Montag, 25. Januar 2021

Schraps und die Spritze: Haltet den Piks!

Nur weil es mit dem Impfen nicht klappt, glauben manche Zeitungen jetzt, ungehindert kritisieren zu dürfen.

Die Medien waren es freilich sicher nicht, weder Bild noch SZ noch Spiegel oder gar die Taz, die FR oder die FAZ, der WDR, das ZDF oder die Deutsche Welle. Doch an der Bundesregierung kann es auch nicht gelegen haben, denn ausweislich der 6,37 Millionen kritischer Zeitungs-, Magazin- und Fernsehbeiträge, die der Greifswalder Medienentropologe Hans Achtelbuscher seit Beginn der "pandemischen Lage von nationaler Tragweite" (WHO) gezählt hat, lief dort alles wie mit teurem Argan-Öl aus veganem Anbau geschmiert.  

 Passgenaue Entscheidungen

Es war schon fast beängstigend, wie im informellen Corona-Kabinett stets auf die Minute Sekunde genau Entscheidungen über das Schicksal der Nation getroffen wurden, die von Völkern in fern wie in weit nur beneidet werden konnten. Ein letztes Mal dachte Angela Merkel vom Ende her. Ein letztes Mal zeigte sie, wie sie Probleme durch die gewitzte Änderung der eigenen Position zu lösen vermag: Die Maske wandelte sich ebenso wie die Grenzschließung mehrfach grundsätzlich in ihrer Bedeutung. Nur eines blieb: Dort vor Ort, wo gegen Corona "gekämpft" (DPA) wurde, tauchte die Kanzlerin in elf Monaten nicht auf.

Daran aber lag es sicherlich nicht, dass  mit der Dauer der "zeitlich befristeten" (Merkel) Eindämmungsmaßnahmen auch die Solidarität der Frauen und Männer an den Schreibmaschinengewehren schwand. Alle Wendungen und Bedeutungswechsel hatten sie widerspruchslos mitgemacht, die Verwandlung des meistenteils ungefährlichen Virus in eine Todesseuche ebenso getreulich erklärt wie den Wandel der überflüssigen Maske zum lebensrettenden Gesichtslappen. Und selbst die jüngste Volte gefeiert, die den "Mund-Nasen-Schutz" (Bundesworthülsenfabrik) zum unnützen Symbol erklärte, das nun, wegen der "Mutante" (Karl Lauterbach), doch durch medizinische Masken ersetzt werden müsse.

Ein Hauch Unwillen

Erst beim unübersehbaren Impfstoffversagen, das nach vier Wochen aus keiner Statistik mehr herauszuleugnen ist, regt sich nun ein Hauch Unwillen. Wie soll man auch eine Regierungspolitik noch besser erklären, wenn schon der oberflächliche Blick auf die Verlaufskurven einen selbst nur noch mit dem Kopf schütteln lässt? Auf einmal gibt es Fragen, Fragen an den Gesundheitsminister, Fragen sogar an die Bundeskanzlerin selbst. Schraps hat den Hut verloren, aber wer ist schuld daran?

Die Kanzlerin hat die Frage sofort abschließend beantwortet. Man habe "das Menschenmögliche" getan. Mehr war nicht drin, nun sind sie halt nicht da, die Impfstoffe. So smart die EU verhandelt hat, Hut ab!, so viel smarter waren andere. Pech. Der Gesundheitsminister ist ihr beigesprungen. Nicht so glücklich, das Ganze. Aber eben auch nicht zu ändern, weil die Entscheidung gut und richtig war, nicht selbst impfnationalistisch zu bestellen, sondern die EU-Kommission machen zu lassen, was sie immer macht: Irgendwas, aber zu spät. Und dann ganz langsam.

Europa war es auch nicht

Bei der Großverwaltung in Brüssel jedenfalls, daran hat Kommissionspräsidenten Ursula von der Leyen keinen Zweifel gelassen, liegt die Verantwortung jedenfalls auch nicht. Man hat genug bestellt und dass die vertraglich verpflichteten Lieferanten nicht liefern können, weil sie mit der Impfstoffentwicklung noch nicht fertig sind - wie hätte die Kommission das verhindern sollen? Immerhin hat man Geld gespart und dort, wo schon Impfstoffe fertig sind, günstigere Einkaufspreise erzielt als andere.

Und am Gelde hängt, zum Gelde drängt doch schließlich alles in einer Gemeinschaft, die in den Finanzen ihre große Gemeinsamkeit gefunden hat. Hier gilt schon immer das Motto je größer, desto gemeinsamer und so ist das Corona-Rettungspaket, das in der ersten Welle angekündigt wurde, denn auch das allergrößte, das es jemals gab. "Geschnürt" (DPA) seit Monaten, beschlossen seit letzten Jahr, als es gelang, die Ungarn und die Polen durch freigiebige Sonderzahlungen mit ins Boot zu holen. Gestritten um die Verwendung der 750 Milliarden wird auch schon, heftig sogar. Nur das Geld selbst ist nirgendwo zu sehen. Es staut sich, statt zu fließen, und es stürzt Regierungen, statt sie zu stabilisieren.

Die Magie der Gemeinschaftshaftung allein bewirkt, dass auch die Schuld daran niemand tragen muss. Der Wille war da und wer jetzt kritisiert, hätte es halt selbst besser machen sollen. Gut, andere Staaten impfen zehnmal so schnell und retten viel flüssiger, manche sehen sogar schon Licht am Horizont der Pandemie. Doch, wie es hierzulande  gelaufen ist, das sagen alle Umfragen, finden es die Bürgerinnen und Bürger genau richtig. Glücklich ist, wer bis zur Wahl vergiss, was nicht mehr zu ändern ist.

Und wer zweifelt, den überzeugt der Gesundheitsminister jetzt mit einem medikamentösnationalistischen Sololauf: Demonstrativ hat Jens Spahn jetzt 200.000 Dosen des amerikanischen  Medikaments Regeneron bestellt, nicht zugelassen, aber medientechnisch allemal wirksam. Interessanterweise mit einer Arznei, deren Verabreichung nach Trumps Covid-Erkrankung aus Deutschland im Chor verdammt worden war.


Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Danisch fordert jetzt auch die Quote. Eine Schuldmännerquote.

„Man hatte vergessen, noch für Männer zu sorgen, die dran schuld sein können.“

Jetzt stehen sie nämlich da , die allkompetenten Heilerinnen in Berlin und Brüssel.

Die Anmerkung hat gesagt…

Spahn ist doch noch da. Oder geht der in Merkels Selbstverständnis als begehrenswerte Frau durch?

Anonym hat gesagt…

Ich lese Nachrichten, um mich auf dem Laufenden zu halten, zur Zeit aus 97 RSS-Quellen, die vom Reader vorgefiltert werden. Das ist sehr effektiv mit Ausnahme von Artikeln, bei denen der/die/d Autor/in/um zugunsten irgendwelcher rhetorischen Gehversuche auf Qualitätsmerkmale wie sinnvolle, schlüsselworthaltige Überschriften und inhaltlichen roten Faden verzichtet.
Der hiermit kommentierte Artikel ist jetzt der zweite von zwei aus dieser Quelle, auf den das zutrifft, weshalb politplitschplatsch-oder-wie-auch-immer aus der Liste meiner Informationsquellen fliegt.
Eigentlich war ich davon ausgegangen, daß das Bespiegeln der eigenen, schillernden Autorenpersönlichkeit noch mehr Spaß macht, wenn die Ergüsse auch gelesen werden, aber hier liegen einfach wesentliche Voraussetzungen dafür nicht vor, vom möglichen Lebenszeit-Abbau abgesehen.
MfG

ppq hat gesagt…

tut mir leid, aber das ist hier kein seo-portal für "schlüsselworthaltige überschriften" und "rote fäden", sondern ein leseangebot auf assoziationsbasis. für ihre ansprüche bitte gern wieder auf tagesschau.de, correktief und den fanktenfinder von t-online zurückwechseln, da verraten inhalt und form den gewünschten effekt auch nach der gründlichen rss-filterung

Anonym hat gesagt…

@anonym #2

Spannend bis zu letzte Silbe! Das wird diesem PPQ oder wie auch immer eine Lehre sein!
Wünsche weiter ganz viel Spaß beim Lebenszeit-Abbau!

Gerry hat gesagt…

Die Gleichschaltung auf allen Ebenen der Gesellschaft zwecks Maximierung der Effizienz schlägt sich also auch im Nachrichtenkonsum nieder. Oder wie Klonovsky meinte: in einem mittelalterlichen Dorf gab es den Anschein nach mehr originelle Typen als in einer aktuellen Großstadt. Da kann ppq stolz drauf sein, dass es die modernen Algorithmen unterläuft.