Google+ PPQ: Weltkrieg gegen Schwesterwelle

Donnerstag, 18. Februar 2010

Weltkrieg gegen Schwesterwelle

Deutschland im Glück! Nur zwölf Monate nach der größten Wirtschaftskrise der Menschheitsgeschichte hat das Land keinerlei Probleme mehr. Die das Leben der gesamten Menschheit bedrohende Klimaerwärmung wurde auf Veranlassung der Kanzlerin durch einen eiskalten, unendlich langen Winter beendet, der Untergang der traditionsreichen Arbeiterbewegung in die Dritten Programme verschoben und die seit der Amtsaufgabe von Margot Honecker brachliegende Volksbildung ("Chefsache") ist auch kein Thema mehr. Denn Deutschland hat Guido Westerwelle (Fotomontage oben: Narragonien.de), einen gelernten Anwalt, der derzeit als Außenminister eingesetzt wird und der "Welt" in seinem Nebenamt als Parteivorsitzender die Worte anvertraute: "Wer anstrengungslosen Wohlstand verspricht, lädt das Volk zu spätrömischer Dekadenz".

Ein Satz, nur wenig länger als das "Autobahn", mit dem die Fernsehmoderatorin Eva Herman die letzte große deutsche Generaldebatte auslöste. Damals schwebten Hitler und sein Fernstraßenhersteller Todt als Schatten über dem "Wirbel um", heute sind es Namen wie Nero und Caligula, die aus dem Totenbett der Diskussionskultur auferstehen und als Kampfgeschütze ins Gefecht gefahren werden.

Westerwelle, der seine "deftigen Sprüche über anstrengungslosen Wohlstand" nach einer "Spiegel"-Recherche bereits seit Jahren verbreitet, ohne dass irgendwer hingehört hat, ist mit einem Mal der Staatsfeind Nummer eins: Von links bis rechts hagelt es Entrüstung, Empörung und Erschütterung, selbst der s der zum Zeitpunkt der Einführung von Hartz 4 als Kanzleramtminister tätige Walter Steinmeier und der damals als SPD-Parteivorständler dienende Sigmar Gabriel tun entsetzt.

Verständlicherweise, denn Westerwelle tut auffallenderweise, was ein deutscher Politiker nie tut. Er sagt nach der Wahl, dass er tun will, was er vor der Wahl gesagt hat. Für die deutsche Sozialdemokratie eine Ungeheuerlichkeit. Natürlich, die Senkung der Mehrwertsteuer für das Hotelgewerbe hatte auch der Kanzlerkandidat Steinmeier in seinem Wahlprogramm. Dennoch kritisiert er sie nun, wo sie ohne seine Beteiligung realisiert worden ist. Das ist absolut konsequent, denn die SPD tut nach der Wahl nie, was sie vor der Wahl versprochen hat. Deshalb hätte sie auch die Mehrwertsteuer für Hotels nicht gesenkt - um es nicht tun zu müssen, hatte sie es ja zuvor eigens versprochen.

Aus dieser Position lässt sich der politische Gegner am besten kritisieren. Zumal wenn er wie Westerwelle teflonartig glatt und erfolgreich zugleich wirkt. So etwas mag der Deutsche generell nicht - Applaus ist jedem gewiss, der ihm vorwirft, dass er seine vorher gemachten Versprechen nicht augenblicklich durchsetze. Beifall bekommt gleichzeitig auch der, der kritisiert, er halte trotzdem an der Behauptung fest, er werde sie noch durchsetzen, statt zu sagen, er habe es sich anders überlegt.

Westerwelle in der Arroganzfalle. Der Mann ist wohlhabend, er ist skandalfrei und er ist auch noch schwul, auch wenn das nur in gutbesuchten Internetforen und Diskussionsboards erwähnt wird, wo der FDP-Chef nur "Schwesterwelle" heißt, ein Begriff, den der saarländische SPD-Kämpfer Ottmar Schreiner vor Jahren aus dem Waffenarsenal der homophoben Rechten geliehen und hoffähig gemacht hatte. Diese Mischung löst offenbar in breiten Bevölkerungsschichten aus, was homophobe Hassreflexe genannt würde, träfe es hier nicht einen, vom dem auch die Qualitätsmedien von "SZ" über "Spiegel" bis "taz" der Meinung sind, es träfe ihn völlig zu recht. Westerwelle ist alles, was wir alle nicht sind: Besserverdienend, mächtig, machtbewusst, selbstsicher und auch noch schwul. der Mann ist nicht normal, jedenfalls nicht so normal wie ein normaler Mensch, sondern etwa für die "Zeit" der "deutsche Haider", der "am rechten Rand fischt" (Werner Perger).

Nur in der Wortwahl ist Volkes Stimme deutlicher, inhaltlich stimmen qualitätsmedial und im Netz veröffentlichte Meinung wie selten überein. Hätte Westerwelle die versprochenen Steuersenkungen schon durchgesetzt, würde das kritisiert, würde er angesichts der Aussichtslosigkeit des Vorhabens umschwenken und sagen, er verzichte auf die Umsetzung, wäre es das, was ihm zum Vorwurf gemacht würde.

Die Ursache liegt nicht in der Politik, die er macht, und auch nicht in den Positionen, die er vertritt, das macht ein kurzer Blick in des Volkes Denkungswelt schnell klar. Es ist Westerwelles Persönlichkeit, die selbst Menschen die Zornesröte ins Gesicht treibt, die von spätrömischer Dekadenz noch nie gehört haben und Caligula für ein Monster aus Kinderkanal halten. Westerwelle, Anwaltssohn, von einem alleinerziehenden Vater aufgezogen, vom Gymnasium geflogen und erst im zweiten Anlauf mit dem Abi erfolgreich, scheint dem Volk aalglatt, scheißerfolgreich, arrogant und - das empört die Kritiker tief drinnen am heftigsten - auch noch schwul. Letzteres darf man natürlich nicht, denn Schwulenhass ist nicht debattenfähig. Wenn er sich aber als Kritik an einer politischen Linie tarnt, tobt plötzlich ein Weltkrieg um Westerwelle.

Kommentare:

Le Penseur hat gesagt…

Einfach exzellent! Erlaube mir, auf meinem Blog einen Link zu dem Artikel zu setzen. Danke!

Gundermann hat gesagt…

stimme zu. allerdings nehme ich westerwelle die sehr polemische und ungerechte behandlung erika steinbachs übel. das war pragmatische machtpolitik, der er nun selbst zum opfer fällt.

ppq hat gesagt…

ja, jeder von denen keilt, wie er kann. dies hier soll auch keine westerwelleverteidigung sein, sondern ein etwas anderer versuch, zu erklären, warum das aussprechen von einleuchtenden selbstverständlichkeiten ausgerechnet in diesem falle bei breiten politischen und medialen kreisen auf eine sich geradezu lüstern entladende freude am mißverstehenwollen trifft, woraus sich dann eine evaherman-artige empörungswelle aufschaukelt, obwohl westerwelle nicht mal hitler, ostfront oder arbeitsdienst gesagt hat

Die Anmerkung hat gesagt…

Genau.

Nicht zu vergessen, daß Westerwelle von den Medien schon immer so behandelt wurde, entweder konziliant in der Berichterstattung nicht erwähnt und wenn es sich nicht verhindert ließ immer mit einem leicht süffisanten Unterton, aber generell kritisch ihm gegenüber.

Neu ist nur der Weltkrieg, den wir gerade erleben.

Erstaunlich. Das Jahr ist gerade mal 6 Wochen jung und wir erleben gerade die vierte große Haßwelle in den Medien. Lafo nebst Rundumschlag gegen die Linken machte den Anfang.

Dann gings gegen die Hartzer, kurz darauf gefolgt von den asozialen Millionären. Nun Westerwelle.

Ich habe eigentlich keine Lust, mich im Zweiwochenrythmus irgendwelchen Hetzkampagnen aussetzen lassen zu müssen. Aber bis zur Wahl in NRW wird das wohl so weiter gehen.

derherold hat gesagt…

Es war die Prognose von Harald Schmidt, daß nach der Wahl von schwarz-gelb im Kabarett nun auch "Schwulenwitze" salonfähig würden.

Das gleiche hatte man ja mit Merkel vor-inszeniert.

Beobachter hat gesagt…

Guten Tag,

Einerseitz ist es als Arbeitender leicht sich aufzuregen über eine Familie, welche alles hat incl. 4(?) Kinder und eine Katze, einen PC, eine warme Wohnung, Essen etc...

Andererseitz, nutzen diese Menschen nur das aus was sie dürfen, warum da das Gemecker aus vielen Ecken. Wenn man darüber sich so aufregen kann, egal ob man pro oder kontra ist hat man vieleicht etwas übersehen?

Die Fragen die ich mir am Ende stelle sind:

1. Warum werden Arbeitslose schikaniert, wenn sie auch gut leben wollen?

2. Warum erhalten viele Arbeitende so wenig Lohn für ihre Leistungen, dass sie schlechter leben als Arbeitslose und auch noch mindestens 160h im monat arbeiten sind?

3. Warum hat nicht jeder das Recht auf ein angenehmes Leben? Das Geld ist da, man müsste nur die 80% Gesammtsteuer der Arbeitenden besser verwenden und nicht verschwenden.

Diese Themen und Problematiken sind von den "Politikern" bekannt und gewollt. Die Frage ist wozu?

Nach meiner Meinung damit nicht jeder bemerkt, dass es auch anders geht. Energie, Nahrung, alles was man zum Leben braucht ist in diesem Lande vorhanden und zwar für jeden, selbst wenn nur 20% der Menschen hier arbeiten würden. Denn wir leben nicht mehr in einer Zeit in der 4 Bauern und Bäcker für ein paar Laib Brot auf dem Acker stehen. Heute braucht man 4 Arbeiter um 40000 Brote zu Backen.
Man kann alles übers internet kaufen, dadurch werden Angestellte immer überflüssiger. U.s.w.
So ist das in vielen Bereichen, da wundert es mich nicht, das irgendwann hier in Deutschland nicht mehr 15-20% arbeitslos sind wie z.Z., sondern bald 50% und mehr. Diese müssen einfach nur akzeptiert werden! Oder man rotiert mehr auf dem Arbeitsmarkt so das man für z.B. 2000 Euro auf die Hand nur 20h in der Woche arbeiten muss, dann brauchen wir auch wieder mehr Arbeiter.

Abschließend bleibt mir das was ich mich immer Frage. Warum werden Gruppen wie Arbeiter/Arbeitsloser, Linker/Rechter, Mann/Frau gegeneinander ausgespielt und benutzt? Wenn mann soch diese Probleme alle lösen kann?

Könnte an dem System liegen in dem wir leben.

Grüße vom Beobachter

ppq hat gesagt…

Warum werden Gruppen wie Arbeiter/Arbeitsloser, Linker/Rechter, Mann/Frau gegeneinander ausgespielt?

weil man vom alten rom gelernt hat divide et impera

warum gibt es dsds? die fußballbundesliga? nintendo? internet?

richtig: brot und spiele

karleduardskanal hat gesagt…

@beobachter

Das liegt leider daran, daß DEutschland noch nicht die ganze Welt beherrscht.

Gustav Fröhlich hat gesagt…

..Eben!! Das Problem heißt menschliche Verdrängung - bei den arbeitenden/arbeitslosen Betroffenen genauso wie bei Guido W. - und sie hinterläßt gleichsam ein System von Unverantwortlichkeiten.

Oder wie der Wolfgang Fach, Prorektor der Leipziger Uni, in einem anderen Kontext formulierte: "... Weil seine Anführer eine Binsenweisheit sträflich missachtet haben: Nur was verantwortet wird, funktioniert, nur was sich auswirkt, wird verantwortet. Anders gesagt: Wer nicht hören will und trotzdem nicht fühlen muss, hört eben weg. Genauso wie jene, die sich fragen können, warum sie hören sollen. Gewöhnliche „Leute“ reagieren auf pleasure and pain; darauf nimmt man Rücksicht oder erleidet Schiffbruch, privat wie politisch."

ppq hat gesagt…

gustav, der satz "Wer nicht hören will und trotzdem nicht fühlen muss, hört eben weg" ist ganz groß. alles drin, alles dran, was unsereins mit langen ergüssen erzählen will. toll.

derherold hat gesagt…

Warum werden Gruppen gegeneinander ausgespielt ?

Die müssen gar nicht gegeneinander ausgespielt werden, denn "there is no such thing as society". Bestenfalls - vorsichtig die Worte wählend, um den mitlesenden "Beamten" keine Erektion zu verschaffen - gibt es Solidarität in einer (irgendwie gearteten) homogenen Gruppe, die eine gemeinsame Aufgabe/Identität/Geschichte hat ... und selbst da ist es schwierig.

Im Vergleich zu anderen Gesellschaften haben "Arbeitssuchende" hierzulande ein gutes Leben. Was fehlende Lohnspreizung tatsächlich anrichtet, hat der Arbeiter-und Bauernstaat nachdrücklich erlebt.

Wenn meine Informationen richtig sind, hatte die Führung der DDR die nackte Panik im Nacken, daß sich ihr intelligenter Nachwuchs bzw. der Nachwuchs der Intelligenz "materialistisch" entscheidet und die anspruchsvollen Studiengänge scheut. Rudimente vorhandenen Bürgertums und Nachahmungseffekte der neuen (Funktions-)Intelligenz haben jedoch das klassische Bildungsideal weitgehend aufrechterhalten - anders als bspw. in der BRD.

Merke: Eine Köchin kann vielleicht einen Staat führen (wenn man sich die akademischen Karrieren unserer Spitzenpolitiker so ansieht, findet man den Beweis) aber keinen Lehrstuhl für Physik belegen.

Fraggel hat gesagt…

Niemand wird gegeneinander ausgespielt. Da gab es nie ein miteinander.
Wofür stehe ich morgends um 6 Uhr auf und begebe mich an meine Arbeitsstelle die nicht immer Vergnügungssteuerpflichtig ist?
Na?
Um meine Brut fett zu füttern und warm und trocken zu halten.
Der Staat ist dazu da mir die Straße dahin zu bauen, dafür zahl ich gerne Steuern.
Wenn ich aber sehe dass ich (trotz ordentlichem Brutto verdienst) nicht mal den Hauch einer Chance habe ein Haus zu bauen weil ich nebenbei noch anderer Leute Brut fett zu füttern habe. Dann ists mit dem Spaß vorbei.
Und da hört es ja nicht auf.
Die ganze Ökosubventionklamotte kommt ja noch oben drauf!
Und ein Beamtenapperat an dem der reale Sozialismus seine wahre Freude gehabt hätte.

Ach kotzt mich dieses Land an...

VolkerStramm hat gesagt…

Beobachter, was ist los?
Das mit dem „gegeneinander ausspielen“, glaubst Du das wirklich oder wolltest Du nur mal die Reaktionen testen?

Also lass uns zusammen über die Frage nachdenken; vielleicht kommen wir gemeinsam auf ein hochtrabendes Ergebnis.
Wer spielt die wohl gegeneinander aus, die Bestohlenen gegen die Diebe, die Verprügelten gegen die Schläger, die Sklaven und die Sklavenhalter?
Ich denke, es ist das repressive System des staatsmonopolistischen Kapitalismus, mit „divide et impera“ und allem was dazugehört.
Hatte ich mal gelesen, mit Ernst Thälmann und Finger und Faust und so; unter der Überschrift „Haltet zusammen!“.

Deshalb, liebe Bestohlene, lasst Euch nicht gegen die Diebe ausspielen.
Liebe Sklaven, lasst Euch nicht gegen die Sklavenhalter aufhetzen.
Und Ihr, denen die Knochen gebrochen wurden, lasst Euch nichts sagen gegen die Kulturbereicherer. Sonst gibt´s 3 Tage Jessen ohne Bewährung

Beobachter hat gesagt…

Guten Abend/ Morgen Herr Stramm,

passende Worte haben sie gefunden. Ich konnte nicht anders schreiben als geschrieben, da weiteres doch auch für einen offenen Blog wie diesen grenzwertig wäre. Und verschrecken möchte ich nicht. Bisweilen wird das Vermutete unglaublich, aber es gibt sicher noch schlimmeres als die Keule welche auch factfiction spürt, welche die beste Maßnahme ist gegen aufmüpfige Deutsche.

Mit "divide et impera" und dem "Flimmerkasten" gebe ich mich als Antwort nicht zufrieden. Das sind Hilfen zum dumm machen/halten und beruhigen der Massen, aber das ist nur der Weg. Die Frage ist wohin?

Vileicht wurde ich mißverstanden zum Thema auspielen. Die Gruppen spielen sich nicht gegeneinander aus, sie werden es einfach.

Das was oassiert z.Z. könnte Bücher füllen. Es ist ein großes Puzzle und alle sind zu abgelenkt durch Brot und Spiele um auch nur ein paar Teile zum Passen zu bringen.

Anonym hat gesagt…

@Fraggel: du kannst es materiell zu reichtum/wohlstand bringen, wenn du dich nur genug anstrengst! sagt immer der große vorsitzende!

@Beobachter: das wurde bereits aufgeschrieben und steht schon in den büchern! man sollte es nur ab und zu mal wieder lesen!

VolkerStramm hat gesagt…

Beobachter, was meinst Du mit "die Keule welche auch factfiction spürt"?
Diese Frage ist ernst gemeint.

Beobachter hat gesagt…

Hallo VolkerStramm,

ich habe mich vieleicht schlecht ausgedrückt. Ich lese fact-fiction. Und auch selbst wenn dies ein guter Block ist, ist es irgendwann egal was er schreibt. Wenn er in eine Ecke gestellt werden soll, wird er es, weil er kritisch ist.

Denn ich meine (vieleicht ist meine Meinung völlig falsch), dass das Böse, in diesem Fall wird es das "Nazi" sein, von oben nach unten gedrückt wird wenn man es braucht.

Grüße vom Beobachter