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Sonntag, 13. November 2011

NSU: Kommando späte Reue

Julia Jüttner ist die Insiderin, Holger G. der Strippenzieher, Uwe Böhnhardt war der Militante, Uwe Mundlos der Intellektuelle, Beate Zschäpe die Mitläuferin: Im Fall der Döner-Morde haben die beiden mittlerweile toten Neonazis nach einem Bericht des Nachrichtenmagazins "Spiegel" ein Geständnis hinterlassen. Auf nicht verbrannten DVDs, die die Ermittler in dem abgebrannten Wohnhaus der Gruppe in Zwickau fanden, erklärten sie, ihre Gruppe "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) sei ein "Netzwerk von Kameraden mit dem Grundsatz "Taten statt Worte". Die Neonazis bekennen sich dem "Spiegel"-Bericht zufolge dazu, mindestens neun Morde an türkischen und griechischen Einwandern begangen zu haben. Wenige Stunden später konnten Ermittler in den Trümmern des Hauses auch die NSU-Mitgliedsausweise von Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe (Foto oben) sicherstellen. Die darin eingeklebten Beitragsmarken belegen, dass das tödliche Trio sich bis zuletzt nicht von seiner menschenverachtenden Einstellung  distanziert hatte.

Bei den Ermittlungen werden nun auch weitere ungeklärte Anschläge überprüft. Nach Informationen des "Tagesspiegels" untersuchen die Behörden etwa den Sprengstoffanschlag Ende 1998 in Berlin auf das Grab von Heinz Galinski. Damals war der Grabstein von des einstigen Präsidenten des Zentralrats der Juden vollkommen zerstört worden – die Bilder ähneln denen der Terrorzellenhaus in der Zwickauer Frühlingsstraße 26. Man sehe hier deutliche „eine einheitliche Handschrift“ hieß es in Sicherheitskreisen.

Geprüft wird auch die Tatverwicklung eines Mannes, der sich direkt nach dem Freitod von Böhnhardt und Mundlos im mitteldeutschen Lützen in die Luft gesprengt hatte. Der frühere Korvettenkapitän der DDR-Volksmarine galt als enttäuschter Sonderling, hinterließ aber weder Bekenner-DVDs noch einen NSU-Mitgliedsausweis. „Wir tappen noch im Dunkeln“, verriet ein Fahnder.

Die Bundesanwaltschaft, die die Ermittlungen zum rechten Terrornetzwerk übernommen hat, verfüge zur Zeit über keinerlei Hinweise darauf, warum die ruchlose Mundlos-Bande aus Zwickau sich erst fünf Jahre nach dem letzten Döner-Mord zu seinen Taten bekennen wollte. "Vielleicht war das eine Art Kommando Späte Reue", sinniert ein Fahnder, der sich noch genau erinnert, wie "die RAF früher immer schnell zur Hand war mit einem Bekennerschreiben". Das habe damals "noch gezogen, damit kamen die immer in die Tagesschau". Mundlos und Co. gelang das nach 1998 nie wieder. "Wir fragen uns, ob die sich gewundert haben, woran das liegt."

Rätselhaft sei vor allem, wie sogar Uwe Mundlos, nach seinem beinahe nachgeholten Abi bekanntlich der intellektuelle Kopf der Gruppe, habe übersehen können, dass das Wesen terroristischer Tätigkeit in seiner öffentlichen Wahrnehmung liege. „Terrorismus ist von Hause aus keine militärische Strategie, sondern primär eine Kommunikationsstrategie“, erläutert Extremismusexperte Franz Wagner vom Friedensforschungsinstitut der Unesco in Toulouse im PPQ-Gespräch. Terroristen strebten zwar nach Veränderungen der bestehenden Ordnung, doch ziele ihr Kampf mit Bomben und Pistolen nicht auf die militärische Befreiung von Gebieten, sondern auf Veränderung des Denkens, „um dadurch gesellschaftliche Veränderungsprozesse zu erzwingen.“ Der Terrorist wolle, dass alle wissen, was er getan habe und warum. „Terror ist Druckmittel, um mit Hilfe öffentlicher Aufmerksamkeit Ziele durchzusetzen.“

Im Fall der NSU konnte das nicht gelingen, weil die verschworene Truppe sowohl ihre Anschläge als auch ihre Ziele über mehr als zehn Jahre streng geheim hielt. Der einzige Mitwisser weltweit war war über Jahre der Rechtsextremismusforscher Hajo Funke, der derzeit auch als einziger nachweisen kann, "dass das Neonazi-Trio aus Zwickau Kontakt zu Mitgliedern sogenannte freier Netze in Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt hatte". Wie besessen sammelten Mundlos, Zschäpe und Böhnhardt Tatwaffen, darunter auch eine Ceska Typ 83, Kaliber 7,65 Millimeter, hergestellt für den Einsatz im westlichen Ausland Anfang der 80er Jahre in der damaligen Tschechoslowakei. Selbst ganz zum Schluss, als die beiden Männer sich aus Enttäuschung über die geringe Ausbeute ihres Banküberfalls in Eisenach selbst gerichtet hatte, mochte sich Beate Zschäpe nicht von der gemeinsamen Waffensammlung trennen.

Statt sie auf dem Weg nach Jena, wo sie sich den Behörden stellen wollte, in einen Fluss zu werfen, versuchte sie, sie zu verbrennen. Das gelang nicht und so wurden die Tatwaffen aus der Dönermord-Serie, von der Erschießung einer Polizistin in Heilbronn, vom dritten Schützen beim Kennedy-Mord und aus dem Fall Petra Kelly und Gert Bastian in Zwickau gefunden. Direkt neben einem Paar Handschellen, das der vor vier Jahren ermordeten Michéle Kiesewetter zugeordnet werden konnten. Glücklicherweise hatte das Terror-Trio keine unregistrierten Schließen im Porno-Versandhandel erworben, sondern das Schellenpaar der Polizistin aufgehoben, die in dem Bundesland Dienst tat, in dem Handschellen eine Seriennummer haben.

Update: Inzwischen konnte mit Holger G. ein viertes mutmaßliches NSU-Mitglied dingfest gemacht werden. Die Polizei wirft ihm laut "Focus" vor, widerrechtlich gemeinsam mit einem der beiden toten Geheimterroristen aufgewachsen zu sein. Überdies habe er Wohnmobile angemietet.

Die tödliche Bilanz des braunen Terror
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Wenn Frauen Krimis schreiben
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Kommentare:

Die Anmerkung hat gesagt…

Ich las dieser Tage, bei dem vielen, das ich lese, letztlich sei die ganze Aktion ein großer Fahndungserfolg der Polizei, daß die sich umgebracht, ein Wohnmobil abgefackelt und eine Wohnung gesprengt haben.

Gottseidank ist wenigstens die Polizei auf der Höhe der Zeit und macht ihren Job.

Anonym hat gesagt…

War der "Terrorist" und V-Mann des "Verfassungs"schutzes Ulrich Schmücker auch Mitglied der NSU?
Stammte das Auto, im dem man die Waffe fand, mit der Heinz-Herbert Karry erschossen wurde auch aus dem Fuhrpark der braun Verfassten?
Die Geschichte von Vierzonesien muß wohl neu geschrieben werden.
Heidemann übernehmen Sie.

Stefan Hensch hat gesagt…

Klasse Artikel! Ich habe gehört, daß es sogar Parallelen zu 9/11 gibt - mindestens einer der Terrororganisation soll sich mindestens eine Dokumentation zum Thema 9/11 gesehen haben.....

ppq hat gesagt…

was wir jetzt brauchen ist ein ruck, las ich gerade

murmeltiertag

Anonym hat gesagt…

Du weißt völlig zurecht darauf hin, daß hier vernünftige Tatmotive fehlen. Terror funktioniert nur, wenn die Leute auch wissen, wovor sie Angst haben sollen.

Ich hätte da eine ziemlich steile Hypothese zu zum Tatmotiv im Polizistenmord anzubieten, der ja nicht weniger sinnlos erscheint. Warum mietet man ein Wohnmobil an und fährt von Zwickau nach Heilbronn, um da vermeintlich wahllos zwei Polizisten zu erschiessen?
Möglicherweise ist der Grund die starke Ähnlichkeit von Beate Zschäpe mit der ermordeten Polizistin.

http://imageshack.us/photo/my-images/148/beatezmichelek.jpg/

Das Motiv wäre dann, eine weitere falsche Identität verfügbar gehabt zu haben, denn mit einem echten Polizeidienstausweis läßt sich selbt gegenüber Behörden oder "Kollegen" spontan sehr überzeugend auftreten.
Wenn es so war, spricht das noch mehr für eine tiefe Verstrickung des Verfassungsschutzes, den irgendwo her müssen die ja gewußt haben, wann und wo genau diese Thüringer (!) Polizistin in Baden-Württemberg im Einsatz war.

Stimme aus dem Kissen hat gesagt…

Das Ganze zeigt, dass die besten Drehbücher in der Realität geschrieben werden. Das Ganze schreit ja förmlich nach Verfilmung. Ich sehe schon vor meinem inneren Auge, wie Mundlos (Heino Ferch) und Böhnhardt (Christian Berkel) hinterrücks Petra Kelly und Gerd Bastian ermorden, während Beate Z. (Christine Neubauer) draußen im Auto wartet, damit die drei möglichst schnell nach Genf fahren können, um dort Uwe Barschel in der Badewanne zu ersäufen, nachdem man ihn mit einem präparierten Kognak-Fläschchen wehrlos gemacht hat.

Am gespanntesten bin ich jedoch auf die Szene, wo Mundlos und Böhnhardt das Wohnmobil abfackeln, nachdem sie sich gerade gegenseitig abgeknallt haben.

Stimme aus dem Kissen hat gesagt…

Mich wundert, dass noch kein einziges Mal das Wort "Stiernacken" gefallen ist.

Neonazis ohne "Stiernacken" - gibts das überhaupt?

Kurt hat gesagt…

Das Lützen in diesem Zusammenhang genannt wird, ja genannt werden muß, ist völlig klar.
Sie muß endlich verschwinden, die Gedenkstätte für Gustav A D O L F !!!

Anonym hat gesagt…

http://www.nsu-quickly.com/

eulenfurz hat gesagt…

Frage: Neonazis ohne "Stiernacken" - gibts das überhaupt?

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Nein, natürlich nicht. Aber diesmal konnte der Fokus auf Zschäpes listige Schweineäuglein gelegt werden.