Google+ PPQ: Alltag bei der Anarchie

Montag, 12. April 2010

Alltag bei der Anarchie

Angetreten waren sie, die schlimmen Unterdrückungsmechanismen des modernen, im letzten Stadium unbemerkt verfaulenden Imperialismus durch das Anzünden der Fiat-Kleinwagen ihrer Nachbarn aufzudecken. Die Militante Gruppe Leipzig startete im Januar furios, ihre Angriffe auf die vom Volk verhassten Schergen des Systems brachten schnell Sympathiepunkte bei den revolutionären Massen in den Arbeitslosencafés Sachsens. Kein Wunder: Um rasch eins, zwei, viele Vietnams zu schaffen, griffen die gewitzten Freizeitterroristen zu modernsten Mitteln. So wurde bei Wordpress ein eigenes Zentralorgan installiert, über das die selbsternannten Rebellen mit Rechtschreibschwäche ihre herzergreifenden Weltbefreiungspoeme unzensiert in die wissbegierige Öffentlichkeit verklappen konnten.

Ein Schlag, von dem sich die Systempresse bis heute nicht erholt hat. Trotz vielfältigster Bemühungen, dem Elend der Bevölkerung mit Feuer und Flamme abzuhelfen, ignorierte sogar die einzige echte staatliche Nachrichtenagentur dpa dieKomiker der Gewalt und ihre auf der Basis von Baumarktkleber durchgeführten Brandanschläge. Die Militante Gruppe Leipzig bekannte sich stolz "zu 2 von 3 Anschlägen auf Fahrzeuge im Raum Leipzig durch Feuerlegen". Die Medien schwiegen.

Hundert Tage später ist Zeit, Bilanz zu ziehen: Wächst da in Leipzig eine neue RAF? Wie steht es um die Abteilung Agitprop der Weltrevolution? Kommt Hilfe aus Venezuela? Wie läuft überhaupt die Alltagsarbeit der Anarchie?

Gar nicht. So schnell der Kapitalismus aus einer selbstverschuldeten Krise herausfand, so eilig geriet die Militante Gruppe hinein. Eben noch zuversichtlich auf dem Weg, den Mensch endgültig vom Joch des Menschen zu befreien, ist die MGL unmittelbar nach Aufgabe ihres letzten Bekennerschreibens wieder verstummt - und das nicht wie andere intellektuelle Kämpfer gegen die Wirklichkeit, weil das System seine Werkzeuge veranlasst, die Kanäle zum Volk zu schließen. Sondern aus eigenen, freien Stücken.

Der Traum ist aus und es gibt nicht einmal ein letztes Bekennerschreiben zum frühen Tod der Militanten Gruppe Leipzig, die zum vielversprechenden Start noch optimistisch erläutert hatte, "unser Anschlag gielt als Zeichen gegen die verdammten Bonzen, die Ihr Fahrzeug Makre Cabrio und Vergleichbares als Statussymbol ihres Reichtums verwenden" (Rechtsschreibung im Original).

Der Frühling kommt, Hartz4 bleibt und die cabriofahrenden Bonzen können sich ins Fäustchen lachen. Am offenen Grabe des letzten deutschen Volksaufstandes gielt es nun für alle, die an eine bessere Zukunft glauben, die Häupter zu neigen und zu hoffen, dass der Schoß fruchtbar noch ist, aus dem das kroch.

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