Freitag, 5. Februar 2021

Popmusik für die Pandemie: Wozu noch Sauerstoff

 

Sie ahnten es damals selbst nicht, doch das ist bei Kunst und bei Künstlern immer wieder der Fall. Als Mark Greaney vor 17 Jahren die Idee zu einem Song hatte, der auf einer simplen Akkordfolge von A, b und E basieren sollte, war die Welt noch weitgehend in Ordnung. Der islamische Angriff von 2001 war fast vergessen, die große Finanzkrise noch nicht zu erahnen, die Staatsschulden waren in sicherem Griff, wenigstens aus heutiger Sicht, und die Europäische Union beschränkte ihre Tätigkeit noch weitgehend darauf, zu allem etwas zu sagen, aber keinesfalls bockig zu werden, wenn niemand zuhörte.

Greaney, ein junger Ire, litt damals an Phantomschmerz, als er ein Lied schrieb, das sich eines Tages als perfekte Beschreibung des der Welt des Jahres 2021 entpuppen würde. "Kurze Ärmel und warme Haut", illuminiert eine Idylle, selbst der Umstand, dass Geld weg ist und es heißt, die nächsten Angehörigen riefen über die Straße, schien seinerzeit nur poetischer Blödsinn. Die Zivilisation war schließlich kein Teich, der von schwerer Luft zusammengedrückt wurde, sondern ein Zustand, der die Freiheit gewährleistete, um die der Mensch so lange gekämpft hatte. 

Der von Jesuiten erzogene Dichter, umgezogen von Dublin nach Britannien, einem Landstrich, der damals noch durchaus geachteter Bestandteil der westeuropäischen Wertegemeinschaft war und nicht hinterlistiger Vakzindieb, ahnte trotzdem schon, was kommen würde. Die Luft wird dünn, singt er, und unser Land atmet nicht ein - der lockdown, beschrieben aus der Sicht eines kindlichen Gitarrespielers, der eher Medium ist als Mahner, weil seine Verse mehr wissen als er selbst.

Echte Pandemie-Poesie, geschrieben und gesungen lange vor Ausbruch von Corona und doch erschütternd tagesaktuell. "Wir brauchen keinen Sauerstoff", singt Mark Greaney über die Träume womöglich vom Ende des Ausnahmezustandes, "die uns blind machen und einsperren" in einer altertümlichen Vorstellung vom Leben, die inzwischen "vom Sinn aufgespießt" (Greaney), also von der Lebenswirklichkeit überwunden worden ist. 

Niemals wieder wird es werden können, wie es war, so unschuldig und fröhlich selbst im juvenilen Leiden, nie wieder wird ein Lied die Zukunft so treffend beschreiben, ohne selbst davon zu wissen.  Seine für einen ganz kurzen Moment der Musikgeschichte erfolgreiche Gruppe hat Mark Cheaney längst aufgelöst, zarte Bemühungen, eine Solokarriere zu starten, scheiterten nicht erst am shutdown der gesamten Branche, sondern schon weit vorher. Was er heute macht, weiß niemand.

 

 

Oxygen, JJ72

short sleeves and warm skin

losing coins calling next of kin

dropping words about the city were in

ponds compressed by heavy air

us with out care just sprawling there

gods in our world

 

airports and undergrounds

waiting to find the unfound

rising to pure insanity

here when you want me true love

has no simplicity

gods in our world

 

you and i

were going so high

the air is getting thin

but our land does not breathe in

and we don't need oxygen

it's dreams that blind us

and locks us in

the rest are impaled by sense


Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Nicht groß, nicht berühmt, und trotzdem ist der Sänger technisch etwa ein Lichtjahr über dem, was Fans von deutschen Markenbands als konsensfähigen Gesang akzeptieren.
Irland ist freilich eine Nation des Gesanges, trotzdem mag das Elend des deutschen Popgesangs als weiteres Symptom des Niedergangs taugen.

ppq hat gesagt…

so sieht das aus