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Ein früherer Entwurf des aktuellen "Spiegel"-Titelbildes zeigt dessen geschrumpfte Ambitionen: Vor einigen Jahren wollte er noch die ganze Welt auffressen, jetzt reicht ihm Grönland. |
Am Abend lagen sie sich lachend in den Armen, Europas Kämpfer für Völkerrecht, territoriale Integrität und Solidarität als Zärtlichkeit der Völker. Zwar hatte Donald Trump den französischen Präsidenten öffentlich als willigen Bückling vorgeführt. Zwar war der deutsche Kanzler zu spät zu seinem angekündigte großen Duell mit dem Leibhaftigen erschienen und mit Ursula von der Leyen über das Nicht-EU-Gebiet Grönland zu sprechen, hatte der US-Präsident nicht einmal abgelehnt. Das aber hinderte die Spitzen der Gemeinschaft nicht daran, einen "Deal" zu feiern, auf den sich die EU und die Vereinigten Staaten geeinigt hätten.
Land gegen Frieden
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| Trump wird kaum mehr angeprangert. |
Alle zusammen aber ließen keine Zweifel daran, wie froh sie sind, mit ein Tausch Land gegen Frieden um einen größeren Konflikt herumgekommen zu sein. Ja, Grönland gehört nun offenbar nicht mehr ganz den Grönländern. Und auch den Dänen, der alten Kolonialmacht, deren Volk Ursula von der Leyen stets weitreichende Zugriffsrechte auf die grönländische Souveränität zugestanden hatte, haben kein Mitpracherecht mehr bei der Abgabe von Teilen ihres Staatsgebietes.
Eine bekannte geopolitische Lage
So sieht sie aus, die neue geopolitische Lage, die ganz die alte ist. Die Großmächte China, Russland und die USA haben die Welt in Einflusssphären eingeteilt. Die EU, deren Anspruch es anfangs war, selbst eine Weltmacht zu sein, die überall auf der Erde nach Belieben mitregiert, sieht sich zurückverwiesen aus dem Reich ihrer Bedeutungsfantasien an den Katzentisch der Mittelmächte. Es steht ihr frei, sich einer Großmacht anzuschließen, so zumindest scheint es. Welche auch immer sie wählt, sie ist ihr danach absoluten Gehorsam schuldig.
So war es immer, so wird es weiter sein. Die "neue Ära", die nach Überzeugung von Friedrich Merz mit dem Streit um Grönland "begonnen hat", wie der Kanzler in Davos gesagt hat, ist identisch mit der internationalen Ordnung des letzten halben Jahrhunderts. Die Macht, sie kommt am Ende aus den Läufen der Gewehre. Nur wer den Krieg als Fortsetzung der Diplomatie einkalkuliert, so wie es im Völkerrecht vorgesehen ist, vermag im Kräftemessen mit denen, für die das normal ist, zu bestehen.
Ein spätes Erschrecken
Vier Jahre nach Russlands Überfall auf die Ukraine ist Europa erschrocken über eine neue Welt, die altbekannt ist. Auf einmal wird den Weltgestaltern in Brüssel, Paris, Berlin und London klar, dass das eigene Lotterleben immer nur möglich war, weil der große Bruder aus Amerika die Rechnungen übernahm und im Notfall mit seinen Soldaten herbeieilte. Eine Angst geht um in Europa, die Angst, dass er das wirklich nicht mehr tun wird, wenn es ernst wird.
Was denn dann? Die Militärmacht, über die Europa verfügt, könnte Russlands Invasionstruppen nach Überzeugung der europäischen Staatenlenker keine Woche aufhalten. Deshalb die Hoffnung, dass die Ukraine durchhalten möge, bis man eines Tages selbst so weit ist. Auch dann wird es ohne amerikanische GIs gehen, nicht aber ohne Raketen, Jagdflugzeuge, Software, Drohnen und Aufklärungssatelliten aus den USA.
Europas ewige Abhängigkeit
Europa ist abhängig, Europa wird abhängig bleiben. Mit dem Grönland-Konflikt ist diese Erkenntnis auch in die Redaktionsstuben der Leitmedien gesickert. Wie die Staatenlenker, die Donald Trump vor einigen Jahren noch als "Hassprediger", "Irren " und "wahnsinnigen Kriegstreiber" beschimpften, haben auch die für die innere Mobilmachung zuständigen Organe eine jähe Wendung bei der Berichterstattung über "Die Angstmaschine" (Die Zeit) hingelegt.
Trump, der "irre" (FR) war, ein "Faschist" (Zeit), ein "Gotteskrieger" (Spiegel) und nach allgemeiner Überzeugung der Pöbel-Publizistik allenfalls wert, als "Kartoffel" (FR) verhöhnt und auf eine Stufe mit Massenmördern wie zahlenmäßig Hitler, Putin und Erdogan gestellt zu werden, sieht sich auf einmal mit ängstlichem Respekt behandelt.
Tiefsitzender Hass prägt nach wie vor nahezu jeden Beitrag, den die große Gebetsmühle unter Überschriften wie "Trump & us - Wie er unsere Welt verändert", "Trump und die Tech-Giganten – Das Spiel um Macht" und "Donald Trump – Schicksalsjahre eines Präsidenten" in Endlosschleife produziert. Doch beim Spiel mit dem alten Fetisch ist eine Art Selbstenttäuschung augenscheinlich. Die Brigaden der Berichterstatter haben immer noch daran zu kauen, dass ihr ganzer Einsatz gegen Trump und für Joe Biden und Kamala Harris keinerlei Wirkung gezeigt hat. Und Menschen millionenfach einen Mann wählten, den sie, dürften sie entscheiden, ohne Gerichtsverfahren für immer wegsperren würden.
Ein lange unbeachteter Prozess
Die Veränderungen beim Blick auf den Präsidenten begannen schleichend. Er war noch kein Jahr wieder im Amt, als das frühere Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" einen lange unbeachteten Prozess der De-Radikalisierung in ein erstaunliches Titelbild goss: Trump, bis dahin wenigstens als neuer Hitler, Diktator und Meuchelmörder der 250 Jahre alten amerikanischen Demokratie ausgeschmiert, wurde auf einmal als überzeugter Christ dargestellt. Auch das gefährlich, soweit der Fantasie der Reportierenden zu trauen war.
Doch weder das Wort Weltherrschaft noch das "Projekt 2025", jenes "radikale Handbuch rechter Vordenker" (Deutschlandfunk) zur Abschaffung der Demokratie kam vor. Stattdessen war die Rede von einer "Armee Gottes", von einem "weitverzweigten globalen Netzwerks namens Communion of Reformed Evangelical Churches", das "gegen die Gleichberechtigung von Mann und Frau" wettere, und von Trump-Fans, die den Linksextremismus für die "Mächte des Bösen" hielten.
Ein Kipppunkt im September
Jener Septembertag, so weiß man heute, war ein Kipppunkt. Jahre und Jahre und Jahre hatte der US-Präsident machen können, was er wollte. Anschließend musste ihm immer nachgewiesen werden, dass es falsch gewesen war. Seine Steuerreformen wirkten nicht.
Kriege und Konflikte, die er beendet zu haben behauptete, schwelten weiter oder es hatte sie nie gegeben. Seine Zollpläne gingen nicht auf, trafen die Amerikaner oder den zarten deutschen Aufschwung. Sein "Drill, drill, drill, Baby" hatte zu nichts anderem geführt als zu einer neuen europäischen Abhängigkeit, mit der sich die EU durch LNG-Importe aus den Vereinigten Staaten erpressbar machte. Statt auf Sonne und Wind zu setzen, die keine Rechnung schreiben.
Die Verwandlung des Präsidenten vom faschistischen Gottseibeiuns in einen egozentrischen, aber handhabbaren bösen Übersee-Onkel erfolgte schleichend, sie manifestiert sich aber mittlerweile stabil in der Art, wie Deutschlands Meinungsführer auf Donald Trump schauen. Der Mann, in seinen frühen Jahren als Präsident am liebsten dargestellt als rassistischer Ku-Klux-Klan-Krieger, als blutiger Kopfabschneider, Putins höriger Diener oder Riese, der der Erdball verschlingt, taucht seit geraumer Zeit weniger häufig auf. Und als harmloses Abziehbild der früheren Angstfigur.
Der neue Blick auf den Titelbild-Weltrekordler
Trump, Weltrekordhalter bei "Spiegel"-Titelbildern weit vor Hitler, Kennedy und allen Päpsten zusammen, polarisiert nur noch milde, seit Illustrator Edel Rodriguez aus Angst vor amerikanischer Vergeltung nicht mehr zur Feder greifen darf. Der "Faschist", "Nazi" und "Diktator" taucht jetzt als "Raubritter" und "Weltpolizist" auf. Er spielt die Rolle des "besten Feindes" von Wladimir Putin. Kommt es ganz hart für ihn, stellt ihn der "Spiegel" mit der Zeile "zwei Schurken, ein Ziel" auf eine Stufe mit dem russischen Diktator. Doch statt des Erdballs will er nur noch Grünland fressen.
Kein Vergleich mehr mit früher, als den Kämpfern gegen Trump bei der Beschreibung des Präsidenten die Verbalinjurien auszudrehen drohten. Im milden Licht eines neuen Realismus, der den deutschen Bundespräsidenten Walter Steinmeier fortdauernd zwingt, seinen US-Kollegen nicht mehr "Hassprediger" zu nennen, gehen auch die großen Medienhäuser diplomatisch mit dem ungeliebten Präsidenten um. Natürlich, nahezu jeder ihrer Texte würde zu Strafermittlungen und Anklagen führen, würde sich ein X-Nutzer in einer vergleichbaren Tonart über einen Repräsentanten von Unseredemokratie äußern.
Der letzte laue Darmwind
Doch verglichen mit der Zeit, als die Verwendung von Bezeichnungen wie "Faschist", "Rassist" und "Diktator" für jeden Trump-Artikel vorgeschrieben war, erscheint die These, der US-Präsident verachte Europa und "paktiert mit dem Kremlchef" wie der letzte laue Darmwind nach einer explosiven viralen Diarrhö. Europa hat im Kräftemessen mit Donald Trump wieder den Kürzeren gezogen, seitdem aber versichern sich die Verantwortlichen, das "ganze Dorf" habe den US.Präsidenten erzogen.
Der Umstand, dass sich nicht einmal die direkt betroffenen Nationen einig waren, Frankreich wollten in die offene Feldschlacht ziehen, Deutschland lieber den Schwanz ein, der Rest der Staatengemeinschaft verhielt sich dröhnend still, hindert niemanden daran, sich nach der Schlacht als Sieger zu zeigen. Ursula von der Leyen, die bis auf einige Büttenreden keine Rolle spielen durfte, schwärmt von "Entschiedenheit, Kontaktarbeit, Bereitschaft und Einheit", die "Wirkung" gezeigt habe. Der deutsche Kanzler rückt ab vom französischen Präsidenten. Er zeigt sich jetzt lieber an der Seite der früher als "Postfaschistin" geschmähten Trump-Freundin Giogia Meloni, mit der er auch gleich eine "engere Partnerschaft" vereinbart hat.
Europa in seiner liebsten Rolle: Zuletzt vereinbarten Olaf Scholz und Meloni im November 2023 eine engere Partnerschaft.

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