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Dienstag, 13. Januar 2009

Hochbetrieb in der Worthülsenfabrik

Hochbetrieb dieser Tage in der Worthülsenfabrik, die auf Beschluß der weitsichtigen Regierung Kohl seinerzeit direkt im Berliner Regierungsviertel unterhalb der Kanzlerwaschmaschine in den märkischen Restsand gegossen wurde. Die Großcomputer rasseln, die Reimprogramme rattern, die Wortschweißgeräte glühen. Mit Rettungspaket, Konjunkturspritze, Abwrackprämie, Schuldenbremse und Rettungsschirm haben die vierhundert Vollzeitbeschäftigten in nur acht Wochen mehr Als-Ob-Worte herstellen können als der seinerzeit noch von SED-Politbüromitglied Kurt Hager geleitete VEB Geschwätz im gesamten letzten Fünfjahrplanzeitraum der DDR.

Dabei ist es keine leichte Arbeit, der die zuvor zumeist als freiberufliche Dichter, Denker und Werbetexter gescheiterten Mitarbeiter im zweiten Tiefgeschoß der deutschen Hauptstadt nachgehen. "Manchmal", klagt Rainald S., einer der Starschreiber, der aus Angst vor beruflichen Nachteilen nicht mit seinem richtigen Namen genannt werden möchte, "manchmal kommen die Anforderungen an uns wirklich im Stundenrhythmus herein." Dann gelte es, schnell zu reagieren, denn "wir wissen ja, dass um 20 Uhr die "Tagesschau" losgeht und die führenden Kabinettsmitglieder dann einen Spruch brauchen, der draußen im Lande verstanden wird."

Wichtig sei, sagt der erfahrene Hülsendreher, der vor 20 Jahren noch für Erich Honecker tätig war und in dieser Funktion unter anderem den sehr erfolgreichen Satz vom "Sozialismus in den Farben der DDR" erfand, dass "der kleine Mann auf der Straße komplizierte Sachverhalte in seiner eigenen Sprache erzählt bekomme". Dabei sei es allerdings völlig egal, ob er das Erzählte dann auch verstehe. "Uns kommt es darauf an, dass er glaubt, er habe es verstanden."

Sehr geeignet, das habe die Vergangenheit gezeigt, seien Begriffe aus der Technik oder dem Gartenbau. Weniger gern würden Fachworte aus dem Tätigkeitsbereich von Bundeswehr und Polizei benutzt. Beispielhaft sei das Wort "Rettungsschirm", entstanden während einer Kaffeepause kurz vor Redaktionsschluß. "Alles drin, alles dran." Deshalb habe es der ganzen aktuellen Generation von Worthülsen als Vorbild gedient: "Eigentlich gibt es das Wort ja gar nicht", erläutert der Experte, "denn richtig würde es ,Fallschirm" heißen." Doch "Fallschirm" impliziere natürlich das unangenehme Gefühl, etwas am Fallschirm falle herunter, stürze vielleicht sogar ab. "Rettungsschirm dagegen klingt wohltuend beruhigend und gibt jedem das Gefühl, er könne den Fall genießen."

Nach dem großen Erfolg, den der von nur vier Mitarbeitern in dreistündiger Puzzlearbeit designte Begriff sowohl beim Kabinett als auch bei der Oppostion hatte, "haben wir diese Schablone selbstverständlich als Muster genommen." Auch beim Worthülsendrehen gehe es um Effizienz und Kostensenkung. "Die Anforderungen wachsen, aber Neueinstellungen sind seit Jahren nicht drin gewesen."

Aus zwei völlig wesensfremden Worten kreieren die staatlichen Worthülsendreher, die sich selbst gern und nicht nur spaßhaft als "Staatsdeutsch-Komponisten" bezeichnen, seitdem zusammengesetzte Substantive, die dem inhaltsleeren Gewäsch des politischen Spitzenpersonals der Republik das prächtige Gepränge von Sachverstand und Tatkraft geben. "Konjunkturspritze", lacht der führende Sprachschöpfer, "ist für sich genommen absoluter Quatsch." Vor einer Fernsehkamera ausgesprochen, habe das Wort jedoch unzweifelhaft eine "große beruhigende Wirkung": "Die Menschen assoziieren unwillkürlich Sport, Dopingspritzen, Fitness und Hochleistung."

Ähnlich verhalte es sich mit der "Schuldenbremse", von der "in Wirklichkeit nur geredet wird, um ein Gegengewicht zum in der Krise unvermeintlichen Gerede über die vor Jahren in der Hülsenfabrik entstandene "Rekordverschuldung" zu haben." Die Assoziation sei hier die einer wirklichen Bremse, auf die man nur treten müsse, um zum Stehen zu kommen. "Wir vermitteln damit das Gefühl, die Lage ist im Griff, wir können jederzeit die Bremse treten." Zumindest verbal sei die Stabilität des politischen und wirtschaftlichen Systems damit stets gesichert.

Dass sie eine staatspolitisch so wichtige Aufgabe ausfüllen und doch niemals öffentlich gelobt werden, stecken die Worthülsendreher, zu denen auch 47 Frauen gehören, recht unaufgeregt weg. "Wer hier bei uns anfängt, weiß, dass es nicht um Ruhm und Ehre geht", sagt Rainald S. Dafür sei die Arbeit nicht schlecht bezahlt und relativ krisensicher: "Egal, welche Regierung auch an die Macht kommt, Worthülsen brauchen sie alle", ist er sicher.

Kommentare:

christoph hat gesagt…

Ganz, ganz hervorragend!

Gundermann hat gesagt…

mein gott, wie kann man nur einen solch` fantastischen text schreiben? inhaltlich brillant, sprachlich herausragend!

ich bin - ja, ich bin neidisch. so etwas bekomme ich einfach nicht hin. einfach ein großartiger text.

politplatschquatsch hat gesagt…

um gottes willen...

Anonym hat gesagt…

Hochachtung, dieser Text ist wirklich ein absolutes Highlight.

Respektvolle Grüße
Alexander

Tim hat gesagt…

Fabelhaft!

Anonym hat gesagt…

Ja, in der Tat ist dies ein Text den man in gewissen Kreisen auch als "totale ownage" zu bezeichnen pflegt.

Anonym hat gesagt…

Chapeau! An Originalität und im Bezug auf die Realität nicht mehr zu toppen.

Ich bin begeistert und auch etwas neidisch zugleich.

Wann endlich habe auch ich solch geniale Momente literarischen Schaffens?

Aber das hier ist auch verdammt gut:

guckst Du hier: http://www.taz.de/1/wahrheit/artikel/1/die-gueldene-haengematte/

Christian Link hat gesagt…

Dass es eine staatliche Worthülsenfabrik gibt, ist mir neu. Ich kannte bisher nur die privaten Public-Positioning-Agenturen:
Mehr darüber kann man hier nachlesen.

Christian Link hat gesagt…

HTML will offensichtlich gelernt sein, daher hier nochmal der Verweis zum Selbst-in-die-Navigationsleiste-einsetzen:
http://www.narragonien.de/?p=55

NWR hat gesagt…

Prima!

Anonym hat gesagt…

Grenzwertig Gut!!

Südwestfunk hat gesagt…

Präzise erzählt. Mir fiel auf, dass der Interviewte trotz Anonymisierung zumindest Insidern erkennbar sein dürfte: an seiner Haltung zum "kleinen Mann auf der Straße". Die hat ihm nämlich ein Fernsehdirektor der öffentlich-rechtlichen Anstalten eingebleut.

ppq hat gesagt…

existiert die worthülsenfabrik wirklich?

aber klar! ich war da!

vectorfiles hat gesagt…
Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.
vectorfiles hat gesagt…

Eine Wonne, diese Sprachfertigkeit zu geniessen. Vielen Dank!
Ein unglaublich hervorragender Text.

Der Schreiber sollte sich ein Medium mit deutlich größerer Reichweite suchen.
Da schlummert noch eine Menge unentdecktes Talent, wie es scheint.

ppq hat gesagt…

vielen dank. größer als das hier würde aber vieles nicht mehr zulassen