillig gemeldet, um mitzutun bei der Verteidigung der Arktis gegen Russen, Chinesen und Amerikaner.

Viel geht Holterdiepolter in diesen spannenden Stunden vor dem Showdown, der beim Weltwirtschaftsgipfel in der neutralen Schweiz erwartet wird. Macron, selbst noch ein Jahr Herr eines eigenen weltumspannenden Kolonialreiches, sieht sich in der Tradition Napoleon und de Gaulles. Kein Präsident der Grande Nation beugt das Knie vor einem kulturlosen Amerikaner. Friedrich Merz dagegen fürchtet um das zarte Pflänzchen Aufschwung, das seine Statistiker zuletzt mit spitzem Stift herbeigerechnet haben.

Trump wars 

Günstig wäre, wenn Donald Trump verantwortlich gemacht werden könnte für weiteren Wohlstandsverfall, eine noch kaputtere Infrastruktur und  deutlich längere Arbeitszeiten für die, die noch Arbeit haben. Aber kann man sich darauf verlassen, dass alle Medien in dieses Horn blasen? So lange eine Wahrheitszertifizierung, wie sie der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Daniel Günther für unumgänglich hält, nicht flächendeckend durchgesetzt worden ist? 

Macron will die "Handels-Bazooka" gegen die USA einsetzen. Er wiederholt damit eine Forderung nach Abschottung des europäischen Marktes zum "Schutz der Industrie", die er bei jeder Gelegenheit aufmacht. Die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, Architektin des großen Zolldeals mit den USA, der Europa immerhin dieselben Einfuhrkonditionen bescherte wie dem Taliban.-Regime in Afghanistan, steht neben ihm, unbeachtet, aber bereit zur Betonung der Solidarität mit Grönland. Die frühere deutsche Verteidigungsministerin könnte ein Heer von Bürokraten entsenden, das jeden Eroberer abschreckt.

Aber sie tut es nicht 

Aber sie tut es nicht. "Zusammen stehen wir fest zu unserem Engagement, die Souveränität Grönlands und des Königreichs Dänemark zu wahren", schrieb sie, ohne genauer zu werden. Wer ist wir?  Wie weit geht die Souveränität Grönlands im Bezug auf Dänemark? was hat die EU üebrhaupt mit der Insel zu tun, die nicht zur EU gehört? Und wie werden "wir unsere strategischen, wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Interessen schützen", wenn selbst die EU-Vorsitzende ihre Durchhalteparolen  über die amerikanische Plattform X verbreiten muss?

Die verbalen Donnerwolken entladen sich über den angeschlossenen Rundfunk- und Fernsehanstalten. Sie füllen die Spalten der Magazine und Tageszeitungen. Sie haben die leidenschaftliche Debatte um das Böllerverbot, die Hungerrenten, die Brandmauer und das Stadtbild in einer Geschwindigkeit verdrängt, dass nicht einmal mehr hauptberufliche Beobachter des laufenden Untergangs noch sagen könnten, worum es beim Striet um die Nutzung des russischen Vermögens für die Ukraine,  dem Tabubruch neuer EU-Gemeinschaftsschulden und das Verbot des Verbrennerverbots im Rahmen der Rückabwicklung des Green Deal ging. 

Das Europa der vielen Geschwindigkeiten 

Im Europa der vielen, vielen Geschwindigkeiten regiert angesichts der neuen Bedrohung nicht nur die brusttrommelnde Siegeszuversicht des Franzosen Macron, sondern auch die geduckte Gewissheit, dass Deutschland noch nie gewonnen hat, wenn es gegen Amerika antrat. Lohnt sich ein Handelskrieg mit den Vereinigten Staaten wirklich?  

Waren nicht alle im vergangenen Jahr grundlos glücklich, als es nach Monaten halbgarer Drohungen, nach Whisky- und Motorradzöllen und dem Aufstieg Oldenburger Lehrer zu globalen Handelsexperten endlich gelungen war, Trump so weit zu besänftigen, dass er die künftige Zahlung hoher Tribute huldvoll annahm?

Friedrich Merz hat mit Blick auf seine für heute erhoffte Audienz bei Trump von Anfang an darauf verzichtet, zu den Waffen zu rufen. In Richtung EU, die angesichts der tiefen Spaltung zwischen den Grönland-solidarischen Mitgliedsstaaten und denen, die sich heraushalten aus dem neuen Streit um ihre Bedeutung bangt, hat der CDU-Vorsitzende darauf hingewiesen, "dass die geplanten Zölle vor allem die USA selbst treffen würden". Ein Wink mit dem Zaunpfahl, weil Gegenzölle der EU denselben Effekt in gemeinsamen Markt hätten.  

Angriff aus einer schwachen Stellung 

Sein Vizekanzler, neu im Amt, neu im internationalen Geschäft und neu in seinem neuen Metier, teilt die Bedenken, aus einer denkbar schwachen Stellung zum Sturm anzutreten. Lars Klingbeil startete gleich als Bettvorleger in die Eskalationsspirale um den wirrsten Vergeltungsvorschlag. Während die grünen Spitze mit Blick auf die leeren Gasspeicher vorschlug, Deutschland solle nun auch seine Importe von fossilen Energieträgern aus den USA sofort beenden, sprach der SPD-Vorsitzende vom "Vorbereiten von Gegenmaßnahmen". 

Das ist eine Diszipin, auf die sich die Europäische Gemeinschaft wie keine andere Staatengruppierung weltweit versteht. Im Zollkrieg 2025 gelang es ihr, die vielen vorbereiteten und fast schon scharfgeschalteten Abwehrmaßnahmen gegen Trump niemals in Kraft zu setzen. Sondern  immer "weitere Gegenmaßnahmen" vorzureiten, "damit wir bestens gerüstet sind", wie die Kommissionspräsidentin über Monate hinweg drohte.

Europa sei stark, tönt es überall, so stark, dass es selbst gar nicht davon wisse. Es müsse jetzt standhaft bleiben, raten ihm Feinde im Inneren. "Die EU muss ihre Wirtschaftsmacht zur Waffe machen", glauben sie bei der "Zeit" in Hamburg. Zur Not müsse Amerika in Zukunft allein sehen, wie es klarkomme. 

Vollständig abhängig 

Allen ist dabei klar, dass Brüssel reagieren muss, aber nicht reagieren kann. Das moderne Europa ist vollständig abhängig von der Gnade der Vereinigten Staaten. "Wir sind ihm scheißegal", erkennt Kurt Kister in der SZ, was die Spatzen seit Monaten von den Dächern pfeifen. Alle Software diesseits des Atlantik ist amerikanisch, selbst die chinesische Hardware, auf die Europa setzt, läuft nicht ohne den guten Willen Washingtons. Mit dem neuen "Zollhammer" (Tagesschau) zielt Donald Trump zudem auf die fragile innere Einheit der über fast jede wichtige Frage tief zerstrittenen Union. 

Nur sechs EU-Staaten sollen den Grönland-Zoll zahlen. Die übrigen werden verschont. Doch Handelspolitik ist den europäischen Verträgen zufolge Sache der EU-Kommission, die nach außen für alle 27 Mitgliedsländer spricht. Was aber soll sie nun sagen? Soll die die Interessen der sechs betroffenen Staaten vertreten? Oder die der 21, die sich am Gröndland-Abenteuer nicht beteiligt haben? 

Der Anschein der Entschlossenheit täuscht. Das "große Arsenal von möglichen Vergeltungsmaßnahmen", über das die EU eigenen Angaben nach verfügt, ist mehr Konfettikanone als schweres Geschütz. Wie der Name schon sagt: Wer das mächtigste Land der Welt, nebenher auch noch die größte Wirtschaftsmacht des Planeten, mit einer Bazooka angreifen will, wäre von allen guten Geistern verlassen. 

Maulsoldaten rufen zur Attacke 

Entsprechend sind es auch nur die Maulsoldaten, die zur Attacke blasen. Die Linke und die Grünen  fordern eine "schmerzhafte Gegenreaktion". Deutschland solle den USA deren Militärstandorte "nicht mehr kostenfrei zur Verfügung stellen", schlägt der linke Bundesgeschäftsführer Janis Ehling vor. Der Mann ist studierter Philosoph, seine berufliche Lebenserfahrung beschränkt sich auf kein ganzes Jahr als Bauhelfer. Würde Washington die deutschen Rechnungen für die Ramstein-Nutzung nicht zahlen, würde Ehling einen Gerichtsvollzieher schicken.

So einfach ist die Welt auch für die grüne Fraktionschefin Katharina Dröge. Die ist für "die klare Antwort an Trump, dass die EU auf Zollandrohungen mit Gegenzöllen antworten wird". Einer Studie zufolge tragen die Verbraucher in den USA die Trump-Zölle fast vollständig selbst. Das ist es, was auch Dröge für die europäischen Verbraucher plant. Ihre Vor-Vorgängerin Annalena Baerbock warnte Trump vor einem "absoluten Schuss ins eigene wirtschaftliche Knie". Die USA seien "heftigst verschuldet, haben also ein absolutes Interesse daran, weiteren Handel zu treiben", so Baerbock.

Von den Fesseln befreien 

Die EU stehe in der Auseinandersetzung mit Trump nicht so blank da, wie oft behauptet werde. "Gerade den amerikanischen Tech-Giganten könnte sie viel Schaden zufügen", schwelgt das frühere Nachrichtenmagazin "Der Spiegel", das auf seiner mit der US-Software Statamic gebauten Internetseite ein halbes Dutzend US-Dienste eingebunden hat. 

Sepp Müller, ein aufgehender CDU-Star, ist nicht weit weg von seinen grünen und linken Kollegen. "Europa ist frei, Deutschland ist frei!", tönt der  stellvertretende Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, der bei X findet, es sei "Zeit, uns von Amerikas 🇺🇸 Fesseln zu befreien!" Wie Dröge und Brandtner will Müller "mit Digitalsteuer & Importstopps für US-Produkte schnell ein Zeichen!" setzen. 

Selbst Schulz ist wieder da 

Russland, das die EU seit fast vier Jahren allerlei Zeichen und Signalen in die Knie zwingt, steht beispielhaft für diese Strategie, der auch der traurige Ex-SPD-Gottkanzler Martin Schulz das Wort redet. Der nach der schlimmen wahlniederlage von 2017 aussortierte und auf den Posten des Vorsitzenden der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung abgeschobene 70-Jährige konnte sein Glück kaum fassen, als er gebeten wurde, wie früher so oft bei einem der großen Fernsehgerichte aufzutreten. 

Dass er nur geladen worden war, weil sich vor dem Treffen in Davos kein aktueller Politiker den Mund verbrennen wollte, störte den Politrentner, der so gern Außenminister geworden wäre, kein bisschen. "Es fällt mir schwer, das als einen Rechtsstaat zu betrachten", poltert er bei Miosga über den "erratischen, zwielichtigen, würdelosen, schändlichen" US-Präsidenten. Auch Schulz glaubt, "die Europäische Union hat auch schon Gegenmöglichkeiten". Er nennt sie aber vorsichtshalber nicht. "Wir als Europäer müssen parallel uns aber auch wirtschaftlich, militärisch, energiepolitisch und auch kulturell von den USA abgrenzen". 

Nein, dass bei seinem Besuch damals in Washington niemand "Martin" gerufen hat, wird er den Amerikaner niemals verzeihen. 


Keine Kommentare: