Google+ PPQ: Kalter Krieg: Der dümmste Geheimdienst der Welt

Dienstag, 10. Dezember 2019

Kalter Krieg: Der dümmste Geheimdienst der Welt


An diesem Schwarzen Brett im russischen Twer suchen KGB und GRU regelmäßig und höchst "секрет" nach "убийца младший", also talentiertem Mördernachwuchs für Auslandseinsätze.

Die hundsmiserabel es um Russlands Geheimdienste bestellt ist, wurde im März 2018 aller Welt vor Augen geführt. Zwei Mordagenten Putins schlichen sich damals in der englischen Stadt Salisbury an den nach Großbritannien geflüchteten Putinkritiker Sergei Wiktorowitsch Skripal an und ermordeten ihn und seine Tochter. Mit Giftgas und jedenfalls beinahe, denn die beiden Opfer wurden bewusstlos aufgefunden und mit Anzeichen einer Vergiftung in eine Klinik eingeliefert. Wer aber würde so etwas tun? Wenn nicht Putin? Und welcher Geheimdiest weltweit wäre wohl so unterwandert von Regierungsgegnern einerseits, andererseits aber auf Personal aus der letzten Reihe angewiesen, dass seine Auftragsmörder sich zwar vielfach bei der Arbeit filmen lassen und einen Spurenkorridor breit wie eine Autobahn hinter sich herziehen. Es ihnen aber nicht gelingt, ihren eigentlichen Auftrag auszuführen?


Nur der russische kommt infrage, denn KGB und GRU, die beiden ehemals von allen Konkurrenten außer der Staatssicherheit und dem Mossad so bewunderte größte und gefährlichste Geheimdienstkomplex der Welt sind unter Wladimir Putin sichtlich genauso unter Druck geraten und zusammengebrochen wie die russische Börse unter den Sanktionen der EU. Wo ein Auftragsmord, Grundschulstoff auf jeder Geheimdienstakademie von Washington bis Tokio, etwa beim japanischen Kempetai oder dem griechischen EYP still und ohne jedes Aufsehen abgewickelt wird, ist die Bedeutung des Begriffs "секрет", auf Russisch "потайной", in Moskau bis heute nicht verstanden worden.

Der Fall des islamistischen Menschenrechtlers Selimchan Changoschwili zeigt, wie weit der Verfall inzwischen schon fortgeschritten ist: Zweimal versuchte Putin, seinen Widersacher umbringen zu lassen - einmal vor zehn Jahren mit Gift, dann noch einmal vor vier Jahren mit acht Schüssen aus der Waffe eines Profikillers, der allerdings nur viermal traf, so dass der frühere Kommandant einer friedfertigen tschetschenischen Terrorgruppe zum Ärger des Kreml überlebte.

Vier Jahre gelang es Putin dann offenbar, seinen Zorn auf den inzwischen nach Deutschland geflüchteten Familienvater zu bezähmen. Dann aber, kurz vor den wegweisenden Verhandlungten über Entspannungsübungen im festgefrorenen Ukraine-Konflikt, beschloss der Potentat auf seine typische Art, aktiv zu werden. Ein weltbekannter Profikiller, dessen blutige Handschrift von Behörden in aller Welt ohne Übersetzungshilfe gelesen werden kann, wurde in Marsch gesetzt, dem noch nicht so lange hier lebenden Changoschwili endgültig den Garaus zu machen und die immer lauter werdenden deutschen Stimmen, die für ein Ende der Sanktionen gegen Russland eintreten, endlich zum Verstummen zu bringen.

Wenn das der Plan war, klappte er endlich einmal reibungslos. Es dauerte nur Stunden, da hatten die deutschen Behörden den Täter gefasst, der natürlich wie üblich die "besonders in Geheimdienstkreisen beliebte 9-mm-Pistole Glock 26 mit Schalldämpfer" (Spiegel) benutzt hatte und wie immer auf einem Fahrrad geflohen war. Ursprünglich war ein Lada vorgesehen gewesen, das Fahrzeug aber hatte nach einem Dichtungsschaden am карбюратора (Vergaser) kurzfristig ersetzt werden müssen. Bond-like ließ der Mörder sich dann dabei beobachten, wie er die Tatwaffe, das Notfahrrad und eine Perücke in die Spree warf. Selbst die normalerweise kaum zur Verbrechensbekämpfung geeigneten deutschen Behörden kamen nun nicht umhin, seiner habhaft zu werden.

Die Spuren nach Moskau glichen wie im Fall MH17 oder bei der in Russland organisierten Wahl Donald Trumps ins US-amerikanische Präsidentenamt dem Trampelpfad einer Elefantenherde. Zwar bemängelten Ermittler zuerst, dass weder ein von Putin unterschriebener Marschbefehl im Hotel des mutmaßlichen Täters gefunden worden sei noch die von KGB- und GRU-Agenten gewöhnlich auf allen wegen verstreute Menge Giftgasampullen entdeckt wurden. Doch nach dreimontiger Ermittlungsarbeit war klar: Es handelte sich um "einen direkten Angriff des russischen Staates gegen Deutschland!" (Die Zeit).

Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer verkündete die Ermittlungsergebnisse höchstselbst, hart in der Sache, mahnend im Ton. Deutschland handelte entschlossen und tat, was auf staatlicher Ebene als Höchststrafe gilt: Wie im Fall Kashoggi wurde der staatlich in Auftrag gegebene Mord mit der Ausweisung mehrerer Diplomaten gesühnt. Wobei diese Konsequenz im Kashoggi-Fall eines Tages womöglich erst noch gezogen wird.

Aber Russland, die Riesenmacht direkt an der von deutschen Truppen auch in diesem sibierischen Winter wieder mutig gehaltenen Nato-Ostgrenze, ist auch eine ganz andere Baustelle. Wo die
saudischen Blutprinzen subtil und leise mordeten, zeigten ihre russischen Auftragskillerkollegen sich vollkommen unfähig, auch nur die Standardanforderungen an staatliche Morde zu erfüllen. So wurden keine falschen Spuren gelegt, keine verwirrenden Netzwerke gesponnen und der Täter ging ebenso brachial wie dumm vor, so dass seine Tat zu den zwei Dritteln aller Morde in Deutschland zählen musste, die entdeckt werden.

Dass Wladimir Putin nun wild um sich schlägt und auf "Revanche" (n-tv) aus ist, versteht sich von selbst. Gerade erst hatte die Jugend der Welt seine russischen Staatsdoper für vier Jahre von allen internationalen Wettkämpfen ausschließen müssen. Der Verfall des Rubel und der Ausschluss von der Winter-WM der Fußballer, auf die gerade der Russe große Hoffnungen gesetzt hatte.

Und jetzt auch noch die Blamage, dass der deutsche Generalbundesanwalt nur ein paar Stunden nach Übernahme der Ermittlungen im Fall Changoschwili verkündete, es gebe "genügend Anhaltspunkte" dafür, "dass der Mörder im Auftrag von staatlichen Stellen der Russischen Föderation“ gehandelt habe. Es wird Winter in Russland und Putins Geheimdienste stehen nackt im Wind. Der Kremlchef wird reagieren müssen. Denn ohne große Säuberung wird es auch diesmal keinen Neuanfang mit talentierteren Mördern, gewitzteren Anschlagsplänen und geheimeren Geheimagenten geben.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Fachkräftemangel ist halt kein deutsches Privileg. Die brauchen einfach mehr Zuwanderung!

Anonym hat gesagt…

Wieso eine Glock und keine Makarow? Mich als regelmäßigen Tagesschaugucker hätte das noch mehr überzeugt. So könnte es ja genauso der österreichische Geheimdienst gewesen sein.

Anonym hat gesagt…

Giftgas ist nam ordinarius stulti ein erstaunlich wirksames Zauberwort.
Aber auch oft für die, welche sich zu unrecht verständig dünken.