Samstag, 6. März 2021

BWHF: Notbremsen-Mechanismus mit atmender Öffnungsmatrix

Lange reichten reflexive Propaganda, um die Ruhe im Land zu bewahren. Jetzt muss die Bundesworthülsenfabrik aber zu größeren Verbalkalibern greifen.

Am besten wäre es, wenn für die gesamte Misere keiner verantwortlich ist. "Was können Sie uns anbieten, damit wir das sprachtechnisch geregelt bekommen", habe der Anrufer gesagt, der Rainald Schawidow am vergangenen Wochenende in einer Freischicht daheim anrief. Der Chef der Bundesworthülsenfabrik (BWHF), eben dabei, die Beete im eigenen Garten auf die angekündigte Eröffnung der Baumärkte vorzubereiten, war für einen Moment ratlos, wie er PPQ.li in einem Zoom-Telefon gesteht. "Das ist eine Aufgabenbeschreibung, die mir im ersten Augenblick sehr weiträumig vorkam", sagt der Mann, der aus dem früher volkseigenen VEB Geschwätz in den vergangenen Jahren einen verlässlichen Lieferanten der verbalen Tragschicht der bundesdeutschen Talkshow-Politik geformt hat.  
 

Vater der deutschen Verbalpolitik


Aber so wenig Schawidow und sein Kollektiv an Worthülsendrehern, Propaganda-Poeten und Schlagwortdichtern in der Vergangenheit vor titanischen Aufgaben wie der Bewältigung der Finanzkrise durch Worte wie "Rettungspaket", "Rettungsschirm" und "europäischer Kreditsubsudulenz" kapituliert hatten, so wenig war der inzwischen 63-jährige Vater der deutschen Verbalpolitik bereit, diesmal aufzugeben. Corona sei seit Monaten die Hauptproduktionsstrecke aller Abteilungen in seinem Haus, sagt er, die Politik habe durch eine Finanzspritze in Höhe von 121 Millionen Euro ja auch schon im Mai vergangenen Jahres die Möglichkeit eröffnet, die Hülsenproduktion durch die Einstellung von 530 weiteren Worthülsendrehern und Realitätsverbrämern auf ein neues Niveau zu heben.

Die Anfrage, Schawidow will "aus Gründen", wie er sagt, nicht öffentlich machen, woher genau sie kam, war also auch eine Chance. "Dass wir noch mal zeigen können, wie sich Wirklichkeit durch smarte Verbalität verwandeln lässt", wie er sagt. Rainald Schawidow ließ Garten Garten sein und fuhr in die Firma, über die Notfallleitung zum diensthabenden System der BWHJ hatte er zuvor ein kleines, aber schlagkräftiges Team an Wortakrobaten und Bedeutungsschreinern zusammenrufen lassen. Das sei schon mit ersten Ideen im Tiefbunker unter dem Kanzleramt angekommen, in dem die BWHF seit 1993 residiert, öffentlich weitgehend unbekannt, aber wirkungsmächtig schon unter Alt-Kanzler Helmut Kohl, der sich seinerzeit dankbar über die eigens für ihn erfundene Prägung "Datenautobahn" gefreut hatte.
 

 Bedeutungstechnische Verschiebung


Klar sei gewesen, dass sich Verantwortung, die sich verbal nicht von einem auf den Verantwortungsträger delegieren ließe, nach besonderen sprachlichen Maßnahmen verlange. Im Gegensatz zum "Impfdesaster", bei dem es der BWHF gelungen war, durch klugen Worthülsenbeschuss Ursachen bedeutungstechnisch so lange zwischen Land, Bund, Impfstoffirmen und EU hin- und herschieben zu lassen, bis kein Bürger mehr hatte wissen können, wer wofür nicht verantwortlich gewesen war, habe es nun gegolten, einen sogenannten "Erzgebirger" zu bauen. 
 
Mit diesem Fachbegriff bezeichnen Worthülsendreher eine im Englischen "Empty Phrase" genannte Verbalfigur, die sich ohne erkennbaren Antrieb um sich selbst dreht wie eine Weihnachtspyramide, auf der Kerzen brennen. "Bei uns ist die Kunst, dass man die Kerzen nicht sehen darf", beschreibt Schawidow  die besondere Schwierigkeit der Herstellung eines Erzgebirgers, der in der politischen Verbalartiskik nicht ohne Grund als ähnlich schwer zu konstruieren gilt wie ein schneller Brüter in der deutschen Atomphysik.
 

Sechs Silben Entlastungsstrategie


Doch wir haben hier eben die Besten am Start", zeigt sich Rainald Schawidow nur drei Tage nach dem Start der Entwicklungsarbeit hochzufrieden. Diesmal sei es zwar kein einfaches zusammengesetztes Substantiv gewesen, eigentlich das Markenzeichen der BWHF, und auch die zuletzt verstärkt vorgenommene Orientierung auf unscharfe Lehnbegriffe aus der englischen Sprache habe sich als Irrweg erwiesen. "Aber mit Notbremsen-Mechanismus haben wir in sechs Silben eine komplette Entlastungsstrategie für die gesamte politische Klasse vorgelegt", sagt der BWHF-Chef stolz. Egal, was jetzt passiere an der Corona-Front, allenfalls werde am Ende von einem Versagen des Notbremsen-Mechanismus gesprochen werden können. 
 
Abgefedert und angeschärft wird der erste konsequente Versuch einer Mechanisierung der Corona-Politik nach dem Vorbild eines Kaugummiautomaten durch die  "atmende Öffnungsmatrix", die Schawidows Mitarbeitende in einer Sonderschicht in der Nacht zum Donnerstag eigens auf Wunsch des bayrischen Ministerpräsidenten Markus Söder angefertigt haben.
 
Gedrechselt nach dem Muster der legendären "Obergrenze mit atmendem Deckel" (®© BWHF, 2017), mit der vor vier Jahren der Streit zwischen CDU und CSU um die Flüchtlingsaufnahme durch ein semantisches Meisterstück zwar nicht ge-, aber medial für alle Zeiten aufgelöst werden konnte, steht die atmende Öffnungsmatrix für eine letzte Rückzugslinie der Katastrophenpolitik. Gelingt es auch der neuen Test-Taskforce Spahn/Scheuer nicht,das Corona-Ruder herumzureißen, würde, so beschreibt es BWHF-Chef Rainald Schawidow, vollautomatisch ein Schuldverschiebungsmechanismus greifen, der es dem Katastrophenkabinett in Berlin erlaubt, weiter nach Seuchenfahrplan vorzugehen.

Kommentare:

Carl Gustaf hat gesagt…

Es ist allerdings nicht zu übersehen, dass der BWHF zunehmend Flüchtigkeitsfehler von gravierendem Ausmass passieren. Konnte das Duo Spahn/Wieler den von ihnen in Auftrag gegebenen "Patienten mit Kommunikationsbarriere" zunächst als grossen Erfolg feiern, so wurde dieser durch den Tweet von Anna Willowa "fühle mich nicht gemeint" (https://twitter.com/annewill/status/1367402958850261000) gleich wieder zunichte gemacht.

ppq hat gesagt…

falsch! diese "Patienten mit Kommunikationsbarriere" sind eine voluntaristische eigenkreation des rki, das damit seine kompetenzen weit überschritten hat. die frankfurter rundschau hat das zum glück sofort klargestellt. es handelt sich nicht um einen umstand, der der erwähnung bedarf, weil man noch gar nicht weiß, ob er zutrifft und wenn nicht wieso. seit es im vergangenen sommer gelang, die geheimnisvolle macht des kosovo beim virenexport eben NICHT näher zu betrachten, lag in der BWHF ein merkblatt aus, das davor warnte, auch auf anfrage aus dem rki begriffe zu liefern, die das unfassbare greifbar machen könnten.

niemand rechnete damit, dass dort eigenmächtig vorgesprescht wird!