Sie war ein Kind ihrer Zeit. Klein und traurig, sichtlich ostdeutsch, gehüllt in eine Jacke, die mutmaßlich einer Kleiderspende aus Köln, Wiesbaden oder Nürnberg entstammte. Alleingelassen saß das Mädchen auf einem rostigen Geländer in einer kahlgerodeten, verlassenen Betonblocksiedlung. Kein Grün ringsum, kein Mensch irgendwo. Nur das kleine Mädchen in seiner alarmroten Jacke, das in den Jahren nach 2012 zum Signet der Merkel-Jahre werden sollte.
Das ärmste Deutschland aller Zeiten
Dem "besten Deutschland aller Zeiten", jenem "Land, in dem wir gut und gerne leben", wie es die Kanzlerin selbst formulieren ließ, gab die Kleine in ihrer bedauernswerten Einsamkeit ein Gesicht, obwohl sie ihres nicht zeigte. Das Kind auf dem todtraurigen Foto wurde zur Ikone eines zerrütteten Systems, in dem die Armut nicht mehr stieg, dank allerlei rechnerischer Neuerungen aber stattdessen die "Armutsbetroffenheit".
Zeitungen und Magazine flogen auf das offenkundig vernachlässigte, aller Lebenschancen beraubte Kind. Hunderte Male war die arme Kleine im Einsatz, um mit ihrer roten Jacke und der blau-weißen Mütze eine Atmosphäre von Verzweiflung und Armut zu verströmen. Von Taz bis Cicero, FAZ und Welt, Neue Presse, WAZ und Bild, Spiegel bis Focus liebten die Redaktionen das traurige Kind aus Ostdeutschland, von allen guten Geistern des Sozialstaates verlassen, ausgesetzt am Bordstein der sprichwörtlichen Straße der Gewalt.
Die rote Jacke als Signal
Die rote Jacke signalisierte "Schockzahlen der Bundesagentur für Arbeit". Sie bedeutete der Mehrheitsgesellschaft schon im Jahr 2015, dass jedes fünfte Kind unter 15 Jahren unterhalb der Armutsgrenze aufwuchs. Sie stand später für eine Gesellschaft, jedes sechste Kind zumindest "von Armut bedroht" wurde. Und alarmierte zehn Jahre später, dass es trotz aller Bemühungen mehrerer Bundesregierungen nun bereits jedes siebte Kind war, das von der "Krise im Verborgenen" (Unicef) im "reichsten Land der Welt" (ZDF) betroffen war. So sehr, dass "Armut in Deutschland jede vierte Person zwischen 18 und 25 Jahren" (Bundeszentrale für politische Bildung) gefährdete.
Dem Mädchen in der roten Jacke war der erlittene Missbrauch durch den kalten Geist des Neoliberalismus selbst von hinten deutlich anzusehen. Sie war so arm wie jedes fünfte, sechste, siebte oder vierte Kind. Und sie war sogar im größten Moment ihres Lebens, jenem Andy-Warhol-Augenblick der fünfzehn Minuten Ruhm, denkbar schlecht weggekommen.
Als sie dem Fotografen auf Geheiß ihrer verzweifelten Mutter gegen ein Handgeld Modell stehen musste, sitzend auf dem Geländer, wühlend in einer Mülltonne, sich klammernd an eine glatzköpfige Puppe, sprangen ein paar klebrige Bonbons für sie ab, die der Lichtbildner nach vollbrachter Arbeit aus seiner Hosentasche wühlte.
Ein Kind als Gesicht der Verelendung
Die meisten Fotos von diesem Tag, an dem ein hilfloses, nichtsahnendes Kind zum Symbol jenes anderen Deutschland wurde, das gebraucht wird, um eine milliardenschwere Armutsverwaltungsbürokratie nebst einer noch einmal milliardenschweren Armutserhaltungsindustrie am Leben zu halten, sind später nur selten gezeigt worden. Zu hart erschien den Verantwortlichen die Darstellung einer sorgsam inszenierten Realität, in der ein Kind im Abfall wühlen, den Tod seiner geliebten Puppe beklagen und wie eine Sexarbeiterin an einer gekachelten Wand stehen muss, als würde es auf den nächsten Freier warten.
Auf diesen Bildern, die sich über die Jahre fest ins kollektive Gedächtnis einbrannten, fußte die deutsche Armutsberichterstattung. Bis zur Corona-Pandemie, die vom beständig zunehmenden Armutsproblem ablenkte, war das Mädchen in der toten Jacke für das Elend des deutschen Sozialstaates, was Annalena Baerbock später für die feministische Diplomatie weltweit wurde.
Medien rühmten das Kind als "Außenministerin der deutschen Kinderarmut". Studien zeigten, welch enger Zusammenhang zwischen Ostdeutschland, Diskriminierung, Zurücksetzung und Rechtsruck besteht. Politiker beklagten, dass jedes fünfte Kind arm war, vor allem unter denen, die aus Elternhäusern mit niedrigen Einkommen stammten.
Soziale Leiter ohne Sprossen
Für alle jene, die deutlich stärker als andere betroffen waren, hatte die soziale Karriereleiter keine Sprossen. Ob Einführung von Mindestlohn oder höherem Kindergeld, Sozialpaket zur Mindestteilhabe oder mehrfache Umbenennung der früheren Sozialhilfe - es nützte alles nicht. Von 1998 bis 2004 stieg der Anteil derjenigen, die mit einem Einkommen unterhalb der Armutsgrenze auskommen mussten, von 12,1 auf 13,5 Prozent.
Es waren 13,9 Prozent aller Familien von Armut betroffen, wie die damals recht bekannte SPD-Sozialexpertin Sigrid Skarpelis-Sperk der Süddeutschen Zeitung vorrechnete. Seitdem konnten umfangreiche sozialpolitische Maßnahmen die Armut in Deutschland auf einem deutlich höheren Niveau verfestigen.
Die anstelle der eigentlichen Armut seit Anfang des Jahrtausends erfundene und seitdem konsequent genutzte "allgemeine Armutsgefährdungsquote" entkoppelte sich von den explodierenden Sozialausgaben und sogar vom zwischenzeitlichen Wirtschaftswachstum. In dem von Pandemie und Inflation geprägten Krisenjahre 2022 erreichte sie mit bis 16,9 Prozent einen historischen Höchststand. Seitdem ist der Wert deutlich zurückgegangen. Er liegt nur noch bei 16,1 Prozent. Ist aber kein Grund zur Entwarnung.
Das mediale Geschäft mit der Armut
Im Geschäft mit der Armut ist jede Zahl ein Rekord und alles wird nur immer schlimmer. Auf Fakten oder Zahlen kommt es dabei schon lange niemandem mehr an. Hauptsache höher, Hauptsache, irgendeine Statistik liefert Argumente, warum nur noch mehr Umverteilung mit der Sozialstaatsgießkanne notwendig ist, um die Lage zu verbessern.
Wer mit der Wahrheit lügen will, mit verbogenen Fakten Meinung machen und dabei nicht erwischt werden, dem rät das Lehrbuch des klassischen Demagogiefaches "Lügen mit der Wahrheit", ruhig darauf zu vertrauen, dass die Erinnerung der Menschen an frühere Behauptungen nicht weiter zurückreicht als sechs Wochen. Ist diese Zeitspanne verstrichen, darf gefahrlos das Gegenteil früherer Angaben behauptet werden.
Niemand schaut ins Archiv
Niemand in keiner professionell geführten Redaktion voller ernsthaft der Wahrheit verpflichteter Redakteure wird prüfend ins Archiv schauen. Wenn ihm die Nachrichtenagenturen vermelden, dass die "Armutsquote auf Höchststand" gestiegen ist, weil all den Jahrzehnten "Kampf gegen die Armut" (Hans-Böckler-Stiftung) nunmehr "13,3 Millionen Deutsche betroffen" seien, wird das eine bare Münze sein, mit der gezahlt werden kann.
Der Rekord, er steht in der Landschaft wie ein Denkmal für ein gescheitertes System, das mit immer mehr Aufwand immer weniger erreicht. Die Botschaft der Nachrichtenhersteller allerdings ist, dass es einfach immer noch nicht genug Aufwand, nicht genug Geld, nicht genug Betreuung.
Manipuliert wird zur Untermauerung der eigenen Behauptung, was auch nötig ist. Schon der "Paritätische Armutsbericht" von 2021 hatte die Armutsquote in Deutschland mit 16,1 Prozent an gegeben. Das waren damals, so der Bericht, "rechnerisch 13,4 Millionen Menschen". Für den neuen Rekord sorgen nun "13,3 Millionen Betroffene", über deren Köpfen es Krokodilstränen regnet. "Wir sehen eine Gesellschaft, die sozial weiter auseinanderdriftet. Jetzt immer neue Kürzungen zu diskutieren, schürt Angst und Unsicherheit. Das spielt Populisten und Extremisten in die Hände", sagt Joachim Rock.
Angst und Unsicherheit schüren
Der studierte Politikwissenschaftler ist ein uniques Produkt der Armutsindustrie. Mit 27 fand der Mann aus Bad Arolsen eine Stelle beim Paritätischen. Vom Posten des persönlichen Referenten der damaligen Vorsitzenden, einer SPD-Politikerin namens Barbara Stolterfoht, arbeitete er sich über zweieinhalb Jahrzehnte ganz nach oben.
2024 wurde Rock zum Nachfolger des legendären Medienmanipulators Ulrich Schneider als Hauptgeschäftsführer des Wohlfahrtsverbandes ernannt, der sagenhafte 10.000 Mitgliedsorganisationen zählt. Seitdem ist er der Erbe des Erfinders berühmten "Schere zwischen Arm und Reich", die 2024 hätte geschlossen werden können, wäre das Bürgergeld einfach "maßvoll um 40 Prozent angehoben" worden, wie Ulrich Schneider damals mit all der Expertise eines studierten Lehrers gefordert hatte. Auch Schneider kannte das echte Leben da draußen aus Bücher und Studien. Er war mit Anfang 30 gleich nach dem Studium zum Paritätischen gewechselt, um sich dort beharrlich bis ganz nach oben zu arbeiten.
Parade aufrüttelnder Appelle
Was macht es schon aus, ob jedes vierte, jedes fünfte oder sogar jedes siebte Kind arm ist, von Armut betroffen oder in Gefahr, von Armut betroffen werden zu können. Für die Schlagzeilen spielt es keine Rolle, wie die Parade der aufrüttelnden Appelle an die wohlhabende Mehrheitsgesellschaft zeigt. 2008 hatte eine Studie des Ifo-Institutes noch ermittelt, dass "15 Millionen Deutsche als arm oder armutsgefährdet" waren.
2009, als die Ifo-Forscher noch einmal nachzählten, mussten immer noch rund 14 Millionen Deutsche mit einem Einkommen unterhalb der "Armutsrisikoschwelle" von 60 Prozent des mittleren Einkommens auskommen. Heute sind es "rund 13 Millionen". Mit anderen Worten: "Ein Rekordwert" (Frankfurter Rundschau).
Weniger sind mehr
Das sind zwei Millionen weniger Betroffene als noch 2005. Aber dies entspricht zum Glück immer noch "fast einem Sechstel der Bevölkerung" und ist damit "ein Höchststand" und "trauriger Rekord", wie der Paritätische Wohlfahrtsverband in seinem neuen Armutsbericht berichtet. Neu ist, dass das Mädchen mit der roten Jacke nicht mehr zur Illustration bemüht wird.
Die Kleine, heute Mitte 20, wurde von Rentnern verdrängt, die ihre karge Beute von der Tafel nach Hause schleppen, von kleinen Jungen, die Schuhe mit Löchern tragen müssen, und von Armutsgefährdeten, die sich um Bananenkisten drängen.
Joachim Rock spricht von einer "krisenhaften Situation", die jeder "weitere Einschnitt bei Sozialleistungen" nur noch verstärken werde. Seit 2005 sind die Sozialausgaben in Deutschland auf das Doppelte gestiegen. Sie liegen heute mit einem Rekordvolumen von mehr als 1,3 Billionen Euro im Jahr etwa bei der Summe, die Polen beharrlich als Entschädigung für sämtliche Schäden einfordert, die Deutschland im Zweiten Weltkrieg in seinem östlichen Nachbarland angerichtet hat.


10 Kommentare:
Mich begeistert immer der Aufbau der Aktikel über Armut. Zuerst wird kurz von Armutsgefährdung geschrieben, bevor dann Armut als Synonym verwendet wird. Dabei ist kaum jemand in Deutschland von Armut (< 50% Medianeinkommen) betroffen, weil Stütze schon darüber liegt. Und wer armutsgefährdet (< 60% Medianeinkommen) ist, ist nicht gefährdet, in Armut abzurutschen, weil er ja Stütze - oder wie das inzwischen heißt - bekommen könnte.
Wie Danisch meldet können wir bald Musks SpaceX-Aktien unter uns aufteilen und müssen nie wieder arbeiten.
Pfui Deibel, was kommt als Nächstes? Wer obdachlos ist, ist selber schuld? Wer arbeiten will, der findet auch Arbeit? - Schäme Er sich! Tagessudelleser? Oder gar - des Sudel? Ackeläks.
OT >>> zentao sagt:
14. Juni 2026 um 9:20
die merkel hat wirklich nix gebracht, 20 jahre nur rumgesessen (merz versucht das ja auch gerade, in guter cdu-tradition)(, macht „konzentriert!“ und wahlen annuliert. selbst die „Saudumme Masse“ sollte das erkennen können. <<<
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Zunehmende Verblödung auch bei Vitzlis Kommentatoren: Sarah Sauer sagte in einer Quarkschau: "Wir verändern gerade die Welt." (Ohne weitere Rückfrage). In einer anderen äußerte sie ehrliches Erstaunen darüber, wie weit und wie problemlos man damit schon gekommen werde. Von wegen, nur rumgesessen!
OT: Ich bringe es noch einmal (siehe 10.6.allhier), ist doch hübsch interessant und aufschlussreich:
<< Es waren die USA, die den Deutschen seit 1945 überhaupt erst den Ausgang aus der autoritätshörigen Untertanengesellschaft und den Weg in eine pluralistische Gesellschaft geebnet, besser: freigebombt hatten >>
Blödelt ein Herr Löwengrub(!) auf "Ansage!".
@ Anmerkung und @ Alle: "Nazi" (schwachsinnigerweise oft mit "Faschist" gleichgesetzt) ist ein von Grenzdebilen (bestenfalls von Fehlinformierten) benutztes Scheltwort im weiteren Sinn für jedes und alles, was einem nicht passt, im engeren Sinn (seit den 90ern) für jedwede Äußerung von gesunder Vernunft.
Die SED-PDS war schon 1993 mit ihrem "Bleiberecht für ALLE" - damals schlappe fünf Milliarden - außerhalb jeder Erwägung.
Es gibt/gab auch keinen guten Urmarxismus, gedacht zu Beglückung der Menschheit, welcher dann verfälscht / missbraucht wurde.
>> Elon Musk hat jetzt 1 Billionen Euro auf seinem Sparbuch und deshalb seit ihr alle jetzt ärmer, denn wär er nicht reich wärt ihr nicht arm. ☝️ pic.twitter.com/kjSgNgL7iI <<
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Ihr seit wiederlich ...
Das ist mir egal.
...und damit das, was Linke, schon weil die meisten von ihnen Looser sind, die mit Lug und Betrug und Ideologie versuchen ...
Weder Teutsch noch Engeländisch scheinen Michael Kleins Primärsprache zu sein. Vielleicht ist er ja weitläufig mit Franz Loeser selig verwandt ...
Weiter OT: << Es wird bei alldem eine Klimahysterie befeuert, die wissenschaftlich längst ins Wanken geraten ist und die ihren Zenit längst überschritten ... >>
Neien! "Wissenschaftlich" am Arsch! "Gar nicht richtig bewiesen" ebenso! Es war von Anfang an erstunken und erlogen, basta.
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