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Samstag, 24. November 2007

Märchen aus Mittweida?

Dreizehn Jahre nach dem großen Auftritt der halleschen Rollstuhlfahrerin Elke, der Neonazis 1994 ein Hakenkreuz in die Wange geritzt hatten, kehrt das Grauen zurück in den deutschen Osten. Diesmal haben drei Neonazis im sächsischen Mittweida eine junge Frau brutal angegriffen, die ein sechsjähriges Spätaussiedler-Mädchen vor einem Angriff der Männern beschützen wollte. Sie ritzten der 17-Jährigen daraufhin ein "Hakenkreuz in die Hüfte" und "versuchten dann auch noch, ihr eine Rune in die Wange zu stechen" (Der Spiegel).

Eine Geschichte, die alles hat, was es zur medialen Großempörung braucht. Die Täter trugen Springerstiefel und Bomberjacken, an denen sie zur einfacheren Erkennung auch noch "NSDAP-Aufnäher" (dpa) befestigt hatten. Einer hatte zudem "Runen auf den Fingern tätowiert" (Der Spiegel). Wenn wir raten müssten, würden wir auf die Buchstaben "H", "A", "S" und "S" tippen. Während der Tat, die auf einem Parkplatz hinter einem geschlossenen Supermarkt geschah, schauten dann noch jede Menge Anwohner von ihren Balkonen aus seelenruhig zu.

So ist er, der Osten. Am 3. November, einem Tag mit bedecktem Himmel, sitzen sie in Mittweida auf den Balkonen und sonnen sich. Unten vorm Haus "bedrängen" (dpa) glatzköpfige Neonazis eine Sechsjährige. Eine vorübergehende 17-Jährige schreitet couragiert ein, wie das Mädchen im Angesicht von vier glatzköpfigen Mittzwanzigern mit NSDAP-Aufnähern immer tun. Sie hatte kein Handy, um die Polizei zu rufen, weil 17-jährige Mädchen in Mittweida "Zivilcourage" (Die Welt)kein Mobiltelefon besitzen.

Notgedrungen fordert sie die Angreifer also selbst auf, "das weinende Opfer in Ruhe zu lassen." (dpa) Daraufhin hätten die Rechtsextremisten die 17-Jährige - offensichtlich zu deren völliger Überraschung, weil sie nach aller menschlichen Erfahrung davon ausgehen musste, dass die Täter sich bei ihr herzlich für den guten Rat bedanken würden - "zu Boden gerissen".(dpa) Während drei von ihnen sie festgehalten hätten, habe der vierte ihr das Hakenkreuz in die Hüfte "geschnitten" (n-tv). Die Männer versuchten danach noch, der Jugendlichen mit einem "skalpellartigen Gegenstand" eine Rune ins Gesicht zu stechen. Das sei jedoch an der heftigen Gegenwehr der 17-Jährigen gescheitert. Die Frau konnte laut Polizei genauso wie das Kind flüchten.

Bei Lichte betrachtet eine Story voller logischer Löcher. Woher weiß das Opfer, dass ihm eine Rune ins Gesicht gestochen werden soll - und kein Reichsadler, Sowjetstern oder Hakenkreuz? Wenn doch das Vorhaben der Täter mißlungen ist? Wieso laufen Glatzen in Mittweida überhaupt mit NSDAP-Aufnähern herum? Schaffen es aber nicht, zu viert zwei Mädchen festzuhalten, so dass diese "fliehen" (dpa) können? Warum sitzen die Leute dort Anfang November auf ihren Balkonen? Wieso denkt das Opfer neun tage nach, ehe es zur Polizei geht? Wieso meldet sich nicht ein einziger Zeuge, der das Geschehen gesehen hat? Wieso lässt die Staatsanwaltschaft einen Mann, den die Geschädigte als Täter identifiziert haben will, wegen "nicht hinreichendem Tatverdacht" wieder laufen? Warum sehen die Fahndungsbilder der Verdächtigen aus wie Bilder von Bilderbuchskinheads ohne jedes individuelle Merkmal? Warum stellt all diese Fragen niemand? Und wieso verzichten alle Berichterstatter, darauf, eine Parallele zum Fall Elke zu ziehen?

Die 17-Jährige aus Halle hatte sich ihre Nazis seinerzeit ausgedacht. Und sich das Hakenkreuz selbst ins Gesicht geritzt.


Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Das klingt alles fast so logisch wie die Story von Amy Winehouse, die einen Hamster getötet haben soll.

Lasst doch bitte die Finger von den Drogen und vor allem vom Alk, wenn Ihr es nicht vertragt.

binladenhüter hat gesagt…

es nicht vertragt? ihn, bitte, ihn nicht vertragt. alk ist männlich. drogen hingegen sie, ja? sie nicht vertragt. drogen ist weiblich.

ex-blond hat gesagt…

Das Leben ist manchmal kompliziert und vielschichtig und nicht so, wie es im Samstagabendkrimi dargestellt wird. Deshalb meine Frage an Euch: habt Ihr noch alle Latten am Zaun??

Gundermann hat gesagt…

nö, haben wir nicht.

binladenhüter hat gesagt…

bei google news 574 fundstellen für "mittweida", alle mit exakt demselben text, in dem der blödsinn von den jacken mit NSDAP-aufnäher nachgequatscht wird. NSDAP-aufnäher. na klar. hatten die nicht gleich auch noch hitlerbärte? und oben auf den balkonen haben sie applaudiert? das ist mir zu dick. entschieden zu dick

Gundermann hat gesagt…

mir fällt da das wort gleichschaltung ein

binladenhüter hat gesagt…

dan entscheide ich mich schnell für meine anderen gäste. raus hier, aber sofort!!

Gundermann hat gesagt…

bin ja schon weg :-(

binladenhüter hat gesagt…

aber nimm das wort mit

Gundermann hat gesagt…

jawoll mein blogwart

panzerbummi hat gesagt…

an die empörten: ppq fände das geschehen in mittweida, falls es so wie berichtet passiert ist, genau so schlimm wie jeder andere klar fühlende und denkende mensch auch. nun gibt es aber offenbar logische inkonsistenzen, die es möglich erscheinen lassen, dass eventuell das berichtete nicht das geschehene sein könnte. um mehr ging es nicht: fragen zu stellen, die sonst keiner stellt. ---- dass solche erklärungen nötig sind, ist traurig.

Anonym hat gesagt…

Ein 17 Jahre altes Mädchen, das am 3. November im sächsischen Mittweida Opfer eines rechtsextremen Überfalls geworden sein soll, hat sich möglicherweise selbst ein Hakenkreuz in die Haut geritzt. Das geht aus einem rechtsmedizinischen Gutachten hervor. Bisher hatten die Ermittler angenommen, dass vier Rechtsextreme ein sechs Jahre altes Mädchen belästigten und dem zu Hilfe eilenden 17 Jahre alten Mädchen ein Hakenkreuz in die Hüfte ritzten. Allerdings meldeten sich bisher keine Zeugen, obwohl die junge Frau auf Balkonen in der Umgebung Leute wahrgenommen haben will. Keine Zweifel gibt es aber daran, dass die junge Frau dem Mädchen tatsächlich half.
FAZ., 18.12.2007