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Sonntag, 29. März 2015

Doku Deutschland: Als Zigarettenschmuggler in Griechenland

Der Dolphin vom russischen Hersteller Kometa - das schnellste Schmugglerboot im ionischen Meer.
Als ich noch gearbeitet habe, wäre ich nie auf den Gedanken gekommen. Aber dann fing das mit der Krise an, bei uns, ich war der Post, wissen Sie, wurden Stellen abgebaut, wie man das sagt. Meinen tun sie damit ja, dass Leute rausgeworfen werden. Am Anfang hatte ich noch Glück, ich bin lange dabei, seit 1978, da wird Rücksicht genommen. Aber es ging ja immer weiter, es wurde immer dünner bei uns, nicht nur vom Gehalt, das sie uns um 20 Prozent gekürzt haben. Manchmal war gar keiner mehr da, um Post zuzustellen, aber das war auch nicht mehr so wichtig, wichtiger war, dass wir diese Sparpläne erfüllen.

Ich habe meinen Brief dann letztes Jahr vor Weihnachten bekommen. Tut uns leid. Nein, das stand nicht mal drin. Zwei Gehälter haben sie mir noch mitgegeben, Abfindung haben sie das genannt. Ich bitte sie, Abfindung für 36 Jahre!

Ich bin jetzt 54 und meine Frau bringt rundgerechnet 1200 Euro im Monate nach hause. Die arbeitet im Fischladen, aber Fisch ist auch so eine Sache. Teuer, jedenfalls zu teuer, wenn es nach den Leuten geht, die nichts haben. Leute wie ich im Grunde. Ich bekomme im Moment noch Arbeitslosenhilfe, aber nun auch nur noch zehn Monate. Die Abfindung wird angerechnet, haben sie mir gesagt.

Deshalb bin ich dann Schmuggler geworden, eigentlich gleich an dem Abend, an dem ich das erste Mal diesen amerikanischen Film "Breaking Bad" gesehen habe. Wenn einen das Leben zwingt, sich zu wehren, dann darf man nicht mehr fragen, ob das erlaubt ist, so habe ich das verstanden.

Nicht, dass sie denken, dass ich Drogen herstelle oder schmuggle oder so. Das käme mir nicht in den Sinn, ich bin ein gesetzestreuer Bürger, eigentlich immer noch. Aber die hundertprozentige Gesetzestreue kann sich ein Mensch nicht mehr leisten, wenn er Rechnungen zu bezahlen und eine Familie zu ernähren hat.

Die Schengen-Außengrenze wird scharf bewacht.
Ich schmuggle also Zigaretten. Das war naheliegend. Wir leben hier in Korfu-Stadt direkt am Hafen, dort fährt um neun jeden Tag die erste Fähre rüber nach Saranda. Das ist, falls sie es nicht wussten, in Albanien. Mit dem "Flying Dolphin", einem russischen Kometa-Tragflügelboot, ist man in einer halben Stunde drüben. Ich halte mich in Saranda nicht lange auf. Ich bin nur kurz bei Gerrasim, der hat einen Kiosk gleich am Hafen. Gerassim ist der Neffe einer früheren Kollegin. Zehn Schachteln Zigaretten bekomme ich bei ihm für 10 Euro, die kosten bei uns daheim inzwischen 50. Dann stehe ich auch schon wieder unten am Pier und warte auf die Rückfahrt.

Da ist nicht illegal, ich weiß also nicht mal, ob ich wirklich ein Schmuggler bin. Die Fähre fährt dreimal am Tag, ich bin immer an Bord. Zurück in Korfu-Stadt, bringe ich meine Zigaretten zu Wassil, der einen Kiosk am Hafen hat. Er gibt mir 35 Euro für die Stange.

Sie werden jetzt sagen, wie rechnet sich das denn, wenn das Ticket für die Fähre 25 Euro kostet? Wissen Sie, wir sind hier in Griechenland. Die Mannschaft auf den Fähren, die Kapitäne, die Zöllner, die Grenzpolizei, die kennen mich alle. Das sind Söhne von Bekannten, Mitschüler meiner Söhne, Bekannte von Freunden, Freunde von Verwandten. man darf eigentlich nur eine Stange mitnehmen. Mich lassen sie drei im Beutel haben, auch vier, wenn es mal eng wird.

Sie können das selbst ausrechnen. Ich habe einen Gewinn von 25 Euro pro Stange, also ungefähr 75 Euro pro Fahrt. Das Ticket muss ich bezahlen, es gibt leider auch keine verbilligten Monatskarten oder so etwas. Nehme ich den Kometa, bin ich schneller, jede Tour kostet aber 38 Euro. Nehme ich die Fähre, dauert es länger, kostet aber nur 25. Wirtschaftlich gesehen ist es besser, die teuren Touren zu nehmen. Nach Abzug der Kosten bleiben mir da nach drei Fahrten 111 Euro am Tag, mache ich nur zwei mit dem billigen Ticket, sind es nur 100 Euro.

Sie rechnen noch mit, ja? Aber sie liegen falsch. Ich komme mit meinem bisschen Schmuggelei nicht auf fast 3500 Euro im Monat, bei weitem nicht. Am Wochenende trete ich kürzer, ich fahre höchstens einmal, manchmal gar nicht. Und auch in der Woche lasse ich manchmal eine Fahrt aus, man darf nicht überziehen, sage ich immer.

Zurück daheim, trinke ich erstmal einen Kaffee auf meine erfolgreiche Rückkehr.
Mehr Doku, mehr Deutschland in der preisgekrönten O-Ton-Reihe

1 Kommentar:

Gerry hat gesagt…

Danke für das Lächeln, welches diese Geschichte einem ins Gesicht zaubert. Genauso wie die mit der Seife. Bitte noch weitere Geschichten aus dieser Reihe.
"Arbeitsgemeinschaft betroffener Muslime bei Pegida (AbMP)" Ahahaha :-D