Samstag, 15. August 2026

Ritterschlag für Ulli: Das gefährlichste Magazin Deutschlands

Mit der Ernennung zum "gefährlichsten Mann Deutschlands" durch den "Spiegel" hat Ulrich Siegmund gute Chancen, noch viel mehr Wählerinnen und Wähler davon zu überzeugen, dass er der einzig Richtige ist.

Gerade Deutschland hatte schon einige gefährliche Männer, böse und schädlich. Nicht alle sind zu Lebzeiten so genannt worden, nicht alle waren Deutsche, viele aber doch. Deutschlands gefährlichster Mann war lange Jahre der Bankräuber und Polizistenmörder Norman Volker Franz, er folgte direkt auf Hermann Göring, den den Titel "Deutschlands gefährlichster Mann"vom nach Schweden geflüchteten Schriftsteller Kurt Deutsch verliehen bekommen hatte. Nach ihm kam nur noch Björn Höcke, der sich allerdings mit dem Label "gefährlich" bescheiden musste.

Ein Schwiegermuttertraum 

Dann kam Ulrich Siegmund, der Spitzenkandidat der vom Bundesamt für Verfassungsschutz zeitweise in Gänze aus "gesichert rechtsextremistisch" einsortierten AfD. Ein Hitler als Schwiegermuttertraum, lächelnd, charmant und verbindlich. Keine Reißzähne zu sehen, kein Flüchtlingsblut am weißen Hemd. Siegmund verkörpert den Alptraum all derer, die sich bislang darauf verlassen konnten, dass den Blauen an einem Sympathieträger fehlt. Gauland war alt. Petry und Weidel kalt. Chrupalla ein Handwerker, dem niemand Staatskunst zutraut. Höcke, dem Gymnasiallehrer aus Hessen, waren die üblen Absichten förmlich anzusehen.

Siegmund aber fliegen die Herzen der Missbrauchten zu, seit er begonnen hat, im Wahlkampf über die Dörfer zu ziehen. Während sein Konkurrent Sven Schulze als Biedermeier der Macht Mühe hat,  Hinterzimmer zu füllen, hält der 35-Jährige auf den Marktplätzen Hof. Siegmund gibt Autogramme. Siegmund steht stundenlang bereit, seinen Fans für gemeinsame Selfies Model zu stehen. "Der 35-Jährige unterschreibt auf T-Shirts, auf denen sein Gesicht prangt", haben die Spiegel-Reporter ermittelt. Und auch: Siegmund sei dabei "gut gelaunt, mit Seitenscheitel". 

Angst um die eigene Parteispitze 

Seitenscheitel meint natürlich: Wie Hitler. Das warnt subkutan. So sind sie, die Ossis mit ihren Zwischentönen, DDR-Codes, Geheimsprache. Dabei spricht Mann aus der Altmark, aus der schon Bismarck kam, Klartext, wenn auch verbindlich. Das mit der Remigration, das sei ernst gemeint. Auch der Ersatz der allgemeinen Schulpflicht durch eine Bildungspflicht. Ja, Gendern werde Behörden verboten und der öffentlich-rechtliche Rundfunk zurückgeschnitten.

Er lächelt je strahlender, je härter er angegriffen wird. Er ist, so hat es das frühere Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" jetzt per Titelbild verkündet, "Der gefährlichste Mann Deutschlands", denn "hinter ihm steht ein rechtsextremes Netzwerk und Personal, das selbst der eigenen Parteispitze Angst macht" (Spiegel). Es ist das erste Mal, dass sich die Redaktion in Hamburg ernstliche Sorgen um die "politische Brandstifterin" Alice Weidel und den "Ostdeutschen" Tino Chrupalla macht.

Der Duft der Rebellion 

Und noch mehr all denen, die das alles einfach nicht verstehen. Ein kann ein amtlich als "Rechtsextremist" eingeordneter ehemaliger Duftstoffhändler auf Umfragezahlen von 42 oder sogar 43 Prozent kommen? Wieso verpufft jeder Versuch, ihm die Maske vom Gesicht zu reißen, im blauen Dunst der Mopedschwärme, mit denen er inmitten seiner Anhänger Triumphfahrten durch den ländlichen Raum vollführt?  Warum haben 15 Jahre Brandmauer, Kampf gegen rechts und mediale Schelte nicht nur nichts gebracht, sondern das ganze Gegenteil des Erhofften erreicht?

Die Nazis stehen zur Brandmauer 

Inzwischen sind es die Nazis, die an der Brandmauer festhalten. Während CDU-Spitzenkandidat Sven Schulze betont, er benutze das Wort nicht. Er habe nicht vor, "mit der AfD hier zusammenzuarbeiten", hat er in der MDR-Wahlarena eine elastische neue Verteidigungslinie gezogen. Meinte er hier im Fernsehstudio? Meinte er mit der AfD?  

Aufgeregt, mit einem echten Faschisten mit Womanizercharme dieselbe Luft atmen zu müssen, vergaß die grüne Spitzenkandidatin Susan Sziborra-Seidlitz im MDR-Studio glatt die Grundrechenarten. Sachsen-Anhalt sei "voll mit wunderbaren Menschen", lobte sie "und all diese Menschen sind die Zivilgesellschaft in diesem Land". Sämtlichst machten sie sich aber im Moment Sorgen, "weil sie Angst haben vor einer AfD-Regierung". Die über 40 Prozent der wunderbaren Menschen, die das ganz offensichtlich wenig ängstigt, ließ Sziborra-Seidlitz weg. Oder war auch das schon eine ausgestreckte Hand nach rechts?

Der Jörg Haider der AfD 

Ulrich Siegmund, den nach "Spiegel"-Recherchen "alle nur Uli" nennen, ist es egal. Der Jörg Haider der AfD, ein telegener Typ, wie ihn die CDU zuletzt in Person des später über eine Doktorarbeit gestolperten Karl-Theodor zu Guttenberg hatte, will angesichts der Lage die ganze Macht. "Alleinregierung", sagt Ulrich Siegmund, etwas anderes komme für ihn gar nicht infrage. 45 Prozent der Stimmen bräuchte er dazu, in ganzen Zahlen wären das bei einer Wahlbeteiligung von 60 Prozent wie bei der letzten Landtagswahl etwa 32.000 Stimmen.

Höher ist sie nicht mehr, die Brandmauer im Armenhaus der Republik. Folglich beschlossen sie im Hamburger "Spiegel"-Hochhaus parallel zum Eingreifen des früheren SPD-Gesundheitsministers Karl Lauterbach gezielt aktiv zu werden. Das Titelbild mit dem "gefährlichste Mann Deutschlands" bleibt dabei verglichen mit früheren Alarm-Covern betont sachlich: Siegmund wird einem kleinen Passfoto vorgestellt, stilistisch orientiert an den "Mugshots", die schon Donald Trumps Wahlkampf beflügelten. Dazu gibt es keine flammende Frage wie "Schamlos gegen harmlos - Schafft Joe Biden das?" und kein Versprechen, "das wahre Gesicht" (Spiegel) des Delinquenten zu enthüllen.

Das, wonach es aussieht 

Es ist einfach nur Werbung, stylisch wie die, die Benetton einst von der Modemarke zur weltweit führende  Adresse für Provokation machte. Lange schon geben sich die etablierten Parteien und sämtliche angeschlossenen Abspielanstalten alle Mühe, der AfD den Weg zur Macht zu ebnen. "Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du", hat Gandhi einmal gesagt und wenn es nach dem "Spiegel" geht, wird es genau so kommen: Der "gefährliche Verführer" (Spiegel), der Siegmund auch noch ist, könnte bald Sachsen-Anhalt regieren.

Das ist, von Hamburg aus betrachtet, schlimmer als jeder CSD-Anschlag, schrecklicher als russische Drohnenangriffe und Donalds Trumps Kündigung der transatlantischen Freundschaft. Die Hitzeopfer, die aktuellen Wortmeldungen zufolge Friedrich Merz auf dem Gewissen hat, weil er keinen Wärmegipfel abhält, schrumpfen zu Kollateralschäden. 

Junge Männer, junge Frauen 

Hier auf dem Marktplatz von Raguhn-Jeßnitz, auf den nicht nur "junge Männer auf wendigen Mopeds, alte Männer auf großen Maschinen, Paare, junge Frauen, die sich an ihre Männer klammern, Kinder mit großen Augen" (Spiegel) gekommen sind, sondern auch gleich drei Spiegel-Reporter, geht es um alles. Das Motto, denen keine Plattform zu geben, gilt nicht mehr. Schon "kollabiert eine Person am Straßenrand kollabieren, wahrscheinlich wegen der Hitze". Schon tritt "ein Biker mit ärmelloser Lederjacke tritt an Siegmund heran". Schon läuft Siegmund zu seinem Moped.

Die Luft hier im Osten ist schon drei Wochen vor dem Wahltag wieder "schwer von Hitze und Auspuffqualm", die Festwiese vom Klimawandel "gelb ausgetrocknet". Eine Mahnung eigentlich, die Grünen zu wählen. Doch trotzig besteigen die als "Menschen" bezeichneten Anwesenden "Schwalben, elegante Mopeds mit geschwungenem Blech, zwischen 1964 und 1986 im thüringischem Suhl gebaut, Marke Simson". 400 Fahrzeuge zählt das Reporterteam. Alles Verbrenner So isser, der Ossi. 

Vornweg fährt "der Schwalbenführer" (Spiegel). So viel Spaß muss sein, auch wenn  die Lage bitterernst ist. Erstmals seit 1945 könnte ein Rechtsextremist wieder regieren. Es wäre ein historischer Wendepunkt, auf den sie alle lange hingearbeitet haben. 13 Jahre Begleitmusik zur Radikalisierung einer Partei, die schon unter dem braven Professor Bernd Lucke das Label "rechtsextrem" aufgeklebt bekam.  Danach Frauke Petry, vom "Spiegel" vor zehn Jahren als hasspredigende Widergängerin der Riefenstahlschen Arierfrau porträtiert. Dann Höcke, Weidel, die "Landesverräter", die "Stürmer" und die "extreme Verlockung". 

Jedes Titelblatt war ein Geschenk 

Für die AfD war jedes Titelblatt wie jede Enthüllungsstory ein Segen. 2013 stand die Partei in Umfragen zwischen drei und fünf Prozent, heute sind es 28. Der "Spiegel" verkaufte damals noch rund 930.000 Exemplare. Heute sind es nur noch 630.000. 700 Prozent plus hier, 33 Prozent minus dort. Und es ist noch lange nicht vorbei: Auch die Geschichte des "gefährlichsten Mannes Deutschlands" wird im osten kein Blatt Papier mehr verkaufen. Verspricht aber, der AfD weitere Wähler zuzutreiben. 

Für die aus dem demokratisierten Teil Deutschlands in die Steppe bei Jeßnitz geeilten Reporter, allesamt gut ausgebildet bei Taz, Zeit, der nach einem früheren SS-Offizier benannten Henri-Nannen-Schule und beim WDR, ist es ein Rätsel. Vorsichtig nähern sie sich Siegmunds Gefolge an: "Da sind die Alten", heißt es, einer überhole "auf einer braunen Schwalbe". Natürlich. Dann sind da die Jungen: "kaum erwachsene Männer, mit weichen Gesichtern, aus Orten, aus denen viele junge Frauen verschwunden sind". Die jungen Frauen, die sich eben noch an ihre Männer klammerten, sind jetzt offenbar auch weg.

Lob aus berufenem Reportermund 

Wie die Brandmauer der Kritik. Anerkennend lobt das Reporterkollektiv Siegmunds "enormes Namensgedächtnis". Und es wird noch schlimmer, als es heißt, das "ist wohl eines seiner größten politischen Talente, Menschen das Gefühl zu geben, dass er sie sieht". Worin die anderen großen und größten politischen Talende liegen, wird noch nicht verraten. Aber die Nachricht, dass Ulrich Siegmund offenbar über eine ganze Reihe davon verfügt, ist schon ein Ritterschlag.

So etwas gab es für die AfD vorher nie. Darstellungen der Führungsfiguren der Partei wurden holzschnittartig gehalten, es ging stets darum, das Personal hämisch zu karikieren oder ihm raunend böse Absichten zu unterstellen. Unter Viertes Reich ging nichts, die Zerstörung der Demokratie, Remigration aller, die nicht Müller heißen, und das Wegsperren politischer Gegner galt als 100-Tage-Plan bis zur Übergabe des ganzen Landes an Elon Musk oder Putin, je nachdem, wen man las.

Der "immer lächelnde Ulli" 

Jetzt bedroht der "immer lächelnde Ulli" die liberale Demokratie – und nicht nur in Sven Schulzes Union, sondern auch bei Medien wie dem "Spiegel" würde der Abwehrkampf nur noch geführt wie ein Scheingefecht. Alles wartet auf eine wertige Enthüllung über den "Kleinstadtmenschen", irgendwas Griffiges, Düsteres. Man klappere alle seine früheren bekannten Freunde und Verwante ab, hatte Siegmund selbst bekanntgegeben. Und jetzt kommt raus, dass seine Kindheit "wohlbehütet, sicher" war und seine Eltern ihm früh  beibrachten: "Dass nichts vom Himmel fällt. Und ein gewisses Unrechtsradar. Dass man nicht alles glauben soll, was sie einem erzählen."

Der "Spiegel" nennt das inzwischen tatsächlich "Tugenden".


3 Kommentare:

Die Anmerkung hat gesagt…

>> Während sein Konkurrent Sven Schulze als Biedermeier der Macht Mühe hat, Hinterzimmer zu füllen

Für einen Wahlsieg reicht das hierzulande allemal. Mehr Mühe muß man sich nicht geben. Hätte der Spiegel recherchiert und publiziert, was derzeit in genau diesen Hinterzimmern zusammengezimmert wird, die Redaktion wäre vom Glauben abgefallen. Noch ist nicht aller Dreck geworfen.

>> "Schwalben ...

Da hätte man ruhig erähnen dürfen, daß sie die einzigen Moppets sind, die mit 60 km/h über die Landstraßen brettern dürfen, um mit dem Zweitakter am Anschlag den Klimaschutz zu unterfahren. Unterlaufen geht ja nicht bei 60 km/h.

Der Paetow war ebenfalls amüsant und somit lesenswert.

Die Anmerkung hat gesagt…

Es sei noch erwähnt, das w habe ich oben unterschlagen:

Jason Arday, früherer Professor an der renommierten Universität Cambridge, ist tot. Der 41-jährige sei an einer Adresse im Süden Londons ohne Lebenszeichen entdeckt und von Rettungskräften für tot erklärt worden ...

Seine Familie erhebt schwere Vorwürfe.

Anonym hat gesagt…

Es geht dem Drecksblatt weniger darum, den Schwalbefahrer den anderen Schwalbefahrern madig zu machen, sondern ihn als Ziel für die Schläger der Altpartei-NGOs zu markieren.

PS Natürlich dürfen alle Moppeds vor Stichtag irgendwann nach der Vereinigung 60 fahren. Also alles ab Star und, klar, Schwalbe.

PPS >Seine Familie erhebt schwere Vorwürfe

Vermutlich nicht gegen alle die, die den pathologischen Lügner gegen besseres Wissen zum Professor hochgejubelt haben