Samstag, 23. März 2019

HFC: Gewogen und für zu leicht befunden

Ratlos: Lindenhahn un Sohm.

Es ist von der ersten Minute an nicht das Spiel der Männer von Torsten Ziegner. Im Aufstiegsduell gegen den Tabellendritten aus Wiesbaden wirken die wie immer in Weiß aufgelaufenen Spieler des Halleschen FC zu Beginn, als hätte ihnen jemand eine falsche Anstoßzeit genannt. Während die Gäste aus Hessen vom Anstoß an im Spiel sind, schauen Washausen, Fetsch und Co. konsterniert zu, wie eine Angriffswelle nach der anderen auf das Tor von Kai Eisele zurollt. Nach fünf Minuten steht Wiesbaden bei vier Ecken, in der siebten Minute tritt Moritz Kuhn den ersten Freistoß auf das Hallesche Tor. Die Mauer, so will es Schiedsrichter Florian Heft, muss noch ein Stück zurück. Und noch eins. Kuhn schießt. An Eisele vorbei ins Tor.

So sollte dieses Duell um den dritten Aspiranten auf einen Aufstiegsplatz in der dritten Liga aus Sicht der 8000 Zuschauer nun gar nicht laufen. Aber was folgt, ist der Beleg dafür, wer hier gerade einen Lauf hat: Nicht der HFC.

Die Weißen finden nach vorn gar nicht statt, sie wirken gehemmt, ja, gelähmt. Fetsch schießt in der 17. Minute dennoch den Ausgleich, quasi mit der ersten Offensivaktion der Gastgeber. Aber passend zum Verlauf bis dahin winkt Schiedsrichter Heft abseits. Und fünf Minuten später, die immer noch nicht der HFC auf dem Platz ist, der seinen Fans in dieser Saison schon so viel Freude gemacht hat, kommt Wiesbaden über die rechte Seite, Flanke, Abschluss, Tor, 0:2. So einfach ist das.

Der HFC wehrt sich kaum. Baxter Bahn und Lindenhahn, Jopek und Landgraf wirken überrascht und überfordert, Sebastian Mai ist in der ersten 30 Minuten der einzige Hallenser, der überhaupt einmal auf das Tor von Kolke im Wiesbadener Kasten schießt.

Es war, das ist nun manchem auf den Tribünen klar, kein Zufall, dass es beim HFC zuletzt nicht lief. Der Kantersieg gegen Uerdingen hatte Ziegners Männer um einiges besser aussehen lassen als sie sind - und die Wasserfiltertruppe aus Wehen zeigt das nun deutlich auf. Sechs Ecken liegen sie nach 30 Minuten vorn, neun nach 36. Wenn es eine Szenerie bräuchte, um „sieht keinen Stich“ zu illustrieren, dann wäre es diese.

Ein traurig verendender Kopfball von Marvin Ajani und ein Jopek-Schuss ist alles, was noch folgt. Dann ist Halbzeit und der HFC mit 0 zu 2 gut bedient.

Es liegt nicht am Schiedsrichter, dass auch mit Braydon Manu für Jopek erstmal nicht viel besser wird. Zwar müht sich Heft nicht eben um eine unparteiische Spieleitung, aber darauf können die HFC-Spieler es letztlich nicht schieben, dass in de 55. trotz nun ausgeglichenem Spiel wieder Kai Eisele hinter sich greifen muss. Nach einer Flanke ist keiner bei einem Wiesbadener, der den Ball nur noch über die Linie drücken muss.

Komischerweise findet der HFC nun, wo alle Messen gesungen sind, zu seinem Spiel. Die Weißen drängen die Hessen zurück, nur eine Minute nach den knochenbrechenden 0:3 steht Moritz Heyer im dritten Spiel hintereinander nach einer Ecke richtig und trifft zum 1:3.

Jetzt läuft es bei Halle, jetzt sucht Wiesbaden sein Heil in Zeitspiel, Spielverzögern, Jammern und Reklamieren. Mit Erfolg. Obwohl der HFC jetzt überlegen ist, reicht es nicht zum Anschlusstreffer. Stattdessen laufen Fetsch und Sohm immer wieder ins Abseits, Manu verdribbelt sich und Ajani vergibt aus bester Position.Ein Kopfball von Mai markiert das Ende der offensiven Herrlichkeit, die die Begegnung kurzzeitig wirken lässt, als seit das 4:3-Wunder aus dem legendären Rostock-Spiel wiederholbar.

Ist es nicht. Was Wiesbaden zeigt, ist letztlich eine Machtdemonstration. Routiniert spielen die Hessen die Zeit herunter, auch der für Bahn eingewechselte Tiffert und Tuma, den Ziegner dann ach noch bringt, ändern nichts daran, dass hier zwei Mannschaften aufeinandergetroffen sind, die unterschiedliche Ansprüche und Möglichkeiten haben. 11 zu fünf Ecken, 15 zu null Abseitsstellungen und - der letzte Treffer fällt n der Nachspielzeit - 1:4 Tore lassen kaum Zweifel daran, dass das Aufstiegsrennen, in das der HFC unvermutet zu geraten schien, für diesmal schon wieder abgesagt ist.

Vielleicht auch besser so.

Zitate zur Zeit: Der Leser ist schuld

Es sind die Endabnehmer, vulgo Leser, die Leute wie Relotius erst möglich machen. Sie lechzen nach jener politischen Kolportage, mit der sie der Spiegel zuverlässig versorgt. Und zwar schon seit vielen Jahren.

Stücke über die ewig finsteren Machenschaften des Kapitals, über die Schweinereien der Konzerne, das furchtbare Waldsterben, die dräuende Klimakatastrophe (unvergessen: der Spiegel-Titel, auf welchem der Kölner Dom halb unter Wasser steht), die prügelnden Nazi-Sachsen, die sich sperrangelweit öffnende Schere zwischen Arm und Reich – all diese oft halbgaren, immer auf Tendenz gebürsteten Storys, die das Weltbild des Juste Milieu unterfüttern helfen.

Für seine Kernklientel ist der Spiegel Teil ihrer Identität. Eines guten, gerechten Lebens zwischen gepflegten Altbauwohnungen, höheren Beamtenbezügen und Regietheaterbesuchen. Sie wird nicht auf ein Organ verzichten, das ihr jede Woche liebgewonnene Vorurteile und Klischees bestätigt.

Wolfgang Röhl analysiert die Ursachen der Medienkrise

Terrorkampf: EU will alles wissen

Das Volk will es doch auch! Privatsphäre ist vielen einfach zu gefährlich.
Rechter Terror, russische Trolle, AfD-Bots, die gegen völkerrechtlich nicht bindende Abkommen kämpfen, die rechtlich gesehen keine sind - die Eu steht fünf Monate vor der großen Wahlschlacht um die Zukunft des Kontinents unter Druck, härter gegen Fake News, Wahlbeeinflussung und kryptografische Verschlüsselungsverfahren bei der Nachrichtenübermittlung vorzugehen. Zudem müssen Kryptowährungen besser überwacht werden, weil sie tagtäglich zur Finanzierung von Anschlägen dienen. Und die Mitgliedsstaaten müssen schnell eine Lösung finden, wie sie übergreifend auch dort auf Kommunikationsinhalte zugreifen können, wo noch keine Hintertüren für Fahnder eingebaut wurden.

Es war nicht der Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Straßburg, der dem EU-Parlament Beine machte. Aber er lieferte im Nachhinein ein gutes Argument dafür, warum sich ein Parlament, in dem 751 Abgeordnete sitzen, die jeden Tagungstag im Parlament mit 313 Euro zusätzlich zu ihren Diäten von rund 8.000 Euro monatlich vergütet bekommen, sich in einer Plenarsitzung mit einem Thema beschäftigen, das sie nichts angeht. Sicherheit ist Sache der Mitgliedstaaten, ebenso der Kampf gegen den Terrorismus und Sicherheit der Datennetze und Dienste der Kommunikationsanbieter oder das Erheben von Steuern. Dennoch zogen sich die Europa-Abgeordneten das Thema auf den Tisch und sie beauftragten die EU-Kommission, ein Gesetz zu "erwägen", dass in der EU tätige Kommunikationsplattformen verpflichten soll, Behörden Einblick in verschlüsselte Nachrichten zu geben, die ihre Kunden unter dem Deckmantel von in der Verfassung verbrieften Grundrechten miteinander austauschen.

Eine Forderung, mit der die meistenteils vor der Abwahl stehenden Volksvertreter auf Forderungen von Sicherheitsbehörden reagieren, die Inhalte von Mails oder Messenger-Nachrichten nicht mehr einfach mitlesen können, seit immer mehr Anbieter Ende-zu-Ende-Verschlüsselung anbieten. Geheimdienste fordern daher schon lange neue gesetzliche Möglichkeiten, um ihre illegale Praxis der Missachtung des Postgeheimnisses wie bisher fortsetzen zu können. Die Bundesregierung hatte mit der Zentralen Stelle für Informationstechnik im Sicherheitsbereich (ZITiS) im vergangenen Jahr eigens eine Behörde gegründet, die mit einem Supercomputer zur Datenentschlüsselung das Kommunikationsgeheimnis aushebeln kann.

Datenverschlüsselung gilt in Kreisen des EU-Parlaments als Hilfsdienst für Terroristen und andere Feinde unserer Ordnung. Oft seien die Diensteanbieter "nicht gewillt" oder sogar nicht in der Lage, die verdächtige Kommunikation zu entschlüsseln. Daher solle Europol, so das stets auf eine Ausweitung der Macht der europäischen Institutionen zielende Kalkül der EU-Abgeordneten, sich auf Entschlüsselungsleistungen für alle Mitgliedsstaaten spezialisieren dürfen. Mit seiner Hilfe und ungebremst von - zum Beispiel - deutschen verfassungsrichtern könnten dann Staatsanwälte und Polizei überall in der EU auf Nachrichten auf WhatsApp und bei anderen Krypto-Messengern zugreifen.

Der Traum eines jeden Autoren von dystopischen Romanen. Auch die "Anonymität bestimmter Kryptowährungen" führt laut EU-Parlament nur dazu, dass diese "zunehmend für illegale Aktivitäten genutzt werden". Bitcoin & Co. würden verwendet, um Straftaten, Terrorismus und Geldwäsche durchzuführen, weshalb Europa in Gestalt der EU-Kommission künftig Möglichkeiten haben müsse, um Nutzer von elektronischen Geldbörsen, virtuellen Währungen und Prepaid-Karten, von Crowdfunding-Plattformen und von Online- und mobilen Zahlungssystemen überwachen zu können. Zu groß, so die Parlamentarier, sei die Gefahr des "Missbrauch von Crowdfunding in sozialen Medien für terroristische Zwecke".

Grundrechte, das war gestern, morgen wird schon ein Europa sein, das von Anti-Terror-Richtlinien, einem europaweiten Register für anerkannte „Hassprediger“ und Verordnungen geprägt wird, die die Ausbreitung von „terroristischen Inhalten“ im Internet verhindern, indem sie einen Generalverdacht postulieren, der die Meinungsfreiheit vorbeugend einschränkt. Wer meint, er sei zu Unrecht betroffen, kann sich ja beschweren.

Freitag, 22. März 2019

Es gibt kein Zurück

Diejenigen allerdings, die Fundamentalkritik am europäischen Integrationsprozess üben, weil sie ihn ablehnen, weil sie all die nicht mögen, die von außen kommen, die ihre Nachbarn nicht mögen, die eine exklusive Selbstverliebtheit haben, die muss man bekämpfen.

EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker sieht Fundamentalkritiker der europäischen Integration außerhalb der Gemeinde der zivilisierten Menschen

Klimastreiks: Die Kinder des Zorns


Sie streiken für ein "sicheres Klima", gegen Veränderungen, Erschütterungen, CO2 und tatenlose Politiker. Stolz verweisen die Organisatoren der großen Klima-Show auf ihre Erfolge: 1,4 Millionen Kinder machten beim ersten weltweiten #SchoolStrike4Climate mit, in 2083 Städten in 125 Ländern gingen Schüler und Studenten auf die Straße, allein in Deutschland waren es nach Angaben von Initiatorin Greta Thunberg rund 300.000.

Deutschland ist damit Vorbild, hier ist die Beteiligung an den Aktionen weltweit am größten. Nur: Groß ist sie nicht. Derzeit lernen an deutschen Schulen etwa 8,35 Millionen Schülerinnen und Schüler, nicht mitgezählt sind dabei Studentinnen wie Luisa Neubauer, die hierzulande als Gesicht der Schülerdemos berühmt wurde, obwohl sie schon lange keine Schülerin mehr ist. 300.000 von acht Millionen sind gerademal 3,6 Prozent. Und die 2083 Orte, in denen gestreikt wurde, wären imposant, beträfen sie Deutschland allein, das derzeit 2056 Städte zählt. Weltweit aber entsprechen die 2083 Städte einem Anteil von nur etwa 0,13 Prozent der rund 1,5 Millionen insgesamt existierenden Städten.

In 99.87 Prozent aller menschlichen Großsiedlungen findet #fridays4future nicht statt, selbst im am eifrigsten schulstreikenden Deutschland verzichten 96,4 Prozent der potentiellen Streikenden auf eine Teilnahme. Die 180 deutschen Städte, in denen gestreikt wurde, entsprechen knappen neun Prozent der möglichen Streikstädte.

"Wer nicht hüpft, der ist für Kohle", rufen die Kinder des Klima-Zorn unter dem begeisterten Applaus ehemals ernsthafter Magazine. wenn das stimmen sollte, dann hat die Kohle ihre größte Fankurve in den Schulen des Landes, wo entgegen dem medial verbreiteten Eindruck Behäbigkeit, Desinteresse oder Einsicht in die Notwendigkeit, für die nächste Mathearbeit zu lernen, 96 von 100 Schülerinnen und Schülern veranlassen, freitags im Klassenraum zu sitzen statt draußen vor der Tür mal eben kurz die Welt zu retten.

Zahlen, die gegen die These vom Aufstand einer ganzen Generation sprechen, weil sie das freitägliche Geschehen auf ein paar wenigen Straßen und Plätzen, in den Livetickern der "privatkapitalistischen Heuschrecken" (Elisabeth Wehling) und in der "Tagesschau" eher in die Kategorie der Demonstrationen gegen den NATO-Doppelbeschluss Anfang der 80er Jahre sortiert als in die Tradition des studentischen Daueraufruhrs Ende der 60er Jahre.

Donnerstag, 21. März 2019

EU: Wer solche Freunde hat


Lebensfremd, abgehoben, bürgerfeindlich und eigentlich nur aller paar Jahre einmal daran interessiert, etwas von der eigenen Basis zu hören - das ist das Image der EU, die traditionell auch nie viel Wert darauf gelegt hat, nach außen hin als gefallsüchtig zu gelten. Hier und da mal ein Nobelpreis, gern auch ein wenig Flunkerei, um sich selbst noch bedeutender zu machen als man sich selbst ohnehin schon hält. Das reichte über Jahrzehnte, denn schräge Figuren wie Martin Schulz und Elmar Brok wussten tief in ihrem Inneren, dass es ihnen an der Fähigkeit gebrach, Menschen tatsächlich von sich zu begeistern.

Doch die Welt dreht sich weiter und auch die EU kann nicht mehr sein, wie sie immer war, ein kaltes Elitenprojekt, das seine Führungsfunktionen mit guten Freunden besetzt und dabei bereit ist, demokratische Regeln außer Kraft zu setzen. Und so fragt die EU nun über eine ihrer Vorfeldorganisationen kumpelig: "Was kann die EU tun, damit dein Vertrauen in sie steigt?" Die Union im Privatradiomodus, von Du zu Du, gerade noch rechtzeitig vor der EU-Wahl im Mai umgeschaltet auf Bürgernähe und Dialog. Steht es wirklich schon so schlimm um die Stimmung im Herzen der 24-sprachigen Verwaltung?

Doch nein, es ist nicht die EU selbst, die da auf die Bürgerinnen und Bürger zugeht. Sondern "Friends of Europe", eine Truppe engagierter Europafreunde, die aus tiefster innerer Überzeugung  Imagewerbung für die Brüsseler Großbehörde betreiben. Ein Liebesdienst, den die Truppe ehemaliger hochrangiger EU-Bediensteter sich vom europäischen Steuerzahler bezahlen lässt: Laut Transparenzregister der EU beträgt das Gesamtbudget der Lobbygruppe um ihren Gründer und heutigen "Generalsekretär" Giles Merritt rund 2,8 Millionen Euro, etwa eine Million davon spendiert die öffentliche Hand.

Dafür gibt es gut zurück: "Europäer vertrauen der EU mehr als ihren eigenen Regierungen", zitieren die Freunde Europas die Ergebnisse der sogenannten "Eurobarometer-Umfragen", die jeweils auf Wunsch und Rechnung der EU angefertigt werden. Dass das Vertrauen der Bürger in die EU höher ist als in ihre nationalen Regierungen und Parlamente, steht damit fest. So hätten, heißt es weiter, in der letzten Umfrage 42 Prozent der befragten Bürger angegeben, der EU „eher zu vertrauen“ als den in ihrem Heimatland Regierenden. "Das ist fast die Hälfte der Bevölkerung, gar nicht mal schlecht, oder?", freuen sich die "Freunde".

Doch zufrieden sind sie nicht. Im Grunde bedeute das ja nur, dass die EU im Vergleich zu den nationalen Regierungen, "die sich momentan auf dem Tiefpunkt befinden" (FoE), besser abschneide. Und außerdem ist da immer noch die andere Hälfte der Bevölkerung, die angibt, der EU „eher nicht zu trauen“.

Also nun mal Butter bei die Fische: "Was kann die EU tun, damit das Vertrauen der Bürger in sie wieder steigt? Derzeit, so die offizielle Lesart, ist die "Zustimmung für die EU auf Rekordniveau" (EU), aber da geht doch noch was! Muss! Die "Friends of Europe" haben "Europaabgeordneten des gesamten politischen Spektrums diese Frage gestellt. Schau dir hier die Antworten der sieben verschiedenen Parteien zu dieser Frage an und stimme weiter unten ab, wem du bei dieser Frage deine Stimme geben würdest", heißt es da.

Allerdings ist Europa eben ein Kontinent ohne gemeinsame Öffentlichkeit. Deshalb sind die angeblichen sieben Abgeordneten hier eigentlich 14. Deutschland bekommt nämlich sieben Deutsche präsentiert.

Der Rest Europas sieben Nicht-Deutsche.

Neues von Trump: Der Miesling und die Meinungsfreiheit


Es war zuletzt ganz still geworden um den amerikanischen Präsidenten, stiller denn je seit der Wahl Donald Trumps ins Weiße Haus. Kaum noch ein deutsches Leitmedien pflegte die zwei Jahre mühsam und manchmal auch schon verzweifelt am Leben gehaltenen Träume von einer baldigen Amtsenthebung. Selbst die Russland-Ermittlungen, auf der so viele Hoffnungen geruht hatten, konnte nur noch ganz leise beigesetzt werden, ehe man Trumps demokratische Gegenspielerin Nancy Pelosi zitierte, deren Kapitulationserklärung als großmütiger Verzicht verkauft wurde. Trump sei es nicht wert, für ihn ein Amtsenthebungsverfahren anzustrengen, sagt die 78-Jährige, als sei die Einleitung eines solches Verfahren ihre leichteste Übung, auf die sie nur verzichte, weil ihr die Einheit des Landes wichtiger sei.

Natürlich hat Pelosi überhaupt keine Möglichkeit, diesen "Pfad", wie sie es nennt, zu beschreiten. Und natürlich wissen das am Grunde genommen auch all die eingeschworenen Feinde des Präsidenten, die seit zwei Jahren Hass gegen ihn schüren, wo immer sie können. Und selbst dort nicht davon ablassen, wo es sie Glaubwürdigkeit, Leser und schlussendlich die eigenen lukrativen Posten kostet.

Trumphass ist wie Waschzwang, er juckt und die Brinkbäumers, Doemens, Maas und Merkel müssen kratzen bis aufs Blut. Was immer Trump tut, es ist nicht gut. Und was immer er lässt, ist auch nicht besser. Man versucht das, was man für das Erfolgsrezept des Präsidenten hält, selbst nachzubauen: Gegner sollen durch "Lügen und die endlose Wiederholung falscher Behauptungen" (SZ) zermürbt werden.

Die FAZ liefert ein schönes Beispiel dafür, klein, aber fein, versteckt im Appendix einer Meldungsspalte in dem Teil ganz hinten, den noch nie ein Leser aufgeschlagen hat. "Trump will keine Redeverbote" sind die acht Zeilen aus der staatlichen Danachrichtenwerkstatt DPA überschrieben, die dann im als Nachricht verpackt eine neue Granatensauerei des "Hasspredigers" (Steinmeier) schildern. "Präsident Trump will die Universitäten in den Vereinigten Staaten mit einem Erlass dazu zwingen, Redefreiheit auf dem Campus zu gewährleisten", heißt es da, "Bundesförderung sollen nach einer Rede vom Samstag nur Universitäten bekommen, die das Recht auf freie Meinungsäußerung auf ihrem Campus garantieren."

Das wars, mehr kommt nicht, ein ganzes Jahr, nachdem Thomas Thiel in der FAZ beschrieben hat, wie der Drang nach Vielfalt und als gerecht begriffener Inklusion an vielen US-Unis dazu führt, dass freedom of speech "nicht mehr das höchste Gut" ist, wie die SZ schon vor zwei Jahren diagnostizierte. Wer ungenehme Ansichten äußert, wird von tobenden Mobs zum Schweigen gebracht: Wer Bücher schreibt, die einer gefühlten Mehrheit politisch engagierter Studenten Studierend*innen nicht passt, wird mit nahezu allen Mitteln daran gehindert, an Hochschulen aufzutreten. Im Land der Freien braucht es Mut, anders zu denken als andere. Fast wie in Deutschland, das keine Außengrenzen haben will, aber durchaus stolz ist auf seine "Grenzen des Sagbaren" (Deutschlandfunk).

Wenn Trump hier nun nachregelt, wäre das dann doch aber eine gute Sache, sollte man meinen? Selbstverständlich nicht. Wo dieser Präsident sich für ein Grundrecht stark macht, steckt immer ein perfider Plan dahinter. Das war bei seinem versuchten Friedensschluss mit Mordkorea so, bei seiner Mahnung an die Nato-Partner, die müssten ihre Rüstungsanstrengungen erhöhen, und bei seiner Anerkennung Jerusalems als israelischer Hauptstadt, die nach Auffassung der europäischen Spitzenpolitik den ganzen Nahen Osten explodieren lassen sollte.

Es kommt dann immer anders, aber dann redet man eben nicht darüber. Der Zeitungsleser hat kein Archiv, er vergisst zum Glück so schnell, dass ihm der permanente Themenschwund in deutsche Leitmedien kaum auffällt.  Nun, wo Trumps miese Manöver mit der Meinungsfreiheit im Kleingedruckten abgehandelt sind, kann die Karawane weiterziehen. Hat Trump nicht "jetzt auch noch ein Boeing-Problem?" Während Maschinen vom Typ 737 Max 8 weltweit am Boden bleiben müssen, dürfen sie in den USA weiter fliegen, bastel das frühere Nachrichtenmagazin "Spiegel" an einer Verschwörungstheorie, nac hd er der gewissenlose Präsident lieber hunderte und tausende Menschenleben gefährdet, als einem amerikanischen Vorzeigekonzern an die Profite zu gehen. Als die Ente platzt, ist das im "Spiegel" keine Meldung wert.

Aber über Trumps Erlass zur Sicherung der Redefreiheit hat das Hamburger Blatt ja schließlich auch nicht berichtet, nicht mal mit acht rätselhaften Agenturzeilen wie die FAZ.

Mittwoch, 20. März 2019

Rauchpflicht soll den Feinstaubtod stoppen


Dass Rauchen viel gesünder ist als bisher gedacht, war erst vor kurzem durch neue Experimente und vergleichende Studien bekannt geworden. Doch nun der neue Wissenschaftshammer: Luftverschmutzung in Städten, Dörfern und Gemeinden führt laut einer neuen Studie sogar zu mehr Todesopfern als das Rauchen – das damit, soweit legen sich die Forscher bereits fest, Menschen in am schwersten betroffenen Gegenden sogar helfen kann, länger gesund zu bleiben.

Die neuen Erkenntnisse kommen von einem Team um zwei Mainzer Wissenschaftler, denen erstmals exakte Berechnungen dazu gelungen sind, um wie viel Grade Luftverschmutzung durch Verkehrsabgase tatsächlich deutlich schädlicher als bisher angenommen ist. Unter Zuhilfenahme von UN-Studien, Broschüren der Bundeszentrale für politische Bildungen und Statistiken von Lungenärzten sterben demnach weltweit 8,8 Millionen Menschen pro Jahr an den Folgen von schmutziger Luft - vor allem durch Feinstaub. Die Zahl der Todesfälle durchs Rauchen - inklusive Passivrauchen durch laxe Nichtrauchergesetze in mehreren deutschen Bundesländern- schätzt die Weltgesundheitsorganisation hingegen auf nur ganze 7,2 Millionen.

Rauchen ist damit gesünder als nicht zu rauchen, denn nach der Modellrechnung aus Mainz verlieren Menschen in Europa im Durchschnitt zwei Jahre Lebenszeit durch Feinstaub - wobei Deutschland natürlich weitaus stärker belastet ist als etwa Frankreich oder Italien, weil Deutsche stets überdurchschnittlich häufig und im Durchschnitt weitaus stärker von Naturkatastrophen wie der in Fukushima getroffen werden. Wichtige Quellen für die feinen Partikel in der Außenluft sind neben Industrie und Verkehr auch Landwirtschaft und private Holzöfen. Feinstaub führt durchs Einatmen auf Dauer zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen, wenn nicht - wie beim Rauchen üblich - gezielt durch einen Filter eingeatmet wird.

Die Forscher fordern deshalb nicht nur, dass die Grenzwerte für Feinstaub verschärft werden, weil sie in der EU laxer sind als die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt. Sondern auch, dass eine EU-weite Rauchpflicht für Menschen erlassen wird, die durch ein Leben an vielbefahrenen Großstadtstraßen besonders exponiert für die Gefahren durch Feinstaub, Stickoxide und Dieselabgase sind.


Gendergerecht: Warum die Menschin nicht existieren darf


Der Widerstand gegen die gendersensible Sprache ist ermüdend und falsch. Sie ist eine Bereicherung für die deutsche Sprache und wirkt gerechtigkeitsschaffend in alle Richtungen. Es ist die Leichte Sprache, von der jeder träumt, eine Möglichkeit, Ungleiches gleichzumachen.


Doch keine öffentliche Diskussion außer dieser, der um das Weltklima, um Völkerrecht und Digitalisierung scheint mit so wenig wissenschaftlichen Argumenten auszukommen wie die über unsere Sprache. Nur weil jeder spricht, will jeder mitreden. Dadurch tummeln sich hier Hunderttausende selbsternannter Fachleute, sogenannte Sprachexperten, ja sogar hauptberufliche Sprachpäpste, die ihre Befindlichkeiten und Laienansichten zu linguistischen Tatsachen erheben. So auch der aktuelle „Aufruf zum Widerstand“ gegen eine gendersensible Sprache, der nur Behauptungen aufstellt, die sich seit Jahrzehnten widerholen.

Obwohl die die feministische Linguistik sich vor allem  auf das Deutsche konzentrieren muss, weil Chinesisch, Persisch, Türkisch, Japanisch und selbst das Englische keine oder nur eingeschränkte Möglichkieten kennen, aus den normalen Sprachformen zu gendergerechten grammatischen Geschlechtern zu finden, gibt es kaum Fortschritte.

Von wegen "Generalirrtum"


Zu groß ist der Widerstand der Ewiggestrigen, zu stoisch ihr Beharren auf vermeintlich sprachwissenschaftlichen Erkenntnissen. Die absurdeste aller ihrer Behauptungen nennt sich „Generalirrtum“: Hier wird der enge, jahrhundertealte Bezug zwischen grammatischem (Genus) und sogenanntem natürlichen Geschlecht weggezaubert. „Das Pferd“ bezeichne folglich ebensogut eine Stute, „die Person“ auch einen Mann, „das Kind“ könne Junge oder Mädchen sein.

Dabei besteht beim Genus von Personenbezeichnungen keine größere Regularität als der Verweis auf das Geschlecht, dies gilt für fast 100 Prozent dieser Wörter. Das Mädchen zeigt zum Beispiel, dass es weiblich ist, denn später wird es die Verkäuferin, die Sekretärin oder die Bundeskanzlerin. Der Tisch hingegen bleibt männlich, er ist allerdings aus das Holz gemacht, das der Baum gespendet hat, so dass die Leiste an die Tischplatte genagelt werden kann.

Prinzip Cola


Das Prinzip ist klar und überall werden diesem Prinzip so selbstverständlich alle Dinge untergeordnet, dass es nicht einmal auffällt, dass die Flasche in dem (der) Kasten steckt, aber die Cola herausfließt, egal, ob die Frau oder der Mann trinkt. Niemand in der Linguistik hat jemals behauptet, dass der Frosch ein Männchen sein müsse und die Schnake ein Weibchen, aber es wäre natürlich sicherer, würde man von Frösch*innen und Schnak*innen sprechen.



Das aber negiert der fragwürdige „Aufruf“, der von Löwen, Pferden und Giraffen schwadroniert, um den so zuverlässigen Verweis von Genus auf Geschlecht wegzuwischen und mit abartigen Argumenten zu widerlegen. Wieso es das Weib heißt? Oder der Schüler zu die Schüler wird, wenn er mit anderen zusammenkommt? Wieso die Tunte weiblich ist, der Lustknabe aber männlich? Die Scheiße, aber der Harn? Aber der kleine Scheißer? Und das Scheißhaus?

Neuordnung ist nötig


Bei genauerem Hinsehen bestätigt jedes einzelne Beispiel besonders drastisch, wie notwendig eine Neuordnung der deutschen Sprache nach gendergerechten Vorgaben ist. Denn mit der grammatischen „Fehleinordnung“ wird gesellschaftliches „Fehlverhalten“ sanktioniert: die Memme stellt Männer aus, die ihrer Geschlechtsrolle nicht nachkommen, die Tunte solche, die nach überkommener Meinung das „falsche Geschlecht“ begehren, der Hügel hat es nicht zu das Gebirge geschafft, das Rinnsal ist nicht der Strom und die Pfütze kein der See.

Worte, die sich nach derzeitigen Vorschriften wie Frauen verhalten und deshalb – wie zum Beispiel im Fußball „die Sturmspitze“ - ins Femininum verbannt wird.



Diese Tatsache berichtet uns viel darüber, was Geschlecht eigentlich ausmacht beziehungsweise ausgemacht hat, und genau hier wird es eigentlich interessant: Ge-Schlecht heißt es, weil die zwar aus Tarnungsgründen weiblich angesprochene, aber männlich dominierte Sprache versucht, Frauen allenfalls - wie bei das Mannweib oder das Skiass – ein Neutrum zuzugestehen. Ihnen aber nie das längst verdiente Maskulinum gönnt, da es das Genus für die hierarchisch höherstehende männliche Geschlechtsklasse ist.


Die Menschin existiert nicht


Nur das das, eine Art Ausverkaufspreisschild, klebt an Geschöpfen, ohne die menschliches Leben nicht einmal denkbar wäre. Wie Babys, Tiere und Objekte sind Frauen „das“ oder „die“, niemals aber der Mensch. Für sie gibt es, was das betrifft, nicht einmal eine menschliche Endung: Menschin existiert nicht. Ganz im Gegensatz zur Versagerin.

Längst hat die Linguistik den Nachweis erbracht, dass das Genus direkte Auswirkungen auf die Vorstellung vom Sexus hat, und zwar konkret auf die Wahrnehmung dessen, was Sprache ohne Sternchen sagt. Wer Bezeichnungen wie Terrorist, Spion, Verbrecher, Mörder, Hetzer, Hasser, Zweifler, Kriegstreiber oder Rechtspopulist immer in der männlichen Form verwendet, erschafft eine Welt, in der es keine weiblichen Terroristinnen, Spioninnen, Populistinnen oder Verbrecherinnen gibt. Das entwickelt wiederum Vorstellungsstereotypen, an die die Sprechenden und Schreibenden irgendwann glauben: Die Frau wird überhöht als engelsgleiches Wesen ohne Fehl und Tadel, der Mann dagegen zum Träger des Bösen, Schlechten, Ungewollten.

Eine Gleichberechtigung findet nicht statt. Die(die!)  Geschlechter, die abgesehen von der inneren Vorstellung ihrer Träger*innen von sich selbst völlig gleich sind, driften auseinander und entwickeln das Ying-Yang-Syndrom, das von der Sprecherziehung als auslösende Verbildung für Diskriminierung und Entfremdung oder auch das Phänomen der traditionellen Ehe bezeichnet wird. Das Gendersternchen fehlt im Waffenverzeichnis des Kampfes für eine bessere Welt, denn es kann unsere Sprache, wenn auch nur die geschriebene, an dieser Stelle entscheidend verbessern, sie voranbringen und Gleichheit ermöglichen, wo im gesprochenen Wort keine ist.

Englische Muttersprachler, aber auch Fremdsprachler, die das Englische meistern wollen, haben hier ein Problem.  Das „generische“ Femininum, das in Deutschland so hart umkämpft ist, existiert im Englischen nicht. Bei Personenbezeichnungen verwenden Amerikaner, Iren und Engländer in Negierung des Forschungsstandes Genus für Sexus. Alles ist das, nicht der oder die, abgesehen vom working class hero, den John Lennon besang, auch ein Mann, der dabei mit Sicherheit an einen Geschlechtsgenossen dachte und nicht an eine Frau.

Krude Gerechtigkeitsfeindlichkeit


Das ist dreist, das ist gerechtigkeitsfeindlich, gerade weil es im Englischen nicht einmal die Möglichkeit gibt, mit dem deutschen Genderstern eine geschlechtszuweisende Operation durchzuführen, nach der alle gemeint sind. Ein Indiz dafür, dass selbst in den USA, wo sex und gender als zwei Begriffe für das biologische und das soziale Geschlecht erfunden wurden wie so vieles, was uns heute als moderne Errungenschaft gilt, noch viel zu tun ist, um Gendergerechtigkeit durchzusetzen. Und das hat ganz konkrete Auswirkungen auf die gesellschaftliche Rolle von Frauen: Die Psychologin Bettina Hannover hat gezeigt, dass Mädchen sich Berufe weniger zutrauen, wenn sie nur im Maskulinum präsentiert werden. Wie aber soll eine Frau ein hero werden, wenn ihr selbst sprachlich verwehrt wird, eine Heldin zu sein?

Das ist grundsätzlich gerechtigkeitsfeindlich. Natürlich aber ist es für Menschen, die mit dem Englischen aufgewachsen sind, bequem, das generische Maskulinum einfach weiter zu verwenden statt über sprachliche Lösungen für diese Lücke im Wortschatz nachzudenken, die hierzulande seit Jahren mit zunehmendem Eifer zugedübelt wird. Umständlich, ungewohnt oder unästhetisch erscheint es vielen, eine neue weibliche Form von Formulierungen in die alte Weltsprache einzuführen, wie sie das Deutsche mit „Kundin oder Kunde“, „Kund/in“, „KundIn“ und „Kund*in“ kennt. Wo kein Kläger, das keine Klägerin, so der Stand der Genderdiskussion im englischen Sprachraum. Doch wenn wir es ernst meinen mit der Gleichberechtigung der Geschlechter, müssen wir unsere Freunde in den USA und in den anderen englischsprachigen Ländern ermahnen: Denkt ernsthaft über Alternativen zum Maskulinum nach! Es ist hohe Zeit dafür! Und Deutschland kann euch ein weiteres Mal zeigen, wie es geht.

Platz schaffen für den Genderstern


Wenn eine Sprache keinen Platz hat für das, was in Deutschland "Gendersternchen" heißt und deshalb keine Möglichkeit vorsieht, ein Sonderzeichen als Signal für den notwendigen Geschlechterkitt zwischen reguläre Begriffe zu schieben, um jedermann und jederfrau zu bedeuten, dass derdiedas Sprecher*in bei dem, was ersies schreibt, nicht nur an Männer oder Frauen, sondern an beide und an noch viel, viel mehr gedacht hat, dann muss diese Möglichkeit eben geschaffen werden. Ausreden gelten nicht, haben doch auch amerikanische Psychologinnen und  Psychologen schon lange erkannt, dass maskuline Personenbezeichnungen falschinterpretiert und für männliche Benennungen gehalten werden.

Fehlen sie, nimmt es nicht wunder, dass maskuline Berufs- und Rollenbezeichnungen mehrheitlich männlich verstanden werden, während feminine für weibliche Betätigungen stehen und wo es sie nicht gibt, ein Vakuum herrscht. Die nurse bleibt immer die Untergebene des doctor, der für einen Mann gehalten werden muss, weil es eine doctorwoman nicht gibt, wie sie Deutschland längst kennt. Über ein Dutzend wissenschaftlicher Experimente wurde nachgewiesen, dass allein aus der häufigeren Verwendung von Worten wie Ingenieurin, Forscherin und Schlosserin ein größeres Bedürfnis von Frauen entsteht, eben dieses zu werden. Sprache schafft Wirklichkeit.

Für das Sprechen und Schreiben folgt daraus, dass das sogenannte generische Maskulinum vor allem im Singular zu vermeiden ist, wenn man beide Geschlechter bezeichnen muss, weil eines Tages durch den veränderten Sprachgebrauch beide Geschlechter gleichermaßen als Klempner, Straßenbauarbeiter, Herrenhandballer und Glasermeister*innen werden arbeiten können. feministisch neubegründet, wird die deutsche Sprache signalhaft für alle Welt zeigen, dass wir den engen, jahrhundertealten Bezug zwischen grammatischem und natürlichen Geschlecht mutig hinter uns gelassen haben.




Dienstag, 19. März 2019

Faktencheck: Der Bock im Facebook-Garten

Es ist die Nachrichtenfabrik, die alle deutschen Zeitungen, Magazine, Webseiten und Fernsehsender beliefert. Im Gemeinschaftseigentum der deutschen Verlage befindlich, ist die Deutsche Presse-Agentur (Eigenschreibweise, abgekürzt DPA) nicht nur Quelle von mehr als der Hälfte aller Inhalte, die deutsche Mediennutzer in ihren Zeitungen, im Radio, auf Onlineportalen oder im Fernsehen finden, sondern auch Quelle der meisten Falschmeldungen.

Ein unvergessener Klassiker ist die Meldung, dass die meisten EHEC-Toten "nicht mehr gesund" würden, bei anderer Gelegenheit behauptete DPA, Bin Laden in seinem Versteck und Beate Zschäpe im Untergrund besucht zu haben, auch beim Auftritt von Pussy Riot in einer Moskauer Kirche war angeblich ein DPA-Fotograf dabei, ebenso fotografierte einer den Freund der später mit Kanuverbot belegten Olympionikin Drygalla nach London, noch ehe bekannt war, dass die Rostockerin mit einem Nazi befreundet war.

Zeit, Welt, Spiegel und SZ, aber auch alle Provinzblätter, Nachmittagsprogramme und Nachrichtenmagazine übernehmen die Verlautbarungen der quasi regierungsamtlichen Bingoschule, die alles weiß, alles erklären kann und jeden Wochenanfang vorgibt, worüber Talkshow-Deutschland reden muss. Medieninsider wissen: Was von der Nachrichtenfabrik nicht getickert (alte Sprechweise) wird, existiert nicht.

Wie DPA Chruschtschow tötete


Was sie aber meldet, das wird von 457 Provinzblättern, 172 Magazinen, 48 TV-Stationen und xzig Nachrichtenportalen mit genau dem Spin und in der verquasten Wortwahl verbreitet, mit dem es die Schreibmaschinengewehre der 677 Redakteure verlässt: Am 13. April 1964 war der sowjetische Parteichef Nikita Chruschtschow deshalb kurzzeitig tot, 2008 beim G8-Gipfel rief DPA den Bürgerkrieg aus und 2012 führte die Berichterstattung über ein Ökonomengutachten zur Frage, ob DPA die Realität eigentlich nur abbilde, oder sie nur für nicht notwendigerweise zu berücksichtigen halte. 

Doch letztlich ist immer richtig, was DPA meldet. Wenn die Agentur, von der 97 Prozent der Deutschen 94,4 Prozent ihrer Nachrichten beziehen, eine Meldung über den Ticker jagt, dann handelt es sich dabei stets um ein Stück niedergeschriebene oder fotografierte Wirklichkeit. "Täglich fotografieren oder filmen sich etwa 2300 Jugendliche in Deutschland beim Liebesspiel", hatte die Deutsche Presse-Agentur GmbH schon vor Jahren herausgefunden, ohne dass irgendwer Zweifel daran äußerte, ob man das nun wirklich so genau wissen könne. Später gelang der im Besitz der deutschen Medienunternehmen befindlichen größten deutschen Nachrichtenagentur ein weiterer Coup für die Ewigkeit: "Viele Ehec-Tote werden nie wieder gesund", vermeldete die Zentralredaktion in Berlin völlig richtig.

Denn es ist immer wahr, was DPA schreibt, weil zu Wirklichkeit wird, was mit ausreichendem Nachdruck von ausreichend vielen Medien nachgedruckt wird. Wortgleich übernehmen die ideologisch unterschiedlichsten Blätter die von namenlosen Schreibern zusammengeknibberten "News": So, wie es da beschrieben wird, ist es gewesen, denn so, wie es gelesen wird, wird es geglaubt.

DPA ist so "nicht nur ein kollektiver Propagandist und kollektiver Agitator, sondern auch ein kollektiver Organisator", wie Lenin es einst beschrieben hatte. Dabei nimmt es die Agentur grundsätzlich mit der Wahrheit nicht so genau, obwohl Wolfgang Büchner behauptet: „Bei den Nachrichten, die die dpa und ihre Gesellschafter verbreiten, kann sich jeder darauf verlassen, dass die Inhalte überprüft und glaubwürdig sind."Das festzustellen, reicht ein Blick auf von DPA verbreitete Fotos. Denn egal, ob die mutmaßlichen Terroristen der NSU auf dem Zeltplatz oder in einem Auto, den rechtsradikalen Ruderinnen-Freund Michael Fischer vor der Tower-Bridge, die russische "Band" Pussy Riot in der Erlöser-Kathedrale und Bin Laden in einer Felshöhle im afghanischen Bergland zeigen - nach Angaben von DPA war stets ein Fotograf der Agentur dabei - so jedenfalls steht es unter jedem einzelnen der millionenfach verbreiteten Bilder.

Wie aber kam der DPA-Mann auf den Rücksitz des Terroristenautos? Woher wusste die Agentur eine Woche vor dem Drygalla-Skandal, dass es wichtig wäre, den Provinzfaschisten Fischer zu fotografieren? Wie gelang es der Agentur, einen Mitarbeiter an Bord der Mondlandefähre Eagle zu schmuggeln, um auch vom Erdbegleiter "Fotos: DPA" senden zu können.




Nie gestellte Fragen


Fragen, die nicht einmal gestellt werden. Von wem sollten sie auch, wo doch alle Medienunternehmen Deutschland nicht nur DPA-Kunden sind, die Bilder und Texte der Agentur zu Premiuminhalten verarbeiten. Sondern auch Mitinhaber des hierzulande marktbeherrschenden Inhaltelieferanten. Wenn die Agentur also beispielsweise ein dann Gerichtsverfahren verliert, dann berichtet von mehr als 300 deutschen Zeitungen gerade eine einzige darüber.

Durch die schiere Marktmacht erschafft sich der "unabhängige Dienstleister für multimediale Inhalte" (DPA-Eigenwerbung) seine Wahrheiten selbst, wobei schon bei der Ausweisung der Quellen kein Versuch unternommen wird, die Herkunft von Informationen und Bildern transparent zu machen.

Vor Jahren schon hatte der "Spiegel" nahegelegt, dass die Wahrheit ganz anders aussieht. Angeblich stehen Zeit, FAZ, Welt, taz, FAZ, Focus, Spiegel, ARD, ZDF und hunderte weitere Nachrichtenhersteller im Verdacht, tagtäglich tausende Meldungen der sogenannten Nachrichtenagentur DPA ungeprüft und ohne Gegenrecherche zu übernehmen. Weit in der Vergangenheit habe es dazu - öffentlich bis heute kaum bekannte - Absprachen  zwischen den Pressehäusern gegeben, nach denen gegenseitig akzeptiert wird, dass DPA-Meldungen ungeprüft  und wie selbstrecherchiertes Material verwendet werden.

Nach "Spiegel"-Erkenntnissen soll es um Nachrichtenaustausch in allen Bereichen gehen, um Politik, Sport, Wissenschaft und mehr: Die deutschen Nachrichtenhersteller haben danach bei einer erstaunlich langen Reihe von Themen jeweils gleichlautend berichtet. Der Ablauf ist immer derselbe. Nachrichtenagentur DPA fungiert als Teilchenbeschleuniger zwischen den Stichwortgebern: Das exklusive Opfer-Interview bei „Kerner“ geht vorab als Pressemitteilung raus, die „Bild“ macht mit einem Kommentar der weinenden Mutter ein Drama draus, das geht über DPA an alle angeschlossenen Funkhäuser und spätestens am nächsten Tag im selben Wortlaut in alle angeschlossenen Wohnzimmer.

Das Magazin nennt Beispiele - etwa das der DPA-Bundeswehrreportage, die frei erfunden war, aber bundesweit sehr gut lief. Oder das der "Ehec-Toten", die Schlagzeilen machten, als DPA allen angeschlossenen Abspielstationen kabelte, viele von ihnen würden wohl "nie wieder gesund".

Nun tendiert die Welt allerdings seit einige Zeit straks dahin, Satire unmöglich zu machen, indem sie die Realität wie Satire erscheinen lässt. Und Tessa Lyons-Laing, die bei Facebook den Faktenkampf führt, war in den großen Tagen der Ehec-News, von G8 und dem heroischen Kampf der Nachrichtenfabrik gegen die Wirklichkeit noch bei McKinsey und LeanIn.Org, einem Netzwerk zum "Empowerment" von Frauen. Und konnte sich so nicht recht um Fakenews in Deutschland kümmern, die es damals offiziell auch noch gar nicht gab, auch wenn die DPA tat, was sie konnte.

Beides kommt nun wie füreinander gemacht zusammen, denn im Kampf gegen Fake News wird die Deutsche Presse Agentur zweiter deutscher Partner im Faktenprüferprogramm von Facebook.

Partnerschaft mit  Hurenenthüllern


Nun ist der erste "Faktenprüfer" das "Recherchenetzwerk" "Correktiv", dessen größter Rechercheerfolg es bisher war, einer AfD-Kandidatin für den nordrhein-westfälischen Landtag Hurerei und Sex gegen Geld nachgewiesen zu haben. „Spitzenfrau der Rechtspopulisten vermietete ihren Körper übers Internet“ hieß es da, faktenmäßig und moralisch so korrekt, dass dort heute keine Zeile mehr zu finden ist. Die Deutsche Presse-Agentur, im heißen Flüchtlingsseptember 2015 Lieferant der Meldung, dass die Fluggesellschaft Ryaniar künftig Flüchtlinge ohne Visum aus Griechenland in andere EU-Länder bringen werde, ist also in bester Gesellschaft: Beide Partner werden nun "ausgewählte Beiträge bei Facebook" mit dem Ziel prüfen, "die Verbreitung von Fake News einzudämmen und vor gefälschten Informationen zu warnen".



Correctiv arbeitet bereits seit 2017, dem Jahr der Bundestagswahl, weitgehend folgenlos und ohne jeden öffentlich wahrnehmbaren Erfolg für Facebook und wird inzwischen mit Beträgen in unbekannter Höhe dafür entlohnt. Nun stößt DPA dazu, mitten in der Medienkrise auf der Suche nach Nachrichtenabnehmern, die auch dann noch zahlen werden, wenn der letzte Baum gerodet, zu Papier verarbeitet, gedruckt und die fertigen Zeitungen von niemandem mehr gelesen worden sind.

Als "Partner des Prüferprogramms" steigt die Agentur, die gerade den neuen superduper-unabhängigen neuen "Medien-Service" "EUreWahl" mit "Informationspaketen zur Europawahl"  gestartet hat, kurz vor den Europawahlen ein, um, so heißt es offiziell, " die Verbreitung von Fake News im deutschsprachigen Raum zu reduzieren". Von Faktenprüfern angezweifelte Beiträge werden mit entsprechenden Hinweisen versehen und gelöscht an ihrer Stelle platziert DPA dann hilfreiche Mitteilungen wie "Wozu ist die EU nütze? Fünf Beispiele, die jeden etwas angehen" oder "Pulse of Europe" nimmt Spannungsbogen zur Europawahl auf".

Verification Officer im Scoopcamp


Dadurch die Anzahl der Aufrufe falscher oder gefährlicher Inhalte im Durchschnitt um mehr als 80 Prozent verringert werden, heißt es bei Facebook. Tessa Lyons, spätgeborener “Head of News Feed Integrity” bei Facebook, lobt schon vorab: "Gerade im Kontext von Wahlen ist die Integrität von Informationen von größter Bedeutung. Deshalb freuen wir uns sehr, dass die dpa unserem Programm vor der anstehenden Wahl zum Europäischen Parlament im Mai als zweiter unabhängiger Faktenprüfer für den deutschsprachigen Raum beitritt."

DPA-Chef Peter Kropsch, der als Werbetexter, Pressesprecher und Public-Relationsmann arbeitet, ehe er für vier schmale Jahre als Redakteur bei einem Wirtschaftsinformationsdienst anheuerte, hat das dankeschön prompt erwidert. Er hält die DPA für einen geeigneten Partner für Facebook, vond er Politik stets als größte Fakeschleuder kritisiert. Sein Haus habe in den letzten Jahren "viel in den Bereich Fact Checking investiert", man besitze jetzt einen "Verification Officer" samt Team, um den herum sogar "neue Berufsbilder im dpa-Newsroom" entstanden seien.
War Journalismus früher Recherche und Schreiben, ist er jetzt "Fact Checking" und "Verification" mit "Innovation" und "Scoopcamp". 

Bankenfusion: Ein trauriges Ende als "nationaler Champion"

Eine deutsche Bank.
Ziemlich genau zehn Jahre ist es her, dass jeder Deutsche beschloss, an der Börse zu spekulieren. Das Volk der Aktienverweigerer, traumatisiert immer noch vom Jahrhundertbetrug der Bundesregierung, die die Deutsche Telekom, die den Steuerzahlern gehörte, zu überhöhten Preisen noch einmal an die Steuerzahler verkauft hatte, machte Geld locker.

Mit 550 Euro pro Person stiegen die deutschen Steuerzahler bei der Commerzbank ein: Für 18 Milliarden Euro gab es 300 Millionen neue Aktien des neuen Instituts, das zu jener Zeit an der Börse nicht ganz eine Milliarde Euro wert wert war. Pro Kopf des Steuerbürgers waren das 33 Euro in bar, die restlichen 517 Euro bekam die VEB Bundescommerzbank als Bürgschaften überreicht. Dafür gehörte sie nun - vorübergehend, hieß es - zu einem Viertel den Steuerzahlern zu, denen die Bundesregierung versprach, sie würden ihr Geld zurückbekommen, sobald die Bank wieder Gewinne machte. 1,7 Milliarden hatte sie nicht allzu lange zuvor noch geschafft. Gelänge das wieder und dauerhaft, würde es tatsächlich nur 42 Jahre dauern, bis die dann noch lebenden Jüngeren unter den neuen Commerzbank-Investoren ihren Einsatz zurückerhalten hätten.

Ein Supergeschäft


Ein Supergeschäft, aber notwendig. Kurz zuvor erst hatte die Bundesregierung die Commerzbank veranlasst, die noch schwerer angeschlagene Dresdner Bank von der Allianz-Versicherung zu kaufen, die sie sich erst kurze Zeit davor zugelegt hatte. Dann kam die Finanzkrise, eine ausschließlich "amerikanische Krise" , wie der damalige Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) kundig feststellte. Und weil nun alle Landesbanken wackelten, mit denen der Staat als größter Spieler auf US-Schrottkredite gesetzt hatte, mussten auf einemal die vermögensbildenden Lebensversicherungen von 40 Millionen Deutschen gerettet werden, die mit der Allianz untergegangen wären, wäre die Hypo Real Estate untergegangen, was den Untergang der Dresdner Bank zur Folge gehabt hätte, wodurch die Allianz am Ende gewesen wäre.

Doch kippt der Versicherungskonzern, kippt die Stimmung, kippt die Regierung, kippt die Partei, kippt die EU. Europa in Gefahr! Der Steuerzahler spendierte also 50 Milliarden Euro in bar und 480 Milliarden Euro Bürgschaften, pro Kopf alles in allem rund 6500 Euro, um alles zu retten, was systemrelevant war, vor allem die staatlichen Banken, die unter unmittelbarer Aufsicht der großen Politik für sogenannte Kreditersatzgeschäften in verbriefte amerikanische Häuserschulden, in Anleihen auf die isländische Krone, in rätselhafte irische Steuerspar-Zweckgesellschaften und atemberaubend strukturierte Wertpapieren verpfändet hatten.

Zehn Jahre danach ist das Beben immer noch im Boden, es grummelt und grollt in den tiefen Tonlagen. Die Dresdner Bank ist verschwunden, die Commerzbank, die sie 2009 schlucken musste, ist heute weniger wert als die Dresdner Bank einst allein.

Ende der Herrlichkeit



Auch von Macht und Größe der Deutschen Bank ist nichts übriggeblieben: Als die Deutsche mal die Dresdner hatte übernehmen wollen, sollte am Ende der größte und mit 150 Milliarden Euro Marktkapitalisierung wertvollste Bankenkonzern der Welt entstehen. Inzwischen ist die Deutsche Bank ein Zwerg, der mit Ach und Krach noch ein Zehntel des Wertes der HSBC auf die Waage bringt. Das reicht in Europa zu Platz 19 auf der Rangliste der Größten. Im Weltmaßstab gesehen ist für die Deutsche, aber auch für deutsche Banken insgesamt kein Platz unter den Top 50.

Der neue Rettungsplan entstand im Kanzleramt, wo seit geraumer Zeit der nationalistische Traum von "nationalen Champions" (Peter Altmaier) geträumt wird. Große, zur Not auch volkseigene Konzerne sollen Stärke im Wettbewerb mit Asien und Amerika bringen und die deutsche Industrie vor feindlichen Übernahmen schützen, hat das Kabinett beschlossen. Die Fusion der letzten beiden halbwegs großen deutschen Privatbanken ist Teil dieses Planes.

Nationalismus mit "Champions"


SPD-Finanzminister Olaf Scholz treibt ihn voran, ohne je öffentlich erklärt zu haben, welchen Sinn außer dem der Herstellung vermeintlicher Größe eine Hochzeit der beiden schwer angeschlagenen Ex-Riesen haben könnte - abgesehen von der Aussicht auf ein paar tausend Arbeitsplätze, die wegfallen werden, hunderter Filialen, die zu schließen sind und die Leere in deutschen Innenstädten zu vergrößern versprechen, und einem Wettbewerb, der noch deutlicher zugunsten staatlicher Geldinstitute und Sparkassen verzerrt wird.

Allerdings: Gerade den Sparkassen ist Vater Staat aktuell etwas schuldig, müssen sie doch stolze 1,2 Milliarden Euro zur Rettung der der überwiegend staatlichen Nord LB beisteuern. Das sind zwar nur 25 Euro pro Sparkassenkunden, verglichen mit den großen Rettungsaktionen der Vergangenheit als "Peanuts" (Ackermann). Aber auch wenn sich alle Beteiligten mühen, zu erklären, dass das Geld irgendwo vom Himmel regnen werde und die Nord LB am Ende ganz allein bezahlen müsse, wird es doch am Ende anders kommen: Die Commerzbank hatte ihre erhaltenen Rettungsgelder auch in Form von Dividenden über den Finanzminister an die Steuerzahler zurückgeben sollen.

Von 33 Euro, die in die Bank flossen, wurden auf diese Weise in den zehn Jahren seitdem genau 20 Cent zurückgezahlt.

Montag, 18. März 2019

EU: Herzzerreißender Brexit-Brief einer Sechsjährigen


Sie ist erst sechs Jahre alt, folgt aber schon den Spuren der im Moment noch ungleich berühmteren Greta Thunberg aus Schweden: Die Vorschülerin Sophie aus Großbritannien hat mit einem herzzerreißenden Brief an den polnischen EU-Ratschef Donald Tusk ein neues Kapitel im Brexit-Poker eröffnet. "Ich weiß, wir Briten verlassen die EU. Aber ich denke, wir sollten Freunde bleiben", schreibt die Kleine in ihrem Brief mit krakeliger Schrift, die viel über das angekratzte Selbstbewusstsein der Briten aussagt.

Verunsichert sind sie, vor allem die Jungen. Verängstigt und in großer Furcht, dass es jenseits der Gemeinschaft der europäischen Völker, zu der derzeit immer hin 27 von insgesamt 51 Staaten gehören, keine Zukunft gibt. Nicht einmal die aufs allerschlimmste bedrohte in einer völlig zerstörten Umwelt.

Selbst für den Medienwissenschaftler Herbert Achtelbuscher vom An-Institut für Angewandte Entropie der Bundeskulturstiftung in Halle an der Saale, der seit vielen Jahren zum Thema Themensterben forscht, ein in dieser Wucht noch nie erlebtes Phänomen. Achtelbuscher hatte zuletzt im Fall der Ukraine- und der Griechenland-Berichterstattung festgestellt, dass es der Politik zunehmend gelinge, Themen zu pflegen, wenn sie ihr nützlich sind, während sogenannte unnütze Themen durch konsequente Ignoranz vom Nachrichtennachschub abgeschnitten werden. "So entsteht bei uns Bild der Welt, das sich nach politischen Vorgaben formt."

Es geht nicht mehr um wirkliche Bedeutung, sondern um Aufmerksamkeitsabsorbtion. Mit nur sieben Emp, einer von Achtelbuschers Expertenteam ersonnenen Einheit für einheitliche Empörung, hatte Ukrainekrise, obschon größte Friedensbedrohung seit dem Ende der Balkan-Kriege, weniger Haltbarkeit als seinerzeit das Sarrazin-Buch, analysiert der ausgebildete Entroposoph. Dies beweise die von seinem Team bereits vor Jahren dargelegte These, dass es überhaupt nicht darauf ankomme, "wie wichtig ein Thema wirklich ist, sondern vor allem darauf, wie es sich medial vermitteln lässt."


Sie tut es, sie handelt. Die kleine Sophie stammt aus London und sie ist eine glühende Anhängerin der Wertegemeinschaft EU, die Frieden schafft, freien Handel gewährleistet und ihre Außengrenzen gemeinsam schützt. Dass andere Briten das nicht mehr wollen, versteht sie nicht. Sophie bat Tusk deshalb um ein signiertes Foto für ihr "Europa-Buch", eine kleine Kladde, in der das Mädchen für seine Nachkommen Erinnerungen an die Zeit festhält, als Briten noch nicht daran gehindert waren, ihre Insel zu verlassen, als sie noch zu Essen hatten und alle möglichen Waren aus dem Ausland importieren durften.

Eine Ära, die nun untergeht – wenn Sophies Brief, der mit drei roten Aufklebern und einer Zeichnung von einem Einhorn endet, nicht noch für ein Umdenken bei den Austrittsfaschisten in der Tory-Partei sorgt. Donald Tusks jedenfalls hat die Hand ausgestreckt: "Wir werden immer Freunde bleiben, Sophie", versprach der Pole der kleinen Engländerin in einem Schreiben, das als eine der letzten Postsendungen vor dem sogenannten Lock Down der EU noch bis in die britische Hauptstadt transportiert werden soll.

Parité bei Patenten: Erfinderquote ins Grundgesetz

Hafsa Humaira aus Bretzenheim bei Mainz trägt einen Bikini-Badeanzug, den allerdings auch ein Mann erfunden hat.

Im August 1910 initiierte die Sozialistin Clara Zetkin den Internationalen Frauentag als Initiative für Gleichberechtigung, das Frauenwahlrecht sowie die Emanzipation von Arbeiterinnen. Seitdem ist viel geschehen. Erst kam es neun Jahre später – am 19. Januar 1919 – zur ersten reichsweiten Wahl, bei der Frauen das aktive und passive Wahlrecht besaßen. Es war ein Kampf gegen alle Widerstände, der gewonnen worden war. Nur etwas mehr als 14 Jahre später kam Adolf Hitler an die Macht, gewählt auch durch Frauen, die fasziniert und begeistert waren von der Vorstellung einer „Volksgemeinschaft“ des „nationalen Sozialismus“, die „gerechte neue Gesellschaftsordnung" aufbaut.

Um Gerechtigkeit geht es auch  100 Jahre später wieder, denn der Traum der Frauen von gleicher Teilhabe ist noch lange nicht ausgeträumt. Zum heutigen "Equal Pay Day" wird denn auch die Forderung laut, aus der unvergessenen Geschichte des Kampfes um gleiche Rechte Lehren zu ziehen und den Frauen der Gegenwart die Chance zu geben, tradierte Rollenmuster aufzubrechen.

Denn nicht nur Entgeltgleichheit gegenüber ihren männlichen Kollegen und gleichberechtigter Zugriff auf Führungspositionen in der Arbeitswelt bleiben für viele Frauen bis heute unerreicht. Sondern auch andere Bereiche der Gesellschaft leiden immer noch unter der Dominanz tradierter weiblicher Rollenmuster in Familie, Gesellschaft und Wirtschaft. Frauen sind ungleich mehr von Gewalt und sexuellen Übergriffen betroffen. Frauen sind in Parlamenten, Freiwilligen Feuerwehren, im katholischen und muslimischen Priesteramt, bei Bundesliga-Schiedsrichtern und Dönerverkäufern.

Zudem, so prangert die Initiative Equal Pay Day (EPD) an, liegt die Quote weiblicher Patentanmelder in Deutschland bei nur knapp über sieben Prozent. Werden werden damit im Bereich des Erfinderwesens noch weitaus umfassender von geschlechtergerechter Behandlung ausgeschlossen als in vielen anderen gesellschaftlichen Bereichen.

Fair ist, wenn Gleiches gleich bewertet wird – das gilt auch und vor allem für die Entwicklung neuer Patente, für durchschlagende Neuentwicklungen und kreativer Innovation. Unter dem Motto "Wertsache Weib" fordert EPD deshalb zum diesjährigen Equal Pay Day, dass die große Koalition eine Quote für weibliche Erfinder ins Grundgesetz schreibt: Wert und  Bewertung von männlicher und weiblicher Erfinderarbeit müssten endlich gleich sein, Gerechtigkeit ist nicht nur im Parlament, sondern auch beim Patent möglich, "wenn wir bei der Anmeldung von Geschmacksmustern und Patenten die jeweils an Mann und Frau angepasste Maßstäbe setzen", so die Initiatoren.

Einen entscheidenden Schlüssel auf dem Weg zu tatsächlicher Gleichberechtigung sehen die Verfechter einer Erfinderquote in der "Parité" genannten Vorschrift, dass Patentanmeldungen von Männern etwa durch Unternehmen oder Forschungseinrichtungen künftig nur noch erfolgen können, wenn eine gleiche Anzahl von Patentanmeldungen von Frauen vorgelegt wird. Dieses sogenannte Reißverschlussprinzip soll dazu führen, dass eine paritätische Anzahl an Patenten von Frauen angemeldet wird. Dadurch, davon sind auch SPD, Linke und Grüne bis hin zu Teilen der CDU überzeugt,  würden endlich Lebenswelt, Interessen, Erfahrungen, Sicht- und Denkweisen von Frauen gleichberechtigt dort einfließen, wo über Forschung und Markenschutz die Weichen für die technische und damit auch die gesellschaftliche Entwicklung gestellt werden.

Nach einer Grundgesetzänderung, für die eine Zwei-Drittel-Mehrheit im Bundesparlament notwendig wäre, soll sich die Gesellschaft dann auch tatsächlich gleichberechtigt in der Geschlechterfrage entwickeln können. Das Land Brandenburg hatte mit dem Beschluss eines Parité-Gesetzes zuletzt vorgemacht, wohin die Reise in Fragen der Gleichberechtigung gehen muss: Nur Druck erzeugt Veränderung, nur Veränderung führt zu umfassender Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern, die gerade erst um offiziell um ein drittes erweitert wurden.



Sonntag, 17. März 2019

Zitate zur Zeit: Keine Querulanten mehr

Die Querulanten jedweden Geschlechts werden hierzulande ja leider auch nicht mehr jünger.

Die Schriftstellerin Katja Lange-Müller erklärt, warum sie die Petition "Schluss mit dem Gender-Unfug" unterzeichnet hat


Sawsan Chebli: Noch mehr #vonhier


Es ist noch nicht einmal zwei Wochen her, dass die führende SPD-Politikerin Sawsan Chebli von einer Stewardess auf einem Inlandsflug auf Englisch angesprochen wurde. Obwohl sie Deutsche ist und nicht einmal nur eine ganz gewöhnliche, sondern als Bevollmächtigte des Landes Berlin beim Bund und Staatssekretärin für Bürgerschaftliches Engagement und Internationales im Berliner Senat so super integriert, dass viele sich fragen, wie irgendjemand da fragen kann, woher Chebli kommt.

Aus Moabit natürlich, von wo aus sie eine ganz normale deutsche SPD-Karriere begann. Mit 22 wurde sie Parteimitglied, als studentische Hilfskraft schnupperte sie im Bundestagsbüro eines Abgeordneten in den SPD-Stall, später wurde die Diplom-Politikwissenschaftlerin wissenschaftliche Mitarbeiterin von verschiedenen Bundestagsabgeordneten, sie verdiente sich erste Sporen als "Young Leader" bei der Münchner Sicherheitskonferenz und wurde schließlich erste Grundsatzreferentin für interkulturelle Angelegenheiten in Berlin, wo sie interreligiöse Poetry Slams förderte bis Walter Steinmeier die telegene Berlinerin entdeckte und "als erste Muslimin überhaupt" (DPA) zur Sprecherin im Auswärtigen Amt machte.

Mehr von hier #vonhier kann niemand sein und so war Cheblis Empörung darüber, in einem deutschen Flugzeug im deutschen Luftraum über deutschem Boden in der Sprache der Trumps, Bannons und Boris Johnsons angesprochen zu werden, durchaus verständlich. Vielen Deutschen mit Migrationshintergrund geht es ähnlich, so dass durch die Sozialen Netzwerke eine breite Solidaritätswelle rollte, Musliminnen und Muslime, Sachsen, deutschtürkische Freizeitfußballer und schwedische Imame, aber auch italienischstämmige Südtiroler und Frauen aus Oberbayern, die traditionell am Kopftuch festhalten, twitterten bewegende Geschichte darüber, wie sie ausgrenzend oder gar rassistisch angesprochen wurden.

Auch Chebli teilt seitdem solche verstörenden Erlebnisse bei Twitter, denn sie zeigen, wie tief Vorurteile wirklich sitzen. Gerade erst passierte es schon wieder: "Wurde gerade von einer Stewardess auf einem Inlandsflug auf Deutsch angesprochen", schreibt Chebli, die das nicht auf sich sitzen ließ. "Hab sie gefragt, warum sie meint, ich könne kein Englisch." Volltreffer. BAM! Erwischt. Die Flugbegleiterin sei sofort, berichtet die Interkulturexpertin, "sichtlich irritiert" gewesen. Man habe “halt viele Gäste von hier.” Sawsan Cheblis abschließender Kommentar ist ehrlich, aber beunruhigend: "Ehrlich, es nervt", scheibt sie nur noch. Und ein wenig klingt das schon nach Kapitulation vor schräger Ansprecherei durch subalternes Servicepersonal, das es einfach nicht lernen will.

Samstag, 16. März 2019

Umweltsünder: Musterland als Spitzenverschwender


Je besser es läuft, umso schlechter läuft es, nicht nur bei Deutschlands Energieausstieg, der den CO2-Ausstoß des europäischen Vorzeigelandes nachhaltig nach oben getrieben hat. Sondern auch beim Elektroauto-Weltspitzenreiter Norwegen, der sich nach einer Statistik der Vereinten Nationen den Titel des Weltmeisters bei der Herstellung von Elektroschrott erobert hat. Das durchelektronisierte Leben, es schlägt beim Müll zu Buche:  Das als beispielhaft geltende skandinavische Land produzierte nach Angaben des E-Waste-Monitors der UN im Jahr 2016 pro Kopf 28,6 Kilogramm Elektroschrott. Großbritannien liegt mit 24,9 Kilo nicht weit dahinter, die USA kommen mit 19,4 Kilo auf etwa zwei Drittel des norwegischen Wertes.

Wohlstand führt zu Verschwendung, Reichtum zu einem erhöhten Modernisierungstempo. Was Deutschland beim Dieselaustsieg vorexerziert, indem es eine Autogeneration aussortiert, die in 90 Prozent aller anderen Staaten der Welt helfen würde, den umwelt- und gesundheitsschädlichen Fahrzeugpark zu modernisieren, übt Norwegen bei Smartphones, MP3-Playern, Digitalkameras und anderen elektronischen Geräten.  Einzelpersonen, Unternehmen und Regierungen wechseln dank hervorragender finanzieller Möglichkeiten mit hoher Geschwindigkeit zu den jeweils neuesten Modellen. Zurück bleibt ein Berg aus Elektroschrott, der im Gegensatz zum ungleich prominenteren Plastikabfall kaum jemals mediale Aufmerksamkeit erfährt.

Dabei wurden nach UN-Angaben im Jahr 2016 weltweit 44,7 Millionen Tonnen Kühlschränke, Fernsehgeräte, Waschmaschinen und andere Arten von Elektromüll erzeugt, aber nur 20 Prozent davon wurden recycelt. Dieser Anteil ist niedriger als der des wiederverwerteten Plastikmülls in Deutschland.

Das oft als Umwelt-Musterland beschriebene Norwegen liegt nun weltweit ganz vorn, zumindest bei der Prokopf-Erzeugung von Elektroschriott. Obwohl China und die USA in absoluten Zahlen führend sind, dominiert Norwegen bei den Erzeugungsraten pro Person naturgemäß, da die meisten Entwicklungsländer einfach noch über zu wenige elektronische Geräte und Haushaltshelfer verfügen, um mit den Verschrottungsmengen mithalten zu können, die etwa weltweit agierende Umweltschutzorganisationen herzustellen vermögen , .

Faires Kino: Jetzt kommt das Indianerfilmverbot

Gefragt als Klischeebild: Der sogenannte "Indianer"wird in deutschen Kinos und auf deutschen TV-Bildschirmen immer noch dreist und gnadenlos als Wilder vorgeführt.

Gleichberechtigung fördern, auf rassistische Kinofilme verzichten, Rücksicht auf fremde Völker nehmen? Alles hysterische Übertreibung! Warum sollen im Kino nicht auch Indianerfilme laufen? Weshalb soll das Fernsehen künftig auf "40 Wagen westwärts", "Der mit dem Wolf tanzt" und "Weiße Wölfe" verzichten? Nun, nach der berechtigten Empörung über politisch korrekte Indianerkostüme und kolonialistische Rückbesinnungsfantasien deutscher Kleinbürger ist es hohe Zeit, eine Haltung zu beenden, die nur weiße, privilegierte Menschen entwickeln können: Die Selbstermächtigung, sich beleidigend kleiden zu dürfen, ist ebensowenig zukunftsfähig wie der Anspruch, in Kino und Fernsehen widerliche rassistische Herrschaftsfantasien aus den Hirnstuben alter weißer Männer anschauen zu dürfen.

Angst geht um in Deutschland


Eine Angst geht um in Deutschland. Es ist eine absurde Angst, die wohl nur weiße, privilegierte Menschen entwickeln können: Die Angst vor dem Anstand, die Angst, sich zu korrekt zu verhalten. Konkret gemeint ist die Sorge des*r weißen Mitteleuropäer*in, es mit der Rücksicht zu übertreiben. Man fürchtet, Freiheit zu verlieren, etwa, indem man seinem Kind untersagt, als Indianer, putziger Neger, schießwütiger Kuhhirte oder grausamer Ostdeutscher zum Karneval zu gehen. Oder indem man darauf verzichtet, sich einen sogenannten Indianerfilm im Kino oder im TV anzuschauen.

In den vergangenen Tagen kochte sie wieder hoch. Erst an Fasching, wo die Problematik von ethnifizierenden Kostümen thematisiert wurde. Nun, wo endlich eine Diskussion beginnt, ob es uns als Gesellschaft gut zu Gesicht steht, stereotyp fremdenfeindlich exotisierende Filme wie "Black Robe - Am Fluß der Irokesen", "Bury My Heart at Wounded Knee" oder "Geronimo - Das Blut der Apachen" anzuschauen. Dabei sind alle diese "Werke" einer rassistischen Hollywood-Unterhaltungsmaschine DNA-Porn, zelluloidgewordenes Ressentiment, das Natives, die amerikanischen Ur-Einwohner, als Wilde zeigt, mörderisch, tödlich, blutverliebt.

 Alte indianische Weisheit, die Essenz jahrtausendealter Beobachtungen. Eingefroren in einer kleinen Begebenheit aus einem längst vergessenen Dorf der Sioux, in dem der weise Medizinmann gerade gestorben war. Sein Sohn hat wenig von den geistigen Gaben des Vaters mitbekommen. Sein schamanisches Talent ist überschaubar. Dennoch wird er natürlich Medizinmann-Nachfolger, denn wie in hochentwickelten westlichen Demokratien werden Ämter werden wie dieses auch im Indianerstamm nach Blut, Parteibuch und Nase vergeben.





Eine alte Legende


Dabei waren Indianer, wie sie früher genannt wurden, ganz anders. Wenn Herbst kam, erschienen die Männer des Stammes beim Schamanen, um ihn über den kommenden Winter zu befragen. Der  aber hatte natürlich keine Ahnung. Das Wetter? Da konnte er nur raten, doch er wollte sich das selbstverständlich nicht anmerken lassen. Also so prophezeien, dass es nicht falsch ist. Also sagt er: “Der Winter wird kalt und lang, Leute. Am besten ihr sammelt schon mal Holz.”

Indianer tatet, wie ihnen geheißen. Doch als der Winter ausbleibt, fragen sie erneut. Wie wird er wohl werden? Der Medizinmann weiß es immer noch. Aber besser man bleibt bei dem, was man einmal gesagt hat. Alles andere verunsichert die Leute nur. Also wiederholt er seine Warnung: “Sammelt noch mehr Holz. Der Winter wird kalt und lang!” Doch er ist nun beunruhigt und beschließt, in die Stadt zu reiten. Er packt ein paar Sachen, sattelt ein Pferd und reitet zum Wetteramt, um die Wissenschaftler zu fragen, wie der Winter wird. Die wissen das doch am besten.

Bereitwillig gibt man ihm Auskunft. Die Indianer sind schließlich Steuerzahler. Der Chefmeteorologe sagt: “Der Winter wird kalt und lang. Die Indianer sammeln Brennholz wie schon lange nicht!”

Tellerrand des privilegierten Weltbildes


So also waren die Indianer, ein Falschanzeiger, der funktionierte wie jeder andere. Dennoch wurden zwischen 1700 und 1900 amerikanische Institutionen, unter anderem geführt von vielen Deutschen, mehr als 600.000 der zuvor etwa 900.000 indigenen Ureinwohner auf dem Gebiet der heutigen USA ermordet - in Kriegen, durch die gezielte Infizierung mit Krankheiten, durch Vertreibung und gezielter Verarmung. „Wir werden gezwungen sein, sie wie Tiere aus den Wäldern in die Felsengebirge zu treiben“, hatte Thomas Jefferson, einer der Gründerväter der Vereinigten Staaten, zuvor festgelegt. Heute wird das als Scherz begriffen: Häufig völlig unbewusst tragen Karnevalisten in der Vergangenheit dazu bei, die Zeit des Kolonialismus und der sogenannten „Entdeckungen“ zu glorifizieren und Massenmorde und andere Gräueltaten zu verharmlosen. Das bereits bei Kindern beliebte „Indianderkostüm“ und andere diskriminierende Verkleidungen wie den Südseekönig, die Frau im kurzen Rock, den an Marx oder Dickens erinnernden Herren im schwarzen Gehrock oder den an die Gruppe Village People gemahnenden Polizisten gaben Ältere immer wieder an die nächste Generation weiter.

Diese Popgruppe, erdacht und aufgebaut vom schwulen französischen Produzenten Jacques Morali, gefiel sich öffentlich in sexueller Uneindeutigkeit, sendete aber schwule Signale wie ein Leuchtturm. Für die USA der End-70er Jahre eine reizende Idee, Diskomusik aus männlicher Homosexualität zu machen, und dabei den Hang Homosexueller zur Verkleidung und zum Rollenspiel zu nutzen. Die Gefälligkeit der Village-People-Musik erlaubte es zudem auch einem großen heterosexuellen Publikum, Hits wie "Y.M.C.A.", "In the Navy" oder "Macho Man" zu hören, ohne überhaupt zu verstehen, wie frappant schwul die Songtexte waren. 40 Jahre später allerdings wäre ein provokantes Unternehmen wie Village People gar nicht mehr möglich. Allein schon das Kostüm des Indianers - korrekterweise inzwischen "Native" - ließe sich öffentlich kaum noch vermitteln. Sich "Indian" zu nennen oder äußere Merkmale einer anderen "Rasse" (Bento) spielerisch zu verwenden, gilt als Kapitalverbrechen an der politischen Korrektheit und guter Grund, den jeweiligen Täter öffentlich anzuklagen und zum Abschwören zu zwingen.


„Aber man muss doch nicht auf alles Rücksicht nehmen“ sagen einige, und zeigen so ihre Unfähigkeit, über den Tellerrand ihres privilegierten Weltbildes zu schauen. Wäre ihnen die Möglichkeit gegeben und das Verlangen nicht seinerseits rassistisch, könnten sie sich hineinversetzen in einen Native, der seine Vorfahren als skalpierende Wilde auf sattellosen Pferden sehen muss. Sie können es aber nicht und das ist genauso unsensibel und beunruhigend, als täten sie es. Boshafte weiße Privilegiertheit zehrt von simpler Unkenntnis, indem sie die Gefühle fremder Völker negiert.

Dabei ist klar: Indianerfilme wie "Winnetou", "Ulzana" oder "Squanto - Der große Krieger" sind nicht harmlos, egal, warum man "Pocahontas" rührend findet oder "The Revenant" bedeutsam. Derartige Filme reduzieren Menschen auf ihre Rolle als Feind und verstärken rassistische Klischees in der Gesellschaft. Eine zwangsläufige Konsequenz des Umstandes, dass Filme über Menschen anderer Kulturen stets auf Stereotypen basieren, auf pauschalisierenden Vereinfachungen und der Überbetonung der eigenen Position. Damit unterbetonen sie automatisch Verfolgung, Enteignung, Kolonialisierung, Versklavung oder sogar Ausrottung. In so einem Kontext ist es naiv, einen "Abenteuerfilm" zeigen zu wollen, denn der stellt nur unterdrückte, rassistisch verfolgte und durch den Kolonialismus ausgerottete Kulturen aus Spaß zur Schau.

Dennoch laufen diese Völkermord-Pornos beinahe täglich im Fernsehen, selbst dort, wo dem Kommenzdenken der privatkapitalistischen Heuschrecken das Bild eines volksverbundenen Gemeinschaftsfernsehens entgegengesetzt wird, das erziehen will. Dem*r arroganten Deutschen, der sich selbst auf die Schulter klopft, weil er ja schließlich keine Indianer ausgerottet habe, ist das alles egal, denn, zu viel Rücksicht nehmen, puh, wo kommen wir denn da hin? Was dürfte man denn dann überhaupt noch schauen, provozieren die Rechtsradikalen gezielt.

Es ist faszinierend, wie Menschen bei diesem Thema aus der Haut fahren. Indianerfilme seien doch Kulturgut, heißt es dreist über die rassistischen Machwerke "Der letzte Mohikaner" und "Little Big Man". „Gaga“ sei ein Verbot der Vorführung von "Die Rache des Sitting Bull" und von "Chingachgook, die große Schlange". Besonders das Alter der Filme dient dabei als Argument. Sie seien so lange gelaufen, warum denn nun auf einmal nicht mehr.

Indianerfilme erziehen zum Rassismus


Der Widerstand von Menschen, die Angst vor Anstand, politischer Korrektheit und Rücksicht haben, ist frappierend. Dabei ist erwiesen: Wer sogenannte "Indianerfilme" sieht, denkt automatisch in rassistischen Kategorien. Er nimmt das Bild vom edlen Wilden an, der als reitendes Maskulinum zum Mythos wurde. Frauen, auch das ist ein Punkt, der gegen diese Art Machwerke spricht, kommen hier ja kaum vor, sie sind allenfalls Sexualobjekt, werden aber vom Handeln ausgeschlossen. Auch das hat, geschieht es im Kino oder im TV fortgesetzt, ganz konkrete Auswirkungen auf die Rolle von Frauen in der Gesellschaft.

Deutlich wird schon anhand dieser Analyse, dass der verharmlosende Begriff Indianerfilm ein toxisches Genre tarnen soll, das eine Erfindung ist von privilegierten Menschen, die ihren Status Quo in Gefahr sehen und hunderttausendfachen Völkermord bemänteln wollen, indem sie die Opfer als „gefährliche Wilde“ darstellen, gekleidet in rassistische Kostüme, enthemmt Waffen schwingend und in völliger Verkehrung der Tatsachen nicht als Verteidiger ihrer Heimat auftretend, sondern schutzlose arme und natürlich weiße Familien massakrierend. Da eine Selbstregulierung weder von Hollywood zu erwarten ist noch die deutsche Unterhaltungsindustrie willens und in der Lage scheint, dergleichen Dreck und Schmutz freiwillig aus den Lichtspielhäusern und Fernsehprogrammen zu verbannen, ist es Zeit für den Gesetzgeber, hier einzuschreiten.

Wer weiter zuwartet, wie das CDU, CSU, SPD, Grüne, Linke und neben der FDP auch die AfD zu tun gewillt scheinen, macht sich mitschuldig.