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In vielen hitzegeplagten Staaten sind Klimaanlagen erste Wahl zur Herstellung lebenserhaltender Bedingungen. In Deutschland aber wird schon ihre Erwähnung strikt gemieden. |
Deutschland heizt sich stärker auf als alle anderen Weltregionen. Deutschland ist älter und bei Hitze vulnerabler. Deutschlands Wetterkarten sind bei 25 Grad blutrot, bei 33 glühen sie violett. Deutschland ist europaweit das einzige Land, das über eine ausgeklügelte Deutsche Anpassungsstrategie an den Klimawandel (DASK) verfügt. Die zeigt unumwunden, wie wichtig eine vorsorgende Politik und eine frühzeitige und effektive Warnung der Bevölkerung sind.
Die tödliche Gefahr
Hinter jeder Sommeridylle lauert eine tödliche Gefahr, die mit jedem Jahr bedrohlicher wird. Laut Robert-Koch-Institut starben 2023 in Deutschland etwa 4.500 Menschen an den Folgen extremer Hitze, 2024 waren es nur 3.000, aber jeder Tote ist einer zu viel. Und während die Erde auf eine Zukunft zusteuert, in der Milliarden Menschen außerhalb der habitablen Klimazone leben müssen, jenem Bereich, in dem der menschliche Körper dauerhaft überleben kann, wird Vorbereitung großgeschrieben.
Der zweite Aktionsplan Anpassung zur Umsetzung der Deutschen Anpassungsstrategie nennt die zwingende Notwendigkeit, Hitzeaktionspläne (HAP) zu erstellen. Die Bund/Länder-Arbeits-
gruppe "Gesundheitliche Anpassung an den Klimawandel" (GAK) hat dazu "Handlungsempfehlungen für die Erstellung von Hitzeaktionsplänen zum Schutz der menschlichen Gesundheit" (BMU 2017) erstellt. In diesem Kontext steht auch das ReFoPlan-Forschungsprojekt „Deutsche Anpassungsstrategie an den Klimawandel (DAS), das über Wirksamkeitsanalysen von gesundheitlichen Anpassungsmaßnahmen im Rahmen von Hitzeaktionsplänen sowie Klimaanpassungsdiensten herausfinden will, wie Deutschland am besten überleben kann.
Die Welt setzt auf Klimaanlagen
Doch das wäre zu einfach, weil dort sehr viel falsch gemacht wird. In Brasilien etwa besitzen etwa 20 Prozent der Haushalte Klimaanlagen. Laut der Internationalen Energieagentur (IEA) könnten sich diese Zahlen bis 2050 vervierfachen, denn 2023 wurden in Brasilien im ersten Halbjahr 1,48 Millionen Klimageräte verkauft. In den Südstaaten der USA, in Mexiko, Thailand, Indien und auf den Philippinen, überall steht die Klimaanlage im Waffenschrank der Hitzebekämpfung. Rund 90 Prozent der amerikanischen Haushalte verfügen über ein Klimagerät, auch in Südeuropa, wo Hitzewellen schon lange grassieren, besitzen etwa 60 Prozent der Haushalte Klimaanlagen.
In Deutschland, das bisher ein gemäßigtes Klima genoss, ist der Umgang mit den Anlagen Neuland. Und er soll es auch bleiben. Schon der inzwischen ausgeschiedene Gesundheitsminister Karl Lauterbach, der den ersten bundesweiten Hitzeschutzplan hatte erarbeiten lassen, verzichtet in dem Papier auf jeden Hinweis auf die Existenz einer ausgereiften Technologie, die in wärmeren und heißen Regionen die Waffe der Wahl zum Erhalt von Bedingungen ist, die Menschen das Überleben ermöglichen.
Dämmung und Sonnenschirme
Lauterbachs Entscheidung steht bis heute. Deutschland setzt auf Dämmung und Sonnenschirme, auf Fächer für Alte und hitzefrei für Kinder. Brunnen und Trinkanlagen sollen gebaut werden, Kirchen ihre Türen öffnen, um als Zuflucht für Hitzeopfer zu dienen.
Die einzige Technologie, die wirklich hilft, bleibt jedoch erstaunlich unsichtbar: die Klimaanlage. Allenfalls als ergänzende Maßnahme werden sie betrachtet, insbesondere in kritischen Bereichen wie Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen oder öffentlichen Gebäuden, um vulnerable Gruppen vor Hitzewellen zu schützen. Im Alltag sollen kühlende Grünflächen, Sonnencreme, bessere Isolierung und begrünte Fassaden die von den Gemeinden zu erarbeitenden Klimaanpassungskonzepte zum Erfolg führen.
Dem liegt eine Abwägung zugrunde, die zwei Werte aneinander messen musste. Extreme Hitze bringt erhöhte Sterblichkeit und sinkende Arbeitsproduktivität, Menschen leiden und die Aggressivität steigt. Doch Klimaanlagen, einst ein Luxus, heute ein schnell an jede Fassade geschraubter Kasten aus chinesischer Produktion, gelten als energieintensiv.
Klimaanlagen als Klimakiller
Sie sind damit nur kurzfristig ein Schutz vor Hitzeschlägen. Langfristig aber, so argumentiert die Bundesregierung hinter verschlossenen Türen, erhöhen sie die Klimalast, führen zu noch mehr Erwärmung und die müsste dann mit noch mehr und noch leistungsfähigeren Klimaanlagen bekämpft werden. Die Geräte heizen die Städte schon heute zusätzlich auf, da die warme Abluft die Umgebungstemperatur erhöht. Die innovative Kaltluftpumpe, 1902 von Willis Carrier erfunden, kann Räume effizient um 10 bis 15 Grad abkühlen, während Placebo-Maßnahmen wie Begrünung oder Rollläden laut Studien maximal auf 3,2 Grad kommen. Doch die Wärme aus der Kliamanlage muss irgendwohin. Und so landet sie im öffentlichen Raum.
Kein Weg, den Deutschland gehen will. Eine Rolle spielt dabei auch die Angst vor gesellschaftlicher Spaltung. In einem Land, das mit die höchsten Strompreise der Welt hat, wären von einer offiziellen Empfehlung zur Einführung von Klimaanlagen vor allem die ärmeren Bevölkerungsschichten betroffen. Sie können sich die Anschaffung einer privaten Klimaanlage nicht leisten. Schon gar nicht aber deren Betrieb.
Siesta, Leinenkleidung und Sportverbote
Folglich setzt die Regierung auf Verhaltensanpassungen: Siesta, Leinenkleidung und Sportverbote zur Mittagszeit, nicht grillen, kein Alkohol. Feuchte Tücher, die Wasser auf natürliche Weise verdampfen, könne helfen, aber auch amtliche Warnungen, das Haus nicht zu verlassen. Ein wenig ist es auch ein Opfer, das Deutschland bringt. Weltweit verbrauchen Klimaanlagen heute schon etwa zehn des Stroms. Machte sich auch Deutschland abhängig von der Technologie, die nach dem Zweiten Weltkrieg wurde sie zum Symbol des amerikanischen Traums wurde, wäre das Weltklima in noch größerer Gefahr als ohnehin schon.
Die Bundesregierung kann für ihre Empfehlungen, lieber Dachbegrünung, Entsiegelung, Trinkbrunnen und Verhaltenshinweise zu nutzen, auf eine breite Mehrheit setzen. Fast ein Viertel der Deutschen lehnt Klimaanlagen Umfragen zufolge wegen ihres CO₂-Fußabdrucks ab. Zudem gehen die Kosten für die Geräte in den Bereich von 5.000 Euro oder mehr – für viele Haushalte unerschwinglich, obwohl der Absatz 2023 um zwölf Prozent stieg, ohne dass es staatliche Zuschüsse gab.
Umweltgefahr Kältemittel
Die Zahl der Hitzetoten wird als kleines Problem gesehen, auch verglichen mit den Umweltgefahren, die die meist verwendeten Kältemittel Propan oder Isobutan mit sich bringen. Beide nehmen Wärme im Innenraum auf, die wird durch einen Kompressor verdichtet und anschließend über einen Kondensator nach außen abgegeben. In Deutschland gilt das als wenig solidarisch, auch aus historischen Gründen, wie der Klimatologe Herbert Haase mutmaßt. Deutsche hätten ihre Häuser stets so gebaut, dass auf Wärmeerhalt ausgelegt seien - mit dicken Wänden, kleinen Fenster, Doppelverglasung.
Das, so hofften viele, sagt der Chef des Climate Watch Institutes im sächsischen Grimma, müsse auch umgekehrt helfen. Klimaanlagen hingegen gülten vielen als unnatürlich oder als Symbol eines verschwenderischen Lebensstils nach amerikanischem Vorbild. "Das stößt in einer umweltbewussten Gesellschaft auf Skepsis und viele sehen sie auch immer noch als überflüssigen Luxus an, obwohl sie unter den zunehmenden Hitzewellen essenziell leiden." Die Kosten aber schrecken ab: Mobile Klimageräte verbrauchen etwa 500 Kilowattstunden pro Jahr, ein Kostenposten von rund 200 Euro jährlich. "Da sagt sich mancher, dafür fahren wir lieber im Urlaub in den Süden."
Klimaethiker raten ab
Bis ins politische Berlin ist natürlich bekannt, was Klimaethiker raten. 2023 starben in Deutschland 3.000 Menschen an Hitze, eine Zahl, die durch Kühlung hätte reduziert werden können. Die Klimaanlagen weder im Nationalen Hitzeschutzplan noch in den Handlungsempfehlungen des angesehenen Robert-Koch-Instituts zu erwähnen, war denn auch keine einfache Entscheidung. Müssen Ältere oder Kranke früher sterben, weil Krankenhäuser und Pflegeheime auf Beschluss der Regierung auch künftig auf elektrische Helfer zur Absenkung der mörderischen Sommertemperaturen verzichten sollen?
Einige sicher, sagt Herbert Haase. Doch seit dem wegweisenden Verfassungsgerichtsurteil, das die Politik verpflichtet, beim Klimaschutz auch kommende Generationen im Blick zu behalten, sei die Entscheidung alternativlos. Das Opfer der Hitzetoten von heute, die sterben, weil mögliche, aber klimaschädliche Maßnahmen vermeiden werde, könne längerfristig womöglich mehr Leben retten.
Die Debatte als Gefahr
Vor diesem Hintergrund scheint es angebracht, keine Debatte über Klimaanlagen zu führen. So lange die Geräte als Klimakiller wahrgenommen würden, obwohl moderne Anlagen durchaus auch problemlos mit erneuerbaren Energien oder Überschussstrom betrieben werden können, werde eine Diskussion darüber vermieden, ob die aktuellen gesundheitlichen Kosten der Hitze – etwa 4.500 Tote im Rekordjahr 2023 – die Umweltbelastung durch Klimaanlagen überwögen.
Hitze ist so trotzdem noch nicht sozial gerecht. Beispielsweise, sagt der Forscher, profitieren in Spanien vor allem wohlhabende Haushalte von Klimaanlagen, während sozial Schwache unter der Hitze leiden. Eine Spaltung, die ganz Europa träfe, würde etwa die EU-Kommission die Ampeln für Klimaanlagen auf Grün stellen. Haase mahnt zwar, dass "jeder Euro für Hitzeanpassung zehn Euro Folgekosten" spare und er bezieht in diese Rechnung ausdrücklich energieeffiziente Kühlsysteme ein. Doch auf Klimaanlagen zu setzen, schaffe eben auch neue Probleme.
Leben außerhalb der Klimanische
"Die Welt steuert auf eine Zukunft zu, in der Millionen außerhalb der Klimanische leben, also der Zone, in der der menschliche Körper dauerhaft funktionieren kann", sagt der Wissenschaftler. Deutschland sei auf diese Herausforderung bislang nur unzureichend vorbereitet, bislang aber gelinge es, Bürgerinnen und Bürger zureichend vor der zunehmenden Hitze zu schützen, indem Hilfe durch kommunale Klimaanpassungsstrategien versprochen werde. Dass mehr Stadtgrün und Sonnenschutz, die Entsiegelung von Flächen ein Verbot für Schottergärten und Kunstrasen nicht ausreichen werde, zeichne sich ab. "Sonst würden früher wärmere Länder es dabei belassen haben."
Die Frage danach, was hätte gemacht werden müssen, werde sich aber erst in einigen Jahren stellen. "Dann wird viel von Versäumnissen und Gedankenlosikeit geredet werden", sagt Herbert Haase. Viele der noch von Karl Lauterbach geplanten kostenlosen Trinkwasserstationen seien dann aber sicherlich ohnehin noch nicht installiert. "Und zu den praktischen Tipps für heiße Tage wird dann aben gehören, sich eine Klimaanlage zuzulegen."
6 Kommentare:
Kommunalwahl 2025, Lokal-o-mat, Duisburg
13/30
Hitzeschutz
Die Stadt Duisburg soll mehr Geld in einen verstärkten Hitzeschutz auf dem Bahnhofsvorplatz investieren.
stimme zu / neutral / stimme nicht zu
richtig so
Duisburg Bahnhof? Die Kundschaft ist an hohe Temperaturen gewöhnt.
Die Stadt Duisburg soll mehr Geld in einen verstärkten Hitzeschutz auf dem Bahnhofsvorplatz investieren.
Duisburg setzt eben die richtige Prioritäten.
Die kennen halt die Probleme der Bürger und kümmern sich darum:
Lokal-o-mat, Duisburg,
5/30
Gebetsräume
In öffentlichen Gebäuden der Stadt soll es Gebetsräume geben.
Stimme zu / neutral / stimme nicht zu
Man könnte ja die warme Abluft der Klimaanlage direkt in eine Wärmepumpe einspeisen. Die anfallend Wärme wird für den Winter aufgehoben. Die kühle Abluft der Wärmepumpe kühlt dann wieder die Wohnung.
Das ist fast ein Perpetuum Mobile. Ich muss ein Patent aufsetzen.
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