Google+ PPQ: Stiftung Diktaturentest: DDR mit Note gut

Freitag, 12. März 2010

Stiftung Diktaturentest: DDR mit Note gut

Befreiungsschlag im wochenlangen Streit um die geplante Vergleichsveranstaltung zur Geschichtsschreibung in der ehemaligen DDR-Gedenkstätte Roter Ochse in Halle. Die neugegründete Stiftung Diktaturentest hat im Auftrag von SPD-Innenstaatssekretär Rüdger Erben eine Studie erstellt, in der erstmals Stärken und Schwächen der sogenannten "beiden deutschen Diktaturen" (Horst Köhler) verglichen werden. Die DDR schneidet dabei nach PPQ exklusiv vorliegenden Daten mit "gut" ab, das nationalsozialistische Deutschland erreicht ein "sehr gut", eine Note, über die sich auch die einstige Sowjetunion freuen darf.

Erben, als gelernter Bergbautechnologe mit der historischen Hydraulik vertraut und als gedienter NVA-Soldat wie kein Zweiter zur Analyse der unterschiedlichen Eskaladierwandhöhen in III. Reich und DDR berufen, will die umstrittene Tagung nun nutzen, seine wissenschaftliche Meinung als ehrenamtlicher Heimatologe frei zu äußern, beide Diktaturen wirklich tiefgründig zu durchdringen und den Teilnehmern den Weg zur korrekten Gleichsetzung zu weisen.

Dabei stützt sich Erben auf neuaufgetauchte Fakten, anhand derer die beiden großen Reiche des Bösen gegenübergestellt werden. Ohne sie gleichzusetzen werden zu Beginn umfassend Parallelen herausgearbeitet. So sei es richtig, schreiben die Verfasser, dass beide deutsche Diktaturen von vorbestraften ehemaligen Gefängnisinsassen geführt worden seien, die zuvor ihre Berufsausbildung abgebrochen hätten. Allerdings sei Adolf Hitler später durch Wahlen an die Macht gelangt, sein Nachfolger Erich Honecker hingegen habe sich demokratisch von der herrschenden Partei einsetzen lassen können, weil das dem Willen des Volkes entsprochen habe. "Honecker hatte es nicht nötig, Parteitage unter freiem Himmel durchzuführen", schreiben die Autoren weiter. Statt eines eigenen Parteitagsgeländes habe der Staats- und Parteichef einen "Palast der Republik" bauen lassen, an dem fackeltragende Anhänger ebenso imposant vorbeiziehen konnten.

Entscheidend für die unterschiedlichen Testnoten seien für die Prüfer aber letztlich die frappierenden Unterschiede zwischen beiden Diktaturen gewesen. So habe die DDR zwar die im Dritten Reich erbauten Chemiefabriken im Ursprungszustand weitergenutzt, das Konzentrationslager Buchenwald aber nach einer Übergangszeit aufgegeben. Albert Speer, der führende Architekt des Reiches, sei bei seiner Arbeit über Planungen und Bunkerbauten kaum hinausgekommen, Stalinallee-Architekt Hermann Henselmann und sein Kollege Richard Paulick dagegen konnten ganze Stadtteile und Städte neu erbauen.

Gravierend auch die Differenzen im Gesundheitswesen: Albert Speer sei, von einer schweren Gallenkolik abgesehen, kerngesund gewesen, sein Nachfolger Günter Mittag hingegen habe unter einer schweren Zuckererkrankung gelitten und seinem Tagwerk ohne Beine nachgehen müssen. Nicht die einzige auffällige Diskrepanz: Während Hitlers Propagandachef Joseph Goebbels häufig selbst öffentlich aufgetreten sei, habe es Honeckers Chef-Propagandist Joachim Hermann vorgezogen, im Hintergrund zu wirken. Aus der "Wochenschau" wurde unter seiner Ägide der "Augenzeuge", ein Unterschied, an dem keine wissenschaftliche Untersuchung vorbeigehen könne.

Unterschiede stellten die Prüfer aber auch bei den Jagdgepflogenheiten der führenden Parteigenossen fest. So unterhielt Hermann Göring mit Carinhall ein eigenes Jagdschloß, Erich Mielke dagegen begnügte sich mit einem einfachen Jagdhaus in Wolletz bei Angermünde, mehr als 17 Kilometer entfernt. Mielke sei außerdem nicht Preußischer Ministerpräsident gewesen und habe allem Anschein nach auch keinen Pilotenschein gehabt.

Nur auf den ersten Blick recht ähnlich seien die Unterhaltungsbedürfnisse von Honecker und Hitler: Beide bevorzugten am Abend einen guten Spielfilm, doch der erst spät in den Stand der Ehe tretende Hitler sah am liebsten Mickey-Mouse-Streifen, der mit seiner zweiten Ehefrau Margot in einem langjährigen Kampfbund vereinte Honecker gab sich niveauvoller Entladungskinematografie wie "Die schwarze Nymphomanin" hin. Beide seien allerdings häufig in offenen Wagen unterwegs gewesen (Foto oben), dabei habe Hitler jedoch auf einen Daimler aus eigener Produktion gesetzt, Honecker seinerseits vertraute einem importierten Tschaika.

Für das sogenannte III. Reich spreche allerdings seine größere innere Freizügigkleit. Privatreisen zwischen Dresden und Darmstadt oder Halle und Hamburg seien unbeschränkt und ohne Genehmigung geduldet worden. In Sachen Urlaubsbetreuung hingegen hielt die DDR über ihren Gewerkschaftsbund FDGB die Tradionen der Volksreisebewegung "Kraft durch Freude" hoch. Treue Staatsbürger wurden mit Erholungsreisen belohnt, sogar Kreuzfahrten mit Schiffen wie "Ascona" und "Der Deutsche" (Fotos oben) in ferne, exotische Länder wurden verlässlichen Diktaturangehörigen gestattet. Das KdF-Schiff "Der Deutsche" habe jedoch zwei Schornsteine gehabt.

Differenzen fanden die Prüfer dann wieder beim Faktencheck im Sportbereich. Sowohl das Leistungsschwimmen in der DDR als auch Leichtatlethik und Fußball in der zweiten deutschen Diktatur hätten größere Erfolge zu verzeichnen gehabt. So stand für die DDR-Fußballnationalmannschaft ein 12:1 gegen Ceylon als höchster Sieg in der Statistik, für Nazi-Deutschland reichte es nur zu einem 9:0 gegen Luxemburg, ein klassisches deutsches Durchmarschgebiet. Allerdings sei Hitlerdeutschland 1934 in Italien WM-Dritter geworden, die DDR habe 40 Jahre später nur als eine Art 6. abgeschlossen.

In der Endabrechnung dürfe man jedoch das große Bild nicht aus den Augen verlieren, warnen die Diktaturentester. Die DDR sei Zeit ihrer Existenz ein Quasi-Anhängsel der sowjetischen Arbeiterdiktatur gewesen, deren starke Unterdrückungsleistungswerte sie jedoch nie habe erreichen können. Obgleich auch die Union der Sowjetrepubliken nur von Vorbestraften und mehrfach Verurteilten geführt wurde, sei es ihr im Unterschied zur DDR gelungen, Menschenmassen ähnlich erfolgreich wie das III. Reich zu ermorden. Andersdenkende und Andersglaubende seien nicht wie in der ostdeutschen Dependance bespitzelt und unterdrückt, geschlagen und bei Annäherung an die Grenze erschossen, sondern zu Millionen eingesperrt und hingerichtet worden.

Wie Hitler gelang es auch Stalin, sein Volk zu peitschen und zu knebeln und dafür von breiten Volksmassen geliebt zu werden. Diese Liebe halte bei ganzen Generationen von ehemals Unterdrückten bis heute an, obwohl die jeweiligen Regierungsparteien von III. Reich und UdSSR zwangsaufgelöst worden seien. Die DDR hingegen lebe in ihrer früheren Regierungspartei fort, wobei Konsens darüber bestehe, dass sie inzwischen einen anderen Namen trage. Daraus folge, dass sie im Diktaturentest hinter den beiden großen Unrechtsregimen zurückbleibe. Alles in allem sei die DDR "einfach nicht ganz so schlimm" gewesen, argumentieren die Wissenschaftler. Die Prüfer erteilten der DDR eine Note 2, Nazi-Reich und Sowjetdiktatur hingegen bekamen ein "sehr gut".

Kommentare:

Daniel Drungels hat gesagt…

Also diese ständigen Vergleiche fördern doch nur das Wettbewerbsdenken und wenn die Loser dann auch noch mit diesem Klassenspiegel ständig vor Augen geführt bekommen, dass sie die Loser sind, dann führt das nur zu Frust.

Okay, der DDR hilft das nicht mehr. Aber wir dürfen Kuba, Nordkorea und Venezuela nicht aufgeben. Wir sollten sie dazu animieren, sich zu verbessern, damit sie lernen ihr Potential auszuschöpfen. Ein Diktaturvergleich ist da eher kontraproduktiv.

ppq hat gesagt…

naja, immerhin können die noch diktatorischer werden, das schaffen die untergegangenen diktaturen ja nun nicht mehr

Anonym hat gesagt…

Ja, den Wettbewerb haben die hinter sich aber UNSERE Diktatur war einfach menschlicher, eine Diktatur mit menschlichem Antlitz eben und das ist es doch, auf das es sich wieder zu freuen lohnt.

Gundermann hat gesagt…

Ein kleiner Hinweis: Das Göringsche Carinhall bei Groß Dölln wurde durchaus zu Jagdzwecken auch von den arbeiterführenden Historische-Missions-Erfüllern nachhaltig zielführend und Synergien bündelnd weitergeführt.

Einstmals schob ich dort im Dienst an Frieden und Sozialismus Wache. Im Wald gab es jede Menge Sprengstücke des einstigen Göttersitzes Carinhall - und wahllos herumstehende Bronzegüsse von Rehen etc.

Das Beste aber: Ein Gatter mit Viechern, die man bei Jagden an Bäume band, damit die Großwild jagenden, übersiebzigjährigen Präzisionsschützen aus Parteien- und Funktionärsstand auch die planmäßige Abschussquote erreichten.

In solchen Momenten fummelte ich immer am Feuerwahlhebel meiner AK herum, während ich stumm die Tageslosung sang: "Ein Geschoss für jeden Genoss'."

VolkerStramm hat gesagt…

"Mögen täten wir schon wollen, aber dürfen haben wir uns nicht getraut"
... und so haben wir es eben bei der gemurmelten Tageslosung belassen.

Gundermann hat gesagt…

Naja, so ganz nahe ist selbst meine Kompanie in Groß Dölln nicht an Egon Krenz, zu dessen Sicherung das Kommando 3, Ahrensfelde eingeteilt war, herangekommen.

Und auf 300 m im durchschnittenen Gelände auf ein bewegliches Ziel - die Genossen huschten im klassenfeindlichen Range Rover durchs Gelände - mit der AK 74 feuern; dies hätte wenig Aussicht auf Erfolg gehabt.

Mal davon abgesehen, angewidert waren meine Kameraden und ich schon, aber wir waren doch nicht bekloppt ;-)

ABV hat gesagt…

Aufgegriffen: Kritik und Selbstkritik