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Montag, 24. Mai 2010

Abriss-Exkursionen: Geheime Atom-Keller

Alle Arbeiter- und Bauern legten zusammen, um ihrer Führung wenigstens noch die Zeit zur Führung jenseits des ersten Einschlags von Atomraketen auf deutschem Boden zu verschaffen. 300 Millionen Mark und fünf Jahre Bauzeit investierte die DDR, um nahe Prenden in Brandenburg einen 65 mal 50 Meter großen Bunker in die Erde graben zu lassen. Die 85.000 Tonnen Beton, die hier verbuddelt sind, sieht man nicht - oberirdisch sieht das 1983 eingeweihte Geheimobjekt 5001 aus wie eine beliebige NVA-Kaserne.

Der Zugang zum Bunker erfolgt durch den Keller eines dreistöckigen Betonbaus aus dem Baupuzzle der DDR-Fertigteilarchitektur. Der Feind im Westen wusste trotzdem, womit er es hier zu tun hatte: Direkt hinter dem nur an ein paar Abluftschächten erkennbaren Bunkerbau reckt sich ein riesiger, inzwischen überwucherter Berg aus Beton in die Luft, der nach Aussagen von ehemaligen Beteiligten am Bunkerbau entstand, weil die Betonlieferungen oft zu Zeiten antrafen, an denen kein Beton benötigt wurde. Die Wehrpflichtigen, die mit dem Aufbau beschäftigt waren, kippten das Material, nach dem sich alle DDR-Häuslebauer die Finger geleckt hätten, deshalb notgedrungen auf dem Gelände ab.

Obwohl so früh dekonspiriert, gilt der Bunker als das technisch vollkommenste Schutzbauwerk auf dem Gebiet der ehemaligen DDR. Dabei ist er aus lauter notdürftig umgewidmeten Teilen zusammengeschraubt worden: Die Stromversorgung im geschlossenen Zustand sollten zweckentfremdete Schiffsdiesel aus Schönebeck sicherstellen, für den Schutz vor Erschütterungen war die gesamte Innenkapsel auf Federn gelagert, die sich die Erbauer aus der Fabrikationslinie des LKW W 50 entliehen hatten.

So konnte der Bunker von 1978 an in nur fünf Jahren Bauzeit fertiggestellt werden. Ab 1983 besetzte ihn die Ausweichführungsstelle des sogenannten Nationalen Verteidigungsrates (NVR) rund um die Uhr, Erich Honecker selbst, der oberste Vorsitzende des höchsten Staatsgremiums im Verteidigungsfalle, schaute sich seinen Bunker allerdings nie an.

Viel verpasst hat er nicht, zweimannshoch unter der Erde. Die Ausstattung ist zweckmäßig und ganz im Stil der DDR-Zweckbauten gehalten. Vorgesehen war die militärische Anlage für die Angehörigen des NVR der DDR und deren engste Mitarbeiter. Unter fünf Metern Erde und weiteren vier Metern doppelt ausgeführter Deckenkonstruktion hätten 400 Personen vierzehn Tage lang überleben sollen, der Zugang wäre im Ernstfall nur durch mehrere Schleusen möglich gewesen, die von einem Wachkommando geöffnet hätten werden müssen. Honecker selbst stand ein Arbeitsraum von der Größe einer Neubauküche zur Verfügung, der direkt an den zentralen Beratungsraum grenzte. In dem hingen Fernsehgeräte aus westdeutscher Produktion, es gab eine Kartenwand mit sorgsam ausgetüftelter Vorhangmechanik zum elektrischen Aufziehen verschiedener Kartenausschnitte und elektronische Pulte zur Kontaktaufnahme mit allerlei anderen Institutionen, die nach dem Ausbruch des Atomkriegs zumindest theoretisch in ähnlichen Erdverhauen gesessen hätten.


Nach dem Mauerfall ließ der neue Besitzer, das Land Berlin, den unter Denkmalschutz gestellten Schutzbau für Staatschef Erich Honecker zumauern, allerdings pickerten Andenkenjäger und Bunkerfans immer wieder Löcher in die Betonplombe. Pünktlich zum großen Jubiläumsjahr der "friedlichen Revolution" im vergangenen Jahr, vor dem auch der Abriss des Palast der Republik als erledigt gemeldet werden konnte, wurde der Bunker noch einmal offiziell für Besucher geöffnet. Die konnten dann einen einsamen Stuhl im Honecker-Zimmer bestaunen, sich fragen, ob die zweite Liege in dessen Schlafraum wohl für Margot gewesen wäre und im Speiseraum darüber nachdenken, ob es nicht doch besser gewesen wäre, gleich tot zu sein als wieder wie einst im Kindergarten Erbspüree mit Alugeschirr von Plastiktellern zu kratzen. Nach dem Abzug der letzten Touristen durch einen eigens gegrabenen Sondereingang hat das Land Berlin den Honeckerbunker dann endlich endgültig verschlossen. Neugierige können auf einen naturgetreuen Nachbau im Intenet zurückgreifen, Archäologen der Zukunft sich freuen: Abgesehen vom Schimmel, der schon zwei Jahrzehnte nach dem Mauerfall alle Weichteile im Untergrund angefressen hat, wird hier in 1000 Jahren noch alles so sein wie es damals war.

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