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Dienstag, 22. November 2011

NSU: Der Fall Braun

Je weiter die Aufklärung der neonazistischen Mordserie um die Thüringer Untergrundarmee NSU voranschreitet, umso mehr Rätsel tauchen auf. Jetzt hat der „Spiegel“ aufgedeckt, dass der Verfassungsschutz von „etwa 20 Unterstützern“ ausgeht, die Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe „im Untergrund geholfen haben“. Ein bemerkenswerter Vorgang, wenn man beachtet, dass das „Untergrundleben“ der terroristischen Dreifaltigkeit ein seit acht Jahren nurmehr ein eingebildetes war. Weder gegen Zschäpe noch gegen Mundlos oder Böhnhart lag irgendetwas vor, es wurde weder nach ihnen gefahndet noch gab es auch nur den geringsten Verdacht, sie könnten in irgendwelche Verbrechen verwickelt sein. Niemand fahndete. Niemand hätte einen der drei nach einer Ausweiskontrolle mit aufs Revier genommen, wenn er seine eigenen Papiere vorgezeigt hätte.

Dennoch zogen es die tödlichen Drei vor, sich von Bekannten Ausweise zu borgen, in fremdgemieteten Wohnungen zu leben und Autos zu fahren, die andere für sie geliehen hatten. Angeführt von Uwe „der Schlaue“ Mundlos betrieben die Mitglieder der Mini-Armee, die 2003 noch selbstbewusst und unverschleiert an einem Nazi-Aufmarsch in Halle an der Saale teilgenommen hatten (Foto oben), einen gewaltigen Aufwand. Für haargenau null Effekt.

Der Fall Braun, der Deutschland für eine ganze Woche vom Zusammenbruch der Euro-Region und vom Ausverkauf aller Verfassungswerte ablenkte, wirkt mit zunehmender Dauer immer absurder. Kantapper, Kantapp, kamen die tiefgefrorenen Nazis aus dem Kühlschrank, als sie als Ablenkung von der Euro-Tragödie gebraucht wurden. Letztes Jahr zur selben Zeit stimmte der Innenminister die Nation auf den bevorstehenden Todesstoß Bin Ladens gegen die Reichstagskuppel ein, jetzt ist es ein Trio aus Spätpubertierenden, das unerkannt RAF spielt und mit fünf Jahren Verzögerung Furcht sät.

Denn natürlich ist die These, nur "abgetaucht" hätten sie unerkannt morden können, nur nach „Spiegel“-Logik haltbar. Wer keine Spuren hinterlässt und erratisch genug agiert, keine Tatmuster zu erzeugen, kann nach getanem Mord ebenso gut unter seinem richtigen Namen zur Arbeitsagentur oder zum Einwohnermeldeamt gehen wie unter einem halben Dutzend falscher zum Griechen, in den Supermarkt oder in in Michèle Kiesewetters Heimatort Meuselbach. Dort soll Uwe Mundlos nach Informationen der Ostkult-Gazette "SuperIllu" sich im Sommer 2005 "mit einer Clique von sechs bis acht jungen Männern getroffen" haben, um zusammen mit ihnen "kleine Bomben" zu bauen und "rechtsextremistische Musik zu hören".

Auch dort aber hat Mundlos sich grundlos mit anderem Namen vorgestellt. Der Mann, für den sich kein Staatsanwalt und kein Polizist interessierte, spielte Untergrund. Er tat so, als werde er gesucht. Und er tat noch mehr. Kioskbesitzer und Angestellte wurden ermordet, das Auswahlprinzip aber blieb geheimnisvoll. Acht Türken. Und ein Grieche - schon rein historisch betrachtet der Gegenspieler der Osmanen. Todeslisten wurden aufgestellt - und das dauerte länger als die Adressen der Erfassten aktuell blieben. Für die Erledigung der 10.000 mutmaßlichen Ziele hätte die Zwickauer Truppe bei ihrem Standardmordtempo rund 10.000 Jahre gebraucht.

Wozu also solch eine Liste? Warum ein Grieche unter lauter Türken? Warum eine gekaufte Pistole als Tatwaffe? Wieso ein gespieltes Leben im Untergrund? Warum endeten alle Planungen augenscheinlich bereits im Jahre 2006?

Es gibt keine Antworten. Trotzdem stellte sich fünf Jahre nach der letzten Tat binnen Stunden Einigkeit von "Welt" bis Bild, von SZ bis Zeit her: Ja, das waren fremdenfeindliche Morde. Die Opfer, bis dahin verdächtigt, bei Auseinandersetzungen im kurdisch-türkischen Drogenmilieu ermordet worden zu sein, rückten vom Privattoten auf zu Staatsmärtyrern. Die hohe Politik beschloss zu trauern, die Justizministerin ist bereit, Angehörigen Entschädigungen für die Taten der kriminellen Mundlos-Bande zu zahlen.

Wenn das Schule macht, hat die Familie ermordeten Polizistin Kiesewetter ganz schlechte Karten. Hier, wo bisher von einer menschenverachtenden Gelegenheitstat mit staatsfeindlichem Hintergrund ausgegangen wurde, tun sich plötzlich Abgründe persönlicher Beziehungen auf. „Kannte die Polizistin die Neonazis?“, fragt die „Welt“, die von der staatlichen Nachrichtenagentur dpa den Hinweis bekommen hat, dass „der Bruder der Getöteten einen Koch mit dem Nachnamen Zschäpe beschäftigt“ habe.

Was ist da los? Warum hat es fünf Jahre gedauert, bis die Ermittlungsbehörden auf diese Spur gestoßen sind? Und warum haben Deutschlands führende Medien nicht schon viel früher darauf hingewiesen, dass es durchaus Zweifel am Selbstmord von Mundlos und Böhnhardt geben darf – und sei es nur, weil beide keinen Grund hatten, sich zu erschießen?

Der Fall Braun knirscht vor Widersprüchen, so sehr, dass sich kritische Fragen nach nur anderthalb Wochen den Weg durch die bislang aufgetürmte Schicht an staatstragender Eindeutigkeit gebahnt haben. Nun reden Feuerwehrleute, die die ausgebrannte Terror-Wohnung im Zwickauer Frühlingsweg selbst gesehen haben, davon, dass dort aus ihrer Sicht niemals eine DVD hat überleben können. Nun gestehen auch die Behörden zu, dass es schwer werden könnte, das gefundene Material auszuwerten. Nun fragen sich selbst gelegentliche Nachrichtenkonsumenten, welchen Wert ein Geständnis hat, „in dem die Täter sich ihrer Taten rühmen“. Und das mit der Synchronstimme einer Zeichentrickfigur, ohne im Bild aufzutauchen.


Ein Land schreibt einen Thriller:
NSU: Die Mundart-Mörder
NSU-Todeslisten: Sie hatten noch viel vor
NSU: Was wusste Google?
Doku Deutschland: Verfassungsschmutz
Kommando späte Reue
Die tödliche Bilanz des braunen Terror
Hasskappe gegen Heimsieg
Wenn Frauen Krimis schreiben
Mordspur nach Möhlau
Die Anmerkung: Die Todesliste - ein Stück Telefonbuch?

Kommentare:

Friedrich hat gesagt…

Es gibt mehr Fragen als Antworten es sei denn man ist VT fest,dann dürfte vieles sinnvoll sein....

ppq hat gesagt…

bei diesem fall könnte man es werden.

mein gott, so viele fragen, die keiner stellt. so viele antworten, die auf der straße liegen

Kurt hat gesagt…

Auf jeden Fall war es spannend.

Ohne ein so ausführliches Quellenstudium wie ppq zu betreiben, ist für mich erwiesen, daß die These von gleichgeschalteten Massenmedien in der heutigen BRD mit dieser Berichterstattung endgültig wiederlegt ist.

Wie geht es weiter?
Die Bundesregierung zahlt ein Blutgeld an die Hinterbliebenen. Die Bundesregierung führt einen großen Staatsakt zum Gedenken an die Opfer der erratischen Terroristen durch. Die Bundesregierung schämt sich, daß sie diese Morde nicht verhindern konnte. Damit ist für mich erwiesen, daß wir von unglaublichen Paternalisten regiert werden.

Ich werde nachher unter fremden Namen bei Aldi ein Brot kaufen. Damit ist erwiesen, daß ich bekloppt bin.

ppq hat gesagt…

du vergisst, dass zwei wochen nicht von der eurokrise die rede war. dass jetzt handhabe da ist, die sicherheitsdienste umzubauen. dass der verfassungsschutz womöglich erstmals seit der stasizeit wieder exekutive befugnisse erhalten kann. dass zahllose engagierte "projekte" gegen rechts sich auf einen warmen geldregen freuen können.

nicht zuletzt: dass wiedermal bewiesen ist, dass vernunft und logik dort nichts zu suchen haben, wo tragik sich mit nützlichkeit vermählt

derherold hat gesagt…

"die von der staatlichen Nachrichtenagentur dpa den Hinweis bekommen hat"

Daß SZ, Spargelonline, Welt, etc. ihre Klientel mit emotionalen(?) Artikeln bedienen, geschenkt.
Aber auch ansonsten scheint der Journalismus darin zu bestehen, am Schreibtisch zu sitzen und "Pressemeldungen" umzuschreiben.

Merkwürdig, daß die o.g. Medien auf exakt die "Quellen" vertrauen, die doch angeblich zehn Jahre lang inkompetent/verschwörerisch Bonnie&Clyde&Clyde zehn Morde begehen ließen.

ppq hat gesagt…

ist das jedes mal dasselbe. die trompeten eine woche lang den absurdesten quatsch in die landschaft und widersprechen dabei gern allem, was sie bis fünf vor dem ersten trompetenstoß behauptet haben.

und nach spätestens zweieinhalb wochen fängt dann der spiegel an, kritische fragen zur eigenen berichterstattung zu stellen, die er dann natürlich "arbeit dder ermittlungsbehörden" nennt.

daraufhin schwenken alle ein, das geht dann noch fünf tage, dann kommt schnee oder regen oder eine betrunkene bischöfin oder ein neues buch von grass oder der neue moderator von wettendass wird ernannt.

und, wie sagte der kohl, die karawane zieht weiter

eulenfurz hat gesagt…

Danke, das mit den tiefgefrorenen Nazis war eine treffende Metapher. Derweil lohnt sich auch mal wieder ein Berlinbesuch.

Kurt hat gesagt…

Als ich obigen Kommentar schrieb, wußte ich nicht, daß zeitgleich der Bundestag wirklich einen Staatsakt durchführte.
Jetzt ist mir sehr unwohl. Ich meine, welchem Väterchen Stalin soll damit was bewiesen werden. Uns Inländern ist ja klar, daß in unserem Parlament Demokraten sitzen. Ist das jetzt als Schuldeingeständnis oder als großes Durchatmen vor dem Ärmelaufkrempeln zum großen Aufräumen zu verstehen?
Sollte man als egomaner Mörder sich jetzt besser einen rechtsextremen Hintergrund zulegen, um maximale Aufmerksamkeit zu bekommen?

Ich glaube schon, daß Vernunft und Logik eingesetzt wurde. Aber eher in der macchiavellistischen Art - um daraus das Beste zu machen.
Nachdem der VS bald aufgelöst, fusioniert und umgestaltet ist, kann man endlich wieder "zur Klärung eines Sachverhalts" abgeholt werden. Der erste Schritt ist das geplante Zentralregister.
Kein Datenschützer wird sich erdreisten, eine zentrale Datei zur Erfassung von Nazis zu kritisieren. Das dann regimekritische Blogger, Scientologen und Radfahrer mit erfasst werden stört dann nicht mehr.
Ob die alten Stasi-Untersuchungsgefängnisse jetzt wieder zurück umgewandelt werden? Es werden doch nicht alle mit einem Hubschrauber abgeholt werden.

PS: Ich hab mal die geschlossene Abteilung vom Internetirrenhaus verlinkt. Interessant ist das Bild der Mundlos-Actien-Gesellschaft Magdeburg. Unterscheidet sich nur marginal von der anderen Online-Berichterstattung.

PPS: Werden die Hinterbliebenen von Frau Kiesewetter auch aus dem "Entschädigungsfond für Opfer rechter Gewalt beim Bundesjustizministerium" entschädigt oder gibt es da Vorbehalte, die man rassistisch deuten könnte? Wir werden es nie erfahren.

Ich brauch jetzt SOMA.

ppq hat gesagt…

verlinkt?

Südwestfunk hat gesagt…

Wer tiefer graben möchte: E.T.A. Hoffmann "Ignaz Denner" und den Essay von Franz Fühmann dazu: deutsches Duckmäusertum und die Bereitschaft, sich Mörderbanden anzubequemen.

eulenfurz hat gesagt…

Es wundert, daß das Trio "Nationalsozialistischer Untergrund" genannt wird; früher hießen diese imaginären Phantasieorganisationen doch eher "Großdeutsche Befreiungsfront" oder "Nationales Einsatzkommando". Also eher militant als geheimnisvoll.

Gab es einen stilistischen Paradigmenwechsel in der zuständigen Behörde?

ppq hat gesagt…

der name ist programm. man hat ihn sicher gewählt, weil er sowas von selbstbeschädigend ist... alles drin, alles dran. fast meint man, es hat bestimmt eine heiße diskussion darum gegeben, ob nicht "hitlers nationalsozialistischer massenmorduntergrund" noch besser wäre.

immer, wenn du denkst, da geht nichts mehr, kommt eine neue pistole aus dem schutt, die die querverbindungen redundant belegt. zuletzt war es plötzlich der dritte schuss, der aus dem wohnwagen kommen musste, damit der selbstmord endlich einen grund hatte: erst haben die beiden noch auf die polizei geschossen. aus enttäuschung, nicht getroffen zu haben, richteten sie sich dann selbst.

Die Anmerkung hat gesagt…

Zurück auf Anfang.

1998 soll Beate Z. zusammen mit ihren Komplizen Uwe B. und Uwe M. die rechtsextreme Gruppierung "Nationalsozialistischer Untergrund (NSU)" gegründet haben.

Das war ein richtiger Verein, die haben das nicht einfach mal so gemacht, wie auf der NSU-Fanseite behauptet wird.

Der Anfang einiger NSU Enthusiasten

Angefangen hatte es eigentlich ganz belanglos.

ppq hat gesagt…

hähähä.

wenn ich sowas lese, stelle ich mir das ja immer plastisch vor. den abend, wo sie den namen ausgesucht haben. nachher mehr