Google+ PPQ: Märchen aus Mittweida II

Sonntag, 23. Dezember 2007

Märchen aus Mittweida II

Es ist ein Offenbarungseid, eine Konkursanmeldung mit Ansage. Als eine 17-Jährige aus Mittweida Anfang November behauptete, vier Skinheads in Jacken mit „NSDAP-Aufnähern“ hätten ihr ein Hakenkreuz in die Hüfte geritzt, weil sie einem kleinen Aussiedler-Mädchen zu Hilfe gekommen war, musste die märchenhaften Elemente der Story jedem unvoreingenommenen Leser ins Auge springen. „NSDAP-Aufnäher“, „Aussiedler-Kind“, „Skinheads“, die aussehen wie in der Retorte gebacken, Anwohner, die der Gewalttat von ihren Balkonen aus zu Dutzenden tatenlos zuschauen – dicker ging es nicht.

Doch statt kritisch nachzufragen, fiel die deutsche Presse geschlossen ins dpa-Koma. Allenfalls die Tatsache, dass weder „Spiegel“ noch „Focus“, nicht „taz“ und nicht „FAZ“ ihre Reporter zur Verfertigung der fälligen Pflichtreportage ins braune Rattennest schickten und das gequälte Opfer auch Wochen später noch nicht bei „Stern-TV“ erschienen war, um von ihrer Heldentat zu berichten, gab einen Fingerzeig darauf, für wie dünn die Experten in Frankfurt, München, Hamburg und Berlin hanebüchene Story hielten.

Über die Gründe für das beredte Schweigen der selbst ernannten „fünften Gewalt“ lässt sich nur mutmaßen. Preise für „Zivilcourage“ wurden dem Opfer angetragen, Politiker äußerten im Dutzend „Abscheu“ und „Empörung“. Medial aber wurde der Ball verblüffend flach gespielt. War im Zuge der „Spiegel“-Chefredakteurssuche kein Reporter frei? Hatte die „Süddeutsche“, deren Chefermittler kraft seiner blühenden Fantasie einst sogar Zeugen für in Bad Kleinen nie abgegebene Todesschüsse zitieren konnte, nicht die Reisekosten übrig, jemanden in die neue braune Hochburg zu schicken? Wollte Günter Jauch seinen Zuschauern das frohe Fest ausnahmsweise mal nicht mit der Anblick einer jungen Heldin aus dem „anderen Sachsen“ versüßen?

Wir wissen es nicht. Doch wir glauben ahnen zu dürfen, dass die kollektive Arbeitsverweigerung einen sehr viel naheliegendere Ursache hatte: Die schlichte Angst vor Rechercheergebnissen, die „den Falschen“ in die Hände spielen könnten.

Denn aus der Sicht der Leitmedien und ihrer von dpa mit staatsamtlichen Ansichten gefütterten Armee an Zitierern in der Provinz ist es längst egal, ob eine Geschichte wahr ist oder nur (denkbar schlecht) gelogen. Wenn sie passt, wird nicht lange gefragt, ob sie stimmen kann. Hakenkreuz-Ritzerei in Mittweida? Her damit! Skinheads mit NSDAP-Aufnäher in Sachsen? Aber immer! Gefälschte Rechtsradikalen-Statistik in Sachsen-Anhalt? Offenkundig ein Skandal!

Immer öfter gilt: Wer zuviel fragt, erfährt zu viel, wer zuviel weiß, malt nicht mehr schwarz und weiß, sondern in Grautönen, die das an die klare Rollenzuschreibung von Rambo-Filmen gewöhnte Publikum überfordern könnten.

Schwarz und weiß aber braucht es, um die Angstmaschine am Laufen zu halten, die aus 6000 Scientology-Mitgliedern eine Gefahr für die demokratische Grundordnung und aus 500 innerhalb eines Jahres in Schulbänke geritzte Hakenkreuze ein Menetekel für das heraufdämmernde 4. Reich zu machen versteht.

Der Vorfall von Mittweida markiert so einen neuen Tiefpunkt der Selbstvergessenheit deutscher Medien. Weil nicht sein durfte, was nicht sein soll, haben sich alle die Augen zugehalten, weil das Klischee einer Gewaltat voller Comicskinheads allemal mehr Quote bringt als die Story über den tragischen Zusammenbruch einer sicherlich auf ganz andere Art seelisch geritzten jungen Frau, hat sich ein ganzes Land sechs Wochen lang im Gefühl suhlen dürfen, das Unglaubhafte nicht nur für möglich und denkbar, sondern für wahrscheinlich halten zu müssen. Ein Versagen mit Ansage, ein Offenbarungseid ohne Vorgangsnummer.

Die offene Frage am Ende verweist aus Sachsen nach Sachsen-Anhalt, wo ein Untersuchungsausschuss sich mit Hilfe einer Armee aus investigativen Leitmedienreportern und flotter Rechtsradikalenalgebra bemüht, den NVA-Innenminister zu stürzen: Nach Anzeigelage ist das selbstgeritzte Hakenkreuz als „rechtsradikale Straftat“ in die sächsische Staatsschutz-Statistik eingegangen, die nach Anzeigen zählt, nicht nach Anklagen. Aber wird es dort bleiben dürfen? Oder wird es vor dem nächsten Abgabetag herausgefälscht wie die Kellerhakenkreuze in Sachsen-Anhalt? Wer enthüllt die Sauerei? Für den guten Zweck? Immerhin: Kandidaten gibt es viele.

1 Kommentar:

panzerbummi hat gesagt…

auf den punkt.