Mittwoch, 16. September 2026

Wenn Dogmen helfen: Die Zerstörung der Wissenschaft

Wissenschaft entsteht, indem wissenschaftliche Erkenntnisse widerlegt werden. Das gefällt nicht immer und schon gar nicht jedem.

Es muss um das Jahr 2022 gewesen sein, als die Geschichte der Wissenschaft ihr Ende erreicht hatte. Alles war erforscht, alle Erkenntnisse waren abschließend gefunden. Es schien über Monate, ja, einige Jahre sogar so, als sei die Gesellschaft gegen Zweifel gut gewappnet. 

Forscher, die abweichende Ansichten äußerten, bekamen im öffentliche-rechtlichen Rundfunk schon lange keine Plattform mehr geboten. Betreiber von sozialen Netzwerken wurden in die Pflicht genommen, Meinungen, die nicht den von staatlichen Kommissionen getroffenen Einschätzungen entsprachen, zu löschen. Wer hartnäckig weiter wetterte, bekam die harte Hand des demokratischen Rechtsstaates zu spüren. 

Alles zum Besten aller 

Das alles war zum Besten aller. Das neue Berufsfeld des Faktencheckers erlaubte es, professionelles Interpretieren an die Stelle der üblichen journalistischen Einordnung zu setzen. Der Staat zahlte die Instrumente, die seinen Kritikern das Handwerk legten. Zuversicht sollte jedermann Programm sein. Fakten galten als richtig, wenn sie dem guten Zweck zu dienen versprachen. 

Der Ruf "Hört auf die Wissenschaft" entfaltete magische Kräfte. Wissenschaft war, was überall besonders gut sichtbar platziert wurde. Um keine Wissenschaft handelte es sich, wenn Forscher weiterfragten und die Beschlusslage von hochrangigen Institutionen infrage stellten. Wissenschaft, so war zu lernen, ist, wenn alle Forscher oder wenigstens eine überwiegende Mehrzahl einer Ansicht ist. Wissenschaft ist nicht, wenn einzelne Wissenschaftler es anders sehen.

Eine Stimme, die klügsten Köpfe 

Ein halbes Jahrzehnt später aber erweist sich die Hoffnung, für alle Zeiten würden die klügsten Köpfe mit einer Stimme sprechen, "nicht direkt als naiv, aber doch als zu optimistisch" (Patrick Gensing). Kaum war der dreifache Druck verschwunden, den das lebensbedrohliche Virus, die herbeieilende Klimavernichtung und eine Allianz aus Regierungen entfaltet hatten, die Störer und Verunsicherer zum Schweigen brachten, melden sich die Abweichler, Dissidenten und Kritiker wieder allerorten.

Als hätten ihnen Politik, Behörden und die organisierte Zivilgesellschaft nicht den Kampf angesagt, sind sie wieder da, die Fake News und fragwürdigen Relativierungen. Gezielt berufen sie sich darauf, dass viele Diagnosen der Wissenschaft falsch gewesen seien. Kaum etwas habe sich wie vorhergesagt bestätigt. Die Wirklichkeit habe die meisten Prognosen überrollt. Es sei Zeit, den falschen Glauben zu korrigieren, dass der zwischen 2015 und 2024 vollzogene Komplettumbau des gesamten Diskursraums hilfreich dabei gewesen sei, Menschen von der Richtigkeit des Regierungskurses zu überzeugen. 

Wissenschaft als Waffe 

Es waren die Parteien und die von ihnen okkupierten Institutionen, die mit dem großen Flüchtlingszustrom und noch mehr mit dem Beginn der Pandemie zur Wissenschaft als Waffe gegriffen hatten. Nicht nur in Berlin, sondern auch in anderen Hauptstädten machte sich ein absoluter Glaube an wissenschaftliche Erkenntnisse breit. 

Der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel, in ihrer Jugend selbst wissenschaftlich tätig, mag bewusst gewesen sein, dass das staatsamtliche Berufen auf vermeintlich abschießend erteilte Antworten das Wesen der Wissenschaft leugnet. Doch der studierten Chemikerin war langfristige Schaden am Leumund der Wissenschaft weniger wichtig als der kurzfristige Nutzen, den sie sich von der Handreichung ihrer Migrationsforscher und, später, Virologen versprach.

Hilfreiche Dogmen 

Wissenschaft musste zum Dogma werden, Forschung zur Suche nach unveränderlichen Wahrheit, um "hilfreich" (Merkel) zu sein. Dabei ist Wissenschaft von ihrem ganzen Wesen her ein provisorischer Prozess: Auf Basis bekannter Tatsachen werden Hypothesen oder Theorien aufgestellt, die anschließend in der Praxis und durch neue Beobachtungen oder Experimente auf ihre Tauglichkeit geprüft werden. Erklärt eine Theorie die Realität nicht mehr adäquat – weil neue Daten auftauchen oder Widersprüche entstehen –, wird sie hinfällig.

Genau diese ständige Revision und Selbstkorrektur ist die eigentliche Triebkraft der Wissenschaft. Genau diese Triebkraft schalteten Politik und Medien in den Jahren aus, von denen Meta-Chef Marc Zuckerberg später berichtete, dass seine Firmen gezwungen worden seien, die Meinungsfreiheit nach detaillierten Vorgaben einzuschränken, um sie zu schützen.  

Ein weltweites Phänomen. Während Regierungen, Behörden und eilfertige NGOs wissenschaftliche Erkenntnisse als absolute Wahrheiten verbreiteten und jede Infragestellung als "Leugnung" brandmarkten, unterstützten Medien sie unter Vernachlässigung ihrer Kernaufgabe, Kontrolle durch Kritik auszuüben. 

Ideologie für den Überbau 

Der Oberbau der Gesellschaft betrieb nicht Wissenschaft, sondern Ideologie. Er verwandelte vorläufige Modelle in unantastbare Glaubenssätze und behinderte genau den Fortschritt, den Wissenschaft ermöglichen soll. Fehlt es der Forschung am Vermögen, den aktuellen Wissensstand infragezustellen, ist sie keine Forschung mehr, sondern Religion. Sind Wissenschaftler nicht mehr in der Lage, den Satz "das wissen wir noch nicht" zu sagen, verwandeln sie sich in Priester. Sind Medien nicht mehr willig, das zu erkennen, werden sie zu Werkzeugen der Zerstörung der Wissenschaft.

Die Geschichte ist voll von solchen Fällen. Über Jahrhunderte galt beispielsweise als unumstößlich, dass die Erde im Mittelpunkt des Universums steht und alles andere sich um sie dreht. Kopernikus, Galilei und Kepler zeigten zwar durch Beobachtungen, dass das heliozentrische Modell besser passt. Doch ehe die alte Theorie des von Ptolemäus erdachten geozentrisches Weltbild verschwand, galten die Heliozentriker als Zweifler, Leugner und schädliche Elemente. 

Das Entweichen des Phlogiston

Sie wurden verfolgt, sie wurden unterdrückt und es wurde versucht, sie persönlich zu vernichten. Obwohl das letztlich nicht gelang, erging es den Zweiflern an der von Georg Ernst Stahl erfundenen Phlogiston-Theorie Jahre später nicht anders. Stahl hatte die Idee gehabt, dass Stoffe brennbar sind, weil sie "Phlogiston" enthalten, das beim Verbrennen entweicht. Erst ein Jahrhundert später fand Antoine Lavoisiers Nachweis Anerkennung, dass Verbrennung mit der Oxidation mit Sauerstoff zu tun hat, nicht mit einem ominösen Geheimstoff.

Ähnlich falsch war die Äther-Theorie, die Physiker des 19. Jahrhunderts ausdachten, um die Verbreitung von Licht zu erklären. Sie hielt sich dennoch fast 1.800 Jahre, ehe Christiaan Huygens sie mit seiner Wellentheorie widerlegte.

Wissenschaft lebt vom Zweifel und vom beständigen Scheitern alter Modelle. Der absolute Glaube an den jeweils aktuellen Wissensstand blockiert genau diesen Mechanismus. Und doch: So wie die katholische Kirche im Mittelalter am geozentrischen Weltbild fest, weil es bequem mit ihrer Bibelauslegung harmonierte, folgen die modernen Dogmatiker heute demselben Glauben an eine abschließende Beschlusslage. 

Die Mehrheit als Kronzeuge 

Die "Mehrheit der Klimawissenschaftler" wird dann als Kronzeuge herangezogen, je nach Bedarf auch die "Mehrheit der Virologen". Gern heißt es dann "die Wissenschaft beweist". Gern beweist sie alles und das Gegenteil dazu, so lange man sie lässt. Nichts ist für immer.  Wenigstens nicht, so lange die Wissenschaft selbst bestimmten kann.

Auch Galileo Galilei durfte die kopernikanische Lehre hypothetisch diskutieren. Erst als er sie wie eine bewiesene Tatsache verkündete, verlangte die Kirche, dass er abschwor. Der Astronom könne an eine Theorie glauben, er dürfe sie aber nicht als Faktum propagieren, denn Fakt sei allein, was die katholische Kirche als Fakt anerkenne. 360 Jahre lang blieb es dabei. Erst 1992 wurde Galilei durch die Kirche rehabilitiert.

Abschreckende Beispiele 

Abschreckend wirkt dieses bekannteste Beispiel für den schädlichen Nutzen, den Dogmatismus anrichtet, trotzdem nicht. Klimaschützer, Kernkraftgegner, Freunde des erweiterten Meinungsfreiheitsschutzes und Degrowth-Ökonomen verhalten sich ähnlich dogmatisch: Jeweils wird der Konsens einer behaupteten Mehrheit von Wissenschaftlern zur unantastbaren Doktrin erhoben. 

Wer Details, Modellunsicherheiten, Anpassungspotenziale oder Kosten-Nutzen-Abwägungen, kritisch hinterfragt, gilt schnell als Leugner. Er leugnet Covid, das Klima, die Energiewende, die Demokratie. Einwände wegen einer anderen Gewichtung von Fakten oder Zweifel aufgrund der Tatsache, dass nie alles gewusst wird, gelten nicht als normaler Bestandteil jeder Diskussion und schon gar nicht werden sie als wichtiger Beitrag begrüßt, der den wissenschaftlichen Fortschritt vorantreibt. Vielmehr handelt es sich schnell um einen Angriff auf die Wahrheit, einen Versuch, die einzig gültige Einschätzung zu diskreditieren.

Die Magd der Politik 

Die Wissenschaft hatte im Marxismus-Leninismus die Magd der Politik zu sein, sie sollte beweisen, was geglaubt wurde. Sie tat es mit Hingabe und großem Erfolg. So lange das kommunistische Weltsystem existierte, mangelte es seinen Führern ungeachtet aller Tatsache nie an Beweisen dafür, dass allem anderen weit überlegen war und demzufolge eines Tages siegen werde. Nachfolgende Staatenlenker lernten daraus: Spätestens mit der Finanzkrise begannen sie, die Wissenschaft zu instrumentalisieren, um die eigenen politischen und moralischen Positionen zu stützen.

Nicht sie sagten "Wir schaffen das", nicht sie bezifferten die Kosten der Energiewende auf eine Kugel Eis oder schrieben den Masken in der Corona-Zeit Zauberkräfte zu. Es war vielmehr die Wissenschaft, die Politikern und Medien Munition lieferte. Jeder berief sich jederzeit auf "die Wissenschaft", die angeblich "alles schon herausgefunden" hatte. Ein Land mit begrenzen Ressourcen hatte "Platz". Ein Staat mit einer energiehungrigen Industrie würde ganz leicht auf Grundlast verzichten können. Ein Lockdown oder doch wenigstens der zweite würden die Welle brechen. Follow the science! 

Es ist alles schon erforscht 

Selbst Experten kamen nicht gegen die Überzeugung an, dass alles erforscht und ergründet sei. Der absolute Glaube an den jeweils aktuellen Stand der Erekenntnis machte jede Revision zum Verrat. Und jeden, der Anmerkungen vorzubringen hatte, und sei es nur die, dass er meinte, man wisse nicht genug, zum Verschwörungstheoretiker. Studien wurden selektiv zitiert oder politisch gefärbt. Später erwiesen sich viele Vorhersagen als übertrieben oder fehlerhaft. Doch ihre Aufgabe hatten sie erfüllt: Eingriffe in Freiheitsrechte waren legitimiert worden. Die Politik hatte es vermocht, Einwände zu einer Gefährdung der Gesellschaft zu erklären.

Dass Wissenschaftler oft genau das liefern, was politisch gewünscht ist, ist kein neues Phänomen. In der Sowjetunion hatte der Agronom Trofim Lyssenko eine pseudowissenschaftliche Vererbungslehre propagiert, nach der Lebewesen erworbene Eigenschaften vererben können. Humbug, aber ideologisch passgenau in einer Diktatur, die Erziehung über alles stellte. 

Der Nutzen einer falschen Lehre 

Stalin förderte Lyssenko. Kritiker wie Nikolai Wawilow wurden verfolgt oder starben im Gulag. Die sowjetische Landwirtschaft litt jahrzehntelang unter Missernten, weil die wissenschaftlich bewiesene Lehre falsch war. Doch die Wissesnchaft hatte ihre Nützlichkeit gerade dadurch bewiesen: Sie erlaubte es, einen kompletten Unsinn als unumstößliche wissenschaftliche Tatsachen zur Grundlage weitreichender politischer Entscheidungen zu machen.

Ein Muster, das bekannt aussieht. Seit Jürgen Trittin 2004 versprach, der Umstieg auf erneuerbare Energien koste den Durchschnittshaushalt "nicht mehr als eine Kugel Eis pro Monat" sind daraus 50 Kugeln im Monat geworden. Doch wie Bundeskanzler Friedrich Merz sagt: Die Weichenstellung ist irreversibel. Tja.

Achselzuckend, wenn es nicht stimmt 

"Jetzt sind sie halt da", hatte schon Angela Merkel achselzuckend darauf hingewiesen, dass die Folgen ihrer Politik der offenen Grenzen nun eben zu akzeptieren sein werde. Galt vor zehn Jahren noch als ausgemacht und versprochen, dass syrische Flüchtlinge zurück nach Hause gehen würden, sobald der Diktator Bassar Al Assad gestürzt sei, warnt die Wissenschaft heute genau davor. Die Neuankömmlinge würden als Arbeitskräfte gebraucht. Schön, dass sie da sind.

Es dauert meist Jahre und es braucht immer schmerzhafte Niederlagen bei Wahlen, ehe wissenschaftlich verbrämte Illusionen platzen. Dann braucht es neue Erklärungen, die den früheren widersprechen dürfen, aber als ihre ganz natürlich Fortschreibung behandelt werden. 

Nach dem Kalten Krieg etwa war die deutsche Politik der Überzeugung, Deutschland brauche keine starke Armee mehr, es sei nun  Zeit, die Friedensdividende einzustreichen. Die Bundeswehr wurde heruntergefahren. Ihre Reste abgerockt und ausgeschlachtet. Erst der russische Angriff auf die Ukraine führte zu einer zaghaften, überwiegend verbalen Zeitenwende. Und erst die harschen Töne von Donald Trump fegten den Glauben hinweg, Deutschland brauche keine Streitkräfte, weil die Amerikaner ja für Abschreckung zuständig seien. Ab diesem Tag hatten es alle schon immer gewusst.

"Die Wissenschaft sagt..."

Die politische Klasse agiert in einem Biotop, das den Ereignissen hinterherhinkt. Sie greift gern zu aktuellen wissenschaftlichen Zwischenergebnissen, um eigene Positionen zu legitimieren und Glaubwürdigkeit zu gewinnen. "Die Wissenschaft sagt…" klingt neutral und objektiv. Es scheint jedes mal neu, als werde da nur der Auftrag abgearbeitet, den eine höhere, gänzlich neutrale Macht erteilt habe. Nach der Methode Lyssenko gelang es ihr, einen Virenausbruch als weltweite Todespandemie zu deuten. Das ganze Manöver aber nach drei Jahren sang- und klanglos wieder abzusagen. Justament an dem Tag, an dem mit dem Überfall Russlands auf die Ukraine ein neuer Endgegner erstanden war.

Die Wissenschaft stand beide Mal bereit, die Notwendikeit genau des politischen Handelns zu bezeugen, für das sich Politiker entschieden hatten. Wir tun nur, was die Wissenschaft sagt, antworteten die Gremien auf Vorhaltungen, dass es auch andere Möglichkeiten gebe. Doch der Verweis auf  Expertenratschläge, Ethikkommissionen und Spezialinstitute schlug alles. Politisches Handeln war  alternativlos. Wissenschaft, die so genutzt wird und sich so benutzen lässt, dienst kurzfristigen,  propagandistischen Zwecken. Und langfristig reitet sie ihren eigenen Ruf zuschanden.


3 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Was es nicht alles für verrückte, unumstößlich richtige Theorien gab.

Übersicht mit KI
Eugenik ist die Lehre von der vermeintlichen Verbesserung des menschlichen Erbgutes, die heute als wissenschaftlich unbegründete und menschenverachtende Ideologie gilt.

Anonym hat gesagt…

Das ist doch wie überall: Von außen sieht es wunderbar aus, aber wer den Betrieb kennt, der ist vorsichtig. Ist der Anteil der Covidgeimpften in der Ärzteschaft eigentlich bekannt ?

Anonym hat gesagt…

Nein aber man kann die Zahl der Mitläufer grob schätzen.
https://long-covid-verband.de/