Google+ PPQ: Wahlfahrt im wilden Osten: Klischee olé!

Sonntag, 30. August 2009

Wahlfahrt im wilden Osten: Klischee olé!

Sie kamen, sahen und setzten sich in einem alten Bauwagen auf den Marktplatz. Jetzt hat das mobile Journalistenbüro, das Mitte August Station in Halle gemacht hatte, wegweisende Arbeitsproben aus der Saalestadt veröffentlicht. Beim ehemaligen Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" geht Wahl-Fahrerin Ulrike Linzer ans Eingemacht: "In Halle erwarten die Bewohner nicht mehr viel von der Politik", kabelt sie nach Hamburg, "Häuser verfallen, vergeblich sucht man öffentliche Parks oder Spielplätze." Schlimm: Die Stadtverwaltung hatte es verabsäumt, Stadtpark oder wenigstens die grüne Peißnitzinsel oder den Stadtwald Heide zum mobilen Reportagebüro auf dem kahlen Markt zu bringen.

Nur Ruinen, die wurden reichlich zur Verfügung gestellt. Klischee olé! "Wie eine Geisterstadt wirkt der Hallenser Stadtteil Glaucha am Sonntagnachmittag", schreibt Linzer, und meint sicherlich den halleschen Stadtteil Glaucha. Aber wozu exakt, wenn es auch stimmungsvoll geht: "Tauben gurren hinter zugemauerten Türen und Fenstern. Auf der Straße liegt Müll, in vielen Hausfluren verrotten alte Möbel, aus den Briefkästen quellen Werbebroschüren. Passanten gibt es nicht. Nur eine Frau steht auf der Straße in der Sonne und raucht."

Diese Frau, man kennt den Kunstgriff bei erfundenen literarischen Figuren, wird, so ahnt man schon, ihren namen "lieber nicht" nennen wollen. Jawohl, willkommen im Reportageland! Alles hier ist echt und erfunden zugleich! "Susanne M. ist 1995 von München nach Halle gezogen", hat sich Ulrike Linzer so gedacht, "Sie will ihren Nachnamen nicht nennen, wegen der Nachbarn". Das leuchtet ein, denn in Glaucha, wo es "keine Passanten" (Linzer) gibt, würde kein Nachbar sie so erkennen: 45 Jahre alt, Susanne mit Vornamen, Nachname fängt mit M an, "lebt hier seit zehn Jahren", verrät die Reporterin noch, ehe sie zum großen Ganzen kommt.

Ein Blick in den Vorhof der Wahlfahrt-Hölle: "Familien und Studenten wohnten hier, aber auch Prostituierte und Zuhälterpack - in Gründerzeitgebäuden, Hochhäusern und Plattenbauten. Der Stadtteil Glaucha gilt als Problemfall, 30 Prozent der Häuser stehen leer, viele müssen saniert werden."

Eine Reise in die Nacht mit Susanne M. als Reiseführerin. Die Münchnerin, von der unklar bleibt, weshalb sie nach hlle gezogen ist, führt nun durch das Treppenhaus, "zeigt auf Risse in den Mauern, die mit jedem Stockwerk größer werden. An der Tür zum Innenhof hat jemand Schilder angebracht: "Achtung Lebensgefahr". Seit zehn Jahren steht das Nachbarhaus leer, es wurde nichts mehr daran gemacht. Geröll von nebenan liegt im Hof."

"Das ist doch kein Zustand", sagt Susanne M., "aber die Stadt macht ja hier nichts, die ist doch selber pleite." Früher nannte der Volksmund Halle die "Diva in Grau", vor allem die chemische Industrie hatte sich hier angesiedelt. Doch seit der Wende sind 70.000 Menschen weggezogen. Niemand habe wirklich Interesse, sagt Susanne M., "oder Visionen, wie es weitergehen kann." Sie gibt der Linken ihre Stimme: "Ich bin Protestwählerin."

Wie sie fühlen sich viele in Halle von der Politik allein gelassen, schlußfolgert die Autorin, ehe sie anhebt, T-Shirts zu beschreiben, die mit "Blumenerde bekleckert" sind, und die zarten Pflänzchen bürgerschaftlichen Engagements zu loben, die im ausgebombten Viertel arglos sprießen.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Und warum soll die Stadt da was machen? Ist sie der Vermieter oder was?

binladenhüter hat gesagt…

weiß ich auch nicht. frau reporterin wird sich nichts dabei gedacht haben. das schreibt man eben so, wenn man auf wahlfahrt ist, glaube ich

binladenhüter hat gesagt…

vor allem schreibt man das, wenn man von der evangelischen journalistenschule kommt

linzer

berlinpankowblogger hat gesagt…

Vor allem schreibt man das, weil man heutzutage als Journalist(in) eine Stadt nicht mehr besucht, sondern googelt und dann nochmal kurz auf dem Marktplatz vorbeischaut (wenn überhaupt).

derherold hat gesagt…

Abgesehen davon, daß das Glaucha(er) Viertel seit Generationen einen *hüstel* hervorragenden Ruf wg. der sozialen Schichtung seiner Einwohner hat und ein gewisser Francke mgl.weise *räusper* nicht ohne Grund dort wirkte ...

... gibt es vllt. ein schiefes Bild, wenn man nicht weiß, daß der ladenlose Glauchaer binnen fünf Gehminuten in der Innenstadt ist.

Hätten Dresden und Leipzig nicht einen "mondäneren" Ruf und deshalb früher und mehr westdt. SonderAfa-Kohle angezogen, würden bspw. Leipzig-Plagwitz oder Dresden-Neustadt auch nicht besser aussehen.

Darüber hinaus hieß es zu DDR-Zeiten (angeblich !): "Proletarier aller Länder, vereinigt Euch ! In Halle !"

Anonym hat gesagt…

Soweit ich weiß, hieß es "Proletarier aller Länder, reinigt Euch". Hatte wohl mit Buna und Leuna zu tun.