Donnerstag, 18. März 2021

Egotrip der Impfstoff-EU: Wenn alle allen alles geben, haben alle alles

Impfstoffe für Afrika? In der EU ist davon schon lange nicht mehr die Rede.
Die größte Sorge damals im goldenen Herbst, als Corona auf dem absteigenden Ast und die neue Normalität fast wieder die alte war, galt im politischen Berlin der Frage, wie sich mit den kommenden Impfstoffen gut leben und ein toller Eindruck machen lassen würde. Man hatte sie in den großen Industrienationen des Abendlandes entwickelt, die zudem am fürchterlichsten unter den Folgen der Pandemie litten. Sie würden hier zugelassen werden, in den USA und Großbritannien schneller, in der EU sehr viel langsamer, aber eben einige zehntausend Tote später eben doch. Sie würden dann sogar hier produziert werden, in der EU, in den USA und auch in Großbritannien, das zu aller Überraschung weder durch den Brexit noch Corona vollkommen unbewohnbar geworden war.

Nach den Regeln der Hypermoral

Wie aber dann weiter? Wie sollte die rare Ware verteilt werden, und zwar so, dass niemand würde behaupten können, Europa behalte das gute Zeug für sich, so wie die USA und die Britbn? Wenn für acht Milliarden Menschen nur ein paar hunderttausend Dosen da sind, später dann ein paar Millionen oder auch ein paar hundert Millionen, kommt schließlich immer irgendwer zu kurz. Und nach den Regeln der Hypermoral reicht das heute schon, um Schuld aufzuhäufen: Jeder, der vor einem anderen geimpft wird, tötet. Jeder, der früher drankommt, schiebt einen anderen in der Reihenfolge nach hinten.

Nun hat die EU in ihrer ganzen prachtvollen bürokratischen Größe  bekanntlich beim bestellen der Impfstoffe für die 440 Millionen Europäer genug bestellt, aber nicht genug bekommen. Jedenfalls nicht gleich und bis heute nicht. Es ist genau das eingetreten, was zu erwarten war: Es reicht am Anfang nicht für alle, schon gar nicht für alle überall und erst recht nicht für jeden. Zwar sind die Stimmen verstummt, die vor einem halben Jahr noch laut forderten, der Wohlstandsbauch der Welt müsse beim Impfen vor allem mit allen teilen, deren Länder nicht so schwer von Corona betroffen sind. Doch der Endsieg über den Impfstoffnationalismus verträgt keine Atempause, er forderte Attacke und Einsatz jeden einzelnen Tag, bis irgendwann alle wieder alles vergessen haben, was irgendwann unumstößliche Wahrheit war.

Noch 300 Tage in Deutschland

Denn wie so oft, wenn die große Friedensnobelpreisgemeinschaft gerade unterwegs war, die ganze Welt nach ihrem Bild zu formen, ist die Realität grausam dazwischengekommen.  Letztes Jahr im Mai wusste  von der Leyen schon, dass bald "Zillionen von Dosen" gebraucht werden würden. "Deshalb müssen wir global und koordiniert handeln, weil wir verhindern wollen, dass nur diejenigen sich auf den irgendwann entwickelten Impfstoff stürzen, die sich das leisten können", kündigte sie an. Die EU habe deshalb "koordiniert damit begonnen, den Impfstoff zu suchen" und nun werde sie "Kapazitäten aufbauen, ihn zu produzieren" und "sicherstellen, dass sie auch in jede Ecke der Welt für einen fairen und erschwinglichen Preis verteilt werden."

Daraus geworden ist ein stabiles Schweigen. Seit Monaten schon äußert sich von der Leyen nicht mehr zu globalen Impffragen oder zur Verteilung von "Zillionen Dosen" in Afrika. Deutschland etwa impft im dritten Monat der großen Immunisierungskampagne so langsam, dass es bei gleichbleibendem Tempo noch mehr als 300 Tage brauchen wird, bis wenigstens die Hälfte der Bevölkerung geimpft ist. Chile, die Cayman-Inseln und die Seychellen werden dann längst durch sein. Mit ihrer kompletten Bevölkerung.

Alle schneller, weil alle größer oder kleiner sind

Aber so ist das eben, aus EU-Sicht: Die USA impfen so viel schneller, weil sie so viel größer sind als Deutschland. Und Israel impft noch viel schneller, weil es viel kleiner ist. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, die ihren Posten wegen des Impfdebakels nur nicht verloren hat, weil in der EU niemand jemals seinen Posten wegen irgendeines Debakels verlieren wird, hat den Deutungskampf um die bürokratische Großpanne inzwischen auf andere Felder verlegt. Zum Tragen eines "Impfpasses" will sie den Bürgerinnen und Bürgern verpflichten, obwohl der EU in der Gesundheitspolitik keinerlei Kompetenzen zustehen. Das virtuelle Papier, auf das sich die Mitgliedsländern natürlich erstmal noch einigen können müssten, ist ein weiteres Manöver beim Versuch, die Gesundheit nun auch noch als Gemeinschaftsaufgabe zu definieren, bei der Brüssel vorgibt, wo es langgeht.

Ablenkung durch Drohgebärden

Um damit duchzukommen, braucht es Ablenkung, lärmende Drohgebärden und Solidaritätsappelle. "Die tun was!", sollen die Bürgerinnen und Bürger staunen. Statt Bilanz zu ziehen über die Erfolge der Impfstoff-Geberkonferenz vom Mai 2020, verschärft von der Leyen folglich lieber den Ton im Streit mit dem britisch-schwedischen Impfstoffhersteller Astra-Zeneca. Der produziert in Europa, exportiert aber auch nach Großbritannien und die Vereinigten Staaten. Andere Hersteller produzieren dort. Und exportieren nach Europa. Von der Leyen hat nun nachgerechnet und ein schlechtes Geschäft für die EU entdeckt: Es geht mehr raus als reinkommt.

In normalen Zeiten ist das kein grundsätzliches Problem, sondern eins, von dem die EU seit Jahren lebt. Immer gibt sie mehr aus als sie hat. Immer erfüllt sich am Ende die Hoffnung, dass jemand die Rechnung bezahlt. Diesmal aber muss etwas auf der Bühne passieren, laut und schrill. „Wenn sich die Situation nicht ändert, werden wir darüber nachdenken, die Exporte in impfstoffproduzierende Länder vom Grad ihrer eigenen Offenheit abhängig zu machen“, droht von der Leyen. Übersetzt: wer nicht genau so viel in die EU liefert wie er aus der EU erhält, dessen Bestellungen bleiben hier. Denn "Offenheit ist keine Einbahnstraße", sagt die Kommissionschefin.

Krise des Jahrhunderts, bisher

In dem, was die frühere Verteidigungsministerin "Krise des Jahrhunderts" nennt, obgleich das noch kaum angefangen hat, muss nun doch jeder zuerst an sich selbst denken. Dies sei eine Frage der Fairness, so von der Leyen, die davon ausgeht, dass alle besser versorgt werden, wenn alle allen alles geben. Vor allem "Ländern, die höhere Impfraten haben als wir" will von der Leyen die Lieferungen stoppen. Aus der EU seien seit dem 1. Februar  41 Millionen Dosen Corona-Impfstoff in 33 Länder exportiert worden, obwohl in der EU selbst Impfstoff fehle und Impfungen nur langsam vorankommen. Das lasse sich den Bürgern kaum noch erklären, sagte von der Leyen.


Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Was soll eigentlich immer die Unterstellung, wir sterben, weil wir nicht geimpft wurden/sind /sein werden? Wenn das der Zusammenhang, die Korrelation wäre, dann hätten sich doch unsere (Wir sind uns doch darüber einig, oder?) egoistischen Politeliten in EU und Deutschland schon längst die rettenden Spritze verpassen lassen. Tun sie aber nicht. Hannemann, geh du voran.

Anonym hat gesagt…

„Wenn sich die Situation nicht ändert, werden wir darüber nachdenken, die Exporte in impfstoffproduzierende Länder vom Grad ihrer eigenen Offenheit abhängig zu machen“

Das ist eine Drohung in der klaren Sprache eines Glückskekses. In der Zeit, in der 'wir' (pluralis maiestatis Merkelensis) darüber 'nachdenken', werden andere zehn Entscheidungen getroffen haben, die das Nachdenken zehn Mal obsolet machen. (ok 'gemacht haben werden' für die Grammatiknazis)

ppq hat gesagt…

@anonym: und du bist ganz sicher, dass das nicht passiert ist?

Jodel hat gesagt…

Unsere Gottkanzlerin hat ja auch keinen Frisör während des Lockdowns aufgesucht, obwohl sie immer fein frisiert aussieht. Selbstlos wie sie ist hat sie sich auch als Allerletzte eine Maske aufgesetzt, obwohl die Untertanen schon lange eine tragen durften.

Genauso kommt sie in der Impfreihenfolge ganz sicher als Allerletzte dran. Ehrenwort. Der Kapitän geht ja auch als letzter von Bord. Und wenn die medienwirksame Spritze dann mit Kochsalzlösung befüllt werden muss, weil ihr der Doktor ihres Vertrauens schon vor Monaten mal ein Spritzchen mit etwas drin was inoffiziell ein Vakzin genannt werden würde, offiziell aber eher ein Aufbaumittelchen war, verabreicht hatte, wer sollte da noch nachfragen.

Im Großen und Ganzen wird mit der in unserem Staate fast heiligen Impfreihenfolge nichts schief gegangen sein.

Mal ganz abgesehen davon, das in Zeiten einer schweren Pandemie (rein hypothetisch, nicht das aktuelle Pandemiechen) die Regierenden mit als Erste geimpft werden sollten. Ohne funktionierende Regierung (rein hypothetisch, nicht unsere) bricht die Verwaltung und die öffentliche Ordnung doch zusammen.
Es zeigt schon einerseits von Charakterschwäche unserer Kanzlerin, das sie nicht mit gutem Beispiel beim impfen vorangeht. Andererseits zeigt sich darin auch der fest in unserer Nation verankerte Neid und Gerechtigkeitsirrsinn das sich kein Politiker aus der ersten Reihe überhaupt traut sich offiziell in der Impfreihenfolge vorn anzusiedeln. Halten die sich selbst alle für im Grunde unwichtig und ersetzbar?
Offenbar ja. Und ich muss ihnen leider auch noch recht geben.

Anonym hat gesagt…

Im Namen des Weltfriedens ( "haben eine antifaschistische Verfassung " so der schwäbische Türke bei Lanz , gestern ) MUSS die gute Medizin zunächst an die Hochleistungsbürger in Wakanda verspritzt werden - oder will man zunächst die cis-Men Ingenieure , Kampfpiloten und Verwaltungstechniker behandeln ?

Anonym hat gesagt…

@ppq Ich habe ein gewisses Alter erreicht und bin mir daher mit gar nichts mehr sicher. Es wäre allerdings eine üble Verschwörungstheorie.

Anonym hat gesagt…

Sagt ein Schwein zum anderen: Dir ist schon klar, daß der Bauer uns deswegen so reichlich füttert, weil er uns später schlachten und fressen will? - Du nu' wieder mit deinen bekloppten Verschwörungstheorien ...