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Mittwoch, 6. November 2019

Hamburger Wohnungsbauprogramm: Hoch hinaus

Sie sind bourgeois, sie schaden dem Klima mehr als jede andere Bauform, sie vereinzeln Menschen, führen zu Depressionen, Schulden und Streit an Grundstücksgrenzen. Einfamilienhäuser, im ehemaligen anderen deutschen Staat für eine kurze historische Zeitspanne bereits fast völlig "ausgemerzt" (Müntefering), haben trotz all der gesellschaftlichen Schäden, die sie anrichten, in den vergangenen Jahren ein Comeback erlebt. Immer mehr Menschen nutzen die von der EZB zu ganz anderen Zwecken auf ein Rekordtief geschraubten Zinsen, um sich günstig bis über alle vier Ohren zu verschulden und die Zersiedlung und Versiegelung der letzten freien Restflächen im Land, in dem 82 Millionen Menschen bis heute so gut und gerne leben, weiter voranzutreiben.

Damit aber soll jetzt Schluss sein. So wie Konstanz mit der Ausrufung des Klimanotstand ein Zeichen für eine bessere Zukunft am Bodensee setzte und Dresden mit der Verkündung des Nazinotstands deutlich machte, dass der Schoß noch fruchtbar ist, den Brecht bedichtet hatte, legen neue Hamburger Pläne im Kampf gegen Wohnungsnot und hohe Mieten neue Schwerpunkte bei der Bebauungsstrategie fest: Künftig sollen sich nicht mehr private Bauherren mit Geld, das der Gemeinschaft entzogen wurde, ihre egoistischen Träume vom Wohnen in den eigenen vier Wänden erfüllen dürfen, ohne Rücksicht auf andere zu nehmen, die sich diesen Luxus nicht leisten können.

Weil das Leben im Einfamilienhaus schon aufgrund von dessen Bauweise als klimaschädlichste Art des Wohnens gilt, legt der Koalitionsvertrag zwischen SPD und Grünen im Hamburger Bezirksamt Nord fest, dass in neuen Bebauungsplänen keine Einfamilienhäuser mehr ausgewiesen werden können. Stattdessen setzen SPD und Grüne auf ein Vorgehen, dass in den 70er und 80er Jahren bereits Millionen Familien in der DDR ein warmes Dach über dem Kopf und kollektives Glück beschert hatte: Häuser „mit deutlich mehr Stockwerken“ sollen die Wohnungsnot beenden, aber auch dafür sorgen, dass Menschen künftig enger zusammenrücken können.

Das ist für die Einhaltung der deutschen Klimaziele besonders wichtig, weil Einfamilienhäuser in der Regel eine schlechtere CO2-Bilanz haben als Reihenhäuser, Reihenhäuser wiederum schneiden schlechter ab als Wohnblocks. Grund ist die Anzahl der Außenflächen der Gebäude, über die Wärme entweichen kann. Als Faustformel im Klimakampf gilt, dass eine Halbierung der Außenflächen - Dach/Wände - in der Regel zu einer Halbierung der aufzuwendenden Heizenergie führt. Hochhäuser sind hier - bei möglichst großer Breite, also möglichst vielen nebeneinanderliegenden Eingängen - Klimafavorit: Ein 30-stöckiger Bau mit 70 nebeneinanderliegenden Aufgängen und 4.200 Wohnungen hat nur fünf Außenwände. 4.200 Einfamilienhäuser hingegen kommen je nach Bauart auf 21.000 bis 50.000 Außenwände.

Der "CO2-Verbrauch" (Malu Dreyer) ist bei einzelstehenden Egoistenheimen im Mittel entsprechend etwa zwanzigtausendfach höher bei Hochhausanlagen wie in klimafreundlichen Großwohnsiedlungen wie Mannheim Herzogenried, der Berliner Gropiusstadt, Leipzig-Grünau und Wolfen-Nord.

Kommentare:

Der lachende Mann hat gesagt…

@ppq "... bis über alle vier Ohren..." Das ist großartig formuliert. Danke!

Jodel hat gesagt…

Da denkt die Stadt Hamburg noch viel zu kurz. Brauchen wir z. B. eine Elbphilharmonie? In Zeiten des Klimanotstands sicher nicht. Wie viele Wohnbuden könnte man da nicht mit ein bisschen Gipskarton und Spucke reinzimmern?
Auch das Miniatur-Wunderland ist im Endeffekt nur eine Verschwendung von kostbarem Wohnraum. Von von dem Energieverbrauch dieses nur der Bespaßung vermögender Touristen dienendem Etablissement wollen wir lieber schweigen. Auch hier wäre eine sofortig Umwandlung in Wohnraum geboten. Und jeder neue Mieter hätte gleich eine Eisenbahn für die Blagen im Wohnzimmer stehen. Wenn das nicht eine Win-Win-Situation ist, weiß ich auch nicht.
Sicher wollen auch der Spiegel und der Stern bei dieser gesamtgesellschaftlichen Mammutaufgabe nicht beiseite stehen. Man hört ja immer wieder von bedauernswerten Kündigungen in der Journaille. Da müssten doch wohl inzwischen auch ein paar Büros für Untermieter frei sein. Das brächte wieder Leben in deren Butzen.
So gibt es sicher noch tausende Möglichkeiten, Hamburg endlich in die Vorzeigestadt der deutschen Zukunft zu verwandeln. Hoffentlich finden sie dort den Mut dazu, das tägliche zusammenwohnen neu auszuhandeln.
Andererseits könnten die Unbelehrbaren einwenden, das das alles sowieso für die Katz ist. Hamburg wir ja auf Grund des Klimawandels absolut sicher in den Fluten der Nordsee verschwinden. Für die restlichen paar Jährchen könnte man ja auch noch alles so lassen wie es ist.