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| Der mutmaßlich aus Ostdeutschland stammende Klempnermeister Lutz stellte unseren Autor vor schwere moralische Fragen. |
Es begann mit einem leisen Tropfen. Dann wurde es ein Rinnsal, schließlich ein kleiner See unter der Spüle. Es war Samstagabend und allein schon das penetrante Tropfen nervte mich. Gut, nur so lange ich mich im Badezimmer aufhielt. Aber mir reicht das. Ich legte erste einen Lappen auf den Badewannenrand. Für einen Moment hörte das Plopp-Plopp-Plopp wirklich auf. Ich war aber noch nicht aus der Tür, da fing es schon wieder an.
Sie kennen das vielleicht. Man es hört es sogar tropfen, wenn man es faktisch nicht hören kann, weil man zu weit ist, die Tür und so weiter. Es ist ein Hören nach Gefühl, ein leider quälendes Gefühl. Wie die chinesische Wasserfolter ohne Wasser. Hatten Sie schon mal den Traum, in dem man in dem einen Zimmer sitzt und weiß, dass es im Nachbarraum durch ein offenes Fenster reinregnet? Und man schafft es nicht, aufzustehen, weil man in diesem Traum festklebt?
Chinesische Wasserfolter
Ich habe dann nach der Zange gekramt. Franzose, Engländer irgendwas. Jedenfalls eine, mit der man an Rohren schrauben kann. Ich weiß, ich habe sowas, obwohl ich nicht damit umgehen kann. Aber also Charlotta mir damals zum 45. einen Werkzeugkasten geschenkt hat, war da natürlich auch eine Rohrzange dabei, roter Griff, ich erinnere mich noch genau. Charlotta ist ja nun nicht mehr da. Aber das Ding habe ich doch gefunden.
Nützte nur nichts. Ob's daran liegt, dass ich zwei linke Hände habe. Oder daran, dass ich einfach nicht vom Fach bin. Wie ein Schluck Wasser hing ich an der Zange, Sie können gern auch sagen wie ein Abteilungsleiter vom "Tagesblatt", denn letztlich bin ich ja genau das. Kulturressort, neuerdings nennen wir uns allerdings haupstadtmäßig "Leben und Lieben". Kurz und gut, nach einer halben Stunde Gewürge stand ich mit nassen Socken in der Pfütze und dachte: Verdammt, genau jetzt. Genau an dem Tag, an dem ich mich an den Text über "Demokratie als Haltung" setzen wollte.
Eimer drunter, Vermieter anrufen
Wenn Sie zur Miete wohnen, lachen jetzt höchstens, ich weiß. Eimer drunter, Vermieter anrufen. So war das bei uns früher auch. Charlotta hatte dann allerdings die schöne Idee, dass wir die Wohnung hier in dem hübschen Gründerzeithaus im Prenzelberg kaufen. Finanzmäßig war das anfangs wirklich kein Pappenstiel. Wir haben gut verdient, schon. Aber da war auch ein Brocken Kredit zu stemmen. Lange Rede, kurzer Sinn. Es war dann unsers. Und nach der Trennung habe ich Charlotta ausgezahlt, weil sie nach Süddeutschland zurückwollte. Das ging dann schon, denn als Ressortchef mit Personalverantwortung bezahlen sie einen beim Steinbrinck-Verlag schon recht ordentlich.
Heißt also, es gibt da keinen Vermieter, der das für einen erledigt. Man steht selbst da mit der ganzen Last. Und Serçül, der uns solche kleinen Handwerksarbeiten früher auf Zuruf erledigt hat, ist wieder nach Hause in die Türkei. Stellen Sie sich vor: Nach 42 Jahren! Obwohl er hier bei uns eingebürgert ist wie ein richtiger Deutscher! Weil er sich hier doch irgendwie nie angenommen gefühlt hat, wie er gesagt, als er das letzte Mal hier war, um das Balkonfenster auf der Südseite zu richten, das sich in der Hitze verzogen hatte.
Sieben vergebliche Anrufe
Seit dem haben wir nichts Festes mehr, keinen Haushandwerker wie früher, so ein Mädchen für alles. Will ja keiner mehr machen heutzutage. Immer auf dem Sprung, immer unsicher, ob man die Sachen gerichtet bekommt. Nach sieben Anrufen bei sieben Betrieben, die alle leider niemanden einsatzbereit hatten, hatte ich aber endlich einen. Lutz, hörbar kein Berliner, eher ostdeutsch, Klempnermeister mit eigener Firma, kurzangebunden, aber einsatzbereit. Einer dieser "Ja, Meister"-Typen, "kriegen wir hin, Meister". Ich hatte den Eindruck, der hört mir gar nicht richtig zu, als ich die tropfende Armatur beschrieb. Fotos wollte er auch nicht zugeschickt haben. Jedenfalls Termin gemacht, gleich am Nachmittag.
Und dann stand er da. Mitte fünfzig, freundlich Gesicht, graue Schläfen, blauer Overall, das Oberteil runterhängend. "Na, Meister, dann wollen wir mal gucken", diesen Satz lernen solche Leute ja wohl in der ersten Klasse auf der Klempnerschule. "Zweite Tür rechts", sagte ich. Er dann "hübsch hamses hier", das ist auf der Handwerkerschule in der zweiten Stunde dran soweit ich weiß. In der dritten kommt dann "Sie haben aber viele Bücher" oder "Menge Schallplatten bei Ihnen, Sie sammeln wohl?"
Aus Höflichkeit in der Badezimmertür
Lutz ersparte uns das. Während er an der Mischbatterie herumtastete, plauderten wir über die 77 Stufen zu uns rauf und dass er seinen Werkzeugkasten deshalb gleich mitgeschleppt hat. Aus Höflichkeit blieb ich in der Badezimmertür stehen und in vier Minuten hatte ich die Lebensgeschichte gehört. Früher mal Geselle in Plauen, dann eigene Firma in Gera, irgendwie Scheidung, Betriebsauflösung, "weil ich die Carmen auszahlen musste". Und dann ab nach Berlin, Neuanfang, aber nur noch mit einem kleinen Handwerksbetrieb. "Zwei Angestellte, mehr lohnt sich ja nicht wegen der Steuern und Abgaben und der ganzen verfluchten Bürokratie – Sie wissen schon."
Selbstverständlich. Unsereiner beim "Tagesblatt" mag in anderen Kreisen verkehren. Aber wir lesen ja auch Zeitung und gucken uns die politischen Talkshows an. Dass Leute wie Lutz immer klagen, weiß jeder. Das ist wie bei den Bauern, bei denen gehört das Jammern ja auch zum Berufsbild. Lutz stellte dann fest, dass er den Schaden wahrscheinlich nicht mit einer neuen Dichtung behoben bekommt. "Da brauchen wir eine neue Mischbatterie", sagte er, "die hier ist ja auch schon Gründerzeit." Ich sagte dann irgendwas von, nicht ganz, erst 35 Jahre, damals bei der Sanierung, als wie sagten, jetzt, wos unsers ist, können wirs auch schön machen."
Vesper statt Mittagessen
Lutz ist dann los zum Baumarkt, ich sagte noch, aber bitte was Villeroy & Boch und Einhebel. Stunde später war er wieder da, mit einem Lehrling. Ich hatte Kaffee gemacht, die beiden packten Tüten vom Bäcker aus. "Vesper muss", sagte Lutz, "in dem Job kommst Du nie zum Mittagessen". Ich blieb an der Küchenzeile stehen. Wer sich setzt, nimmt den Zeitdruck raus, das wollte ich nicht. Aber tu was gegen die Gemütlichkeit eines Handwerkers! Die beiden aßen. Dann wollten sie rauchen. Dann wurde Lehrling noch mal runtergeschickt, die Schwedenzange und zwei neue Kreuzstücke holen. Lutz verschwand, um den Hauptverteiler abzudrehen.
Ich glaube, das war der letzte Moment, in dem ich das Ganze noch mit belustigter Gelassenheit verfolgte. Denn kaum war Lutz zurück, nahm er seinen letzten Schluck Kaffee, nickt zufrieden und sagte "wer weiß, wie lange wir uns noch Kaffee leisten können". Ich nehme an, es war mein Fehler, aus reiner Höflichkeit ein "Warum" in den Raum zustellen. Denn daraufhin ging es los.
Der Kanzler eine Flachzange
Alles wird teurer. Die Regierung ist unfähig. Der Kanzler eine Flachzange im Dienst fremder Länder. Die SPD will Krieg, der Finanzminister 100 Prozent von allem als Steuer. Alles wird einem vorgeschrieben. Nichts darf man mehr sagen. "Ich wähl' schon seit der letzten Bundestagswahl AfD", sagt Lutz dann plötzlich, als ob er über das Wetter spräche. Mir blieb vor Schreck fast das Herz stehen. Mit halbem Ohr hörte ich nur, wie sich entschuldigen wollte. Jahrzehntelang habe er CDU gewählt, auch mal die SPD, "damals beim Schröder". Zwischendurch mal FDP. "Als ich die Firma hatte", sagte er als sei das eine Begründung, neoliberal zu wählen.
Man kennt ja diese Sprüche. Immer anders gewählt. Immer zuverlässig enttäuscht worden. Und "irgendwann, Meister, hat der brave Mann dann die Nase voll". Lutz äußerte die Meinung, es müsse sich endlich was ändern. Es könne doch so nicht weitergehen. "Das Land geht vor die Hunde, der Wohlstand war mal und kommt nicht wieder".
Einen Wimpernschlag lang schwummrig
Ich spürte direkt, wie sich etwas in meinem Nacken verhärtete. Einen Wimpernschlag lang wurde mir schwummrig und es schoss mir der Gedanke durch Kopf, dass womöglich alles vergebens gewesen sein könnte. All die Artikel, die die Kolleg*innen und ich geschrieben haben. Die Kolumnen, in denen wir warnten, die Interviews, in denen echte Demokraten zu Wort kamen und bestätigten, wie ernst die Lage ist. Das Vierte Reich vor der Tür. In manchem Bundesland 40 Prozent Neonazis und Faschisten, mehr als 33, wie ich erst wenige Tage zuvor in einem scharfen Kommentar zur Lage in Sachsen-Anhalt ausgeführt hatte.
Mir fiel mein großes Gespräch mit Nina Chuba wieder ein, in dem sie erstmals öffentlich erklärt hatte, dass mit Teilen ihrer ostdeutschen Familie brechen musste. Ich dachte an Leonie Plaar, die so mutig gewesen war, ihrem Vater vor aller Augen vorzuwerfen, eine ganz schlimme Partei zu unterstützen, um ihr neues Buch zu bewerben. Natürlich, die meisten Helden tragen kein Cape. Wie viele Brüche hat es in Familien gegeben, weil Verwandte nach rechts abgerutscht sind? Wie viele Menschen mussten den Kontakt zu Vätern, Brüdern, Schwestern und Onkels abbrechen haben, weil diese nicht davon abzubringen waren, die Blauen zu wählen?
So viele traurige Tränen
So viel menschliches Leid. So viele Tränen und zerstörte Beziehungen. Und alles wegen Weidel, Höcke und Siegmund, menschgewordenen Menetekeln, die Menschen verführen, verblenden und ihnen unerreichbare Dinge versprechen. Als Demokrat, Ressortleiter und Berliner überfiel mich die Konsequenz meiner Situation binnen weniger Sekunden. Kann ein Mann, der unabhängig und absolut überparteilich denkt, sich als intersektionalistischer Feminist vesteht und die bunte Berliner Vielfalt jederzeit der tumben, grauen Einfalt Ostdeutschland vorzieht, sich von einem AfD-Wähler das Wasserrohr flicken lassen?
Oder ist nicht gerade jetzt der Augenblick gekommen, Gesicht zu szeigen? Und dem Feind im bad die Tür zu weisen? Es war ein innerer Dialog, den ich führte, doch er war laut und klar. Lutz kniete so unübersehbar in meinem Bad, wie der blaue Elefant in jedem Talkshow-Studio zugegen ist. "Wenn du ihn jetzt wegschickst", flüsterte mein schwaches Ich, "bist du zwar konsequent, aber dumm, denn die Armatur wird weitertropfen." Man dürfe aber nicht nur reden und schreiben, forderte der starke, demokratsche Teil meines Charakters. Es heiße Haltung zeigen gerade dann, wenn es nicht einfach sei.
Die Brandmauer im Privaten
Eine Brandmauer im Privaten. Ein klarer Schnitt zwischen denen und uns. Für ist doch sicher: Wer die AfD wählt, macht sich gemein mit Rassisten und Faschisten. Und wer sich gemein macht, ist selbst ein Faschist und Rassist. Aber die Konsequenz, der Gedanke ließ sich nicht wegschieben, war eben denkbar hart. Wochenlang in einer Pfütze sitzen. nach einem anderen Experten suchen? Rufst du den nächsten an, der vielleicht genauso denkt, aber nicht gleich damit herausplatzt? Also besser von vornherein fragen, was er wählt? Oder lieber so tun, als gehe einen das gar nichts an?
Ich stand schockstarr. Lutz erzählte weiter. Von den Abgaben, die er abführt. Von den Formularen, die er ausfüllt, bevor er überhaupt ein Fitting drehen darf. Von dem Gefühl, dass niemand mehr zuhöre. "Früher hab ich gedacht, die in Berlin wissen, was sie tun. Heute denk ich: Die haben keine Ahnung von Leuten wie mir." Lutz erwähnte auch Ulrich Siegmund, meiner Mienung nach der gefährlichste Mann Deutschlands. "Der redet Klartext", lobte er, "deshalb bin ich auch in die Partei eingetreten."
Infiziert mit Morbus Siegmundus
Für mich war damit ein Punkt erreicht. Der Gedanke, dass mein Geld nutzt, um Parteibeitrag zu zahlen, ließ bittere Empörung in mir aufsteigen. Ich dachte an die vielen jungen Leute, die mit diesen Mopedausfahren verführt werden. An die Bilder von Frauen, die nach Selfies und Autogrammen anstehen, weil sie sich bei Tiktok mit Morbus Siegmundus infiziert haben. An die Gewissensnöte der Omas gegen rechts, die dem Enkel erklären müssen, warum das Kind der AfD-Eltern nicht zum Geburtstag eingeladen werden darf. Und an den Vereinsvorstand, der Leute aus der Kleingartensparte oder dem Sportklub werfen muss, weil sie für die AfD kandidieren, als sei es das Normalste von der Welt.
Ich gab mir noch einige Minuten. Ich wollte eine so wichtige Entscheidung nicht übers Knie brechen. Ich wollte mir meiner Haltung sicher sein und die richtigen Worte finden, um den Mann, der da auf meinem Badboden kniete, vielleicht ins Gewissen zu reden. Lutz redete weiter. Ich hörte zu. Ich sagte nichts, schüttelte aber entschieden Kopf angesichts der kruden Thesen, die der Handwerkernde absonderte wie trübes Gift aus Kreml-Kanälen. Die Arbeit ging ihm dabei leicht von der Hand. Also fachlich ein guter Mann, denn unsere gesellschaft gut brauchen kann.
Warum ich Gesicht zeigte
Dennoch. Lutz schraubte, dichtete und prüfte, ohne dass sich an meinem Entschluss etwas änderte. Ich bin ein Mensch mit Prinzipien und ich bin nicht bestechlich, nicht mit Geld, nicht mit guten Worten und auch nicht mit wichtigen Dienstleistungen. Nach einer Stunde war das Rohr dicht, die neue Mischbatterie angebaut. Die kleine Pfütze wischte der Azubis weg, der mir sehr leid tat. Was sollte bloß aus ihm werden, mit diesem Chef? Es war Zeit für mich, einen Schlussstrich zu ziehen. Lutz rieb sich die Hände mit einem Bündel Werg ab. Er sagte "Hammers doch, Meister".
Ich aber ließ mich nicht umstimmen von dieser angelernten Freundlichkeit. Mit einer Hand wies ich den beiden die Tür. Mit ganz schmalen Lippen danke ich förmlich. Und während Lutz noch sagte "Wenn wieder was ist – einfach anrufen", zeigte ich Ggesicht und schloss entschlossen die Tür. Minuten später fuhr der Transporter davon. Ich griff zum Handy und erstellte mit Lutz' Nummer einen neuen Kontakt: "Klempner Lutz, Vorsicht, AfD".
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3 Kommentare:
https://www1.wdr.de/fernsehen/west-art/sendungen/leonie-plaar-100.html
Leonie Plaar, das Musterexemplar, hat ein Buch geschrieben und spricht in einem erfreulich kurzen Clip über ihr hartes Schicksal.
Bei der Szene, in der sie Farbdrucke zum Trocknen auf die Leine hängt, kamen mir die Tränen.
Wo erscheint das Buch gleich nochmal? Goldstein-Verlag?
Vortrefflich, Meister! Das hätten b.traven, Gabriel Chevalier oder Hans Fallada nicht besser hinbekommen (schmeichel).
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