Bis vor einem Jahr noch wäre das nicht vorstellbar gewesen. Ein neuer politischer Kampfbegriff, offiziell hergestellt in der renommierten Bundesworthülsenfabrik (BWHF) in Berlin, öffentlich vorgestellt durch einen demokratisch gewählten sozialdemokratischen Bundeskanzler und auftragsgemäß vielgenutzt von allen großen Adressen der deutschen Leitmedien, sieht sich plötzlich ins Zwielicht gezerrt.
Zweifel werden geweckt, Vertrauen soll beschädigt werden - diesmal nicht von fragwürdigen Stimmungsmachern vom äußersten radikalisierten Rand des leitmedialen Spektrums. Sondern mit Hilfe der auf die Demokratie eingeschworenen Nachrichtenagentur DPA.
Dienstbar und hilfsbereit
Die war es, die dienstbar wie immer und ohne Prüfung weiterverbreitete, was die von niemandem berufene oder gar gewählte "Jury der sprachkritischen Aktion Unwort des Jahres" sich diesmal ausgedacht hatte: Statt wie üblich eine kaum bekannte Vokabel zum "Unwort" zu erklären, fiel die Wahl diesmal auf einen offiziellen Regierungsbegriff.
Mit dem Wort "Sondervermögen" erklärte das Sprachgericht die zentrale Kampfvokabel der Zeitenwende zum "Unwort des Jahres". Und mit dieser Verurteilung gelang es ihr sogar, von Gemeinsinnsendern und den privatkapitalistischen Medienheuschrecken zugleich zitiert zu werden, die erst dafür gesorgt hatten, dass der im Jahr 2022 von der Bundesworthülsenfabrik (BWHF) für den damaligen Bundeskanzler Olaf Scholz geprägte Begriff in den allgemeinen Sprachgebrauch einsickern konnte.
Zeitenwende an der Bedeutungsfront
Es ist eine Zeitenwende an der Bedeutungsfront. Verlässlich war die auf eine Initiative der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) in Wiesbaden zurückgehende Wahl eines Gegenparts zum "Wort des Jahres" in den zurückliegenden Jahren auf abseitige, kaum bekannte Begriffe gefallen, die den Unmut der demokratischen Mitte erregt hatten. Der Vorjahressieger Remigration" stand am Ende einer stets staatstreuen Wahltradition - bis zur Verkündung des Wortes als Wahlsieger hatten die meisten Menschen noch nie von diesem Begriff gehört.
Ähnlich ging es zuvor den "Klimaterroristen" oder dem "Pushback". In der Alltagssprache hatten die Worte für Millionen keinerlei Bedeutung. Oft begannen auch die Medien sie erst zu benutzen, nachdem die Erfinder des Unwortes sie auf ihre Weise zu verbotenen Buchstabenkombinationen erklärt hatten. Bei den "Döner-Morden" verhielt es sich anders - sie gehörten ein Jahrzehnt lang zum ganz normalen Beschreibungshandwerk von "Spiegel", über DPA bis zu den Gemeinsinnsendern.
Doch nachdem die Terrorgruppe NSU sich als Urheber der Mordserie an zugewanderten Gewerbetreibenden offenbar hatte, schafften es die Döner-Morde mit einiger Verspätung doch noch zum "Unwort des Jahres 2011".
Rücksicht auf die Ampelkoalition
Beim "Sondervermögen" ist die Verzögerung nicht gar so groß. Der Begriff hatte schon im vergangenen Jahr Chancen auf den Siegerthron, erfand sich neben denen "Öko-Diktatur", "Abschiebepaket" und "Abnutzungskrieg" unter den damals 2.300 Vorschlägen für zu verurteilende Begriffe. Aus Rücksicht auf die Ampelkoalition, deren wichtigster Beitrag zur deutschen Propagandageschichte das Wort "Sondervermögen" zu werden versprach, verzichtete die sprachkritische Aktion seinerzeit aber noch darauf, den euphemistischen Tarnbegriffe für überbordende Schulden anzuprangern.
Dazu musste erst eine neue Regierung ins Amt kommen, die mit einem neuen Aufschlag daran ging, die 100 Milliarden Sondervermögen der Ära Scholz auf einen Schlag zu verzehnfachen. Auf einmal wurde die irrsinnige Worthülse, mit der 1.000 Milliarden fehlendes Geld zu einer ganz besonderen Art von Vermögen erklärt werden, zu einem Sprachskandal, den die Jury aus vier Sprachwissenschaftlernden und einer Journalistin nicht länger frei in der Presselandschaft stehenlassen können.
Plötzlich aufmüpfig
Auf einmal, lange vier Jahre nach der Empfehlung aus dem Kanzleramt an die Medien, nicht mehr von Schulden, sondern von Sondervermögen zu sprechen, wird die Jury aufmüpfig. Plötzlich spricht sie von einer "manipulativen Wirkung des Begriffs". Plötzlich soll ihr aufgefallen sein, dass die Verwendung des Wortes Vermögen im allgemeinen Sprachgebrauch positive Assoziationen wecke, die verbunden seien mit Besitz und Reichtum.
"Der Gebrauch dieses Technizismus in der öffentlichen Kommunikation verdeckt, was eigentlich gemeint ist: die Aufnahme von Schulden“, prangert die Jury unter der Sprecherin Constanze Spieß endlich doch noch an, was sie drei Jahre lang stillschweigend hingenommen hatte.
Die Welt, sie ist nicht mehr dieselbe. Es sind nicht mehr Rot und Grün und Gelb, die regieren. Es geht nicht mehr um ungeheuer große Summen, sondern um unvorstellbar hohe. Bisher konnte ein guter Sprachwissenschaftler noch mit seinem Gewissen vereinbaren, dass die Bevölkerung durch Medien, die sich bereitwillig in den Dienst der Regierungspropaganda stellen und von "Sondervermögen" schreiben, wo zusätzliche Schulden gemeint sind, in die Irre geführt wird. Jetzt aber gehe es darum, dass "eine ehrliche demokratische Debatte über die Notwendigkeit von Staatsverschuldung" nicht weiter "unterminiert" werde.
Vorgaben aus dem Kanzleramt
Vorgaben aus dem Kanzleramt hin, Worthülsenproduktion durch die BWHF her. Auch wenn ein für den normalen Hausverstand sichtlich täuschender Begriff wie "Sondervermögen" durch die ernsthafte Verwendung in kritischen Medien längst die höchsten Sprachweihen erhalten hat, bleibt der Satz des schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Daniel Günther richtig: Stimmungsmache ist keine Berichterstattung. Nicht überall, wo die von der Regierung vorgegeben Begriffe verwendet werden, "ist auch Journalismus drin".
Im ehemaligen Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" etwa, eigentlich eine verlässliche Adresse für die getreuliche Verwendung neuer Propagandabegriffe aus der BWHF, findet sich das Wort vor 2005 nur 110 Mal. Seit der Bitte aus Scholzens Kanzleramt, es doch bitte künftig anstelle von "Schulden" zu verwenden, mehr als 1.400 Mal.
Der auf der Hand liegende inverse Informationscharakter des Wortes - die bekannte Sprachwissenschaftlerin Frauke Hahnwech hat es seinerzeit eine "Amtslüge" genannt - entspricht exakt dem Profil, das Günther meinte, als er bei Markus Lanz davon sprach, es würde "einfach vollkommen faktenfreie" Inhalte verteilt, es stimme "in der Regel nichts" und die Inhalte wirkten damit "demokratiefeindlich".
Ein nachweisbarer Effekt
Beim Begriff "Sondervermögen" lässt sich dieser Effekt von Anfang an nachweisen. Seit Olaf Scholz auf Anraten der Bundesworthülsenfabrik (BWHF) auf den Überfall Russlands auf die Ukraine regierte, in dem angegriffenen Land über Nacht 5.000 Helme und der Bundeswehr 100 Milliarden Euro lieferte, ist Deutschland einerseits nicht mehr ohne Sondervermögen vorstellbar.
Heute schon, keine vier Jahre nach dem Griff zu diesem letzten semantischen Mittel, liegt die Höhe aller Sondervermögen bei einem Drittel aller Schulden, die der deutsche Staat in den gesamten 75 Jahren seiner Existenz angehäuft hat. Zugleich sind die verbal so hübsch verpackten Milliarden kaum Anlass zur Sorge. Ganz im Gegenteil - jeder will etwas abhaben vom fehlenden Geld, alle möchten profitieren von dem, was künftig Jahr für Jahr zusätzliche Zinskosten von 35 bis 40 Milliarden Euro verursachen wird.
Die Sprache ist mächtiger als die Wahrheit
Die Sprache, sie zeigt hier, dass sie viel mächtiger ist als die Wahrheit. Der von der Politik angeregte Siegeszug der "Sondervermögen" durch die deutsche Medienlandschaft zeigt, dass Falschbehauptungen nur ausreichend oft wiederholt werden müssen, um allgemeine Akzeptanz zu finden. Ein Hauch von Sprachkampf, den die Unwort-Jury heraufzubeschwören versucht, wird verpuffen.
Genaugenommen ist er es schon - weder Friedrich Merz noch der eigentliche "Sondervermögen"-Erfinder Olaf Scholz hielten es für nötig, sich nach den breit gestreuten Anklagen gegen die irreführende Bezeichnung zur Verwendung des Täusch- und Tarnbegriffes zu bekennen.
Es ist ein Bruch des Vertrauens, dass die "überwiegend aus Sprachwissenschaftler*innen bestehende Jury in Marburg" (NDR) den Medien vorwirft, sie sei eine Art "Lügenpresse". Zwar handelt es sich bei dieser Bezeichnung ursprünglich um eine Erfindung des Theologen Adolf von Harnack, der sich "entschieden für eine soziale Demokratie in der Weimarer Republik" engagierte.
Auf den Spuren der Volksverräter
Doch wie "Volksverräter", das von Sozialisten und Revolutionären des Vormärz als politischer Kampfbegriff geprägt worden war, hat der Begriff im modernen Deutschland eine neue Konnotation erhalten: Wer für einen "angemessenen Sprachgebrauch sensibilisieren" möchte, wie es das Unwort-Fachgericht vorgibt, ist sicher schlecht beraten, wenn er sich gemein macht mit Regierungskritikern. Und demokratisch gewählten Politikern vorwirft, sie würden beschönigende Tarnvokabeln verwenden und Ausdrücke gebrauchen, die ihre tatsächlichen Absichten verschleiern sollten.
Eine "mangelnde Transparenz in der politischen Kommunikation", wie sie der Wächterrat der deutschen Sprache entdeckt zu haben glaubt, macht Regieren leichter. Doch wenn sie genutzt wird, um sich selbst als Enthüller eines vermeintlichen Sprachbetruges zu inszenieren, hilft sie der Demokratie nicht.
Wenn Sprache die Realität nicht mehr abbildet, sondern verschleiert, ist das oft kein böser Wille. Wie Kindern bittere Medizin in einem süßen Säftchen gegeben wird, so müssen Frauen und Männer in Regierungsverantwortung Notwendigkeiten häufig in einer blumigen Babysprache vor ihren Mündeln verbergen.
Kritik an Angela Merkels Wassermetaphorik
Nicht nur mit dem "Sondervermögen", sondern auch mit dem "Zustrombegrenzungsgesetz" und der "Umsiedlung" hat die BWHF hier Bedeutsames geleistet. Einmal bediente sich der Wassermetaphorik im Migrationsdiskurs, die die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel gemeinsam mit dem "Spiegel" entwickelt hatte, um Zuwanderung als unkontrollierbare Naturkatastrophe darzustellen.
Die "Umsiedlung", eine Vokabel, mit der die DDR aus den deutschen Ostgebieten zuwandernden vertriebenen Deutschen zu völkerrechtlich gar nicht unter Zwang Vertriebenen machte, hat eine ähnlich spannende Geschichte - und sicher eine große Zukunft.


1 Kommentar:
Das hätte es unter Merkel nicht gegeben!
Der Begriff ist aber gut gewählt. Man kann Kritik an der Führung simulieren, lässt aber der derzeitigen Regierung eine Ausrede und wirkt trotzdem nicht wie sonst als ein Haufen schamloser Konformisten.
Wittern da etwa ein paar Leute den Wind der 'free speech' über den Atlantik?
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