Montag, 28. September 2026

Die SPD-Kaderschmiede: In der Fabrik für gute Genossen

Der sogenannte "Gebetssaal" der Genossenfabrik. Hier lernen Nachwuchskader, endlose Stunden lang inhaltsfreien Reden zuzuhören.

 „Nicht die Politik verdirbt den Charakter.
Schlechte Charaktere verderben die Politik.“
Johannes Rau
 

Die Fassade des Schlosses wirkt finster und bedrohlich im Herbstregen. Dunkelgelblich wirken die Sandsteinquader, mit denen die Wände furniert wurden. Hoch oberhalb der Eingangstür, zwischen zwei von schmalen, schießschartenartigen Fenstern, prangt bescheiden ein Steinrelief, das das traditionelle Signet der deutschen Sozialdemokratie zeigt. Ein roter Quader, der die Quadratur des Kreises versinnbildlicht: Mit mehr Staat mehr Gerechtigkeit schaffen. 

Sozialismus durch die Hintertür 

Besucher wissen sofort: Hier geht es zum Sozialismus durch die Hintertür. Doch vom Vorplatz aus hat man einen grandiosen Blick über die vor dem Haus liegenden gepflegten Rasenflächen mit ihrem wogendem Baumbestand. In der Ferne, jenseits der hohen Zäune, flüstert ein Bach, der über kleine Steine und Felsen rauscht.

Hier sind sie alle schon gewesen, die Hoffnungsträger der SPD. Hierher delegiert die frühere Arbeiterpartei ihren Führungsnachwuchs, den sie in einem speziellen Milieu findet. Meist sind es sogenannte Politikstudierende, die schon vor dem Abitur in die Partei eingetreten sind, eifrig bemüht, ihren Weg zu machen. Während des Studiums finden sie dann Beschäftigung bei einem Abgeordneten. Sofort im Anschluss beginnt eine Wartezeit im Stadt- oder Ortschaftsrat. Ehe schließlich nach angemessener Wartezeit eine Karriere mit Partei- und politischen Wahlämtern startet.

Die Alleskönner 

Die neuen Nomenklaturkader kommen aus dem Parteiapparat, er zeugt sie und säugt sie, bis sie in die Ämter gelangen, von denen aus sie alles regieren können. Eine Behörde, ein Amt, eine Stadt, ein Bundesland, eine Partei, eine Fraktion, einen Staat. Woher aber haben die Auserwählten eigentlich ihre überragenden Fertigkeiten? Wie haben sie die Fähigkeit erworben, ohne jeden direkten Kontakt mit der Wirklichkeit auf einen so reichen Fundus an Lebenserfahrung zurückgreifen zu können, dass sie so krisenfest in jeder Lage sind? 

Ein Besuch in der Führungsakademie der sozialen Demokratie (FSD) oder auch Akademie für Soziale Demokratie wie die SPD ihre Parteischule selbst nennt, finden sie erfahrene Dozenten und Professoren, die ihnen im Rahmen eines Fellowship-Programms zeigen, wo Hammer und Sichel hängen. Neun Lernmodule werden hier geboten. Ziel der umfassenden Unterrichtungen ist es, die Führungskompetenz im Kontext der Organisations- und Kommunikationsstrukturen auszubauen und die Handlungsfähigkeit in komplexen sozialen Prozessen zu erhöhen.  

Mit den Besten vernetzen 

"In die SPD-Führungsakademie kommt, wer sich mit den Besten vernetzen, von den Klügsten lernen
und sich selbst langfristig positionieren will", wirbt die Sozialdemokratische Partei Deutschlands selbst für ihren einzigartigen "geschützten Lernraum für die Persönlichkeiten mit politischen Führungsaufgaben". Der hat seit seiner Gründung im Sommer 2007 eine Erfolgsgeschichte geschrieben. 

Allein bis 2020 besuchten 420 Persönlichkeiten die Bundesparteischule, 192 von ihnen waren Frauen,  228 Männer. 14 schafften  den Aufstieg bis in ein Ministeramt, 22 weitere übernahmen Ämter in Landesregierungen, 62 rückten auf verantwortungsvolle Plätze in Partei- und Fraktionsführungen auf Landes- und Bundesebene. 

Nachschub für die zweite Reihe 

Weitere 77 konnten zwar nicht in der ersten Reihe verwendet werden. Doch als Nr. 1 in ihrer Stadt oder ihrem Landkreis zeigen sie, dass das "Bündel personalentwickelnder Maßnahmen", mit denen ihre Partei ihnen auf die Sprünge half, nicht nur Spitzenpolitikerinnen und -politikern eine solide Grundausbildung bietet. Anke Rehlinger, die derzeit das Saarland leitet, war hier. Manuela Schwesig, Wahlsiegerin und letzte sozialistische Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, ebenso. Lars Klingbeil natürlich, der SPD-Parteichef. 

Die Weiterbildung ist innovativ, die Professionalisierung umfassend. Anwärter auf eine Ausbildung - hier "Fellows" genannt - bekommen methodische Handreichungen und die Anwendung kompetenzorientierter Methoden vermittelt. Der Einsatz in der Praxis ist kein Fremdwort und in Musterveranstaltungen wird der Umgang mit Wählerinnen und Wählern geübt. 

Lehrgänge in Händeschütteln 

Jeweils zwei Jahre dauert ein Ausbildungsprogramm inklusive umfassender Lektionen in Geschichte der Arbeiterklasse, wissenschaftlicher Marxismus und Tipps zum richtigen Händeschütteln. Platz im SPD-Schloss ist für 85 Fellows – zumeist Bundes- und Landtagsabgeordnete, Oberbürgermeisterinnen und Oberbürgermeister sowie hochrangige Parteirepräsentantinnen und -repräsentanten.

Auf die handverlesenen Teilnehmer wartet ein Booster für "persönliches und politisches Wachstum", wie es die SPD nennt, die voller Stolz auf die schon 20 Jahre alte "neue Lernkultur in der Partei" ist. Die wirkt längst beispielgebend. Die Grünen unterhalten mit der Weiterbildungsakademie der Heinrich-Böll-Stiftung  unter dem Namen "GreenCampus" eine eigene Kadettenschule. Die CSU unterhält seit Sommer 2007 eine eigene Akademie, die sich gezielt um die Förderung von Nachwuchspolitikern kümmert. Und auch die CDU will die Anzucht des politischen Nachwuchses nicht dem Zufall überlassen. Sie hält sich die Zukunftsakademie NRW und ähnliche Programme in Niedersachsen und Hessen.

Vorbild August Bebel 

Vorbild aller Nomenklaturschulen aber ist die 1906 von August Bebel selbst eröffnete SPD-Parteischule, deren Erbe die "Akademie für Demokratie" angetreten hat. Was sich reimt ist gut: Unter Leitung eines vierköpfigen Trainerstabes werden hier "aus den Guten die Besten" und aus willigen Bürgern echte Genossen. Für den Lernprozess wurde eine eigene Systematik entwickelt, die auf Prozesshaftigkeit, Heterogenität sowie individueller und kollegialer Reflexion basiert. Das Curriculum bündelt Fachwissen, Methodenkompetenz und politische Orientierung zu einer produktiven Einheit. 

Nichts wird dem Zufall überlassen. Schon wenn die Teilnehmer am Eingang von alten Sozialisten aus der Ära von Beck, Müntefering und Nahles empfangen werden, weht ein Hauch von sozialdemokratischer Ära mit stabil zweistelligen Wahlergebnissen. Nach der Einkleidung der neuen Fellows findet noch am gleichen Tag um acht Uhr ein Abendessen und anschließend eine Begrüßung durch den Leiter der Akademie statt. 

Gemeinschaftsräume am Foyer 

Die Zimmer werden danach bezogen - jeweils zwei Genossen in einem Raum, Toilette und Gemeinschaftsbad auf dem Flur. Die Genossinnen wohnen in Zimmern im ersten Stock, die Genossen ein Stockwerk höher. Gemeinschaftsräume finden sich unten in Räumlichkeiten neben dem Eingangsbereich, darunter auch ein Billardsalon, ein Dartsroom und eine kleine Turnhalle und eine Bibliothek voll klassischer Literatur der Arbeiterbewegung. 

Die Inneneinrichtung ist im Gegensatz zum äußeren, fast klassisch wirkenden Erscheinungsbild des als "Rotes Schloss" bekannten Baus überraschend modern. LED-Spots, Lichtleisten, spärliche, sachliche Möblierung, keine Designermöbel aus schwarzem Stahl und schwarz lackiertem Holz - so signalisiert die Universitätsleitung neuen Studenten vom ersten Moment, dass sie nur sehr bescheidenen Luxus zu erwarten haben. 

Es fehlen die Arbeiterfahnen 

Wer von den neuen Fellows Arbeiterfahnen, enteignete feudale Wandteppiche, lederbezogene Lehnstühle oder in Öl gemalte Bilder von berühmten Arbeiterführern erwartet, liegt falsch. In der FSD  geht es um Inhalte, um Methodenstudium und Übungen am elektronischen Staatssimulator. Vermittelt wird der umfangreiche Stoff in lockeren Runden. Es geht hier in erster Linie darum, hoffnungsvolle Anschlusskader auf den richtigen Weg zu bringen, ihr Sprechverhalten, aber auch für ihr soziale Beweglichkeit zu schulen und sie für Führungsaufgaben zu sensibilisieren.

Die Teilnehmer sitzen in der Regel in Sesseln und Sitzgruppen im Kaminzimmer, multimediale Helfer sind in den Wänden versteckt. Im Kamin prasselt ein Holzfeuer, das dem Raum eine wohlige Atmosphäre verleiht. Hin und wieder springen knackend Funken hervor, die auf den Fliesen vor der Feuerstelle verglühen. Die Flammen spiegeln sich in den vor Aufregung geröteten Gesichtern der jungen Leute, die andächtig lauschen, wenn sie grundlegende Lehren empfangen wie: "Die Parteien haben das Monopol, Menschen für Wahlen zu nominieren."

Ein handverlesener Kreis 

Die meisten von ihnen sind unter dreißig. Die meisten  haben ein oder zwei Studien der Politologie oder der Juristerei zumindest einmal begonnen. Sie alle gehören zu einem ausgewählten Kreis von illustren Teilnehmern, die von alten Genossen vorgeschlagen oder von höheren Parteigliederungen delegiert wurden.

Zum Simulationstraining geht es ins Kellergeschoss, wo die Hightech-Rechner stehen. Eine aufgespielte 3D-Software erlaubt es Akademieabsolventen, sich das Rüstzeug für spätere Missionen in der echten Welt zu holen: Welche Steuern kann ich wie erhöhen? Wie lassen sich neue Abgaben unauffällig einführen und als Maßnahme zur Schaffung von mehr Gerechtigkeit framen? Schließlich die Königsdisziplin: Was muss ein SPD-Führungskader sagen, wenn er am Wahlabend eine Niederlage erklären soll.

Eng eingebundene Parteispitze 

Die Parteiführung ist in die Entwicklungsprozesse der künftigen Führungsriege kontinuierlich eingebunden. Immer wieder nimmt sich der Generalsekretär, obwohl selbst erst 34 Jahre alt und ohne jede Berufserfahrung, persönlich Zeit, die Fellows kennenzulernen. Auch der Parteivorsitzende, obschon im Nebenberuf Bundesfinanzminister, schaut vorbei, was dem Projekt zusätzliche Aufmerksamkeit und Sichtbarkeit verleiht.

Hier sind die künftigen Entscheidungsträger unter sich. Hier ist "Nomenklaturkader" kein Schimpfwort, sondern Ausweis künftiger Fähigkeiten. Die Türen zu allen Zimmern stehen immer offen. Eine Besonderheit, die fresh fellows anfangs verwundert zur Kenntis nehmen. Oft haben sie kaum ihren kleinen Koffer abgestellt und aus dem Fenster auf den weitläufigen Park geschaut, das fragen sie schon: "Wo bekomme ich meinen Schlüssel?" 

Abseits bewohnter Gegenden  

Doch Schlüssel braucht hier niemand. Das Rote Schloss liegt abseits bewohnter Gegenden und es wird rund um die Uhr bewacht. Das Personal ist absolut zuverlässig, die Fellows sind Verbündete mit einer gemeinsamen historischen Mission, mitgebrachte Wertsachen können im Safe des Hauses hinterlegt werden. Eine wissenschaftlich fundierte Evaluation zeigt, dass die Trainings die Fellows bereits nach den ersten zwölf Monaten deutlich gestärkt und ihre Führungskompetenzen erhöht haben.

Absolventen müssen ihre Teilnahme nicht streng geheim halten, werden aber gebeten, mit dem erfiolgreichen Abschluss nicht bei den Medien hausieren zu gehen. Sie alle wissen, dass es eine besondere Auszeichnung ist, ins Rote Schloss eingeladen zu werden. Sie alle sind dankbar, ihre hervorragenden fachlichen Fähigkeiten um eine Komponente ergänzen zu dürfen, die in der herkömmlichen Politikerausbildung gewöhnlich viel zu kurz kommt. 


5 Kommentare:

Die Anmerkung hat gesagt…

Das Eingangszitat wird auch Kai-Uwe von Hassel (1913–1997) deutscher Politiker (CDU) zugeschrieben. sowie Friedrich Löchner (1915 - 2013), Pseudonym: Erich Ellinger, deutscher Pädagoge, Dichter und Autor.

Die Quelle für Rau

https://www.welt.de/print-wams/article606249/Schlechte-Charaktere-verderben-die-Politik.html

Er zitiert auch nur einen alten Satz.

Anonym hat gesagt…

Wenn die Kaderschmiede eine private Lehranstalt wäre, hätte man die längst wegen erwiesener Nutzlosigkeit geschlossen.

>Er zitiert auch nur einen alten Satz
Hajo Friedrichs berühmtes Zitat über Journalismus war auch schon ein paar Jahrzehnte alt.

Anonym hat gesagt…

"Wenn du wissen willst, wer dich beherrscht, musst du fragen, wen du nicht kritisieren darfst." - Ist NICHT von Voltaire!

Die Anmerkung hat gesagt…

Das mit dem "alten Satz" stand so in der Welt. Ist nicht von mir.

Die Anmerkung hat gesagt…

Ausgekadert?
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Spahn räumt Posten im Haushaltsausschuss

»Ein normales Arbeiten« sei »kaum möglich«, schreibt er in einer internen Nachricht.