Freitag, 15. Oktober 2021

Abschied vom Strippenzieher: Kohls Kofferträger geht


Er brüstete  sich jahrelang mit einem Titel, der ihm überhaupt nicht zukam. Als letzter Zeitgenosse des sowjetischen Diktators Leonid Breshnew ließ sich der langgediente EU-Abgeordnete Elmar Brok gern feiern, ein Urgestein von angeblicher Einmaligkeit, das eine Doppelrolle als Konzernlobbyist und Politiker spielte, ohne jemals mehr Schwierigkeiten deswegen zu bekommen als Falschparker. Brok saß seit 1980 im EU-Parlament, er sah Systeme zusammenkrachen, Regierungen kommen und gehen, das Internet entstehen,  Rechtsruck und Linksruck sich abwechseln, Kanzler triumphieren und verlieren, die EU immer größer werden und dann wieder kleiner. Brok war immer da, in jeder Talkshow, in seinen großen Tagen wie ein Pixelschaden im Bildschirm, hartnäckig, bräsig und selbstverliebt, dass Gesicht einer Politik, die allein noch zum Selbstzweck betrieben wird.

Der ewige Schäuble

Von ganz anderem Kaliber ist ein Mann, der unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit schon politisch wirkte, als der spätere Kollege Brok noch als Zeitungsschreiber mühsam Zeile an Zeile stoppelte.  rühmte sich Brok als Zeitgenosse Breshnews, so ist Wolfgang Schäuble ein Wegbegleiter des sowjetischen Partei- und Staatsführers gewesen. Kurz nachdem Breshnew ins Amt kam, trat Schäuble  in die CDU ein. 1972, als Breshnew auf dem Gipfel seiner Macht angelangt war, wurde Schäuble Bundestagsabgeordneter. Seitdem überlebte er nicht nur vier Breshnew-Nachfolger, sondern auch fünf deutsche "Kanzler:innen" (Tagesschau). Ungebrochen, denn auch mit 79 plante der große alte Mann bis vor kurzem keineswegs, seine Ambitionen hintenanzustellen und in die zweite Reihe von Partei und Staat zu treten.

Zu viel hat Wolfgang Schäuble auf seinem langen Weg zur Macht geopfert. Seine Gesundheit fiel einem Anschlag zum Opfer, sein guter Ruf ging flöten, als er im Dienst seines früheren Herren Helmut Kohl log, dass sich der Balken bog. Beim Anlaufnehmen zum Sprung ins Kanzleramt, das Haus, das zu beziehen er spätestens vom Tage der deutschen Wiedervereinigung als Lebensziel sah, über gefoult von einer ostdeutschen Hamburgerin, die selbst er, der Strippenzieher des Altkanzlers, nie auf der Rechnung gehabt hatte. Dass ihm Angela Merkel zur Entschädigung für den geplatzten Kanzlertraum nicht wenigstens zum Posten des Bundespräsidenten verholfen hat, konnte Wolfgang Schäuble nie so recht verwinden. Aber immerhin so gut, dass er vom zweithöchsten Posten im Staate aus begann, die CDU zu lehren, zu leiten und zu seiner Partei zu machen.

Kai aus den Kulissen

Schäuble war da, als Angela Merkel erkennen ließ, dass ihr ziemlich gleichgültig ist, was nach ihr kommen wird. Wie Kai aus der Kiste tauchte der schon vor elf Jahren von gewichtigen Medienstimmen totgesagte Schwabe aus den Kulissen auf, um mitzuschachern und mitzupokern, wie er das immer getan hatte. Dass Armin Laschet Kanzlerkandidat der Union wurde, verdankt er Wolfgang Schäuble. Dass die Union daraufhin die Wahl verlor, verdankt sie Wolfgang Schäuble. Dass sich nach dem Rückzug der Kanzlerin, die schon im Wahlkampf  keinen Zweifel daran gelassen hatte, dass sie mit der angekündigten Niederlage nichts zu tun haben wolle, alle Strukturen in der CDU schneller auflösten als das Politbüro der SED vor 30 Jahren, damit hatten auch der große alte Mann nicht gerechnet.

Denn er hatte doch weitermachen wolle. Noch einmal Bundestagspräsident, am besten im Hohen Haus sterben, im Dienst an der Allgemeinheit, die ja auch im Reichstag gerade wieder einmal größer geworden ist und zur Anleitung sicherlich eine noch härtere Hand brauchen wird. Wie es war, wie es schon immer war, wäre es doch gut gewesen. Er stört niemanden, niemand stört sich an seinen Fehltritten mit dem "Mann, der sich als Herr vorgestellt hatte" (Schäuble) und niemand stört ihn. Wie Konrad Adenauer, der in Schäubles Alter noch zweieinhalb Kanzlerschaften vor sich hatte,  hätte sich der Rest der Demokratie nur weiter berührungslos um Schäuble drehen müssen, der ehrfurchtgebietend  Pläne und Anweisungen, Ziele und Wege beschreibt, ohne jemals darauf festgelegt zu werden.

Per Angstreflex  zum Amtsverzicht

Wie schlimm der 26. September die CDU getroffen hat, wird erst allmählich klar. Jeder kann eine Wahl verlieren, sie aber gegen einen Gegner nicht zu gewinnen, der selbst kaum noch krauchen kann, das  hat so heftig eingeschlagen, dass selbst Schäuble, der schon den Kalten Krieg und ein Messerattentat überlebt hat, reflexhaft die Nerven verlor. Er werde keine Posten mehr beanspruchen in einer neuen, kleineren und ohne Machtoption zwischen Linkspartei und AfD herumlavierenden Union, ließ Schäuble bestellen, immerhin noch geistesgegenwärtig genug, nicht abzuwarten, bis ihm die Parteifreunde den Stuhl ungefragt vor die Tür stellten. Seine letzten Jahre wird Wolfgang Schäuble als sein eigenes Denkmal verbringen, ein Abgeordneter, dessen Schicksal alle seine Kolleginnen und Kollegen mahnt, was geschieht, wenn einer nicht loslassen kann. 

Irgendwann sitzen Leute neben dir,  die dich gar nicht mehr kennen, die nichts wissen über das, was du schon einmal beinahe erreicht hättest, über deine Verdienste, deine Heldentaten, deine treuen Dienste und deine Selbstaufopferung. Sie schauen nur noch herüber, ein bisschen mitleidig. Warum tut der alte Mann sich das noch an, fragen ihre Blicke.

Aber das weißt du in dem Moment ja selbst auch nicht mehr. 


1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Bundestagspräsident in einer Kategorie mit Claudia Roth war eine Erniedrigung und Strafe, die er sich redlich verdient hatte. RIP bzw. roll zur hölle