Google+ PPQ: Widerstand mit der Wachskerze

Donnerstag, 20. August 2009

Widerstand mit der Wachskerze

"Zuerst holten sie die Glühbirnen; ich schwieg, denn ich hatte keine Glühbirnen. Dann holten sie die Taschenlampen; ich schwieg, denn ich hatte große Fenster. Dann holten sie die Halogenfluter von den Baustellen; ich schwieg, denn ich baute nicht. Danach holten sie die Kerzen; ich schwieg, denn ich war nicht verliebt. Schließlich aber mauerten sie meine Fenster zu, weil zugemauerte Fenster bessere Wärmedämmungseigenschaften haben. Und da war keiner mehr, der mit mir für meine Fenster hätte kämpfen können", dichtet ein Mitglied des autonomen Glühlampenuntergrunds in einem Internet-Board, zu dem nur Zugang erhält, wer die Seriennummer einer 1992er 40-Watt-Birne korrekt in ein Webformular eintippen kann.

Hierher haben sie sich zurückgezogen, die letzten Unterbelichteten, die eine Technologie von vorgestern für bewahrenswert halten, nur weil sie ihren Augen schmeichelt. Hier tauschen sie Glühfäden und bunte Birnen, hier jammern sie über die Pläne von EU-Kommission und Bundesregierung, der Energiesparlampe mit Hilfe einer Zwangsverordnung gnadenlos zum Durchbruch zu verhelfen.

Ausgerechnet Umweltminister Sigmar Gabriel, als Pop-Beauftragter der SPD und Pate des Eisbären Knut bekanntgeworden, hat den Energiesparplänen der Großen Koaltition jetzt einen Bärendienst erwiesen. Wem das Licht der Sparlampe in den Augen wehtue, forderte der übernächste SPD-Kanzler, solle doch gefälligst eine Kerze anzünden. Empörung bei Optikern und Augenärzten, helle Aufregung bei den Lesern hier im Glühbirnenschutzboard PPQ: Schon vor Wochen hatten wir den sogenannten Guttenberg-Plan aufgedeckt, nach dem in einer vierten Stufe der Umstellung Deutschlands auf kerngesunde Naturenergie nach der 40-Watt-Birne auch die Wachskerze untersagt werden soll, weil deren Wirkungsgrad bei der Lichterzeugung mit 0,04 Prozent noch weit niedriger liegt als der der Glühbirne.

Jedoch trifft das weitsichtige Handeln der Regierung nicht überall auf ungeteilte Zustimmung. So hat sich die Stadt Halle jetzt als erste Kommune deutschlandweit klar gegen ein Kerzenverbot positioniert. Ganz plakativ benannten die mit dem militanten Glüh-Underground sympathisierenden Stadtväter den alljährlichen "Weihnachtsmarkt" in "Kerzenmarkt" um - ein Affront, der in Berlin und Hannover bisher unbemerkt geblieben ist, bei Birnenfreunden landauf, landab aber schon für Aufmerksamkeit und Begeisterung sorgt. "Einen solchen Akt der Solidarisierung wünschte man sich von noch viel mehr Städten", heißt es in einem Forum, indem Hobbykerzendreher Wachsmischungen diskutieren. Halle sei ein "leuchtendes Beispiel" dafür, dass der "Widerstandwille der Menschen seit 1989 ungebrochen ist", kommentiert ein früherer Bürgerrechtler auf der einer Seite, auf der frühere Bürgerrechtler den verpassten Chancen des Herbst 1989 hinterhertrauern.

Seinerzeit sei man nur mit Kerzen bewaffnet gegen Stasi und Volkspolizei-Knüppel angetreten. "Wer uns die Kerze nimmt", so der Mann, "nimmt uns ein Stück unserer Identität". Die Bürgerbewegung werden sich gegen jeden Versuch wehren, ihr die friedlichen Waffen der Befreiung vom kommunistischen Joch aus der Hand zu schlagen: "Und wenn wir uns dazu wieder mit Kerzen auf den Marktplatz stellen müssen!"

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