Dienstag, 21. Juni 2022

Traurige Neun-Euro-Pleite: Nur jeder Dritte macht richtig mit

Bahnstrecke Deutschland, bereits elektrifiziert
Kein Zug wird kommen. Und wenn doch, sitzt niemand drin: Das 9-Euro-Ticket (offizielle Schreibweise) spart dem Bund so viel Geld, dass sogar eine Elektrifizierung der deutschen Bahnstrecken denkbar scheint.

Traurig, traurig, traurig! Zwei Wochen nach dem Start der auch als "Gute-Laune-Ticket" angepriesenen Neun-Euro-Monatskarte lässt die Nachfrage nach dem Geschenk der Bundesregierung an alle Bürgerinnen und Bürger sehr zu wünschen übrig. Neue Zahlen, die der Verkehrsverband VDV ermittelt hat, zeigen, dass sich bislang nicht einmal jeder fünfte Deutsche eines der aus Steuermitteln massiv bezuschussten 9-Euro-Tickets geholt hat. Vom Ziel, es allen in Deutschland lebenden Menschen trotz explodierender Gefahren für das Weltklima und kaum weniger heftig steigender Mobilitätskosten zu ermöglichen, vor dem anstehenden ersten grimmen Winter ohne Gas noch einmal kreuz und quer durch die Lande zu fahren, ohne auf die Mark zu schauen, ist die Bundesregierung damit nach Angaben der "Tagesschau" weit entfernt. 

Weit entfernt von kollektiver Solidarität

Bundesweit seien bislang erst 16 Millionen Entlastungstickets verkauft worden, teilte der VDV mit. Selbst die etwa zehn Millionen Tickets der Abonnentinnen und Abonnenten mitgerechnet, die zwangsweise in "9-Euro-Tickets" (offizielle Schreibweise) umgewandelt wurden, liegt die Beteiligung an der größten Rabattaktion der deutschen Geschichte damit bei weit unter einem Drittel der fahrfähigen Bevölkerung. 58 Millionen kürzer und länger Hierlebende verweigern bislang eine solidarische Mitwirkung bei der kollektiven Mobilitätsanstrengung, die auch als Zeichen Richtung Russland geplant war.

Nach Angaben von Verkehrsexperten zeigt sich eine rätselhafte Verweigerungshaltung, hatten die 9-Euro-Tickets doch für alle Bürgerinnen und Bürger kräftige finanzielle Entlastung bringen sollen. Zwar war Freiwilligkeit von Anfang an Grundlage des geplanten Umstieges aller auf den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV), der durch die höhere Belegung auch attraktiver werden sollte.

Verweigerungshaltung der Neun-Euro-Leugner

Doch offenbar haben Horrorstorys, wie sie auch von seriösen Medien nach dem ersten Neun-Euro-Wochenende verbreitet wurden, einen hohen Abschreckungseffekt zur Folge gehabt. Obwohl nach offiziellen Angaben der Bahn gerade mal zehn Prozent mehr Fahrgäste unterwegs waren, berichteten Leitmedien wie der Spiegel, die FAZ, die Süddeutsche Zeitung und sogar ARD, ZDF und DPA von teilweise chaotischen Szenen auf Bahnhöfen, geräumten Zügen und übervollen Passagierabteilen. Trotzige Neun-Euro-Leugner*innen beziehen sich seitdem verschiedentlich vor allem in Internetforen und sozialen Hetzwerken auf diese Schockreportagen und versuchen, das Entlastungspaket damit verächtlich zu machen.

Experten hatten bereits vor dem Start der Neun-Euro-Wochen nach enttäuschenden Umfragen zur Ticket-Kauf-Bereitschaft gewarnt, dass die Einführung einer scherzhaft auch "Sylt-Pflicht" genannten ÖPNV-Mitfahrverpflichtung für alle Bürgerinnen und Bürger den ÖPNV an Schwerpunkten überfordern könnte. Notwendig seien stattdessen langfristige und gezielte Investitionen.

Ein ganz großes Sparpaket

Notwendig wären dafür nach Angaben des Deutsche Städtetags mindestens 80 Milliarden Euro bis 2030, die Deutsche Bahn rechnet mit 86 Milliarden im selben Zeitraum. Geld, das bislang fehlte, nun aber ausgerechnet durch die Neun-Euro-Leugner und Nahverkehrsfeinde aufgebracht werden könnte. Ursprünglich hatte der Bund für seine Rabattaktion mit Kosten von rund 15 bis 22 Milliarden Euro gerechnet - eine Summe, mit der die Bundesregierung die Einnahmeausfälle der regionalen Verkehrsverbünde und der Bahn hätte ausgleichen müssen, wenn alle nach fahrfähigen Bürgerinnen und Bürger im Lande sich wie gewünscht ein Gute-Laune-Ticket gekauft hätten. 

Das wäre siebenmal so viel Geld gewesen wie für den Tankrabatt ausgegeben wird, angesichts der durch die inflationsbedingt um 48 Prozent gestiegenen Mehrwertsteuereinnahmen aber ein Klacks. Seit Januar verzeichnet  Finanzminister Christian Lindner krisenbedingte "Übergewinne" (Ricarda Lang) in Höhe von etwa 25 Milliarden Euro, die selbst die Finanzierung einer Neun-Euro-Ticket-Pflicht ermöglicht hätten. Das Kabinett aber entschied sich letztlich dagegen - und verfügt nun durch die maue Nachfrage nach dem 9-Euro-Ticket über eine opulente Rücklage. 

Milliarden für die Elektrifizierung der Bahn

Bleibt die große Zurückhaltung weiter Teile der Bevölkerung über den Sommer erhalten, muss der Bund den regionalen Verkehrsverbünden rein rechnerisch nicht die Kosten für 84 Millionen Billigmitfahrer erstatten, sondern nur die für 26 bis 30 Millionen. Damit verblieben nahezu zwei Drittel der geplanten Haushaltsmittel für das ÖPNV-Bein des Entlastungspaketes beim Finanzminister. Der ausgerechnet dank der beinharten ÖPNV-Verweigerer endlich die Möglichkeit hätte, in großem Stil in Busse, Bahnen, Brücken mit Schienen, neues Personal, pünktliche Züge und eine Elektrifizierung des bisher immer noch zu mehr als einem Drittel mit russischen Fossilen betriebenen Streckennetzes zu investieren.


3 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

https://kontrafunk.radio/de/

Anonym hat gesagt…

Tja, das auf Kosten der schwindenden Leistungsträger umhergekarrte wenig produktive Herdennutzvieh hat in seinem triebhaften Delirium vielleicht doch irgendwie begriffen, dass zusammengepfercht in humanen Sardinendosen nicht das erträumte Urlaubsfeeling erzeugt.

Und wenn man dann lärmende Verschwitztstunden später irgendwo am Traumzielbahnhof aussteigt, findet man dort denselben Abschaumdreck vor, denn man auch zuhause hat. Die Reisemöglichkeit ist also nicht nur fast kostenlos, sondern auch komplett umsonst. Und wer aus dieser Klientel wird sich schon für ferne Kultureinrichtungen interessieren, wenn daheim wüste Saufgelage mit Hartz-4-Kumpels locken. Da bleibt man lieber in seinem Kiez und badet seine drei Affenpocken-Gehirnzellen in desinfizierendem Alkohol.

Man hätte ihnen lieber Schnapsgutscheine schenken sollen, dann könnten sie ihr kollektives Elend wenigstens kurzzeitig mal vergessen. So kommen die mit neuem Frust zurück. Ist das etwa das Ziel? Unruhen provozieren, um den Notstand auszurufen und danach direkt auch das Kriegsrecht?

In der Politik geschieht bekanntlich nichts zufällig, besonders vermeintliche Wohltaten erfüllen immer einen geheimen Schindluderzweck. Und das Volk kapierte es gestern nicht, kapiert es heute nicht, und wird es auch morgen nicht kapieren. Nur jeder Millionste wittert den Verrat.

Anonym hat gesagt…

Wo sind denn all die zugereisten Fachkräfte? Könnten die nicht einspringen, wenn es zu wenig Michels mit Reisebedarf gibt? Oder sind die grad in Afrika auf Heimaturlaub?