Freitag, 19. Juni 2026

Oh W!: Das W steht für Freiheit

Die W Social-App verzeichnet schon am ersten Tag mehr als 100 Downloads. Genutzt werden kann sie von jedem, der einen Ausweis vorzeigt und einen Gesichtsscan absolviert. Erlaubt ist die Teilnahme trotzdem ab 12 Jahren.

Es ist ein weiterer Baustein hin zu Europas künftiger Unabhängigkeit vom Rest der Welt. Ein soziales Netzwerk, nur für Europäer, die sich mit Ausweis, Videoscan, vollem Namen und Telefonnummer registrieren lassen, das wird W, die EU-Antwort auf X und all die anderen ausländischen Dienste, die sich von Brüssel aus kaum umfassend kontrollieren lassen. 

W wie wie 

Die Idee zu W, das seinen Namen wie "We"übersetzt, weil das "Wir" meint, hatte der Mann, der vor Jahren Greta Thunberg erfand. Ingmar Rentzhog, ein schwedischer Wohltäter, dessen letzter Versuch einer guten Plattform an den Umständen scheiterte. "We don't habe time" war und ist die das weltweit größte, weil einzige Netzwerk für "Klimaaktion" (Selbstbeschreibung). Und trotz der Selbstbeschreibung, man erreiche über seine  Kanäle "monatlich schätzungsweise 25 bis über 100 Millionen Menschen" eine Totgeburt. Die über den US-Dienst Youtube verbreiteten Video verhungern mit 200 Aufrufen. X-Posts kommen auf hundert Likes, bei Instagram sind zehn die Regel. 

Ihre besten Zeiten hatte Rentshogs Firma, als Greta Thunberg ein geachteter und gefeierter Weltstar war. Dann aber sagte sich die Klimaprophetin von ihrem Entdecker los. Der schwedische Finanzberater und PR-Manager, "Chairman of the environmental think tank Global Challenge", zog aus, an neuen Ufer zu landen. Das Klima wartet nicht.

Doppeltes V als W 

Und nun ist er mit W zurück, das eigentlich als doppeltes V gemeint ist: Eins steht für Values (Werte), das andere für und Verification, also die Überprüfung der Identität aller Nutzer durch einen digitalen Behördengang. Dazu muss eine zweite App über die US-Dienste Google Play Store oder Apple Store heruntergeladen werden, über die dann Ausweis, Passbild, Fingerabdrücke und eine Blutprobe gecheckt werden, um sogenannte Bots und Rechtsextreme von künftigen Diskussionen auszuschließen.

Es ist der europäische Weg, den dieses bei den deutschen Medien schon vor dem Start erfolgreiche, weil massentaugliche soziale Netzwerk geht. Warum einfach, wenn es alles auch kompliziert zu machen ist? Sagenhafte 500 Millionen Euro haben "rund 80 private Investoren aus Europa" (ZDF), die nicht näher genannt werden wollen, in den Aufbau der Plattform gesteckt. EU-Gelder, auf die Kritiker wie Unterstützer nach der ersten exklusiven Vorstellung des Anti-X im Januar gehofft hatten. Die einen, weil sie den X-Klon dann als eine Art öffentlich-rechtlichen Überwachungsraum für Meinungsverdachtsfälle hätten anprangern können. Die anderen, weil sie nach wie vor glauben, dass nur der Staat mit strengen Regeln dafür sorgen kann, dass im Internet niemand verbal gewalttätig wird.

Die digital unabhängige Union

Die EU-Kommission, deren neuer Kurs auf digitale Unabhängigkeit bisher nur dazu geführt hat, dass Rechner und Handys, die auf in den USA entwickelten und in Taiwan und China produzierten Chips laufen, ein Textverarbeitungsprogramm nutzen, dass Berliner Tüftler aus einem Programm der US-Firma Sun Microsystems destilliert haben, hätte sich wohl gern ein eigenes X angeschafft. Für Ursula von der Leyen gilt der Satz von Hillary Clinton als Warnung. "Wenn wir die sozialen Medien nicht moderieren, verlieren wir die totale Kontrolle", hatte die einstige Favoritin auf das Präsidentenamt gesagt. Das gelang nicht. Trump siegt.

Das W steht im Alphabet nicht nur vor dem Ex, es steht für auch Wreiheit. Das W steht für alles, was uns "twichtig" ist, wie die Kommission erst vor einigen Wochen plakatieren ließ. W steht vor allem aber für einen sicheren Debattenraum, in dem Widerspruch unerwünscht wäre. Jeder darf sagen, was er will. Solange er sich an die Vorgabe hält, nicht mit Meinungen hausieren zu gehen, die nicht mit der Tageswahrheit abgestimmt sind.

Sieg über Musk 

Rechtzeitig vor dem Start zum Unternehmen, das nach Mastodon, Bluesky und Threads den endgültigen Sieg über Elon Musks Marktführer bringen soll, wurde den Initiatoren allerdings klar, dass ein Nagel in die eigene Stirn die Erfolgsaussichten deutlich stärker gemehrt hätte als eine direkte Finanzierung aus Brüssel. So wird nun alles ganz transparent von "Investoren aus Deutschland, der Schweiz, Italien und aus Belgien" finanziert, wobei schon die Erwähnung von Belgien vielerorts die Alarmsirenen schrillen lassen wird. 

Steckt Brüssel doch dahinter? Welche Investoren sind das? Was hat sie bewogen, so viel Geld zum Fenster hinauszuwerfen, wo doch Werbung bei W "frühestens 2028 kommen" wird, wie Geschäftsführerin Anna Zeiter dem ZDF verraten hat. 

Prominente Unterstützer sollen helfen, den Argwohn zu besänftigen: Im Advisory Board sitzen der deutsche Ex-Vizekanzler Philipp Rösler, wie Firmenchefin Zeiter Wahlschweizer. Dazu Sandrine Dixson-Declève, Co-Chefin des Club of Rome und Leiterin der Initiative "Earth for all". Und Cristina Caffara, die Vorsitzender von EuroStack, einer Vereinigung von europäischen Technologie-Unternehmen wie Schwarz Digits, Qboxmail, Docaposte und The Good Cölud, die versucht, die übermächtige US-Konkurrenz aus dem Weg zu lobbyieren.

Zwei "ehemalige schwedische Minister", deren Namen nirgendwo genannt werden, trommeln auch für  den "Wunschtraum von Vielen - eine europäische Social Media Plattform" (SWR). Das überzeugt:   Läuft es weiter so gut wie am ersten Tag, an dem sich schon mehr als 100 Nutzer die W-App aus dem Play Store holten, wird W dann stolze 55.000 bis 70.000 Nutzer haben.

Hohe Hemmschwelle als Vorteil 

Der große Vorteil des neuen Dienstes die Hemmschwelle. Hatten Internetanbieter bisher versucht, Nutzer mit möglichst unkomplizierten Anmeldeprozeduren zu binden, haben die Schweden sich einen  bürokratischen Hürdenlauf ausgedacht, der die Spreu vom Weizen trennen soll. W beitreten ist wie ein Bankkonto eröffnen: Der Personalausweis muss hochgehalten werden. Mitarbeiter der Firma gleichen das Passbild mit der Aufnahme der Webcam ab. 

Nach Einreichung einer Telefonnummer und einer E-Mail-Adresse erfolgt die Freischaltung über einen "unabhängigen, auf Privatsphäre fokussierten Service" namens "W Identity". Der ist ab null Jahren nutzbar, die dazugehörige App kann die folgenden Datentypen an Dritte weitergeben: Standort, Personenbezogene Daten, Geräte-ID, Fotos, Name, E-Mail-Adresse, Nutzer-IDs und sonstige Daten.

Alles ist nur gut gemeint 

Dabei geht es ausschließlich um "Betrugsprävention, Sicherheit und Compliance", wie die Entwickler versichern. Es ist zum Besten aller. Der Sinn von W Social sei es, die "Demokratie insgesamt zu schützen" und den Europäern eine Plattform zu geben, "wo sie ihre politischen, aber auch nichtpolitischen Meinungen austauschen können", hat Anna Zeiter die wichtige Funktion beschrieben, die die vorab bejubelte neue Echokammer für den widerspruchsfreien Monolog haben soll. 

Wo sich anderenorts Andersdenkende mit Argumenten bombardieren, soll es bei W gesittet wie im Mädchenpensionat zugehen. Nie wieder soll es vorkommen, dass Propagandakompanien politischer Parteienden Algorithmus manipulieren oder führende Politiker sich gegen den Vorwurf verteidigen müssen, sie seien gar nicht da, um mit dem Volk zu kommunizieren. 

W steht für widerspruchsfrei 

W steht für widerspruchsfrei, politische Hygiene wird großgeschrieben: Unter den ersten 100 offiziellen Nutzern - im Firmencode angeblich "Goldfasane" genannt - war auch die EU-Kommission. Bisher ist unbekannt, wer für den Account seinen Personalausweis in Bild gehalten hat. W steht für "Warteliste": Die Seite ist bisher nur für eingetragene Mitglieder der Wartegemeinschaft zugänglich, die seit Februar geöffnet war.

Willste was gelten, mache dich selten, sagen sie in Sachsen, wenn es um Liebesangelegenheiten geht. Bei W ist die Verknappung ein Signal: Handverlesen sollen die künftigen Diskutanten sein, um Zustände wie bei Bluesky zu verhindern. Dorthin waren die Grünen, die SPD und die Linke geflohen, nachdem sie bei X mit großen Aplomb die Tür zugeschlagen hatten. Und keine drei Monate später treffen sie dort schon wieder auf Gegenstimmen, harsche Belehrungen und zynischen Zuspruch: "Ich bin mir sicher den Grünen geht's als erstes um das Wohl von Deutschland und seinen Bürgern", schreibt einer der Verhöhner.

Die Hoffnung deutscher Medien 

So darf W nicht scheitern. Alle Hoffnungen der deutschen Medien, die das erste hermetisch von der Außenwelt abgeschottete Netzwerk auf Wunsch von Firmenchefin Zeiter umgehend zum "neuen Twitter" (ZDF) ernannten, ruhen auf der Vorstellung, dass die selbstverfertigten Schlagzeilen stimmen und da draußen wirklich Millionen darauf warten, die technologische Abhängigkeit von den USA gegen eine datenschutzkonforme Bevormundung durch die anonymen Moderationsteams von W einzutauschen. 

Zeiter, früher beim Online-Auktionshaus Ebay, im Hauptberuf Professorin für Datenschutz an der Uni Bern, ist überzeugt davon. Ihr Twitter-Nachbau werde "positive, respektvolle Kommunikation" fördern, "Fake Accounts" verhindern und die "Bots" ausschließen, die als "Multiplikatoren von Falschmeldungen oder Propaganda dienen" (DPA). Seit Donald Trumps erstem Wahlsieg, der vor zehn Jahren einer mazedonischen Fake-Manufaktur zugeschrieben wurde, sind Botarmeen eine urbane Legende, der von progressiven Medien wahre Zauberkräfte zugeschrieben werden: Bots steuern die öffentliche Meinung, sie "streuen falsche Gerüchte" (Das Parlament) und machen unzulässigerweise Stimmung gegen Politik und Medien. 

Im Kampf gegen Bots

Bots gewinnen Wahlen, Bots verhindern, dass fortschrittliche Politik sich durchsetzt, weil sie Filterblasen nach außen abdichten. Auch dieses Problem will W lösen: Auf Wunsch soll sich jeder Nutzer eine bestimmte Anzahl von Beiträgen Andersdenkender freischalten lassen können - in etwa so, als hätte er als guter Rechtsextremer bei X Karl Lauterbach und Ricarda Lang abonniert oder dem Uli Siegmund von der AfD als kämpfender Sozialdemokrat aus Salzwedel ein Follow dagelassen.

All das und noch viel mehr wird von europäischen Firmen dezentral in Europa gehosted. W Social schließt die Brandmauer zum feindlichen Ausland, das schwedische Netzwerk, juristisch eine Tochtergesellschaft von "We don’t have Time", hat zwar einen Chief Commercial Officer in London, ein Tech Team in der Ukraine und Büros in Berlin und Paris. Aber für Menschen ohne Papiere, etwa für Illegale oder Kinder unter 14, bleibt der Zugang strikt verschlossen: Menschen aus Nicht-EU-Staaten kommen leichter ins deutsche Sozialsystem als in den überwachten W-Käfig.


3 Kommentare:

Die Anmerkung hat gesagt…

https://x.com/LiberalMut/status/2067655349188903162

Die führen genau Buch bei W Social wer hier noch auf X ist.

Anonym hat gesagt…

Ein Monument des EU-Filzes, der wie ein Schwamm eine Milliarde nach der anderen aufsaugt.

Anonym hat gesagt…

T - wie Transparenz wäre schön gewesen, aber paßt ja nicht.