Google+ PPQ: Reiner wie keiner

Donnerstag, 30. Juni 2011

Reiner wie keiner

Da versteht der erste Mann im Lande keinen Spaß. Kaum schickte sich die von PPQ mit viel Liebe und bürgerschaftlichem Engagement auf frech, flott und jugendlich remixte erste Videobotschaft von Reiner Haseloff an, das trotz eines malvenfarbenen Binders am Hals des Verkünders dröge und verstaubt wirkende Original in der Publikumsgunst beim Internetsender Youtube zu überholen, reagierte der CDU-Politiker. Wegen einer angeblichen Verletzung von Urheberrechten ließ der derzeit als Ministerpräsident des Landes Sachsen-Anhalt fungierende Spezialist für Molekül-Messgeräte auf der Basis der linearen Laser-Absorptionsspektrometrie den stimmungsvollen PPQ-Remix seiner Internet-Antrittsrede durch den amerikanischen Web-Giganten Google löschen. Der vielgesehene Film "Ein Charismat redet Klartext - Offene Worte über Gardelegen" verschwand aus den internationalen Suchmaschinen, auch Surfer, die von weither kamen, um sich über das Leben der Menschen in Sachsen-Anhalt und ihrer gewählten Vertreter zu informieren, finden seitdem nur noch ein "tut uns leid"-Schild im Datennnetz.

Es ist ein erster Erfolg der politischen Arbeit des neuen Regierungschefs, dem es als Wirtschaftsminister erst nicht gelungen war, die Bevölkerung vor einem rechtsextremen Schornsteinfeger zu schützen und der später auch noch mit ansehen musste, wie sein selbstausgedachtes Herzensprojekt der "Bürgerarbeit" bundesweit zum Flop wurde: Seit dem Start des schwarz-gelben Modellprojekts vor einem Jahr wurden bundesweit gerade einmal 7.583 von rund 34.000 möglichen Bürgerarbeitsplätzen bewilligt. Kurz vor der Inthronisierung als Ministerpräsident war Haseloff dann auch beinahe noch auf einen Betrüger hereingefallen, zum Glück aber entstand überhaupt kein Schaden für das Land und die Menschen.

Dennoch hatte der Amtsnachfolger des als Strickjacke unter den Ministerpräsidenten bekannt gewordenen Wolfgang Böhmer in seiner ersten Videobotschaft mit überaus offenen Äußerungen zum Tabuthema Gardelegen von der Panne mit dem Großinvestor ablenken wollen. Professionell ausgeleuchtet und bei seinem ersten Auftritt vor der ehrfurchtgebietenden Webcam noch nervös seine Hände knetend, hatte der 57-Jährige zwei Millionen Untertanen klargemacht, dass ein völlig neuer Politikstil Einzug gehalten hat in Sachsen-Anhalt: Nicht mehr schlurfend ist der Gang, sondern schleichend, nicht mehr knallig bunt das Landeswappen, sondern sparsam Schwarzweiß.

Wenig Geld war übrig für eine angemessene musikalische Untermalung. So hallte Haseloffs Stimme in der ersten skizzenhaften, aber dennoch von der Staatskanzlei verbreiteten Version der Videobotschaft kalt im leeren Studio, kein bisschen Stadionstimmung kam auf. No lá Ola.

Die Quittung folgte auf dem Fuße. Lockte Haseloffs Vorgänger Böhmer mit seiner sprichwörtlichen Hausschuhgemütlichkeit noch zu jedem Landesfest bisher wenigstens 200.000 bis 250.000 begeisterte Sachsen-Anhalt-Fans, schreckte der verbale Videoeinsatz Haseloffs im violetten Schlips offenbar eher ab. Mit nur 120.000 Besuchern lieferte Gardelegen, obwohl der Eigenwerbung "Alles wegen Gardelegen" doch eine Art Ursprungsort der sachsen-anhaltinischen Lebensart, einen Negativrekord ab.

Eine Pleite, die nicht hätte sein müssen. Mit Tanzrhythmen und klingendem Spiel hätte, das zeigt der nun leider verbotene PPQ-Remix des Haseloff-Videos deutlich, so mancher junge Mensch dazu gebracht werden können, engagiert und weltoffen durch die Tore der Gastgeberstadt zu ziehen, um sich gemeinsam mit anderen Landeskindern bei Auftritten von Superstars wie Ute Freudenberg, Bianca Graf, Mark Medlock und DSDS-Sieger Pietro Lombardi auf gleich "13 Bühnen" (dpa) zu amüsieren. Wie verdammt heiß die Einheimischen feiern können, zeigt die Gruppe Tschuldigunk, die das offizielle Lied zum Sachsen-Anhalt-Tag lieferte: Ein Stück Heimat in C, F und G.

Kommentare:

nwr hat gesagt…

"Es ist ein erster Erfolg der politischen Arbeit des neuen Regierungschefs ..." Bloß nicht zuviel des Lobes!

"... und ohne Worte meine Seele quälst ..." Tschuldigunk, aber das hätte auch von einer mittelmäßigen Skinhead-Kombo kommen können. In zittrigem d-Moll hätte sich das Lied überhaupt besser angehört, auch mit der grölenden Bierstimme.

ppq hat gesagt…

der song ist zweifellos ausweis der hochstehenden musiktradition hier im lande. meiner ansicht nach drückt er ganz gut aus, wie es aussieht. und was kann ware kunst mehr tun als die realität zu transzendieren?

Anonym hat gesagt…

Wer die Rechte auf Rainer Haselnuss verletzt, muß sich nicht wundern.

Oels hat gesagt…

Die Akzeptanz vom Youtubekanal "LandSachsenAnhalt" ist doch ein einziges Desaster. Wie kann denn dieser Haseloff etwas von "eine gute Tradition fortsetzen" daherplappern ? Hat der jemals auch nur einen Blick ins Internet getan ? Die Zugriffszahlen auf die "Videobotschaften" bewegen sich fast durchweg im zweistelligen Bereich. Böhmers 50.Videobotschaft z.B. wurde genau VIER mal abgerufen, vermutlich von der gutverdienenden Produktionsfirma um zu sehen ob der Upload geklappt hat.

ppq hat gesagt…

aber oels, angesichts der akzeptanz der politik allgemein sind vier zugriffe doch schon ein populärer hammer! haseloff hat inzwischen - nach nur etwas mehr als einer woche! - schon fast 600 leute erreicht! da zeigt sich, wie populär er schon nach einer ansprache ist - 150 mal populärer als böhmer!

Florida Ralf hat gesagt…

das lied ist der oberhammer.

mein gott is das alles weit weg.

Anonym hat gesagt…

Möge man sich vor lauter "Satire" und Hetze mal mit den Fakten befassen, öffnet sich der Horizont auch weit genug um zu verstehen wobei es bei einer Urheberrechtsverletzung geht. Denn diese ist von Youtube schon untersagt.

Ich selber zeichne mich ungern als Anhaltiner (das Wort "Anhalter" verachte ich) aus, lebe aber ganz passabel mit dieser Ungunst. Zweifel gegenüber politischen Machenschaften äußere ich ebenso sorglos.

Und trotzdem: Würde sich dieser Blog etwas mehr mit dem befassen, wie er anscheinend irgendwann einmal gedacht war, klänge das alles mehr nach unzensiertem Spaß als nach verblümtes schimpfen und prügeln.

Teja hat gesagt…

Da gibts bestimmt irgendwo ne Blogsatzung, wie das alles eigentlich mal gedacht war.

ppq hat gesagt…

soweit ich mich an die mit blut geschriebene originalsatzung erinnere, stand da was von "verblümtes schimpfen und prügeln" als geschäftszweck. anonym hat das jetzt geleakt, damit ist nun öffentlich. schlimm für uns , gut für deutschlands rang in der hitparade von transparancy international.

die "urheberverletzung", die der anonyme kommentäter hier beklagt, bestand darin, einen jugendgemäßen remix der drögen hasselhoff-sprechreimhymne anzufertigen. wer humor hat, nimmt sowas mit einem lächeln. wer angst hat, dass das unsinnige ursprungstun auffliegt, lässt sperren.

die neue videobotschaft von hasi hat übrigens nach 3 tagen schon 120 zuschauer. da lohnt sich jeder cent, der für die produktion zum fenster rausgeschmissen wurde