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Samstag, 21. Dezember 2013

Armut: Sechs, sieben oder fünf

Noch nie zuvor hat der Paritätische Wohlfahrtsverband bei so wenigen armen Menschen in Deutschland ein neues Rekordhoch ausrufen können. Mit 15,2 Prozent habe die Armut eine neue Spitzenmarke erreicht, warnt der Verband jetzt - jeder siebte Haushalt in Deutschland gelte damit als arm oder armutsgefährdet, ganze Regionen seien vom Reichtum anderer abgehängt. Das Erstaunliche daran: Nach Informationen des "Spiegel" hatte die Armutsquote in Deutschland bereits im Oktober 2010 einen Wert von 15,5 Prozent erreicht. Bis zum neuen Rekord ist sie damit um 0,3 Prozent gesunken.

Auch übrigen Zahlen sind schwer zu erklären. War 2010 noch „jeder Sechste“ (Spiegel) von Armut bedroht oder betroffen, ist es jetzt jeder Siebte, allerdings nur jeder siebte Haushalt. Ein abrupter Einbruch, denn noch zwei Tage zuvor war jeder Fünfte in Deutschland arm gewesen.

Nun ist es – vielleicht eine erste Folge der Regierungsbildung – bereits „jeder Sechste" - und das, wie hier gern immer wieder beklagt wird, mitten im größten Aufschwung seit dem Beginn der Autobahnarbeiten an der Strecke Frankfurt - Darmstadt vor vor 80 Jahren. Weniger arm als in Deutschland sind die Menschen in Frankreich, noch ärmer allerdings zumndest im Durchschnitt in der gesamten Europäischen Union. Fast ein Viertel der Bürger profitieren hier durch Armut oder soziale Ausgrenzung (Die Welt) von den Erfolgen des gemeinsamen Binnenmarktes. Das ist derzeit fast jeder Sechse, Siebte oder Fünfte.

Kommentare:

Thomas hat gesagt…

Die Division in der Offiziellen Europäischen Mathematik (OEM) bildet eine sogenannte Langstrumpfsche Gruppe, in der das Ergebnis einer Operation eine gewisse Unbestimmtheit aufweist, indem etwa ein Sechstel häufig größer ist als ein Fünftel. Höhere Nenner kommen sowieso nicht vor.
Dies kommt der weitgehenden Unbelecktheit des Journalistenstandes mit den vier (oder fünf?) Grundrechenarten entgegen und wird deshalb auch in der offiziellen Berichterstattung über wirtschaftliche Belange in Zukunft als einzig zulässige Methode vorgeschrieben.

Volker hat gesagt…

Die selbstlose Helferindustrie tut Gutes und redet nicht darüber. Es ist nicht leicht, die tatsächliche Gesamtbilanz festzustellen. Deshalb zur Illustration hier ein paar Brocken

FAZ 04.12.2006, Die heimlichen Geschäfte der Wohltäter:
"Nächstenliebe hilft nicht nur den vielen Bedürftigen. Die organisierte Menschenfreundlichkeit nährt zugleich eine gigantische Wohltäterindustrie. Mit 80.000 hauptamtlich Beschäftigten ist das Rote Kreuz eher ein kleiner Player.
Die ganz Großen der Branche heißen Caritas (katholisch) und Diakonisches Werk (evangelisch), die zusammen fast eine Million Mitarbeiter auf ihren Gehaltslisten führen.
Allein die Zahl der Arbeitsplätze bei den großen fünf der Mildtätigkeit hat sich seit 1970 mehr als verdreifacht. Marktführer Caritas ist mit knapp 500.000 Beschäftigten der größte private Arbeitgeber in Deutschland. …
Der Umsatz der Gesamtbranche liegt aber, Rechnungen des IW zufolge, bei 55 Milliarden Euro. Über 80 Prozent der Einnahmen stammen aus dem Füllhorn des Sozialstaats, aus dem sich die Wohltäter meisterhaft zu bedienen wissen."


WELT 21.12.2012, Es stimmt. Deutschland stinkt vor Geld:
"Die Welt: Wie viele Leute beschäftigt der Paritätische Gesamtverband?
Schneider: 80. Bei unseren Mitgliedsorganisationen sind es insgesamt etwa 500.000.
Die Welt: So viele wie bei der Caritas.
Schneider: Das kann man nicht vergleichen. Die Caritas hat ein gemeinsames Label. Wir sind ein reiner Dachverband. Uns müssten Sie vergleichen mit dem Deutschen Industrie- und Handelstag. Das ist auch eine Dachorganisation. Wir vertreten über 10.000 rechtlich selbstständige Organisationen mit einer halben Million Beschäftigten.

Die Welt: Mit zwei Millionen Beschäftigten ist die Hilfsindustrie der größte Arbeitgeber in der Bundesrepublik. Sie macht einen Umsatz zwischen 115 und 140 Milliarden Euro."


FAZ 25.06.2013, Heimlich boomt die Hilfe:
"Wissenschaftler der Deutschen Bank schätzten vor drei Jahren, dass die Wohlfahrtsverbände in den marktnahen Bereichen etwa 38 Milliarden Euro im Jahr umsetzen. Davor hatte das Institut der Deutschen Wirtschaft den Umsatz der gesamten Branche auf etwa 55 Milliarden Euro veranschlagt. Neuere, nachprüfbare Zahlen gibt es nicht."


Fazit:
Die Armutsindustrie hat viele gute … nein … schlechte Gründe, die Nebelmaschine anzuwerfen. Fünftel oder Siebter, größer oder kleiner als, Armut oder von Armut bedroht … maßgeblich ist nicht der Wert, sondern die Menger der Armutsnachrichten und die damit verbundene "Begründung" für deren Raffgier.