Freitag, 7. August 2026

Arroganz der Macht: Der Duftverkäufer als Hassfigur

Ulrich Siegmund, den nach "Spiegel"-Recherchen alle "Ulli" nennen, zieht eine Duftspur durch den Wahlkampf, die ihm die Sympathien zufliegen lässt.

Wenn alles vorbei ist und die Toten der Schlacht gezählt werden, wird es wieder nur an ein paar unvorhersehbaren Details gelegen haben. Falsche Themen. Russische Einmischung. Fake News aus Amerika. Die Dürre, die das Wirtschaftswachtum hemmt, als habe sich nun auch noch die Natur selbst gegen die letzte Klimaregierung verschworen, die Deutschland auf lange Zeit haben wird.

Dann ist da aber noch die AfD. Die schickte gezielt einen Mann ins Landtagsrennen in Sachsen-Anhalt, der einerseits mit seinem Hochschulabschluss warb. Andererseits aber ein Geheimnis daraus machte, wo und wie er ihn erworben hatte.  

Ein Raunen vom Hochstapler reicht

Das Raunen, ausgelöst von einem gerichtlich bestätigten Hochstapler, erreichte schnell den politischen Vorraum: Ulrich Siegmund, den nach Recherchen des ehemaligen Nachrichtenmagazins "Der Spiegel " alle nur "Ulli" nennen, habe gar keinen richtigen Abschluss. Er sei ein gescheiterter Duftverkäufer ohne jede Qualifikation, ein Bundesland zu führen. 

Die armen Menschen im Armenhaus Sachsen-Anhalt, nach Erkenntnissen der aus Sachsen stammenden "Zeit"-Politikchefin Anne Hähnig "das kleinste Bundesland" im Osten, mussten das wissen, um nicht noch einmal auf einen halbseidenen Kandidaten hereinzufallen. Die Narben jucken noch, seit herauskam, wie sich der Thüringer Ministerpräsident einen Doktortitel erschlich, wie alte CSU-Kämpen sich zum Namensvorsatz tricksten und auch beliebte Volkstribunen das "von und zu" nicht reichte. 

Die Falle der AfD schnappt zu 

Was anfangs aussah wie die der Beginn der von "Ulli" selbst vorhergesagten Enthüllungskampagne in den letzten Tagen vor der Wahl, entpuppte sich als üble Falle. Massenhaft tappten fortschrittliche Vertreter der demokratischen Parteien ins Fettnäpfchen: In der Annahme, 41 Prozent der Wahlberechtigten in Sachsen-Anhalt planten, "Ulli" wegen seiner Bildungsabschlüsse zu wählen, wurde sein Abschluss als "Jodel-Diplom" bezeichnet, die Fernhochschule Hamburg habe nach dem Motto  "Kaufe deinen Titel" gearbeitet und überhaupt im Grunde genommen nur "Duftkunde" studiert. 

Er sei damit ein "Spitzenkandidat, über dessen akademische Qualifikation man zumindest diskutieren kann" befand Mark Schieritz, einer der Meinungsführer der Ampelrepublik, der nie verwunden hat, dass sich seine Favoriten Bezeichnungen wie "Küchenhilfe", "Kinderbuchautor" und "Hobby-Völkerrechtlerin" gefallen lassen mussten. 

Die Arroganz der Empörten


Der Plan, die politische und mediale Konkurrenz auf ein Feld zu locken, auf dem sie keine Schlacht gewinnen kann, funktionierte wie geschmiert. Je höher die Empörungswellen schwappten, desto deutlicher wurde die Arroganz der Empörten. Lange schon zelebrieren sie immer wieder feierliche Messen für Studien, die eindeutig nachweisen, dass AfD-Wähler dümmer, ungebildeter und daher aus ärmer sind als die Gefolgschaft der SPD, der Grünen und der Linkspartei. 

Unterschwellig verweist die Argumentation jedes Mal auf eine ebenso unstillbare wie antidemokratische Sehnsucht nach einer Demokratie, in der nur Studierte mitentscheiden dürfen. Nur weil diese Debatten in den geschützten Echokammern der Einheitsmeiner stattfinden, haben sie bisher nur überschaubaren Schaden angerichtet. 

Nicht alle sind gleich 

Viele Wählerinnen und Wähler glauben immer noch, dass gerade für progressive Politiker alle Menschen gleich und gleich berechtigt sind. Die innere Überzeugung, bestimmte seien qua Ausbildung oder Amt gleicher, ist fast ausschließlich in Parteizentralen, bei den großen Leitmedien und Regierungsämtern mehrheitsfähig.

Im Fall des Duftkunde-Bachelors Ulli Siegmund aber erreichte die Botschaft von der Zwei-Bildungsklassen-Gesellschaft zumindest Teile der Öffentlichkeit. Und die reagierte ganz anders als es die Enthüller der nebenberuflichen Studienanstrengungen des Mannes aus der Altmark  erwartet hatten. Ulli bekam Achtung geschenkt, sich ohne Abitur durchgebissen zu haben. 

Verachtung für den einfachen Mann 

Seine Kritiker aber ernteten Hohn und Spott dafür, mit ihrer elitären Vorstellung vom Politiker  nicht nur als bessere Menschen, sondern auch als besserausgebildete Menschen deutlich gemacht zu haben, welche Sicht sie auf  Arbeiter, Handwerker, Krankenschwestern und allen anderen haben, die "das Land am Laufen halten" (Lars Klingbeil).

Die Arroganz macht den besten Wahlkampf, den Ulli sich wünschen kann. Der erste Social-Media-Politiker Sachsen-Anhalts, eine Art Heidi Reichinnek der AfD, ist seinem Lebenslauf zufolge natürlich ein Geschöpf genau der Parteischulbiografie, die er mit einer ganzen Generation Nachwuchskader von SPD, CDU, Grünen und Linkspartei teilt. 

Alles auf Politik 

Der Mann aus Tangermünde hat zwar eine Berufsausbildung absolviert und kurzzeitig ein Start-up betrieben. Schon mit 26 Jahren aber wechselte er in den Landtag Sachsen-Anhalt und damit hauptberuflich in die Politik. Durchaus ein Risiko damals, als die AfD mit knapp über 24 Prozent der Wählerstimmen ohne jede Machtperspektive ist und damit rechnen muss, durch eine geänderte Politik der anderen Parteien genauso schnell aus der Volksvertretung zu verschwinden wie sie es 2016 erstmals hineingeschafft hatte.

Zum Glück für Ulli sorgen seine Gegner dafür, dass über Bande dafür, dass aus dem Mann, der mit 19 Jahren noch CDU-Mitglied war und mit 37 bereits auf ein ganzes Jahrzehnt als Berufspolitiker zurückschauen kann, einer wie wir wird. 

Scheitern und wieder aufstehen 

Seine Geschichte, mittlerweile häufiger erzählt als die seiner anfangs umrätselten Diplomarbeit, verortet Ulli in der Mitte seiner Wählerschaft: Da macht einer eine Ausbildung. Dann macht er sich selbstständig. Er müht sich und tut und absolviert neben der Arbeit ein Fernstudium. Das er selbst finanziert. Er scheitert als Unternehmer, steht aber wieder auf, gestärkt und mit unbezahlbaren Erfahrungen im wirklichen Leben.

Die früh auf die politische Karriere zielende Biografie als Heldengeschichte, die Ulli ausgerechnet denen verdankt, die ihn mit der Rätselstory um sein Diplom hatten abschießen wollen. In den Kreisen, in denen man bockstolz auf seine Herkunft vom "Völkerrecht" ist, gibt es die Überzeugung, dass Menschen, die ihre Tage mit "Hühner, Schweine, Kühemelken" (Annalena Baerbock), in der Werkstatt oder auf einer Baustelle verbringen, allenfalls als Stimmvieh zu gebrauchen sind. 

Von Haus aus doof 

Von Haus aus doof, sind sie ihren Eliten für jede Belehrung von oben herab dankbar. Jahrelang ist der Plebs nicht mal auf den Dreh gekommen, mit dem sich seine schwer ausgelasteten Parlamentarier, Minister und Parteiführer Doktortitel und Meriten als "Buchautor" verschafften. Selbstbewusst verabreichen die eingetragenen Mitglieder der politischen Klasse der Masse mehrere unbestreitbare Wahrheiten zugleich: Wer als Abgeordneter*in im Bundestag arbeitet "80 Stunden pro Woche", wie die damalige FDP-Vizechefin Katja Suding einmal gestanden hat. 

Damit bleiben noch schmale 88, die den Besten der Besten unter den Besten bequem reichen, wie Ricarda Lang ein Diplom zu erlangen, wie Karl Lauterbach im Wissenschaftsbetrieb mitzumischen oder wie Phillip Amthor das Pflichtreferendariat zu absolvieren. Der knuffige Mecklenburger schaffte es nebenher sogar noch, erste Mandate in einigen Rechtsanwaltskanzleien zu übernehmen, an einer juristischen Dissertation zu arbeiten, einen Aufsichtsratsposten in der Wirtschaft auszufüllen, als vielbeschäftigter Generalsekretär der CDU Mecklenburg-Vorpommern und als Bundesbürokratiebaukettensäge zu arbeiten.

Zweierlei Menschen

Es sind zweierlei Menschen auf dieser Welt. Die Besseren unter ihnen haben Archäologie, Volkswirtschaftslehre und Medizin studiert, sieben Kinder geboren und vier Ministerien mit acht Aufgabengebieten geführt. Die Schlechteren arbeiten einfach nur auf eine miese Rente hin. Aber klar: Wenige nur können wirklich tolle Hechte sein, die meisten würden scheitern. Nicht allerdings die grüne Bundestagsabgeorndete Dr. Paula Piechotta, die neben ihrer Tätigkeit als Parlamentarierin in Berlin zwei Tage im Monat abknapst, um in Leipzig in ihrem Beruf als Medizinerin zu arbeiten. 

Ihr Problem, hat sie geschrieben, sei ja auch gar nicht Ullis Studium an einer Fernuni. "Das Problem ist der Duftverkäufer", denn "Blender und Verkäufer-Typen mag man schlicht und ergreifend nicht, weil man mit denen in den 90ern verdammt schlechte Erfahrungen gemacht hat". Eine glasklare Ansage an die 850.000 nach Dr. Piechottas Diagnose armen, eher einfach gestrickten Menschen, die in Deutschland als Verkaufsfachkräfte im engeren Sinne arbeiten. Blender. Mag man nicht. 

Bald gibt's ein neues Volk 

Vielleicht fühlen sich die 3,2 Millionen Beschäftigten im gesamten Einzelhandel gleich mitgemeint: Knappe vier Prozent der Bevölkerung sind dann "Blender". Dazu kommen laut Meinungsumfragen um die 28 Prozent Faschisten und etwa 80 Prozent ohne jede Studienerfahrung. Untermenschen aus der Bildungsbrache. Paula Piechotta, die bis zum Alter von 34 Jahren studiert hat und dann mit 35 umgehend in den Bundestag einzog, wird sich recht bald ein neues Volk suchen müssen, das ihre Arroganz und Überheblichkeit zu schätzen weiß.

In ihren Kreisen freilich ist ein "AfDler mit einem 2,4er jeremy fragrance Bachelor of arts von einer sketchy online uni"  etwas, worüber man sich lustig machen darf und muss, ohne an die Folgen zu denken. Sketchy Online Uni. Selbst bezahlt. Was für ein Idiot. Zu selten sind die Gelegenheiten geworden, in denen man noch etwas zu lachen hat. Und zu groß ist der Drang, sich nicht nur für etwas Besseres zu halten, sondern auch aller Welt mitzuteilen, dass man etwas Besseres ist. 

Die Arroganz der Macht

Wie Jens Spahn sein  unerwartetes Leihmutterglück nicht für sich behalten konnte, weil er sicher war, dass die ganze Welt wie er selbst der Ansicht ist, dass Hochmut nur beim gemeinen Volk vor dem Fall kommt, bemühen sich die traurigen Reste der ehemaligen und Beinahe-Volklskparteien, auch noch den Letzten im Lande davon zu überzeugen, wie frei der Elfenbeinturm schwebt, den sich durch die Gnade des deutschen Wahlrechts haben beziehen dürfen. Piechotta etwa ist im herzenslinken Leipzig noch nie über einen Stimmanteil von knapp jedem Fünften hinausgekommen. Zuletzt gelang ihr sogar, ihren Stimmanteil  von 2021 nahezu zu halbieren.

Die Gelegenheit aber, einen Strohmann zu verprügeln, selbst wenn der  anschließend vom Mitleid  profitieren wird, kann sich die Klasse der Berufsbigotten nicht verkneifen. Wenn schon sonst niemandem etwas einfällt, was sich noch gegen Ulli sagen und tun ließe, muss eben der klassizistische Knüppel geschwungen werden. 

Der Duftverkäufer als Hassfigur 

Alles daran ist schräg, nichts davon wird einen einzigen AfD-Wähler zum Innehalten bringen, zum Nachdenken oder gar Umschwenken. Ganz im Gegenteil, es kommt eine andere Botschaft an: Die Parteien, die sich traditionell am häufigsten mit Studienabbrechern, Lebenskünstlern und im bürgerlichen Leben gescheiterten Gestalten schmücken, bezeichnen den Kandidaten der Konkurrenz nicht mehr als Faschisten, Nazi und gesichert Rechtsextremen. Sondern nur noch als "Duftverkäufer" und "Blender".

Dann kann das alles ja nicht so schlimm sein, werden sich viele denken.


4 Kommentare:

Die Anmerkung hat gesagt…

Transparenzhinweis: Ulrich Siegmund hatte zunächst die Frist für die Beantwortung der BILD-Anfrage verstreichen lassen.

Anonym hat gesagt…

Zumindest, was die politische Karriere betrifft, hatte er den richtigen Riecher. Ha.

ppq hat gesagt…

studierter mann eben

Die Anmerkung hat gesagt…

Rainer Schuldt

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