![]() |
| Die Stadt, der Müll und der schleichende gesellschaftliche Tod: Irgendwann hat Deutschland die Kontrolle über sich selbst verloren. |
Wer aus dem Ausland kam, spürte sofort: Hier liegt was in der Luft! Bis 1989 war es der Trabi-Duft, den nur Fremde, Westdeutsche und längere Zeit über abwesende hatten schnuppern können. Die Einheimischen in der DDR waren gewöhnt an den süßen und zugleich beißenden Geruch aus dem Zweitakterauspüffen. Ihre Riechmuskeln waren verödet und vollkommen unempfindlich geworden gegen den Hauch unverbrannten Restbenzins, schwerer Benzolrückstände und giftiger flüssiger Feinstäube, in der Heizsaison ergänzt um die schwefelhaltige Abluft hunderttausender Brikettöfen.
Stinkt es immer so?
Nur wer aus der Ferne zurückkehrte, erschrak für einen Moment. Stinkt es hier wirklich schon immer so? Ist das noch Luft oder schon reiner Rauch? Der Horror, der jeden Menschen ereilt, der aus Dänemark, aus Österreich, Polen oder Tschechien die Grenze Richtung nach Deutschland übertritt - mit ein wenig Glück unkontrolliert, wie ist das Schengenabkommen ursprünglich bestimmt hatte - erleidet spätestens an der ersten Raststätte einen Realitätsschock.
Wo in den Staaten ringsum Toiletten wie geleckt aussehen, beheimatet in hübschen kleinen Bauten mit Backsteinfurnier und versehen meist mit automatischer Warmwasserzufuhr, stehen in Deutschland traurige Hütten. Sie sind in der Regel von oben bis unten beschmiert. Sie wurden von reisenden Fußballfanhorden und anderen Interessengruppen, die ihre Mitwelt wissen lassen wollen, wofür sie stehen, zentimeterdick mit Aufklebern verziert. Und ergänzend im Freibereich flächendeckend mit Müllbergen abgedeckt.
Die Masse als Message
Verständlich für Außenstehende sind die Parolen nie, die auf Bänken, Papierkörben und auf jeder sich bietenden glatte Oberfläche kleben. Doch ihre Masse allein ist Message genug: Was Friedrich Merz in seinen Tagen als Oppositionsführer noch das "Stadtbild" nannte, zeigt sich hier als Gesicht eines neuen Deutschland. "FCK MRZ" steht da und "FKC GRN", "Gegen Nazis", "THC statt AfD" und "Stoppt die AfD", aber auch "ACAB" und "AFA", zwei Abkürzungen, mit denen 95 Prozent der Bevölkerung nichts anfangen können.
"ACAB" ist der verbotene Code dafür, dass alle "Bullen" angeblich Bastarde sind. "AFA" dagegen bedeutet "Antifaschistische Aktion" und markiert den Herrschaftsbereich von Antifaschisten wie Urin das Revier eines Hundes. Damit es nicht zu einfach wird, tarnt sich "AFA" gelegentlich auch als "161" - eine Verschlüsselung nach dem Muster der DDR-Zigarettenmarke F6. Leicht genug zu verstehen für die Vordenker der Szene.
Warum nur nichts klappt
Deutschlands Regierung mag ratlos sein und rätseln, weshalb ihr nun schon seit fast zwei Jahren partout nichts gelingen will. Die Wirtschaft ist natürlich im Begriff, ganz gegen den Rat des früheren Umweltwirtschaftsministers Robert Habeck einfach den Bach hinunterzugehen. Kommunen sind pleite, der Handel zieht sich nicht mehr nur aus der Fläche, sondern auch aus den Innenstädten zurück.
Doch wirklich prägend für das neue Deutschland ist die aller orten zu bestaunende Verluderung. Als Merz "Stadtbild" sagte, meinte er zwar ausdrücklich nicht die Stadt, den Müll und den Tod der gepflegten deutschen Sauberkeit, sondern bestimmte Bevölkerungsgruppen, die Deutschland ein bisschen dunkler und ein wenig abenteuerlicher erscheinen lassen. Doch wer heute eine deutsche Innenstadt besucht, ein Jahr nach der Kampfansage des Kanzlers, erlebt sein buntes Plunderwunder.
Städte wie die Bronx der 80er
Von Frankfurt bis Berlin, von Rostock und Görlitz bis nach Wiesbaden erinnern die ehemals hübsch gekämmten Städte an die New Yorker Bronx der 80er Jahre. Überall ist Gekritzel an den Wänden, alles ist beschmiert, verdreckt und vergammelt. Das Frankfurter Bahnhofsviertel belagern Heerscharen von Drogengebrauchenden wie sie auf Politisch offiziell heißen.
Die alteingesessenen Dealer aus Marokko, die das Heft des Handelns Jahrzehnte in der Hand hatten, halten sich nach Einbruch der Dunkelheit möglichst weit draußen aus der Messerverbotszone. Die wurde von neuen Clans Albanien und Syrien mit handfesten Methoden und nach den Vorgaben Peter Scholl-Latours umgestaltet: "Wer halb Kalkutta aufnimmt, rettet nicht Kalkutta, sondern wird selbst Kalkutta".
Narrenhände in Golghata
![]() |
| Der Spruch passt längst in jede deutsche Stadt. |
Kalkutta, heute in Kolkata umbenannt, ein Name, der fast wie Golgatha klingt, ist überall. "Plagwitz bleibt dreckig", haben Narrenhände in der angesagten sächsischen Metropole Leipzig stolz an eine Wand gepinselt. Die stolze Selbstbeschreibung der Bewohner des größten City-Slums von Sachsen passt auf jede deutsche Stadt, je weiter nördlich, desto mehr.
Natürlich haben auch die im Süden ihre sogenannten sozialen Brennpunkte. Schlimmer für das Auge als diese Inseln völliger Verwahrlosung aber ist der allgemeine Verfall. Der kontrastiert in den bürgerlichen Vierteln interessant mit den Resten von Außenstuck, schmiedeeisernen Gartenzäunen und denkmalgeschützten Villen, deren Eigentümer eloxiertes Glas und Edelstahl in Menge verbaut haben.
Nur wer beschmiert, existiert
Draußen in den Vorstädten ist jede Straße eine kleine Müllhalde, zugestellt mit Einkaufswagen, Bettgestellen und Beuteln voller Windeln und undefinierbaren Habseligkeiten. In den Stadtzentren aber fällt der allgemeine Niedergang stärker auf. Vor Jugendstilvillen ein mit Abfall vollgestellter Gehweg. An Gründerzeithäusern mannshohe Graffitikrakeleien. Nur wer etwas beschmiert, existiert, Nur seinen traurigen, schmutzigen Trödel anderen in einer Kiste mit der Aufschrift "Zu Verschenken" vor die Füße legt, erspart der Gesellschaft Müllkosten und ein schlechtes Klimagewissen.
Stockig und schmandig, angemodert und verschimmelt liegen dort "zum Mitnehmen" Wollsocken und Bücher, kaputtes Spielzeug und Tassen ohne Henkel. Was genau Müll ist und was in den besseren Wohnvierteln der größeren Städte als durchaus noch brauchbar für den Pöbel betrachtet wird, bleibt oft unklar.
Als Zeichen des Verfalls nicht nur der Sitten aber sind die guten Gaben aus ausgelatschten Turnschuhe, selbstgebrannten CDs, kaputten Tischstaubsauger und dem regelmäßig angebotenen wilden Gewölle aus Gestricktem ideal. Wer schließlich braucht im "reichsten Land der Welt" (ZDF) keinen Computerschrott, keine leeren Marmeladengläser ohne Deckel und keine Döschen mit eingetrockneten Hautpflegelotionen? Wo die Idee der Nachhaltigkeit mehrheitsfähig ist, fliegt nichts mehr in den Müll. Der Müll kommt stattdessen vor die Tür. "Zum Mitnehmen!"
Verboten wie die illegale Einreise
Das alles ist verboten etwa auf der Ebene einer illegalen Einreise ohne Pass und Erinnerung an das eigene Geburtsdatum. Jeder macht es, alle sind dabei, denn wo die Gehwege ohnehin holprig und die Fassaden zugetaggt sind mit Vorschlägen, Hinweisen und Protestsprüchen aller möglichen Gruppen von Engagierten, fällt das bisschen Dreck auch nicht mehr auf. Wer hier wirklich lebt, für den guckt sich das weg wie die Hundehaufen, Spritzen und Kondome im Stadtpark.
Nein, dieses Deutschland riecht natürlich nicht mehr nach Trabant. Fährt einer vorbei, rümpfen die Zustromleute von 1990 die Nasen. Wie konnten wir das früher nur nie bemerken? Diesen Gestank!Schonlängerhierlebenden nicken. Sie haben das damals bei jedem Besuch sofort bemerkt. Bekommen heute aber auch nichts mit. So wie die Dinge sind, sind sie eben. Deutsch sein heißt auch Verantwortung vor der Geschichte übernehmen und bereit zu sein, das Schlampige und Vernachlässigte anzunehmen.
In der letzten Wohnung
Auf Besucher von außerhalb hingegen wirkt das Land oft wie die Wohnung eines sehr alten Menschen, der nicht mehr in der Lage ist, für sich selbst zu sorgen. Hier ist etwas kaputt, dort viel zu alt, um noch repariert zu werden. Überall liegt Staub aus den Jahren der Reglosigkeit unter der Ägide einer Kanzlerin, die das "beste Deutschland, in dem wir gut und gerne leben" bereits errichtet zu haben glaubte.
Einmal durchkehren und wischen reicht hier nicht mehr. Bereits unweit der aus Marmor, Edelstahl und Spiegelglas erbauten Paläste von Regierung und Verwaltung beginnen Landstriche, in denen Vielfalt allein an Schmierereien herrscht. Deren Dimension sprengt die Grenzen jeder Vorstellung. Etwa drei Millionen Gebäude stehen in den deutschen Großstädten, den Epizentren des schleichenden zivilisatorischen Zusammenbruchs. In der Regel ist mindestens jedes zehnte Haus beschmiert - im Durchschnitt bedeckt Farbe etwa zwei Quadratmeter.
Übersetzt in Zahlen ergibt sich daraus ein Monumentalwerk unbestellter Kunst: Der halbe Quadratmeter hier, der schnelle Tag dort, die komplett bemalte Fassade: Aufsummiert auf 300.000 Gebäude verwandelt sich sichtbarste Zeichen der Kapitulation vion Staat und Gesellschaft vor einem Phänomen ohne Sinn und Zweck in einen Sprühnebel kosmischen Ausmaßes.
Hintergrundrauschen der Verwahrlosung
Tags sind das Hintergrundrauschen der Verwahrlosung, die zerbrochenen Fensterscheiben der einstmals so ordnungsliebenden Deutschen. Sie kleben an Regenrohren, Stromkästen, Klinkerfassaden und Altbausockeln, sie verunstalten Wände und Türen und kehren zurück, sobald Hausbesitzer sie überstrichen haben. Zusammengerechet sind in Deutschland schätzungen zufolge 125.000 Quadratmeter Wandfläche verunstaltet. Das entspricht der Fläche von fast Fußballfeldern, die lückenlos mit Pigmenten und Bindemitteln überzogen sind.
Und immer wieder neu werden. 75.000 bis 85.000 Spraydosen im Standardformat von 400 Millilitern braucht es, um die Schichten beständig mit neuen Krakeln aufzufrischen und die Wunden auszuweiten. Die Sprayer investieren Jahr für Jahr zwischen einer und zwei Millionen Euro in rund 30.000 Liter flüssige Chemie, die durch eine ausgeklügelte Düsentechnik fein zerstäubt mit einem Druck von etwa vier bis sechs Bar dafür sorgt, dass ganze Stadtviertel ästhetisch zum Äquivalent einer verranzten Schultoilette werden. Würde die Kleckse und Parolen zu einem Bild zusammengesetzt, wäre das einem Kilometer lang und 125 Meter hoch.
Kunstwerk des Verfalls
Ein Kunstwerk des Verfalls, ein kollektives Riesendokument der Regression. Dadurch passt dann alles zusammen. Die überlaufenden Bahnhofsklos, die abgedeckten Pissbecken an der Autobahnrastsätte, der mit "Außer Betrieb" markierte Defibrillator auf dem Flughafen. st ein dynamisches Dokument dauerhaften Ansturms. Während Eigentümer und Kommunen Millionen aufwenden, um die Pigmente mit Sandstrahlern, Hochdruckreiniger und Chemie wieder aus dem Stein zu brennen oder zu überstreichen, arbeitet die Gegenseite mit den gleichen physikalischen Gesetzen – nur in die andere Richtung.



3 Kommentare:
Ich lasse mich nicht davon abbringen, dass Zweitaktabgas mit DDR-Sprit und DDR-Öl besser gerochen hat.
Ansonsten, im Zoni-Jargon: Das ist alles nur, weil den Assis nichts passiert.
Jeder Müll auf der Straße ist primär Kopfmüll der alten und neuen Anrainer.
Und wenn man es für kulturbereichernd hält, unbedingt exotische Verwahrlosungs-Verhältnisse importieren zu müssen, dann verslumt das einst ooornliche Doidschland eben zu einer ekelhaften Dritte-Welt-Deponie.
Längst gilt: Innen pfui ... außen pfui!
Des Kaisers neue Kleider.
Ich brauchte nicht länger als ein halbes Jahr lang ausreichende Vollmachten, und Eltern könnten ihre Kleinen nachts im Görlitzer Park im Indianerzelt schlafen lassen und überall in unserer Heimat. Und sie sähe aus wie - ich schreibe mal: früher.
Kommentar veröffentlichen