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Donnerstag, 15. Oktober 2009

Kunst mit ausgestrecktem Arm

Der Verdacht, dass ein goldener Zwerg mit ausgestrecktem Arm die freiheitlich-demokratische Grundordnung zum Kippen bringen könnte, hat sich nicht bestätigt. Im Juli hatte die Staatsanwaltschaft in Nürnberg Ermittlungen aufgenommen, um nach der öffentlichen Präsentation eines vom Kunstprofessor Ottmar Hörl geschaffenen Hitlergruß-Wichtels zu prüfen, ob die Darstellung des erfolgreichsten deutschen Fernsehdarstellers aller Zeiten als goldener Zwerg das Andenken des im Frühjahr 1945 Verstorbenen verleumde und eine Gefahr für die noch junge deutsche Demokratie darstelle. Ein Ergebnis der Untersuchungen konnte damals medial nicht mehr mitgeteilt werden, da die Aufmerksamkeitskarawane bereits zum nächsten Empörungswasserloch weitergezogen war.

Jetzt aber hat Hörl, dessen formschöne Skulptur inzwischen von Karl Eduards Kanal als Preis verliehen wird, in Absprache mit den Ermittlungsbehörden gleich 1250 Hitlerzwerge in der Nürnberger Altstadt aufgetellt, um die nach Meinung von Beobachtern unmittelbar bevorstehende Rückkehr des 3. Reiches zu verhindern.

Ein erfolgversprechendes Aufrüttel-Rezept, wie die ersten Reaktionen beweisen, von denen Deutschlands amtliche Nachrichtenagentur dpa berichten darf: "Obwohl das Projekt erst am Donnerstag offiziell eröffnet werden soll, scharten sich bereits am Mittwoch die Passanten um Hörl und seine mittlerweile international berühmt gewordenen Zwerge". Kuschelwärme im Wiederstand! Zahlreiche Bürger "und auch eine Schulklasse" seien neben der Installation stehengeblieben und "setzten sich damit auseinander". Nicht zusammen!

Der Künstler, eben noch mit einem Bein im Knast, ist hochzufrieden damit, dass Hitler auch in Gold und mit Vollbart funktioniert und die Staatsanwaltschaft dadurch ausreichend Zeit gewinnt, zu prüfen, ob der ehemalige Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin mit seinen "umstrittenen Äußerungen" (dpa) zu "Kopftuchmädchen" (Sarrazin) eine Gefahr für die noch junge deutsche Demokratie darstellt.

Weiterhin als gefährlich eingestuft bleibt hingegen die Zeichnung eines Mannes mit ausgestrecktem Arm, die ein Nachwuchskünstler aus Halle vor zwei Jahren angefertigt hatte, um nach der Vorlage silberne Helge-Schneider-Skulpturen gießen zu lassen. Mit denen hatte der junge Mann Altersgenossen vor der Wahl extremer Parteien warnen wollen - dazu kam es allerdngs nicht mehr, weil die Staatsanwaltschaft und polizeilicher Staatsschutz justament über freie Kapazitäten verfügten und den Künstler so im ersten Zugriff wegen Vorwurfs des Zeigens verfassungsfeindlicher Kennzeichen zu einer Jugendstrafe von 20 Stunden belegen konnten.

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