Google+ PPQ: Eene Handynummer und zwee Schachteln F6

Dienstag, 24. Februar 2009

Eene Handynummer und zwee Schachteln F6


Nebenan macht gerade Plus zu. Und bei Netto stehen sie deshalb doppelt an. Gransee, die Perle des Oberhavelkreises, im Winter 2009. An der Kasse drei lebendige Skinheads, wie sie außerhalb der Brandenburger Pampa nur noch in der Fantasie von Mittweidaer Oberschülerinnen und Passauer Polizeipräsidenten ihr glatzköpfiges Unheil treiben. Die hier sind überfällig. Einer trägt schon Versicherungsvertretermantel. Die anderen sind jünger, aber bester Laune.

"Was wollt ihr", fragt die Kassierein, ein rossmannschleckerblondes Mädchen, das in längst vergangener Zeit eine prächtige Brandenburger Bauersfrau abgegeben hätte. "Eene Handynummer und zwee Schachteln F6", sagt die kleinste Bomberjacke fröhlich. "Nee, Handynummer hamwa nich", höhnt das Kassenmädchen ohne eine Sekunde Nachdenken zurück. Routine im Netto Gransee, wo die Kunden immer noch ladenneue Einstrich-Keinstrich-Wattejacken aus NVA-Beständen auszuführen haben, wenn sie nicht lieber zur praktischen vietnamesischen Jogginghose greifen.

Draußen vor der Tür schauen vier langhaarige Jung-Granseer dem Untergang der Stadt zu. Wer hier nicht zum Baumverschneiden kommandiert ist oder im Bestattungsinstitut arbeitet, ist Tourist oder er läuft mit traurig gesenktem Kopf durch eine historische Innenstadt, der die Fördermittelmillionen aus jeder Pflasterritze quellen. Wenn das hier schon das Leben ist, was machen dann die Toten? Der Chef vom Fotoladen kennt sich aus: Ein USB-Kabel will die Dame aus Bayern? "Das kaufen Sie mal besser zu Hause", rät der Mann, "denn wenn es nicht das richtige ist, können Sie es ja nach dem Urlaub bei uns nicht mehr umtauschen!" Höflich und freundlich sind sie hier. USB-Kabel aber hat er eigentlich sowieso gar nicht. "Vielleicht bei Retzer?" Auf jeden Fall nicht bei Peter Schmidt, der einen Haushaltwaren- und Elektroladen mit Original-DDR-Leuchtreklame über der Tür betreibt. Die Leuchten funktionieren nicht mehr. Aber Schmidt weiß auch nicht, was das ist, ein USB-Kabel. "USB?" Der Mann wird zum Fragezeichen. USA kennt er. USB? Kabel immerhin hat er verstanden, und dafür gibt es hier, inmitten von angegrauten Kühlschränken, verstaubten Zimmerpropellern und Kisten unbekannten Inhalts, auch ein Regal.

Mit allerlei Elektrokabeln, laut Beschriftung sämtlichst ohne USB. "Nicht mal USA ist dabei", deutet Schmidt die Lücke im Angebot zum Triumph um. "Am besten, Sie gehen zu Retzer", empfiehlt er ein bisschen traurig, nicht seinetwegen, sondern wegen der Kundin. "Wenn ichs gehabt hätte, wärs nämlich billiger gewesen." Allerdings, freut sich der kundige Ladeninhaber, "ist es ja genau deshalb wahrscheinlich schon weg."

An der Ecke zum Markt, auf dem ein paar lustlose Pakistani seltsame Kopfbedeckungen anbieten, stehen ein paar ältere Männer beisammen. Kurz vor Retzer, bei dem eine rosmmannschleckerblonde Tresenkraft einem rüstigen Senioren gerade die Handykarte per SMS auflädt. Die Zukunft ist angekommen an der Oberhavel. USB-Kabel liegen hinten links. Draußen winken die älteren Männer dem Bofrost-Laster zu, der vorbeifährt und Kühlnahrung bringt. In Gransee sind null Grad.

Kommentare:

nwr hat gesagt…

Genial! Erinnert mich an das Interview mit dem Faschismus: "Also diese Typen gehen ja wohl gar nicht! Das ist doch alles Cottbus! Genschrott aus dem Brandenburger Hinterwald."
http://www.welt.de/satire/article724764/der_Faschismus.html

panzerbummi hat gesagt…

ich fand, dass genialität kein hinreichender grund ist, den text gleich drei mal zu posten :-)

Anonym hat gesagt…

Um mal eine Lanze für Cottbus zu brechen ... ich bin hier vor einem halben Jahr hergezogen und ich habe tatsächlich 4 Monate gebraucht um mal 3 beglatzte Bomberjackenträger an einer Tankstelle zu sehen.

Diverse Punks laufen einem aber oft über den Weg, es scheint auch eine alteingesessene Metal-Szene zu geben.

Erwähnenswert scheint mir noch zu sein, dass ich kurz vor meinem Umzug eine Radiosendung hörte, in der die Moderatoren "auf Teufel komm raus" bei den anwesenden ausländischen Studenten Berichte über rassistische Ressentiments rauskitzeln wollten, diese aber unisono betonten, dass sie in Cottbus keine solchen bemerkt hätten.

Naja, weiter will ich das jetzt nicht ausführen, aber eines muss ich nochmal verdeutlichen: Cottbus hat zu Unrecht einen schlechten Ruf. Ich bin auch mit gemischten Gefühlen hergezogen, aber ... es ist sauber, hell, hat viel Grün und man muss sich nachts auf den Straßen nicht vorsehen.

Gruß, Calimero

politplatschquatsch hat gesagt…

naja, das netz funktioniert hier auch anders als sonstwo. tipp einmal drauf, und der text erscheint gar nicht oder dreimal. vielleicht war es also auch nur ein skinhead. dann nehme ich aber zu seiner schande an, dass er in sieben jahren mit der prallen kassefee verheiratet sein wird. ob sie dann immer noch nägel für 12 euro das stück tragen wird, ist unklar. aber zwei kinder werden sie sicher haben.

Anonym hat gesagt…

Treffend beschrieben.
Fehlt noch der Bahnhof,wo man erkennen kann, daß Fördermillionen und Verkommenheit eine Einheit bilden können.
In der Straße vom Bahnhof zur Altstadt gibts nen sehr guten Bäcker (Thürk oder so ähnlich).
Und Meseberg, das Camp David des Ostens, ist ja auch nicht weit.

Anonym hat gesagt…

Das Stück ist wirklich gut.