Google+ PPQ: Schamloses Spektakel

Sonntag, 15. November 2009

Schamloses Spektakel

Liegt er wirklich da im Mittelkreis, der Rest von Robert Enke? Sind da wirklich noch Pätze frei unter der Anzeigetafel? Präsentiert von AWD, dem großen Finanzoptimierer, und moderiert von Johannes B. Kerner, der zur Feier des Tages übernächtigten Dreitagebart angelegt hat, nimmt Deutschland Abschied von Robert Enke, den unscheinbarsten Nationalmannschaftstorwart, den der dreimalige Weltmeister je hatte. Ungeschlagen ist er geblieben in allen seinen acht Einsätzen, dann hat er Selbstmord begangen und damit die Welt verändert.

Eigentlich gilt hierzulande das ungeschriebene Gesetz, dass Medien über Selbstmorde nicht groß und breit und lang berichten, weil große, breite und lange Berichte über Selbstmorde Selbstmörder produzieren. Depressive neigen zur Nachahmung, allerdings nur, bis sich der Keeper von Hannover 96 letzte Woche vor einen Zug stellte. Seitdem ist Staatstrauer: Länderspiele werden abgesagt, Fußballarenen zu Trauerhallen umfunktioniert. Robert Enek wächst im Tod zu einer übermenschlichen Gestalt: Als habe er mindestens vier Grundschulkassen vor dem Erschießen durch gnadenlose Al Kaida-Terroristen gerettet und dabei selbstlos sein Leben gegeben.

"Mehr Spiele, mehr Tore, mehr Netto", verspricht Hauptsponsor AWD auf der Werbebande, während DFB-Präsident Theo Zwanziger Sätze voller schwergewichtiger Worte wie "Nachdenken" und "Werte" ins Mikrophon heuchelt. Vier Sender übertragen den "Volltreffer für ihre Finanzen" (Werbebande) live, die Kamera fährt immer wieder ganz nah ins Gesicht der Witwe. Die gesamte Nationalmannschaft ist zur größten deutschen Trauerfeier seit dem Tod von Joseph Stalin gekommen, angemessen betroffen tun auf der Tribüne neben Ex-Kanzler Gerhard Schröder Schweini und Poldi, die Mannschaftskameraden von 96, Bayern-Präsident Franz Beckenbauer, DFB-Generalsekretär Wolfgang Niersbach und Steffi Jones, Präsidentin des WM-OK für die Frauen-WM 2011.

"Wir alle spüren in den letzten Tagen auch das unbändige Bedürfnis, innezuhalten", säuselt Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff ohne innezuhalten. Er schließe daraus, dass sich "in unserem Land etwas ändern muss". Ein Selbstmord als Reformanreiz, ein schamloses Trauerspektakel als Neuanfang für Moral und Anstand?

Robert Enke ist dem "Druck" der medialen Dauerbewachung entflohen, den ihn seine Krankheit nicht mehr ertragen ließ. Ersatzweise richten sich die Kameras nun auf den im Mittelkreis aufgebahrten Sarg. Auch der Tod ist kein Entkommen.

Kommentare:

ulysses hat gesagt…

sehr guter beitrag,pointiert,schnörkellos gefällt mir ausserordentlich.. und sowas hat seltenheitswert..

ppq hat gesagt…

danke. es ist so eklig.

berlinpankowblogger hat gesagt…

Habt Ihr sie gesehen? Die Hools, die Ultras? In ihren schwarzen Trauerjacken Tränen überströmt? Nächste Woche ziehen sie sich wieder die Glatze an und hauen ihrem Nachbarn von heute eins auf die Fresse.

ppq hat gesagt…

innehalten ist eben nicht für immer

VolkerStramm hat gesagt…

Danke, PPQ.

Nur warum, zur Hölle, sind wir dermaßen verblödet?
Warum lassen wir uns so manipulieren, dass gerade mal noch Trauerfeiern erlaubt sind?

Harald hat gesagt…

Das war ja gar keine echte Trauerfeier, zumindest nicht für einen Teil der Besucher. Für die war es ein Event und dafür gab es sogar reichlich Beifall, auch an den unpassendsten Stellen...

Friederich hat gesagt…

Ja, sehr angemessener Artikel. Gegenüber dem Toten ist dieser ganze Rummel wahrscheinlich eine letzte gigantische Respektlosigkeit.

Verstehen kann man diesen Kult wahrscheinlich nur, wenn man die Rolle des Fußballs als deutsche Staatsreligion berücksichtigt.

Anonym hat gesagt…

Die Prinzessin von Wales unter den Torhütern.

"Er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn."

derherold hat gesagt…

"Als habe er mindestens vier Grundschulkassen vor dem Erschießen durch gnadenlose Al Kaida-Terroristen gerettet ..."

Hat er auch ... irgendwie.
Ein NDR-Reporter berichtete, Enkes Bedeutung bestehe auch darin, daß sich gegen Rechtsradikalität (sic !) engagiert habe und der DFB-Bundeskanzler Zwanziger erklärte, durch den Tod Enkes müßten Tabus aufgebrochen werden wie der Diskriminierung von Homosexuellen im Fußball.

Ich erinnere da an ERFURT ... wo der Chefredakteur der ThürAllg, Sergej Lochthofen, den Amoklauf des Robert S. mit der Kürzung von Landesmitteln für Kitas durch die CDU-Landesregierung in Verbindung brachte.

Vielleicht ist es nicht so schlimm. Vielleicht ist es einfach nur Mitläufertum - durch das Fernsehen potenziert.

Rudi Krebsbach. Hildesheim hat gesagt…

Warum wird eigentlich immer wieder der Begriff 'Selbstmord' von den Redakteuren aufgenommen. Was ist daran 'Mord' wenn ein Mensch aus welchen Gründen auch immer, sich das Leben nimmt?
Er/sie tötet sich selbst - also ist das eine Selbsttötung. Von der Bedeutung des Wortes 'Mord' also weit entfernt.

ppq hat gesagt…

@rudikrebsbach: Es hat sich halt so eingebürgert, seit es die kath. Kirche sich so ausgedacht hat.

Jetzt ist es Sprachgebrauch wie, meinetwegen, "Qualitätsfernsehen" für die öff-recht. Programme. Das stimmt ja auch nicht, wird aber gesagt, sogar von denen selbst.

ich würde das nicht so tragisch nehmen und mir deshalb auch nicht das Leben.

Anonym hat gesagt…

Wenn es ein deutscher Nationaltorwart mit Vornamen Robert verdient gehabt hätte, so einen Medienrummel für seinen Tod zu bekommen, dann wäre das Robert Müller gewesen. http://www.spiegel.de/sport/so.....66,00.html.

Depression hin oder her: Wer sein Leben beenden will, muß dafür nicht sterben!

Anonym hat gesagt…

Nachtrag: Sogar beim Eishockeyspiel am Wochenende wurden wir Zuschauer genötigt, eine Schweigeminute wegen Ex-Millionär Enke auf uns zu nehmen.

nwr hat gesagt…

"Gegenüber dem Toten ist dieser ganze Rummel wahrscheinlich eine letzte gigantische Respektlosigkeit."

Wer so eine öffentliche Sauerei auf einem Bahndamm begeht, anstatt still und leise im Bett für immer Goodbye zu sagen, der hat es darauf angelegt.

"Was ist daran 'Mord' wenn ein Mensch aus welchen Gründen auch immer, sich das Leben nimmt?"

Er hat die Missetat unter heimtückischen Motiven geplant.