Donnerstag, 5. März 2026

Patrick Graichen: Der Besserwisser

Patrick Graichen war der Vater des Energieausstieges und der Achitekt des grünen Kartenhauses "Energiewende". Dann stolperte er über seine Familie.

Er kam als Visionär, er hatte die großen Pläne im Koffer, nach denen Deutschland in Windeseile zu einer klimaneutralen Nation umgebaut werden sollte. Patrick Graichen war nicht nur der Vorstand eines Familienverbandes, der für die Grünen vor dem Einstieg in die Ampelkoalition Strategien entworfen und Ablauftaktiken ausgetüftelt hatte. Er war auch das erste Opfer des überschäumenden Ehrgeizes der Ökopartei, mit einer neuen Art von Deutschlandtempo beiseitezufegen, was noch an Hindernissen auf dem Weg zum Energieausstieg lag.  

Ideen für den Umbau 

Patrick Graichen hatte Ideen mitgebracht in sein neues Amt als Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, das unter seinen guten Freund und Minister Robert Habeck sofort in Bundesklimawirtschaftsministerium umbenannt worden war. Nach nicht einmal drei Jahren musste er seinen Posten räumen. Der gebürtige Bonner wurde in den einstweiligen Ruhestand versetzt. Das Heizungsgesetz übte grausame Rache. Nur weil ein Minister aus dem Visier genommen werden musste, hatte Graichen den Kopf hinhalten müssen.

Nicht wegen der verkorksten Doppelwende beim Gaszuschlag. Nicht einmal wegen der weitverzweigten Familienbande, die den Preis für Deutschlands schlingernde Energiewende zwischen  Braunkohleboom, LNG-Offensive und Kernkraftausstieg in schwindelerregende Höhen trieb. Sondern weil sich bei "internen Prüfungen neue Erkenntnisse" zur geplanten Förderung eines "Projekts" des BUND-Landesverbandes Berlin ergeben hätten, in dessen Vorstand Graichens Schwester Verena saß. 

Liste mit Projektskizzen 

Habeck hatte drei Wochen um seinen besten Mann gekämpft. "The Brain", wie sie ihn im Ministerium nannten, was dennoch nicht zu halten. Eine simple "Liste mit Projektskizzen" wurde dem Vater des "Integrierten Energie- und Klimaprogramms" der Bundesregierung zum Verhängnis. Graichen, Staatssekretär, aber ungeübt in ministeriellen Abläufen, hatte sich der Dinge angenommen. Obwohl seine Schwester bereits damit befasst gewesen war. 

Der Star der schnellen Energiewende, Vater unter anderem des Vorschlages, die 511.000 Kilometer deutscher Gasleitungen abzubauen, um die Bürgerinnen und Bürger ganz sanft zum Umstieg auf  Erneuerbare zu zwingen. Nach seinem Sturz, der vor allem als große Geste an die Partei zu verstehen war, tauchte der Vordenker ab.

Keine Täuschungsabsicht 

Einmal noch war von ihm die Rede, als Plagiatsjäger dem waidwunden Doktor der politischen Ökonomie kommunaler Energiepolitik vorwarfen, in seiner Promotionsschrift freihändig abgeschrieben zu haben. "Verstöße gegen die gute wissenschaftliche Praxis sind evident, auch Täuschungsabsicht ist naheliegend" hieß es. Die Universität Heidelberg prüfte und rügte. Den Titel aber durfte Graichen behalten. "Angesichts der geringen Zahl und des nicht systematischen Charakters der Plagiate" habe er nicht vorsätzlich getäuscht.

Gekonnt hätte er zweifellos, das zeigt Patrick Graichen in diesen Tagen. Nach zwei Jahren, in denen er Öffentlichkeit fastete, während er seine Brötchen im als Mitglied des Aufsichtsrats des beständig von Korruptionsaffären geschüttelten ukrainischen Stromnetzbetreibers Ukrenergo verdiente, hat sich der 54-Jährige erst vor einigen Wochen wieder zurückgemeldet. 

Kenner der deutschen Speicherstände 

Graichen zeigte sich als intimer Kenner der deutschen Gasspeicherstände und inmitten der vor allem von rechts beschworenen Versorgungsprobleme als zielsicherer Verunsicherer. Wie gefährlich ist Deutschlands Gasabhängigkeit wirklich?, erklärte er auf seinem privaten Energieblog "Von Mauern und Windmühlen". 

Ja, wie denn wirklich? Die Gefahr sei "hoch" für Deutschlands Wirtschaft. Werde aber "allgemein klein geredet", so der Fachmann. Und weitsichtig für Anfang Februar: "Wir sitzen m.E. auf einem energiepolitischen Pulverfass, das Trump jederzeit anzünden könnte - mit der Folge einer Wirtschafts- und Energiekrise wie 2022."

Keine anderen Verantwortlichen 

Trump und Putin, keine Frage, sie sind verantwortlich wie immer. Es kann, darf und muss um den Preis der eigenen Glaubwürfigkeit keine anderen Schuldigen geben, schon gar nicht im Inland. Wo käme Deutschland hin, müssten Bürgerinnen und Bürger den Eindruck haben, die Parteien machten eine Politik, die Wohlstand koste und Einbußen beim Lebenstandard zu Folge hat? Was würden sie tun, die Millionen Wähler, kämen sie zur Überzeugung, dass im politischen Berlin wenigstens seit 25 Jahren Weichen falsch gestellt und überwiegend Politik für Politiker gemacht worden sei? Und dass mit dem Energieausstieg der Ampel alles richtig in die Binsen gegangen sei?

Graichens Ausführungen, immerhin 13.000 Zeichen lang, fanden zum Glück andere, die etwas hätten tun können oder sogar müssen. Es gehe darum, dem amerikanischen Präsidenten das US-LNG-Gas zu nehmen, was Graichen mit einem - diesmal ausgewiesenen - Zitat der Columbia University in New York eine "geopolitischen Waffe" nennt. 

Abhängigkeit von den USA 

2021 habe der Anteil Russlands an den EU-Gasimporten bei 45 Prozent gelegen, schreibt er, der der USA bei nur sechs Prozent. Im vergangenen Jahr dann seien die USA schon Absender von 28 Prozent der Gasimporte der EU gewesen. Und die Zusage der Kommissionsprsidentin Ursula von der Leyen an Donald Trump, für insgesamt 750 Milliarden Dollar Energieträger in den Vereinigten Staaten einzukaufen, werde diesen wert schon im Somemr nächsten Jahres auf 41 Prozent steigern. "Was ziemlich nah dran an den 45 Prozent EU-Abhängigkeit von Russland kurz vor Beginn der russischen Vollinvasion in die Ukraine im Februar 2022 liegt." 

Grauchens Verwunderung mutet ausgesprochen verwunderlich an. Nach der jähen Abwendung von Russland infolge des Überfalls auf die Ukraine hatte die Ampelkoalition sich unter Leitung seines Ministers ganz und gar den Amerikanern hingegeben. Biden hielten sie für einen netten Onkel, dement, aber freundlich. Das Flüssiggas aus Katar, das Robert Habeck gegen seine Würde eingetauscht hatte, stammte eigentlich aus Frackinganlagen in Texas, aber abgesehen von ein paar rumorenden Rügen-Fischern ging bis zur grünen Basis unter dem Namen "LNG" als beinahe kliamneutral durch. 

Gas als Übergangstechnik 

Patrick Graichen war das damals ganz gleich gewesen. Gas galt ihm als Übergangstechnik. Bald würde es ja auch durch Wasserstoff ersetzt. Der propere Mann mir den Löckchen baldowerte schon am künftigen "Kernnetz" für den "Champagner der Energiewende". Auch er hätte nicht sagen können, wo die gewaltigen Mengen an Hydrogen herkommen sollten. Aber sie würden da sein, sobald sie gebraucht werden.

Es sind keine Warnungen aus jener Zeit des verbeamteten Staatssekretärs Patrick Graichen bekannt, mit denen er darauf aufmerksam machte, dass es meist keine gute Idee ist, eine Abhängigkeit gegen eine andere einzutauschen.

Netzwerke und Denkfabriken 

Der frühere Direktor der "Denkfabrik" Agora Energiewende, einer Lobbyorganisation, die seit Jahren von mehreren Bundesministerien co-finanziert wird, kannte damals  als einer von wenigen Menschen das ganze undurchsichtige Geflecht aus European Climate Foundation (ECF), Aspen Global Change Institute und Stiftung Mercator, das hinter der großen Transformation steht. Doch so wenig er der "Denkfabrik", rechtlich gesehen ein Geschäftsbereich der gemeinnützigen Smart Energy for Europe Platform GmbH  - öffentlich Ansagen machte, so wenig mäkelte er an Deutschland neuer Liebe zu den Blutscheichs.

Das hat sich Patrick Graichen für heute aufgehoben. Als Dirigent und Stichwortgeber., Influencer und Lautsprecher einer Verschwörungstheorie, nach der die noch kein ganzes Jahr am Wirtschaftsministerium regierende Katherina Reiche an Deutschlands Energiemisere schuld sei, fügt sich Graichens aktueller Output harmonisch ein in eine neue grüne Großkampagne gegen die Realität. Alles sorgt jetzt für hohe Preise. Nur nicht die Sprengung der Kernkraftwerke in einem Moment absehbaren Energiemangels und die klaglos hingenommene Sprengung der Nord Stream-Pipelines. 

Laut und inhaltsleer 

Andreas Audretsch, der Bundesgeschäftsführer, der dank einer parteiinternen Intrige auch einen Platz im Parlament erobern konnte, ist dabei. "Jens Spahn & Katherina Reiche wollen zurück zu Öl & Gas, zurück zu Benzin & Diesel", prangert er an. Die beiden CDU-Politiker zerstörten damit " Erneuerbare, Wind & Solar, Wärmepumpen, Batteriespeicher, Elektromobilität", doch die "CDU Politik zerschellt an der Realität. Mal wieder." 

Katharina Dröge bläst ins gleiche Horn. Felix Banaszak selbstverständlich ebenso. Ricarda Lang freut sich diebisch: "Dafür dass Katherina Reiche Gas so geil findet, ist sie ganz schön schlecht darin, die Gasspeicher zu füllen." Auch Britta Haßelmann hält mit Vorwürfen nicht hinterm Berg. "Der Ölpreis steigt, der Gaspreis steigt - und diese Bundesregierung leistet sich eine Bundeswirtschaftsministerin, die Erneuerbare Energien bekämpft, voll auf Fossile setzt und uns in fossile Abhängigkeit führen will", ist die Bundesfraktionsvorsitzende sicher. 

Nur der für den Iran im Bundestags sitzende Omid Nouripour macht nicht mit. Der Bundestagsvizespräsident äußert sich in mehr als zwei Dritteln aller Fälle zum Heimatland seiner Eltern. Andere Themen spielen kaum eine Rolle. Wenn, dann geht es um Grünen-Interna, China, die Ukraine oder Bundestagsangelegenheiten.

Nahe am Alltagsschrecken 

Patrick Graichen ist da schon deutlich näher am Alltagserleben der Menschen im Land. Der aussortierte Funktionär, der womöglich ebenso wie die von Robert Habeck beiseitegeschobene frühere Parteivorsitzende Ricarda Lang auf eine zweite Chance rekurriert, hat das "Haltet den Dieb"-Geschrei zu einer eigenen Kunstform entwickelt. "Katherina Reiche steht vor dem Scherbenhaufen ihrer Energiepolitik", frohlockt der Vetternwirtschafter angesichts steigender Energiepreise nach dem Angriff von Israelis und Amerikanern auf den Iran.

Kein höhnischer Hinweis mehr darauf, dass die Union Habecks alte Gaskraftwerkspläne einfach umsetze. Nein, Graichen schürt die Wut auf die Regierung mit sachlichen Fakten: "Der Gaspreis an der europäischen Börse hat sich jetzt verdoppelt (+100%) gegenüber dem Stand vor Beginn des Iran-Kriegs." Die offene Frage sei nur, "wie hoch wird er noch gehen, wenn die Straße von  Hormuz zu bleibt?"

Nachrichten aus Weltfremdenhausen 

Reiche hätte sich überlegen müssen, ob sie diese wichtige Wasserstraße wirklich schließen will. Und ebenso, ob sie nicht darauf hätte verzichten sollen, privilegierten Eigenheimbesitzern aus Graichens Milieu frech die überüppige Solarstromvergütung nehmen zu wollen. 

Kein anderes Vorhaben der neuen Wirtschaftsministerin hat die Wut der gesellschaftlichen Schichten, die sich ihren Strombedarf von der Solidargemeinschaft zahlen lassen, mehr angestachelt als diese. Seitdem ist Katherina Reiche neben Jens Spahn die Hassvorlage für die Einwohner*innen von Weltfremdenhausen. Seitdem wird öffentlich mit einfachen Lösungen gehandelt, als seien sie realistisch.

"Turbo anschalten" 

Straße von Hormus zu? Vielleicht wochenlang? Graichen weiß einen sofortigen Ausweg. "Sofort den Turbo anschalten bei Erneuerbaren und Elektrifizierung, um unsere Gas- und Trump-Abhängigkeit zu minimieren", rät er. Gas lasse sich "weniger verbrauchen und durch heimische Erneuerbare und Elektrifizierung ersetzen", das "erhöhe Europas Souveränität". Ginge es nach Patrick Graichen, würden die EU-Mitgliedstaaten ihren Gasverbrauch einfach "bis 2030 um 25 bis 30 Prozent reduzieren". Ein Kinderspiel sicher, nachdem Deutschland zuletzt im viel zu warmen Jahr 2025 2,2 Prozent mehr verbraucht hatte.

Niemand müsste dann mehr LNG aus den USA importieren. Alles liefe wunderbar. Vorausgesetzt allerdings wäre der "massive Ausbau von Wind, Solar, Batterien, Wärmepumpen und allen Elektrifizierungstechnologien in der Industrie" (Graichen). Akut würde das nichts helfen in einem Land, das zwei Jahrzehnte an einem Flughafen, drei an einem Bahnhof und vier an einem Stück Autobahn herumbaut. Selbst in höchster Eile und mit dem von Graichen geforderten "Booster" wären bis 2030 wahrscheinlich nicht einmal die Baugrunduntersuchungen und Baugenehmigungen durch.

Grüne für die Interessen der Wirtschaft 

Doch wenigstens ist der Schwarze Peter weitergeschoben. Die grüne Klage, die aktuelle Politik schade den "Interessen der deutschen Wirtschaft", lenkt für den Moment gut ab davon, wer die Bodenplatte für diesen Untergang gegossen hat. Auch diesmal werden sich Menschen finden, die gern hören, was der Architekt des grünen Kartenhauses schwatzt. Der Mann, der Deutschland vom russischen Gas eigenhändig in die Arme von Trump-LNG trieb, gibt jetzt der CDU die Schuld. 

Humor hat er. Schamgefühl eher nicht.


3 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Wir hatten mal eine funktionierende, kostengünstige Energieversorgung. Dass wir die nicht mehr haben, liegt nicht an Trump, Putin & Co, sondern an Graichen et al.
Immerhin gibt er auf seinem Blog die Quelle des 'Windmühlen'-Zitats an (China).
Mal weiter schauen.
Weil Europa in Sachen Grönland Zähne gezeigt und Trump vorerst abgelassen hat, ist der Gaspreis aktuell wieder niedriger; ...
Er kann das Schummeln einfach nicht lassen.

Scharfrichter hat gesagt…

Ob 3.Reich oder DDR: Nach dem scheitern wurde alle Schuld auf eine kleine Regimebande abgewälzt, denn das gemeine Volk sollte ja weiterhin als edel und verführt gelten.

Die heutige Demokratur offenbart jedoch, dass etwa 80% propagandistisch überzeugte Mitläufer sind. Sollte die EU samt D also scheitern, liegt es nicht an den wenigen Irren da oben, wenn die vielen Verrückten hier unten ständig "Weiter so!" brüllen. Wer das stupide Herdenvieh heilig spricht, hilft den davon profitierenden Hirten.

Just sieht man die idiotische Gier wieder bei den Orienttouris, die trotz monatelanger Angriffsdrohungen der Amis unbedingt dort Luxusurlaub machen mussten. Jetzt jammern sie und wollen auf Steuerkosten im Bombenhagel heimgeholt werden. Dummes Egoistenpack, das zusätzlich Retter in Gefahr bringt.

Anonym hat gesagt…

Warum sollte er auch nicht? (Wieder da sein) - Für den seltenen Fall, dass der Urnenpöbel es in seiner geistigen Schlichtheit überhaupt mitbekommen hat, dass da etwas war, hat er es nach spätestens einer Woche vergessen. Nichts Neues unter der Sonne.
Anfang der Achtziger stand ich einst im November eine Stunde im Eisniesel am Bahnsteig. Keine Anzeige oder Ansage, keine Würstchenbude, ein arschkalter Sitzplatz für fünfzig Leute. Alle fünfzehn Meter ein Trapo mit der langen Lakritzstange an der Seite. Fortsetzung folgt ...