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Samstag, 9. Februar 2013

Ein Hauch von Klassenerhalt

So trifft man sich also wieder. Bittere Klimawandelkälte statt lauer Frühsommerluft, ein richtiges Stadion statt einer auf Abriss programmierten historischen "Mitteldeutschen Kampfbahn". Und auf dem Rasen nicht Kamalla, Lachheb, Mouaya, Knaack, Schubert, Finke, Stark und Neubert. Sondern nur noch Horvat, Kanitz und später noch Lindenhahn und Hauk. Drei Jahre ist es her, dass sich der gastgebende Hallesche FC und die ehemals semilegendären "Babelszwerge" aus Potsdam im Kurt-Wabbel-Stadion gegenüberstanden. Seinerzeit nicht nur ein Duell von Aufstiegsaspiranten, sondern auch von zwei Vereinen mit diametral entgegengesetzten öffentlichen Images: Dort Babelsberg, ein mit Hilfe von Filz und Bestechung aufrechterhaltener Kleinstadtklub, der nach außen hin als vermeintlicher linker Gutmenschenkverein glänzte. Hier der HFC, von übelmeinenden Fernaufklärern als Heimmannschaft eines selbst bis in Theatersäle marodierenden Mobs von Rassisten und Antiantifaschisten gebrandmarkt.

Babelsberg stieg später auf, der Hallesche FC folgte im übernächsten Jahr darauf. Und hier nun sind die beiden wieder, mitten im Abstiegskampf der 3. Liga. Das Hinspiel hat der HFC im letzten Sommer in Babelsberg mit 1:0 gewonnen, drei nach Hause gewürgte Punkte, die im Grunde das Ende der bis dahin atemberaubend guten Startphase der Hallenser in der 3. Liga markierten. Danach ging es stabil nach unten, zuletzt sogar bis auf die Abstiegsränge. Babelsberg, zu DDR-Zeiten nie ein ernsthafter Konkurrent der Rot-Weißen, war nie besser, aber auch nie so schlecht - der Verein, der vor Jahren Spender des in Halle bis heute unvergessenen Genossentrainer German Andreev war, befindet sich im zweiten Jahr in permanenter Abstiegsgefahr. Kommt damit aber überraschend souverän klar, seit die ehemalige DDR-Staatsbank, heute der geschichtlichen Logik folgend eine Tochter der staatseigenen Bayrischen Landesbank, als Großsponsor einstieg.

In Halle aber schöpfen die Fans nach den Neuzugängen der Winterpause wieder Hoffnung. Obwohl die Mannschaft von Trainer Sven Köhler zu Hause seit August nicht mehr gewonnen hat, haben sich wieder mehr als 6000 eingefunden, dem nächsten Akt im Abstiegskrimi beizuwohnen. In die Ecke gedrängt stehen die Vertreter der preußisch-brandenburgischen Fankultur, ein fröhlicher Haufen in seltsamen Farben, die diesmal keine früheren Menschenschlächter hochleben lassen.

Der HFC fängt nicht gerade an, als schwimme er seit Anfang Januar auf einer Erfolgswelle. Gehemmt und unsicher wirkt die Mannschaft, in der der frühere Mannschaftskapitän Nico Kanitz den von Paderborner Avancen irritierten Toni Lindenhahn ersetzt. Zum zweiten Mal hintereinander darf der 32-Jährige damit wieder dort spielen, wo er seine besten Jahre hatte: Offensives Mittelfeld mit Zug zum Tor.

Sieht man aber erstmal nicht, denn am Ball ist meist ein Mann in Malvenfarben. Die Rot-Weißen versuchen zwar, ein geordnetes Spiel aufzuziehen. Doch das gelingt kaum. Andererseits geht auch den Gästen der Zug zum Tor ab, der etwa Dortmund in Halle zu einem Sieg verhalf. Gegen Kragl klärt Horvat mit Mühe, ein Kragl Freistoß geht zur Ecke, die "bringt nichts ein", wie Waldefried Forkefeld treffsicher analysiert hätte. Halle verzeichnet kaum Offensivaktionen, der Druck, für Trainer Sven Köhler die letzten drei der vom Präsidium für die ersten drei Spiele geforderten sieben Punkte holen zu müssen, lähmt sichtlich.

Der flotte Angriffsfußball, der in den ersten Tagen der Hinrunde und in den letzten Minuten der Auswärtspartie in Unterhaching gespielt wurde, ist fort. Doch es muss eben nicht immer schön aussehen, wenn es denn erfolgreich ist. Ein Ball von Winterverpflichtung Björn Ziegenbein auf Winterverpflichtung Daniel Ziebig, den dieser auf Winterverpflichtung Timo "Fury" Furuholm flankt, ist es: Der Finne in der Mitte, mit bisher zwei Toren in zwei Spielen erfolgreichsten HFC-Angreifer seit den frühen Tagen des Nico Kanitz, verpasst den Kopfball. Aber hinter imh steht eben jener eigentlich schon mehrmals aussortierte Sachse und drücktpresstlenktstochert das Leder ins Netz.

30. Minute und 1:0 auch im zweiten Heimspiel nach der Winterpause. Frühlingsgefühle an der Saale, ein Hauch von Klassenerhalt in der Luft der energiewendefreundlich "Erdgas"-Sportpark genannten Spielstätte, die zuletzt die unglückliche Aura einer Heimstatt mit Richtstattcharakter entwickelt hatte.

Käme es jetzt wie noch stets, käme nun irgendwann der Ausgleich und alles wäre wie immer. Deshalb wohl zittern die Hallenser weiter, selbst noch, als Babelsbergs Kühne nach einem Bilderbuchfoul an Sören Eismann vorzeitig vom Platz muss. Elf gegen zehn sieht nicht besser aus als elf gegen elf, Babelsberg drängt mehr auf den Ausgleich als halle auf das 2:0, das das Spiel vermutlich entscheiden würde.

Angst essen Pässe auf und Flanken sowieso, glücklicherweise aber ist es bei Babelsberg nicht besser. Göttel und Koc haben auf Seiten der Abgesandten aus der Stadt von Friede Springer, Günter Jauch und Pittiplatsch soetwas wie Torchancen. Bei den Hallensern verpasst Furuholm einmal den Moment zum Abschluss und Ziegenbein schießt einen Freistoß über das Tor.

Allerdings bleibt so das Übliche aus. Kein Tor hier, aber auch keines da. Trauer bei den Brandenburgern, Jubel bei den Roten nach dem Schlusspfiff, der nicht nur wegen der eisigen Temperaturen viel zu lange auf sich warten lässt. Ob es an den Ziegenbein, Ziebig, Furuholm und Kojolo lag, deren Verpflichtung in der Winterpause eine neue Statik in die Mannschaft gebracht hat, oder doch an der Wiederentdeckung des Vollstreckers Nico Kanitz. Im MDR-Interview sagt der hauptberufliche Spaßbad-Bademeister auf die Frage, warum es denn am Ende noch mal so eng wurde: "Vielleicht, weil ich nicht mehr mitgespielt habe".

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