Google+ PPQ: Pullover bedrohen die Demokratie

Donnerstag, 2. August 2007

Pullover bedrohen die Demokratie

Jahrelang haben sie es mit Demonstrationen versucht, haben die Unterwanderstiefel mit Schürsenkeln in bestimmten Farbkombinationen geschnürt und sich wollene "Lonsdale"-T-Shirts und "Umbro"-Trainingsjacken über die bleichen Hühnerbrüste gezogen. Vergebens. Das Vierte Reich ist nicht gekommen, selbst bei Wahlen langte es nicht zu mehr als Augenblickserfolgen und anschließendem Koma für die alte, am liebsten in "Fred-Perry"-Polohemden gewandete und dann auch für die selbsternannte Neue Rechte, von der man immer hörte, sie trage Schlips und Kragen und statt Skinheadhaut auf dem Kopf ordentlichen Fassonsschnitt.

Doch was mit Grunzrock, vor handverlesenem Publikum in abgelegenen Scheunen geröhrt, und Aufmärschen durch menschenleere ostdeutsche Provinzstädte nicht gelang, steht jetzt allem Anschein nach doch noch direkt vor der Tür: Mit einem perfiden Pullovertrick bedrohen Neonazis aus Brandenburg die junge deutsche Demokratie.

"Thor Steinar" ist das Zauberwort, das Angst und Sorge um den Fortbestand der Bundesrepublik, wie wir sie kennen, auslöst. Ausgedacht in der brandenburgischen Provinz, kokettiert das Modelabel, das mit norwegischen Fahnen, der gestickten Aufschrift "Nordirland" und einem stets als Pfeil gestalteten "T" auf eher grobe Reize setzt, mit der Ästhetik von mitteldeutschen Tankstellen-Cliquen. Ein erstes, an nordische Runen angelehntes Logo wurde verboten, der Fußballklub Hertha BSC verbietet seinem Anhang aber auch, Steinar-Mode mit dem neuen Logo zu tragen, um die wacklige deutsche Demokratie zu schützen.

Mediatex aber, die mittelständische Firma, die sich vom heidnischen germanischen Gott Thor Hammerschwinger und dem im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gern und viel gezeigten Mehrteiler "Steiner - Das Eiserne Kreuz" zur Modemarke "Thor Steinar" inspirieren ließ, greift jetzt mit anderen Waffen an. Mit Mietverträgen über Läden namens "Narvik", die die Thor-Steinar-Marke verkaufen, hat die Firma in den letzten Tages dank hingebungsvoll zelebrierter Proteste mehr Werbewirkung erzielt als mit allen kostenlosen Katalogen, die sie bisher verschickt hat. Denn sowohl in Magdeburg, wo sich der vorher gegenüber im größten Einkaufszentrum der Stadt beheimatete TS-Laden im Hundertwasserhaus einmietete, als auch in Berlin, wo die öffentliche Wohnungsbaugesellschaft Mitte schon seit mehr als einem Jahr Ladenfläche zur Verfügung stellte, ist die Aufregung urplötzlich ungeheuer groß: Hundertwasser sei Jude gewesen, der Vermieter des Hundertwasserhauses aber die katholische Kirche, heißt es, verkürzt gesagt.

Nicht diese offenkundige Geschmacklosigkeit aber ist Auslöser für die Aufregung, sondern der Verdacht, dass der Verkauf der unverkennbar überteuerten Pullover, Khaki-Shorts und Wollstrümpfe den Anfang vom Ende des deutschen Rechtsstaates ankündigen könnte. Dagegen protestierten gestern in Magdeburg 150 Mahnwächter unter Führung des Innenministers, eines ehemaligen NVA-Offiziersschülers, und der stellvertretenden Oberbürgermeisterin, die aus Osnabrück stammt und ihre Karriere beim dortigen Arbeitsamt startete, was sie zur Expertin für rechte Jugendkultur machen dürfte.

Obwohl sich der Sozialdemokrat Richard Schröder bereits 2004 unter dem Titel „Zensur bleibt hilflos“ dagegen wandte, den Kampf gegen Runenpullover mit dem Kampf für die Demokratie zu verwechseln (Schröder: „Diese Textilienzensur ist nicht die selbstbewusste und gelassene Selbstverteidigung der Demokratie, sondern eine Mischung aus Gespensterfurcht und inquisitorischer Zensorenmentalität.“) möchte PPQ, unser kleines Demokraten-Board, sich der Demo quasi virtuell anschließen. Wir weisen also hiermit pflichtschuldigst darauf hin, dass zahlreiche Läden sowohl in Berlin als auch in Magdeburg (von zahllosen anderen Städten weltweit gar nicht zu reden) immer noch Fred-Perry-Poloshirts, Umbro-Pullover, New-Balance-Schuhe und Jacken von Alpha Industries verkaufen, in die die Feinde der Demokratie ihre Germanenkörper am liebsten hüllen. Hier sind noch einige Mietverträge zu kündigen und etliche Mahnwachen warten darauf, gehalten zu werden.

1 Kommentar:

panzerbummi hat gesagt…

und autofahrer mit pitbull-aufklebern im heck sollen auch schon mal ein kind totgefahren haben.