Google+ PPQ: Acht Minuten bis zur Ewigkeit "

Donnerstag, 15. Mai 2008

Acht Minuten bis zur Ewigkeit

Nach Europa wollen sie wieder, die Welt erobern und die Klasse halten wollen sie auch. Auf dem Weg zum Finale um den Landespokal Sachsen-Anhalts, der wegen des geltenden Werbeverbots für Glücksspiele "Lottopokal" heißt, ist das Spiel schon Geschichte. 90 Minuten werden reichen, da sind sich die Fans in Blau-Weiß einig. Schließlich ist ihr FCM der höherklassige Verein, der HFC nur Außenseiter. Zudem findet das Spiel mangels anderer Sportstätten im Bundesland mit der größten Feuerwehrgerätehausdichte der Welt bequem und fair im Magdeburger Heimstadion statt.

Der Betonkasten, vom Bürgermeister der Hauptstadt ohne Genehmigung gebaut, als er gerade mal Vereinsvorsitzender war, ist gut gefüllt, obwohl ein Kartenverkauf im klassischen Sinne nicht stattgefunden hat. Zur Vermeidung von unnötigen Menschenansammlungen wurden Tickets nur zu bestimmten Zeiten an zwei Kassen landesweit ausgegeben. Fußballanhänger aus Dörfern und Kleinstädten bekamen so erst gar keine Chance, eine Karte zu kaufen, bei Ebay gingen die 11 Euro billigen Biletts für 50 Euro weg. Ein sehr gelungener Nostalgienachbau des seinerzeit auch von der Freien Deutschen Jugend der DDR gepflegten Nicht-Vertriebssystems für Rockkonzertkarten.

13.000 sind dennoch da, und sogar die Mannschaft aus Halle hat es ins funkelnagelneue und DDR-plattenbauhäßliche Stadion geschafft. Das stand lange nicht fest, denn der Busfahrer war den von einer hochstaatlichen "Sicherheitskonferenz" ausbaldowerten Wegweisern zum Stadion gefolgt. Die leiteten die Gäste über längst vergessene Landstraßen bei Schönebeck Richtung Stadion. Durch die Elbe und ein Polizeiaufgebot von G8-Treffen-Dimensionen von den Fans in blau-weiß getrennt. Nicht beachtet worden war allerdings, dass der Bus der Hallenser zu groß für eine Brücke auf dem Wege ist, deshalb umkehren und doch den normalen Weg in die Landwirtschaftsmetropole nehmen muss.

Anpfiff also eine Viertelstunde später. Hier stehen sie früher auf, fangen aber auch später mit der Arbeit an. Komischerweise sind die Hallenser sofort im Spiel. Während die "Größten der Welt" (FCM-Fans über ihren FCM) die ersten Minuten zum Warmlaufen nutzen, taucht der HFC zweimal gefährlich vor dem Tor auf. Zweimal ist bei der Chancenverwertung der Kicker in Rot-Weiß aber keinmal: Einen Schuß fängt FCM-Keeper Beer sicher. An einen zweiten kommt er nicht heran, weil Nico Kanitz den Ball freistehend aus zehn Metern statt aufs Tor Richtung Eckfahne hämmert. Technisch anspruchsvoll mit dem Außenrist.

Danach verlassen die Kicker des "Club", wie die HFC-Anhänger ihren Verein nennen, den Platz. Oder doch zumindest die Hälfte der Gastgeber. Die viertausend mitgereisten Rot-Weißen können brüllen und singen wie sie wollen, der einsame HFC-Stürmer Thomas Neubert mag rennen wie er will. Nach vorn geht nichts. Dafür aber hinten: Der FCM schießt ein Tor. Christian Reimann, durch langwierige Arbeit im Sonnenstudio auch Hauttypmäßig ein Zwilling seines Sturmpartners Najeh Braham, kann nicht wiederstehen und berührt den Ball noch, der sowieso ins Tor gegangen wäre. Also abseits.

Das kann den Hallensern, denen im Falle eines Sieges eine Mannschaftsprämie von 20.000 Euro winkt, nicht passieren. So weit vor wagen sie sich erst gar nicht. Torwart Darko Horvat, vom unermüdlich singenden Anhang hinter dem Tor aller paar Minuten als "Horvat - unser Torwart" gefeiert, trifft mit seinen Abstößen traumhaft sicher einen Spieler der Mannschaft in blau. So bekommt er den Ball in der Regel innerhalb von 20 bis 30 Sekunden wieder. Magdeburg sammelt Ecken, als gäbe es für fünf einen Elfmeter. Aber Ecken können sie auch nur so gut wie der hiesige Fußballverband Kartenverkauf.

Das könnte in alle Ewigkeit so weitergehen. Die Fans aus Halle, die keine Sekunde aufhören zu singen. Die Magdeburger, die aufs Tor zu schießen versuchen. Und Christian Kamalla, für den kreuzbandverletzten HFC-Kapitän David Bergner ins Team gerutscht, der alle Bälle, die in seine Nähe kommen, ins Seitenaus knallt. Bergner steht ganz links in der Fankurve, ein Mann wie ein Baum, der einen geschmackvollen rosa-weißen Pullover trägt und nicht mitzählen muss: 18 zu fünf Torschüsse meldet der Stadionstatistiker. Nicht berücksichtigt ist der Hammerkopfball von Kamalla Richtung eigenes Tor, der HorvatunserTorwart zu seiner besten Parade zwingt.

Es steht weiter noch 0:0. "Werdet Helden" fordern die Fans aus Halle mit einem Plakat so groß wie die Fankurve - und es ruckt wirklich noch einmal durch die Männer in den rot-weiß-quergestreiften Pokalfinal-Dressen, die aussehen wie Biene Maja auf Speed, den Pokal in Gold aber sicherheitshalber schon mal auf dem Ärmel tragen.

Thorsten Görke hätte alles klar machen können, wenn sein Freistoß fünf Zentimeter tiefer eingeschlagen wäre. So aber trifft der seit Wochen beste Mann des HFC nur das Lattenkreuz und wird ausgewechselt. Gebraucht wird er nicht mehr, denn alles steuert auf Verlängerung und Elfmeterschießen zu. "Görks" verschoß erst letzte Woche einen. Nach 92 Minuten ist Schluß, Etappenziel erreicht, Verlängerung. Wenn das der Plan von Halles Trainer Sven Köhler war, dann war er gut.

Denn es geht auch so weiter. Die einen stürmen, werden in Strafraumnähe aber sofort von einer großen Ratlosigkeit befallen. Die anderen lassen HorvatunserTorwart Abstöße machen und die verlorenen Bälle von Christian Kamalla auf die Tribüne bolzen. Kanitz links und Maik Kunze rechts rackern, als würde es regnen. Thomas Neubert vorn geht jedem Ball hinterher, Gröger köpft weg, was in die Nähe des 16ners fliegt. Bis auf ein paar Ecken, die Magdeburgs Trainer Paul Linz an der Bank veitstanzen lassen vor Wut, ist das alles Fußballschonkost.

Linz, der alte Fuchs, weiß, was hier passieren wird. Er wechselt noch schnell den Torwart. Die halleschen Fans wissen es auch. Nachdem der Polizeieinsatzleiter aus dienstlicher Langeweile heraus einen Großeinmarsch all seiner Truppen ins Stadioninnere befiehlt, um ein bisschen Stimmung und Unruhe in den Kessel zu bringen, zünden die Fans erstmal ein paar bengalische Feuer. Nur um zu beweisen, dass sie trotz Sicherheitsstufe 1 natürlich auch einen grünen Elefanten mit ins Stadion hätten nehmen können, wenn sie gewollt hätten.
Statt Elefant Elfmeterschießen auf das Tor direkt vor der rot-weißen Wand. Christian Reimann, der als erste Blauer antritt, trifft sicher. Alles geht seinen Gang, der Favorit wäre jetzt eigentlich auf dem Weg zum achten Pokalsieg. Maik Kunze, vor drei Wochen im Punktspiel erst mit einem Elfer gescheitert, tritt als erster Roter an und schiebt die Kugel lässig in die Arme des FCM-Elfmetertöters. Der nächste Blaue trifft wieder, HFC-Mittelfeldmann Kevin Kittler allerdings auch.

Nun schlägt die Stunde von HorvatunserTorwart: Halbhoch links fliegt der Ball, der Kroate fliegt mit und faustet das Leder um den Pfosten. Rot-weißer Jubel. Totenstille gegenüber in der blauweißen Kurve. Die noch stiller wird, als Thomas Neubert den Ausgleich schießt. Und noch stiller, als Kullmann den Ball für den FCM mittig über das Tor in die Wolken haut. Christian Kamalla, das sind die Geschichten, der der Fußball schreibt, tritt als nächster an. Der Mann hat noch nie ein Tor geschossen, noch keinen Elfmeter getreten. Heute aber haben sie ihm wohl gesagt: Da vorn in der Mitte, das ist die Seitenauslinie. Die trifft Malle, wie ihn die Fans nennen, mit verbundenen Augen. Auch heute: 2:3 für Halle. Braham, der Reimann-Nachbau ohne Sonnenstudiohilfe, gleicht noch mal aus.

Aber Halles Kapitän Rene Stark, in seiner Jugend als Riesentalent gerühmt, in der Regionalliga beim falschen halleschen Verein verheizt, dann mit Chemnitz im falschen Jahr in der 2. Liga, macht dem Drama nach acht endlos kurzen Minuten ein Ende: 3:4, die Betontribüne bebt, die rot-weiße Spielertraube tanzt irgendein indianisches Folklorestück. Helden für eine hallesche Fußball-Ewigkeit.

"So sehen Sieger aus", singen sie und Christian Kamalla schnappt sich eine HFC-Fahne und pflanzt sie mitten in den Mittelkreis wie einst Marines Sergeant Michael Strank die US-Fahne über den besiegten japanischen Stellungen auf Iwo Jima hisste. Najeh Braham versteht sofort, wie das gemeint ist. Der Tunesier in Magdeburger Diensten legt einen letzten Spurt hin und reißt die Flagge wieder heraus.

Samstag muss er gegen Union Berlin wieder ran. Wenn der FCM da verliert, wartet die vierte Liga. Dort wartet dann auch der HFC.

Kommentare:

panzerbummi hat gesagt…

fußballberichterstattung, wie ich sie mag

Anonym hat gesagt…

Wenn ich es richtig gesehen habe, hat aber Braham (der 25er) die Flagge aus dem Mittelkreis gerissen und weggeworfen.

Trotz dem eine fantastische Szene und ein Foto für die Ewigkeit. :-)

politplatschquatsch hat gesagt…

berichtigt! danke

Anonym hat gesagt…

Klasse Bericht, auch wir haben diese Wellblechhütte in der Mitte von Nirgendwo als eher billig eingestuft. Der Horizont eines Erntehelfers scheint über die Aktion Brahams und den Kommentar des Magdeburger Präsidenten nicht hinaus gehen zu wollen. Habs immer gewusst!

Sockenpuppe hat gesagt…

ein bravo dem verein aber auch seinem größten chronisten ein dreifaches hurra, hurra, hurra

Das mit der Fahne ist die Höchststrafe. Das ist noch Gras aus dem alten Grube, hat ein Fan ausgestochen, in Garten gehuckt, MDR war mal gucken, und dann neu eingepflanzt- heiliges Gras ei, ei , ei

Anonym hat gesagt…

das beruhigende ist, dass man im internet bessere spielberichte finde als in den schaurig-schlechten regionalzeitungen. großes lob und respekt!